Wenn Angst die Seele auffrisst

Wenn Angst die Seele auffrisst – 
Was bei Furcht, Panik und Traumata hilft

 

Als Kind hat mich mein Vater manchmal mit auf ein Dach genommen, das er mit seinen Kollegen gerade errichtete. Ich konnte bis an die Kante herangehen, von der es sechs oder acht Meter hinunter ging, denn die Latten und die Ziegel fehlten noch. Beim Blick in die Tiefe erfasste mich große Angst: „Was wäre, wenn ich jetzt den Halt verliere und herunter falle?“ Angst kennt jeder Mensch. Angst rettet uns ständig das Leben, etwa wenn wir auf der Straße nach rechts und links schauen oder uns im Auto anschnallen. Wenn wir uns auf einem steilen Weg am Geländer festhalten bei Sturm nicht das Haus verlassen oder nachts die Haustür abschließen. Ohne dass es uns immer bewusst ist, führt uns Angst durch die Gefahren des Lebens.

 

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Vorschaubild: Wunden der Seele

Artikel / 09.10.2018

Wunden der Seele

Traumatische Erfahrungen erkennen und bewältigen. Ein Interview mit Psychologin Annemie Großhauser.

 


Aber es gibt auch Angst, die krank macht. Angsterkrankungen zählen neben Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Angst kann Schweißausbrüche und Schwindelgefühle hervor rufen. Die Furcht wird selten von anderen bemerkt. Der Apotheker bekommt es mit, wenn immer mehr Beruhigungsmittel und Anti-Depressiva verlangt werden. Oder der Kioskbesitzer, dessen Umsatz von Alkohol steigt, weil jemand seine Angst auf diese Weise bezwingen will.
 


 

Die 10 größten Ängste der Deutschen

Die 10 größten Ängste der Deutschen im Jahr 2018 (Quelle Versicherung)
Die 10 größten Ängste der Deutschen im Jahr 2018 (Quelle R+V Versicherung)

 

Terroranschläge, Messerattacken, brutale Überfälle – die Menschen in Deutschland haben Angst. Etwa 30 Prozent aller Bürger fürchten sich davor, Opfer einer Gewalttat zu werden. Die Angst vor Schmerzen, vor Katastrophen und Kriegen oder vor Armut ist ebenso da wie vor dem persönlichen Versagen. Breitet sich Angst in der Gesellschaft aus, spricht man von Panik. So mancher kennt auch Panikattacken.



Die 13 Formen der Angst

Fachleute unterscheiden verschiedene Angstformen. Hier eine mögliche Liste der Ängste – geordnet nach Schweregrad aufsteigend.

  1. Furcht steht am Beginn dieser Liste. Mit dem Begriff wird das Gefühl einer Gefahr oder Bedrohung beschrieben. Sie entsteht, wenn man etwa in den Bergen an einer Abruchkante steht und es mehr als 100 Meter in die Tiefe geht. Die Furcht dient der Schadensabwehr.
  1. Alltägliche Angst ist eine gesteigerte Form von Besorgnis. Damit wird das bedrohliche Gefühl beschrieben, wenn etwa eine Frau nachts durch einen dunklen Park geht. Oder die Sorge von Mutter und Vater, weil der Teenager-Nachwuchs nicht zur vereinbarten Zeit nach Hause kehrt.
  1. Existenzielle Angst gehört zu unserem Leben dazu. Die Angst ist angelegt an den Grundtatsachen unseres Daseins wie Angst vor dem Tod, vor Einsamkeit, vor Unfreiheit über mein eigenes Leben bestimmen zu können und vor der Sorge, dass mein Leben keinen Sinn hat.

 

  1. Neurotische Angst. Sie steht am Übergang zu den krankhaften Formen der Angst. Da hat etwa jemand Angst abgelehnt zu werden. Deshalb tut er alles, um anderen Menschen zu gefallen. Der Wiener Psychologe Sigmund Freud sah sie als Angst vor einer Gefahr, wie wir noch nicht kennen.
  1. Phobie ist die Furcht vor konkreten Dingen und Umständen. Das reicht von der Angst vor engen Räumen (Fahrstuhl oder Tunnel), das Reisen mit Flugzeug oder Bahn oder vor Spinnen. Es kann auch die Angst vor Lärm, Prüfung, Schule oder Erröten sein. Aber es kann sich auch um Ängste vor sozialem Versagen handeln.
  1. Hypochondrie ist eine Angst, krank zu sein, obwohl man organisch gesund ist. Die Bezeichnung Hypochonder wird oft als Bezeichnung für einen wehleidigen Menschen gebraucht. Das Herz flattert etwas, schon hat man Angst vor einem Herzinfarkt. Es zwickt irgendwo, schon fürchtet man, an Krebs erkrankt zu sein.

 

  1. Herzneurose ist eine besonders intensive Form der Hypochondrie, die durch ihre Intensität über die anderen Ängste hinausgeht. Es ist eine spezifische Angst, einen Herzanfall zu erleiden, was zu heftigen Erregungszuständen führt, nicht selten gepaart mit Hyperventilation, was wiederum die Herzfrequenz nach oben jagt.  Das führt oft zu Anrufen beim Notarzt oder zur Selbsteinweisung ins Krankenhaus.
     
  1. Zwangsangst hat mit zwanghaftem Denken und Verhalten zu tun. Wenn jemand an einem Waschzwang leidet, hat er Angst vor Bakterien. Ein Mensch, der zu zwanghafter Ordnung neigt, hat Angst vor Chaos. Eine Person mit einem Reinlichkeitszwang hat Angst vor Schmutz.


     
  1. Traumatische Angst entsteht in einer Situation, die psychisch nicht bewältigt werden kann. Beispiele: Erleben massiver Gewalt, schwere Unfälle, Naturkatastrophen, plötzliche schwere Krankheiten oder Verluste. Wenn diese Ereignisse nicht verarbeitet werden können, kommen mitunter Jahre bis Jahrzehnte danach die entsprechenden Gefühle und Zustände immer wieder hoch. Dabei spricht man von „Flashbacks“.

 

  1. Generalisierte Angst begleitet einen Betroffenen rund um die Uhr. Man wacht morgens mit ihnen auf und schläft abends mit ihnen ein. Die Angst kann mit keinem erfassbaren Auslöser in Verbindung gebracht werden. Oder die Angst bezieht sich auf ein so weites Spektrum von potentiellen Auslösern, so dass sie praktisch immer da sind.
     
  1. Panikattacken überfallen den Betroffenen plötzlich und unvorbereitet, entweder aufgrund konkreter Auslöser wie dem plötzlichen Verlust des Arbeitsplatzes, oder völlig unvorbereitet, etwa morgens in der Badewanne oder beim Autofahren. In der Regel treten sie nur einige Minuten lang auf und sind Zeichen einer körperlichen und psychischen Alarmreaktion.
  1. Angst bei Persönlichkeitsstörungen ist schwer in Worte zu fassen. Letztlich handelt es sich um die Angst vor einem drohenden Verlust der Stabilität des „Selbst“ oder des „Ich“. Die Identität des Menschen droht auseinanderzufallen. Das kann massive Ängste auslösen. Man spricht auch von der selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung.
     
  1. Psychotische Angst  ist eine Begleiterscheinung der Schizophenie (Halluzinationen wie Stimmenhören, Wahnvorstellungen und Denkstörungen sind häufige Symptome) und anderer schwerer psychischer Erkrankungen. Sie tritt insbesondere dann auf, wenn ein „gesunder“ Ich-Anteil spürt, dass er von der Psychose überrollt zu werden droht. Kurzum, es ist die Angst, im Wahnsinn verloren zu gehen.

 

Die ÜberlebensHelferin zum Thema Angst
 

Angst überwinden
 

Angst kennt jeder. Aber wer sie verdrängen oder bekämpfen will, vergrößert sie häufig nur.

Angst vor Ablehnung überwinden 

Wir alle wünschen uns die Anerkennung anderer Menschen. Manchmal führt das aber zu echter Angst vor Ablehnung.
 

Angst vor Nähe erkennen
 

Die Angst vor Nähe ist meist unbewusst. Wir zeigen, wie man Bindungsangst erkennen und besser verstehen kann

 


 

Gefangen in der Angst
 

Generalisierte Angst – Maria Härtels Weg in die Freiheit
 

Maria Härtel (Foto: ERF Medien)

Monatelang bin ich mit dem Gefühl aufgewacht, wie früher zur Schulzeit, wenn an dem Tag eine Mathearbeit anstand. Und je mehr ich über den Tag nachgedacht habe, desto größer wurde die Angst, bis sie den ganzen Raum in mir ausgefüllt hat. – Maria Härtel

 

Maria Härtel schlägt die Augen auf und hat das Gefühl, dass ihr jemand die Kehle zudrückt. Gestern hat sie noch fröhlich ihren 34. Geburtstag gefeiert und heute geht plötzlich nichts mehr. Die Angst ist übermächtig, das Gefühl der Überforderung erdrückend. Sie ist wie gelähmt und hat keine Kraft mehr aufzustehen. Eigentlich ist sie eine Powerfrau. Sie hat immer alles im Griff. Doch plötzlich entgleitet ihr völlig die Kontrolle ...

Es hatte sich angekündigt. Nach ihrer Scheidung nehmen der Druck und die Verantwortung, die jetzt als alleinerziehende Mutter auf ihr lasten, ständig zu. Immer öfter hat sie das Gefühl, dass ihr alles über den Kopf wächst. Dann erlebt sie zum ersten Mal eine Situation, in der die Angst sie völlig überwältigt. Sie macht Urlaub mit einem befreundeten Ehepaar. Als die Freunde zum Einkaufen fahren und nach zwei Stunden noch nicht zurück sind, bricht Maria Härtel in Panik aus. „Ich habe gedacht, die kommen nicht zurück. Ich sitz‘ hier mutterseelenallein auf einem Campingplatz auf Sardinien, ich hab kein Fahrzeug, ich weiß nicht, was ich machen soll. Das war das erste Mal, dass ich gemerkt habe: Die Angst verselbständigt sich, ich kann das mit meinem Willen nicht mehr steuern.“ Von nun an wird die Angst ihr ständiger Begleiter.

Das alles zehrt an ihren Kräften. Kleinigkeiten werden zu unüberwindlichen Bergen. Ein paar Tassen zu spülen, den Rasen mähen – schier unlösbare Aufgabe. „Es hat mir wirklich die Kehle zugeschnürt, schlagartig kam Übelkeit, Magenschmerzen, Verspannungen im Nacken, als ob mich eine Hand im Genick packt.“ Schließlich kommt der endgültige Zusammenbruch. Der Besuch beim Hausarzt, ein Krankenhausaufenthalt und alternative Methoden haben ihr nicht geholfen.

Sie trifft eine alte Freundin wieder, die sie jahrelang aus den Augen verloren hatte. Diese Frau bietet Maria an, für sie zu beten. Die nimmt dankbar an. „Wir haben uns dann in eine ruhige Ecke gesetzt und sie hat für mich gebetet. Ich weiß nicht mehr, was sie gesagt hat, aber ich merkte, dass die Angst verschwindet. In mir war eine ganz große Ruhe, eine Entspannung. Der Druck und die Überforderung waren weg und es war irgendwie wieder hell und leicht. Ich war glücklich.“

Am nächsten Tag ist die Angst zwar wieder da, aber Maria Härtel hat das Gefühl, als ob Gott ein Fenster aufgemacht und ihr gezeigt hat, wie es in Zukunft sein kann. „Ich bin dann zu meiner Freundin gefahren und bei ihr lief Musik, die ich noch nie gehört hatte. Christliche Anbetungsmusik. Eine Zeile werde ich nie vergessen: ‚Vater ich komme jetzt zu dir, als dein Kind lauf ich in deine Arme‘. Mit Vater ist Gott gemeint und das hat mich mitten ins Herzen getroffen.

Jesus, dieses Leben ist aus meiner Kraft nicht zu schaffen, ich brauch dich und ich möchte, dass du kommst und die Herrschaft übernimmst. – Maria Härtel

Das habe ich mir gewünscht: Nach Hause kommen, geliebt werden, vertrauen, geborgen und sicher zu sein. Ich habe dann immer wieder mit meiner Freundin geredet, sie hat mir von ihrem Glauben erzählt und eines Tages hat sie gesagt: Du kannst Jesus einladen, in dein Leben zu kommen. Das wollte ich. Dann habe ich gebetet.

Hier können Sie die ganze Geschichte von Maria Härtel nachlesen.


 

Panikattacken und Angstzustände  – Gaetana Chatziioannos Weg in die Freiheit
 

Gaetana Chatziioanno (Foto: ERF Medien)

Die Angstattacken überfielen mich plötzlich und überall. Beim Einkaufen, beim Autofahren, daheim ...   Gaetana Chatziioanno

 

Bis zu 15 Mal am Tag bekommt die Italienerin Gaetana Chatziioanno Panikattacken mit Angstzuständen und Atemnot. Sie beschreibt diese Erfahrungen so:  „Die Angstattacken überfielen mich plötzlich und überall. Beim Einkaufen, beim Autofahren, daheim. Erst wurde mir heiss, dann fing ich an zu zittern und zu schwitzen und dann hatte ich Herzrasen und bekam keine Luft mehr. Ich konnte nichts dagegen tun. Manchmal ging es nur ein paar Minuten, manchmal stundenlang. Ich hatte Angst, verrückt zu werden.“ Im Laufe der Zeit lernt sie, die Symptome in den Griff zu bekommen, doch die Angst bleibt. Bis sie Gott um Hilfe bittet.

 


 

Die besten Strategien um Angst zu überwinden

Strategie 1: regelmäßige Bewegung

Die Angstreaktionen können durch regelmäßigen Sport gemindert werden – und das langfristig.

 

Strategie 2: Sich mit der Angst konfrontieren

Um Angst zu überwinden hilft es nicht sich abzulenken. Therapeuten empfehlen sich mit der Angst immer wieder zu konfrontieren. Diese Konfrontation wirkt oft am besten, wenn man sich gleich dem schlimmsten denkbaren Szenario stellt.

 

Strategie 3: Ängste hinterfragen

Hilfreich ist es die Ängste genauer zu ergründen: Was genau fürchte ich? Wie realistisch ist es, dass diese Befürchtungen zutreffen? Was könnte alternativ auch passieren – und wie wahrscheinlich wäre das? Ziel ist es, den Gedanken „Ich falle in Ohnmacht" in eine beruhigende Selbstinstruktion zu verwandeln!

Strategie 4: Sich in Gelassenheit üben

Die stete Angst vor dem nächsten Mal erhöht die Wahrscheinlichkeit für eine weitere Panikattacke, unter anderem weil die Betroffenen angespannt sind und stärker auf Symptome achten. Meditation und Achtsamkeitsübungen können helfen, diese innere Gelassenheit einzuüben.


 

Die Angst im Nacken – Ursachen und Folgen von Angst
 

Wie es überhaupt zu Ängsten kommt und was man dagegen tun kann, erläutert der Psychotherapeut Thomas Wübbena. Der erfahrene Berater weiß, dass Angsterkrankungen im psychiatrischen Bereich zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt gehören. Etwa 25 Prozent aller Menschen entwickeln im Lauf des Lebens eine Angsterkrankung, die behandlungsbedürftig ist. Frauen sind ein bisschen häufiger betroffen als Männer.

Psychotherapeut Thomas Wuebbena (Foto: privat)

Belastende Lebensfaktoren

Aber es kann aus seiner Sicht jeden Menschen aus jeder Altersschicht und jeder sozialen Schicht treffen. Thomas Wübbena nennt es belastende Lebensfaktoren, die zum Ausbruch der Erkrankung führen können. Ursache sind häufig belastende Lebensfaktoren wie …
 

  1. ein Todesfall

  2. eine schwere Erkrankung

  3. eine Trennung

  4. Arbeitslosigkeit

 

Allerdings hat in der Regel die Art der Krankheit sehr wenig zu tun mit den Dingen, die die Angst ausgelöst haben. Man muss sich diese belastenden Lebensbedingungen als allgemeinen Stressor vorstellen, der einen Risikofaktor für verschiedene Erkrankungen darstellt. Und wir wissen nicht, warum der eine Mensch eine Angststörung, der andere eine Depression und der nächste eine Suchterkrankung und ein weiterer keinerlei Probleme entwickelt, so Wübbena.

 


Körperliche Folgen der Angst

Aus dieser Angst ergeben sich dann meist auch körperliche Beschwerden wie …
 

  1. Schlafstörungen

  2. innere Anspannung

  3. Kopfschmerzen

  4. Übelkeit und ähnliche Symptome


Diese Beschwerden führen Betroffene dann zum Hausarzt. Dieser untersucht sie und stellt fest: ‚Alles prima‘. Vorübergehend ist der Patient dadurch beruhigt, aber letztlich kommt die Angst schnell wieder, weil die eigentliche Erkrankung nicht erkannt wurde, so Wübbena.

 

Angstpatienten suchen emotionalen Begleitschutz

„Menschen mit Angsterkrankungen suchen auch immer wieder die Vergewisserung. Sie sagen sich selbst oder wollen von anderen hören: ‚Alles ist in Ordnung! Es wird nichts schiefgehen!‘“. Dieser Aspekt ist zwar verständlich aber leider etwas, das die Erkrankung aufrecht erhält. Denn diese Vergewisserungen entlasten zwar vorübergehend, sind aber im Grunde auch tückisch. Denn der Mensch wird nicht gezwungen, sich der Angst zu stellen, sondern greift immer wieder auf diese Beruhigung zurück. Der Effekt ist ähnlich dem einer Beruhigungspille“, meint Thomas Wübbena.

Ein typisches Phänomen von Angststörungen ist, dass man immer jemand als Begleitschutz dabei hat. –Thomas Wübbena, Psychotherapeut


Der Psychotherapeut sieht die Chancen für eine Behandlung und Heilung von Angsterkrankungen sehr positiv: „Obwohl die Prognose von allen Angsterkrankungen recht gut sind, kommen die Patienten in der Regel mit einer gewissen Resignationshaltung. Denn im Durchschnitt dauert es bei einer generalisierten Angststörung zehn Jahre, bis man überhaupt erst in Behandlung kommt. Dann haben die Patienten oft kaum noch Hoffnung, dass sich an ihrer Situation etwas ändern kann. Ein wesentlicher Bestandteil im Rahmen der Behandlung ist daher zunächst, dass die Betroffenen merken: ‚Ich bin nicht der Einzige, dem es so geht. Da kennt jemand meine Erkrankung und dieser Jemand geht davon aus, dass meine Situation verbessert werden kann‘.“

Mehr von Thomas Wübbena auch über Therapiemöglichkeiten und Heilungsprozesse finden Sie in diesem Interview.

 


 

Angst verstehen, entmachten und verwandeln
 

„Angst essen Seele auf“ heißt ein Melodrama von Rainer Werner Fassbinder – und tatsächlich erleben viele Menschen Angst als etwas Bedrohliches, gegen das sie sich nicht wehren können.

Cornelia Mack, Sozialpädagogin und Seelsorgerin, hat sich in ihrem Buch „Angst: Verstehen, entmachten, verwandeln“ intensiver mit dem Phänomen Angst beschäftigt.
„Ein Schmerz im Körper signalisiert mir: Es stimmt etwas nicht. Und die Angst zeigt mir das auch. Ich merke: Irgendetwas ist nicht in Ordnung. Entweder könnte es gefährlich werden oder ich erlebe Situationen, mit denen ich nicht umgehen kann. Wenn ich immer wieder an denselben Stellen Angst bekomme, obwohl es eigentlich nicht begründet ist, hilft es, sich zu fragen:

Was signalisiert mir meine Angst? Gibt es Bereiche in meinem Leben, die nicht aufgearbeitet sind oder neu geklärt werden müssen? Insofern ist die Angst für die Seele, was der Schmerz für den Körper ist. Sie ist ein Signal“ – Cornelia Mack

 

Cornelia Macks Buch  Angst Verstehen, entmachten, verwandeln

Die Angst vor Fremdem
 

Cornelia Mack (Foto: privat)

Die Störung beginnt, wenn ich beherrscht bin von Angst und jede Entscheidung davon geleitet ist. Dann hat die Angst die Macht in meinem Leben. Ich werde durch diese Ängste zum Angst-Ausweichverhalten angeleitet ... – Cornelia Mack

„ … Ich versuche also Situationen zu vermeiden, die Angst machen. Wenn ich das tue, weitet sich die Angst immer mehr aus. Daraus kann sich eine generalisierte Angststörung entwickeln ‒ und dann wird‘s krankhaft“, sagt Cornelia Mack und fährt fort: „Was mir im Moment nicht nur in der Seelsorge begegnet, sondern auch in normalen Alltagsgesprächen, ist die Angst vor Fremdem. Viele Menschen, die sich gut eingerichtet haben in ihrem Leben, haben durch die Flüchtlingsthematik Angst vor Fremden. Es ist verständlich, dass man diese Angst hat. Denn wenn man weiß, wie das Leben funktioniert, wird es durch Fremdes, das in das Leben hineinkommt, in den Abläufen gestört. Ich muss mich auf Neues einstellen. Diese Angst kann auch bei anderen Situationen, wo Fremdes in mein Leben kommt, sichtbar werden: Wenn ich eine neue Arbeitsstelle antrete, neue Nachbarn bekomme oder ein Schwiegerkind kennenlerne. Das sind Dinge, die mir zunächst Angst machen können, weil ich mich damit noch nicht auskenne.

Wenn wir die Angst vor Fremden nehmen, bedeutet es, sich einzulassen auf das Fremde. Angst ist oft mit völlig skurrilen Bildern behaftet. Viele Menschen haben ja abstruse Vorstellungen über Ausländer: ‚Die nehmen uns unser Eigentum weg, sie stehlen und überfallen uns nachts. Sie sind ungewaschen und stinken.‘ Dabei sind das Menschen wie du und ich: Menschen, die Schlimmes hinter sich haben. Menschen mit einer zum Teil sehr guten Bildung. Es sind Menschen, die Geborgenheit, Heimat und Sicherheit suchen. Es ist wichtig, dass wir den Mut haben, uns auf diese Menschen einzulassen und die Begegnung mit ihnen zu suchen. Dann werden wir merken, dass unsere Vorstellung ganz anders ist als die Wirklichkeit. Häufig wird die Angst damit schon ein Stück weit entmachtet, dass ich mich dem stelle, was mir Angst macht, und ich ins Gespräch komme mit all diesen Themen.


Wenn noch was Besseres kommt

Doch es gibt noch eine weitere häufige Angst. Das ist die Angst, etwas Wichtiges zu versäumen. Wir leben in der sogenannten Multioptionsgesellschaft, also einer Gesellschaft der vielen Möglichkeiten. Ein Kennzeichen dieser Multioptionsgesellschaft ist laut Cornelia Mack, dass ich, wenn ich mich für eine Sache entscheide, mich gleichzeitig gegen etwas Anderes, eventuell noch Besseres entscheide. Man spricht von der sogenannten Versäumnisangst. Deswegen haben Menschen Angst davor, sich zu schnell zu entscheiden oder zu binden.

Ich beobachte es in der heutigen Zeit oft, dass junge Leute Angst davor haben, sich an einen Partner zu binden. Denn es könnte ja noch was Besseres kommen. – Cornelia Mack

 


Menschen mit Traumata

Menschen  mit einem Traumata – so etwas begegnet ihr öfter. Es ist meist ein langer Prozess, bis ein Trauma heilen kann, vor allem wenn es weit zurückliegt und zum Beispiel in der Kindheit geschehen ist. Solche Traumata können tiefe Verletzungsspuren hinterlassen. Das muss man sehr behutsam mit diesen Menschen anschauen, so die erfahrene Seelsorgerin. „Man muss den Betroffenen einen Raum des Klagens ermöglichen. Sie müssen betrauern dürfen, was war, und dann erfahren: Ich darf mit alldem, was mich in meinem Leben verletzt hat, bildlich gesprochen auf den Schoß Gottes kommen. Das ist eine der großartigsten Erfahrungen, dass Gott da mehr kann als Menschen. Gott kann unsere Sehnsüchte sozusagen ausfüllen. Er kann Verletzungen heil machen und uns das geben, was Menschen uns nicht geben können. Gerade bei Traumata ist es ein wichtiger Punkt, dass ich weiß: Die tiefste Sehnsucht meines Herzens wird bei Gott gestillt. Er kann wirklich heil machen“.

Man muss den Betroffenen einen Raum des Klagens ermöglichen. Sie müssen betrauern dürfen, was war, und dann erfahren: Ich darf mit alldem, was mich in meinem Leben verletzt hat, bildlich gesprochen auf den Schoß Gottes kommen. – Cornelia Mack

 

Wie Glaube die Angst besiegt

„Ich kenne Panikattacken aus meinem eigenen Leben“, schildert Cornelia Mack. „Außerdem habe ich erlebt, wie es ist, wenn man sich komplett in Sorgen und Ängste hineinsteigert. Es waren unterschiedliche Lebensphasen, in denen ich das erlebt habe. Diese Erlebnisse haben mir geholfen, der Angst ins Gesicht zu schauen und zu fragen: Wovor habe ich eigentlich Angst? Viele menschliche Ängste hängen, wenn man sie zu Ende denkt, mit der Angst vor dem Tod zusammen. Ein Beispiel: Wenn jemand Krankheitsängste hat, hat er möglichweise nicht nur Angst vor der Krankheit, sondern davor, dass er todkrank wird und stirbt. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass die Angst vor dem Tod letztlich hinter den meisten Ängsten steckt. Wenn wir das aber wissen, haben wir das Handwerkszeug, um die Angst zu entmachten. Wenn ich etwas habe, was stärker ist als der Tod und dem Tod die Macht nimmt, kann ich das der Angst entgegensetzen. Dann habe ich eine Waffe in der Hand, mit der ich der Angst einen Stopp setzen kann, weil ich sagen kann:

Ich weiß, wohin diese Angst letztlich führt, aber ich habe hier etwas, was stärker ist als genau diese Angst. – Cornelia Mack

 



 

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