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Versöhnlich 

Mit mir und anderen im Einklang leben


Haben Sie schon mal jemandem 7x70 mal vergeben?

Eigentlich ist das eine unzumutbare Forderung, die Jesus da im Matthäusevangelium stellt. Versöhnung geht aber sogar noch einen Schritt weiter: Sie bedeutet die Wiederherstellung der Beziehung, ein Sich-aussöhnen mit anderen, sich selbst oder seiner Biographie.

Was muss passieren, damit Versöhnung mehr als ein Lippenbekenntnis wird? Wozu brauchen wir Versöhnung – und was finden wir in der Bibel zu dem Thema? Können wir uns auch mit Gott versöhnen, und wie sieht das praktisch aus?

Viele Fragen, auf die wir in diesem Dossier Antworten suchen.

Übrigens: Die Seitennavigation finden Sie oben links unter „Inhalt“.
 

Vergebung statt Vergeltung

„Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken." Was Mahatma Gandhi damit meinte? Vergebung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern der mutige erste Schritt zur Versöhnung. Wer verzeiht, befreit sich selbst – aus dem Gefängnis von Groll, Wut und verletztem Stolz.

Doch warum fällt uns genau das heute so unglaublich schwer? Der Theologe und Autor Dr. Fabian Vogt zeigt, wie Vergeltungsdenken unsere Gesellschaft prägt und warum Vergebung zum Gamechanger werden kann. Ein Text über die befreiende Kraft der Gnade – und darüber, wie wir lernen, über unseren Schatten zu springen und mit uns selbst und anderen gnädiger zu sein.

 

 

Autor Fabian Vogt (Foto: Pietro Sutera)
Dr. Fabian Vogt (Foto: Pietro Sutera)
 

Wer glauben kann, dass er bedingungslos geliebt wird und dass ihm seine Fehler vergeben werden, der kann auch selbst vergeben und gnädig sein. Und wird dadurch fähig zur Versöhnung.

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Vergebung bedeutet ...

Andreas Meißner zeigt, wie sich Vergebung praktisch zeigt und wie man Schuld vergibt.

Es war eine der Übungen in der Schulzeit, die überhaupt keinen Spaß machten: Erkläre einen Begriff, ohne das Wort selbst dabei zu verwenden. Wenn du angefangen hast: „Diagnose? – Also, Diagnose ist, wenn man Krankheiten diagnostiziert ...“, kam spätestens an dieser Stelle das „Aus!“ vom damaligen Lehrer.

Genauso schwierig ist es das Wort „Vergebung“ zu definieren. Ich kann ja genauso wenig formulieren: „Vergebung ist, wenn dir jemand vergibt“.

Laut Thesaurus gibt es artverwandte Begriffe für Vergebung wie: Versöhnung, Verzeihung, Amnestie, Aussöhnung, Begnadigung, Entgegenkommen, Nachsicht, Gnade, Erlassung, Pardon …

Das lässt uns schon etwas erahnen, worum es bei Vergebung geht. Noch klarer wird das Thema beim Nachdenken über folgende Bibelstellen:

1. Vergebung bedeutet, Schuld nicht anzurechnen

1. Mose 18,24„Vielleicht gibt es in Sodom fünfzig Leute, die kein Unrecht getan haben. Willst du sie auch umkommen lassen und nicht lieber die ganze Stadt verschonen wegen der fünfzig?“

In der sprichwörtlichen Stadt Sodom war jede Menge Unmoral zu Hause. Gott will sich das nicht länger bieten lassen und weiht seinen Freund Abraham in seine Absichten ein.

Der wiederum fängt einen berühmten orientalischen „Handel“ mit Gott an. Wenn es wenigstens 50 Gerechte gäbe („gerecht“ in den Augen Gottes, keine Selbstgerechtigkeit, die wir uns gern „zurechtbasteln“), solle Gott die Stadt verschonen. Im Sprachgebrauch der alten Völker bedeutete dieses Verschonen, dass ihnen eine erwiesene Schuld nicht angerechnet werden sollte.

Psalm 65,4: „Die Verfehlungen lasten zu schwer auf uns, aber du kannst uns die Schuld vergeben.“

David, der dieses Lied (Psalm) gedichtet hat, schildert in einem gut verständlichen Bild, dass Verfehlungen einen Menschen wie ein schweres Lastenbündel zu Boden drücken können. Täglich kommen neue Belastungen hinzu und es besteht keine Chance, sich wieder aufzurichten. Es bedeutet also eine Ent-Lastung, wenn sich jemand dieser Last annimmt und mich von meinem Ballast befreit.

Jeder, der einmal etwas Schweres tragen musste, weiß, wie gut es tut, das Kreuz wieder durchzudrücken und befreit durchzuatmen. Dieser Helfer von außen ist Jesus Christus.

Jesaja 33,24: „Kein Mensch im Land wird noch klagen, er sei von Krankheit und Schwäche geplagt; denn die Schuld des Volkes ist vergeben.“

Hier geht es um die Zukunft gläubiger Juden, die großartige Zusagen Gottes bekommen haben. Gern wird Jerusalem als Beispiel genannt; die Menschen sollen dort wohnen und nicht immer wieder weiterziehen müssen (keine Zelte mehr, kein Nomadentum; 40 Jahre Wüstenwanderung des Volkes: 2. Mose 16,35, 4.Mose 14,33 und 4.Mose 32,13).

Gottes Person wird dabei immer mit Macht, Herrlichkeit, Herrschaft, Königtum und Rettung in Verbindung gebracht.

Darum sagt die Bibel, dass sein Volk Israel „unter der Herrschaft des Allmächtigen wohnen“ wird. Dieses Bild gipfelt in dem Nicht-mehr-schwach-Sein der Bewohner. Alle Ursachen für Versagen und Schuld, für Belastungen und Sünden sind durch den amtierenden König (Christus) beseitigt – und dadurch werden Menschen echt stark.

Jesaja 55,7: „Wer seine eigenen Wege gegangen ist und sich gegen den Herrn aufgelehnt hat, der lasse von seinen bösen Gedanken und kehre um zum Herrn, damit er ihm vergibt! Denn unser Gott ist reich an Güte und Erbarmen.“

Dieses Kapitel bei Jesaja schildert, dass Gott sein Angebot allen Menschen anbietet. Es kostet den Menschen nichts und es steht jedem zur Verfügung. Dieser Hinweis blickt weit in die Zukunft und deutet schon früh im Alten Testament auf Jesus Christus hin.

Hier präsentiert sich kein Gott, der rachesüchtig, strafend, grollend ist. Nein, ganz im Gegenteil: Gott entzieht sich nicht, sondern er lässt sich finden und wartet auf den engen Kontakt, wartet darauf, seinem Geschöpf Erbarmen entgegenzubringen.

Er möchte Gnade vor Recht ergehen lassen. Egal, mit welcher Art von Schuld Menschen zu Gott kommen: seine „Vergebung“ reicht für alle aus. Einzige Bedingung: Ein Mensch muss aufhören, sich gegen Gott aufzulehnen.

Jeremia 31,34: „Niemand muss dann noch seinen Nachbarn belehren oder zu seinem Bruder sagen: Lerne den Herrn kennen! Denn alle werden dann wissen, wer ich bin, von den Geringsten bis zu den Vornehmsten. Das sage ich, der Herr. Ich will ihnen ihren Ungehorsam vergeben und nie mehr an ihre Schuld denken.“

Jeremia schildert Gottes Art zu denken als völlig entgegengesetzt zu unserem Denken.

Wir können schon einem anderen mal etwas verzeihen, vergeben. Aber das Ganze dann auch zu vergessen, liegt uns nicht. Meist werden Verfehlungen anderer gut gespeichert und bei Gelegenheit hervorgekramt.

Gott ist ganz anders. Ihm liegt nichts daran, uns eine einmal geklärte Angelegenheit immer wieder vorzuwerfen. Wenn er vergibt, dann aufrichtig, echt und endgültig.

Dann wird er nie mehr daran denken. Es ist so, als wäre es nie geschehen. Für uns schwer nachvollziehbar, weil wir anders denken. Weil Gott aber einen unwahrscheinlich großen Preis für unsere Sünden bezahlt hat (sein Sohn starb dafür am Kreuz), kann er es sich leisten, daran nicht mehr zu denken.

Lukas 15,21: „Vater, sagte der Sohn, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden, ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu sein!“

In der Parabel vom „Verlorenen Sohn“ verlässt ein junger Mann seine Familie und lässt sich sein Erbe auszahlen. Sein Vater lässt ihn erstaunlicherweise ohne Vorhaltungen ziehen. Er lässt ihm seinen freien Willen. Der Sohn verprasst das Geld und landet buchstäblich „bei den Schweinen“. Heruntergekommen und asozial würden wir das vielleicht nennen.

In dieser Situation fällt ihm ein, dass es vielleicht noch eine Chance für ihn gäbe – im Elternhaus. Er bereut seinen Ungehorsam, seine Überheblichkeit und seinen Stolz. Er kehrt zurück und sagt dies seinem Vater gerade heraus. Und dieser vergibt ihm!

2. Korinther 12,21: „Ich möchte nicht, dass mich Gott nochmals vor euch demütigt, wenn ich jetzt zu euch komme. Ich möchte nicht traurig sein müssen über die vielen, die früher gesündigt haben und die sich immer noch nicht abgekehrt haben von ihrem schmutzigen, unzüchtigen, ausschweifenden Leben.“

Paulus benutzt in seinen Briefen manchmal starke Ausdrücke, denn es gab immer wieder Menschen, die sich an die Unzucht, die Ausschweifung usw. so gewöhnt hatten, dass ihnen gar nicht mehr auffiel, dass solch ein Lebensstil nicht zu der empfangenen Vergebung von Gott passt.

Der Mentor Paulus will darum helfen, Buße darüber zu tun (=umzukehren!). Ohne Umkehr (=Buße), gibt es keine Vergebung. Im Verhältnis zu Gott genauso, wie im zwischenmenschlichen Bereich. Buße / Umkehr und Vergebung stehen in direktem Zusammenhang.

Epheser 4,26: „Versündigt euch nicht, wenn ihr in Zorn geratet! Versöhnt euch wieder und lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“

Einer der besten praktischen Tipps ist die Aufforderung, keine Zwiste lange mit sich herumzutragen. Wenn ein Tag zu Ende geht, ist vieles passiert: Schönes aber auch Streit, Spannungen und zugefügte Verletzungen.

Nur ein ruhiges Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen, wusste Paulus. Darum rät er zur Vergebung und ungeklärte Spannungen schnell in Ordnung zu bringen. Deadline ist der Sonnenuntergang. Dazu muss ich zugeben, dass ich zornig getroffen und verletzt bin. Ich zeige aber auch, dass ich bereit bin, dies auszuräumen.

1. Johannes 2,1: „Meine lieben Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr kein Unrecht tut. Sollte aber jemand schuldig werden, so haben wir einen, der beim Vater für uns eintritt: Jesus Christus, den Gerechten, der ohne Schuld ist.“

So wie wir, obwohl frisch geduscht, uns immer wieder neuem Schmutz aussetzen, so „verunreinigen“ wir auch immer wieder die Beziehung zu Gott. Wir müssen also immer wieder in der Vergebung Gottes „duschen“ – um im Bild zu bleiben.

Vergebung ist ein tolles Prinzip, das Gott uns anbietet. Jetzt gilt es, dieses im alltäglichen Leben umzusetzen.

Seid vielmehr freundlich und barmherzig und vergebt einander, so wie Gott euch durch Jesus Christus vergeben hat.

Epheser 4,32

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Versöhnung – mit mir und anderen

Nach der Vergebung kommt die Versöhnung – doch der Weg dorthin ist oft lang und schmerzhaft. Versöhnung heißt nicht, die Wunden zu leugnen oder die Vergangenheit zu beschönigen. Versöhnung bedeutet, mit den Bruchstellen der eigenen Geschichte leben zu lernen, ohne dass sie uns für immer bestimmen.

Nora Freudenthaler hat genau das erlebt. In Ihrer Kindheit musste sie für ihren depressiven Vater sorgen, statt selbst Kind sein zu dürfen. 30 Jahre lang kämpfte er mit seiner Krankheit – und sie viele Jahre mit der Wut auf ihn und auf Gott. In ihrer berührend ehrlichen Geschichte erzählt sie, wie aus tiefer Verletzung echter Frieden werden kann. Ein mutiger, tief persönlicher Text darüber, wie Versöhnung möglich wird – mit der eigenen Geschichte, mit ihrem Vater und mit Gott.

 

Heute weiß ich: Meine Geschichte hat mich geprägt, aber sie definiert mich nicht länger – und ich darf versöhnt leben.

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Versöhnung tut gut! 

Mehr zum Thema im Magazin ERF Antenne

ERF Mitarbeiterstimmen zum Thema

Katja Völkl, Redakteurin/Moderatorin ERF Plus; Foto: Stuke/ERF

Leben aus der Versöhnung

Ich bin versöhnt mit Gott und mir selbst. Leider verhalte ich mich nicht immer so, wie ich eigentlich will. Aber gerade dann kann Jesus an mir seine Liebe und Gnade erweisen.

Katja Völkl, Redakteurin/Moderatorin ERF Plus

Jan Knauf, Unternehmensentwicklung (Bild: Stuke/ERF)

Mit gutem Beispiel voran

Ob ich weit in die Welt oder in mein gesellschaftliches Umfeld schaue: Oft fehlt es an Versöhnung. Ich will mich nicht von Unversöhnlichkeit anstecken lassen, sondern Versöhnlichkeit vorleben.

Jan Knauf, Unternehmensentwicklung

Daniel Kopp, Daniel Kopp, Redakteur ERF Mensch Gott/ Station Voice ERF Plus; Bild: Stuke/ERF

Versöhnung schenkt Freiheit

Beim Ferienjob habe ich den rechten Unterarm verloren. Der Kollege damals war grad nicht am Platz, konnte mir nicht helfen. Später sagte ich ihm: Ich trage dir nichts nach. Das war befreiend.“

Daniel Kopp, Redakteur ERF Mensch Gott/ Station Voice ERF Plus 

Hanna Wilhelm, Redakteurin ERF Plus; Bild: Stuke/ERF

Versöhnung durch Ehrlichkeit

Der Theologe M. Volf hat mir geholfen zu verstehen, dass ich Schuld und Schmerz ehrlich benennen kann, bevor ich vergebe. So schützt Gott meine Würde und macht doch Versöhnung möglich.

Hanna Willhelm, Redakteurin ERF Plus

Mehr zum Thema Versöhnung

Und er selbst ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.

1. Johannes 2,2

Buchtipps zum Thema

„Vergeben verändert dein Leben“ von von Wilkin van de Kamp, 2025

Vergeben verändert dein Leben von Wilkin van de Kamp, 2025

„Steh auf, mein Kind, und geh!“ von Marie Kresbach/Priska Lachmann, 2021

Steh auf, mein Kind, und geh! von Marie Kresbach/Priska Lachmann, 2021

„Verzeihen sie bitte!“ von Fabian Vogt, 2025

Verzeihen Sie bitte! von Fabian Vogt, 2025

Die Autoren

Nora Freudenthaler

Nora Freudenthaler ist Auszubildende zur Kauffrau für Marketingkommunikation beim ERF. Sie liebt tiefe, ehrliche Gespräche über Gott und die Welt. Manchmal vermisst sie den Bodensee, wo sie aufgewachsen ist. Mit ihrem Mann entdeckt sie aber auch in ihrer neuen Heimat Hessen immer wieder Orte, die sich wie Zuhause anfühlen. 

Rolf Neumann

  |  Online Marketing Manager

Rolf Neumann ist Online Marketing Manager im ERF. Der Sinnsender. Seit über 25 Jahren arbeitet er im digitalen Marketing. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind Content-Management, Analytics, SEO und Online-Konzeption.

Lorena Remhof

  |  Mediengestalterin Digital und Print

Lorena Remhof ist Mediengestalterin im ERF. Sie bringt ein ausgeprägtes Gespür für Gestaltung, Farbwirkung und typografische Details mit. Ihre Stärke liegt darin, kreative Ideen in visuell ansprechende und zielgerichtete Konzepte umzusetzen.