Manchmal fühlt sich das Leben an wie ein Skilift. Man weiß nie, wann man als Nächstes rausfliegt.
Ich spreche da aus Erfahrung. Während einer Schulskifreizeit hat es mich an der steilsten Stelle aus dem Schlepplift gehauen. Wie eine Bowlingkugel rutschte ich die eisige Liftspur hinunter und räumte mehrere Skifahrer aus den Bügeln. Es war das totale Chaos aus Körpern, Skiern, Stöcken!
Es gab eine Menge Geschrei und sogar Verletzte. Vor Schreck und Scham wäre ich am liebsten im nächsten Schneehaufen versunken und wusste eines ganz sicher: Nie wieder fahre ich Schlepplift!
Angst sagt: Du bist ganz allein!
Angst speichert solche Erlebnisse zuverlässig ab. Sie merkt sich nicht nur, was passiert ist, sondern vor allem, wie es sich angefühlt hat – hilflos und ausgeliefert. Fast jeder macht im Laufe seines Lebens erschreckende oder beschämende Erfahrungen, die er künftig um jeden Preis zu vermeiden versucht.
Oft geht das über lange Zeit gut. Ich bin jedenfalls auf dem Weg zur Arbeit oder beim Einkaufen noch nie in die Verlegenheit geraten, einen Schlepplift benutzen zu müssen. In meinem Alltag kommen Schlepplifte einfach nicht vor und darüber war ich bisher wirklich froh.
Irgendwann aber geraten die meisten Menschen an den Punkt, an dem sich ihre Angst nicht mehr vermeiden lässt: Die Präsentation, vor der man sich drückt, muss gehalten werden. Die gefürchtete Flugreise lässt sich nicht länger verschieben. Eine Beziehung endet und plötzlich steht man allein da, obwohl man sich dafür nicht bereit fühlt. Jeder kennt seine eigene Version davon.
Das Fiese an der Angst ist: Sie redet uns ein, dass wir in der gefürchteten Situation ganz auf uns selbst gestellt sind und keine echten Handlungsoptionen haben.
Sie unterscheidet nicht zwischen realer Gefahr und eingebildeter Bedrohung. Sie flüstert: „Du bist ausgeliefert. Es könnte schlimm enden. Bereite dich lieber schon mal vor.“
Mit der richtigen Begleitung hat die Angst keine Chance
Vor ein paar Wochen war es dann vorbei mit dem Vermeiden. Mein Mann schlug vor, als Familie auf die Gemeinde-Skifreizeit zu fahren, damit die Kinder Ski fahren lernen. Die Begeisterung unserer Kinder war so groß, dass ich kein Spielverderber sein wollte. Also fuhren wir. Nicht nur die Kinder bekamen einen Skikurs, auch ich meldete mich an – zur Auffrischung. So stand ich nach über zwanzig Jahren wieder auf Skiern und ziemlich schnell auch vor einem Schlepplift. In solchen Momenten kommt man gut ins Beten.
Doch ich war nicht allein. Zwischen dem Schlepplift und mir stand Herman, unser holländischer Skilehrer. Mit seinem Rauschebart, dem roten Anorak über dem Kugelbauch und seinem freundlichen Blick erinnerte er frappierend an den Weihnachtsmann. „Wer hat am meisten Angst?“, fragte er in die Runde. Sein Blick blieb an mir hängen. „Du?“
Verflixt, woher wusste er das? Offenbar stand mir der Bammel deutlich auf die Skibrille geschrieben. Ich nickte. „Dann fährst du mit mir“, bestimmte Herman und lotste mich zum Lift.
Wir stiegen gemeinsam ein. Sofort verwickelte Herman mich in ein Gespräch. Zwischendurch tippte er auf meine Hand, die sich um den Liftbügel krampfte. „Muss du nich so fest halte“, brummte er in seinem drolligen Akzent. „Kanns du ganz locker lasse die Hand!“ Wir kamen ohne Zwischenfall oben an. Die Fahrt war überraschend unspektakulär verlaufen.
Nach der Abfahrt fuhr Herman noch einmal mit mir im Lift, dann eine andere Teilnehmerin aus dem Kurs. Später traute ich mich allein. Am Ende der Einheit schnappte ich mir routiniert den Bügel und ließ ich mich entspannt den Hang hochziehen.
Ein paar Tage später fuhr ich mit jemand anderem einen schlechter präparierten Schlepplift. Wir kamen gehörig ins Schlingern, wären mehrfach fast rausgefallen und lachten, als wir oben ankamen. Es war eine lustige Fahrt gewesen. Keine Spur mehr von der alten Angst. Ich darf mit Fug und Recht behaupten, dass ich in dieser Skiwoche weder mir noch jemand anderem irgendeinen Schaden zugefügt habe.
Gott geht mit uns durch die Angst
Angst redet uns ein, wir wären allein, aber das stimmt nicht. Genau genommen sind wir es nie. Wenn wir auf die Schlepplifte unseres Lebens treffen, stehen wir ihnen nicht allein gegenüber. Zwischen uns und der Angst steht Gott mit seiner Zusage: „Ich selbst werde mit dir gehen – und dir Ruhe verschaffen“ (2. Mose 33,14 NLB).
Diesen Satz sagt Gott zu Mose in einer Situation, in der vieles schiefgelaufen ist. Das Volk Israel hat Mist gebaut, das Vertrauen ist beschädigt. Mose ist verunsichert, wie es weitergehen wird. Vielleicht hat er auch Angst, dass Gott sich von dem Volk Israel abwenden wird, wenn es das nächste Mal etwas anstellt.
Gott verspricht Mose nicht, dass alles einfach wird. Er verspricht auch keinen angstfreien Weg. Eines aber verspricht er: Ich gehe mit.
Ähnlich spricht Jesus zu seinen Jüngern, als er sich von ihnen verabschiedet und sie auf eine Zeit ohne seine sichtbare Nähe vorbereitet: „Ich lasse euch ein Geschenk zurück – meinen Frieden. Deshalb sorgt euch nicht und habt keine Angst.“ (Johannes 14,27 NLB)
Kein Rundumsorglospaket, aber ein starker Begleiter
Was Gott und Jesus nicht sagen, ist hier genauso wichtig wie das, was sie sagen. Sie versprechen kein Leben ohne Herausforderungen, in dem sie uns alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen. Sie versichern ihren Beistand und Frieden in unruhigen Zeiten.
Gott ist ähnlich unterwegs wie Herman, mein Skilehrer. Weder nimmt er uns die Strecke ab noch zieht er uns persönlich den Hang hinauf. Aber er steigt mit in den Lift ein.
Er fährt neben uns her, redet mit uns, erinnert uns daran, zwischendurch auch mal lockerzulassen und zu vertrauen. Und er steigt am Ende gemeinsam mit uns wieder aus.
Mit der richtigen Begleitung verlieren angsteinflößende Situationen ihre Macht. Nicht sofort, aber Schritt für Schritt. So können wir lernen, sie zu bewältigen. Die Angst mag noch so intensiv flüstern: Du bist allein. Aber wir wissen es jetzt besser.
Ihr Kommentar
Kommentare (1)
Liebe Frau Faludi, es tat mir gut, Ihre mutmachende Andacht zu lesen. Ich lasse mich auch zu oft von meiner Angst leiten…….