„Die Zeit heilt alle Wunden.“ Dieses Sprichwort haben viele Menschen schon mal von einem wohlmeinenden Gegenüber gehört. Doch ist das wirklich wahr? Brauchen wir nur genug Zeit, um heilen und vergeben zu können?
Es gibt ganze Forschungsbereiche, die sich mit dem Prozess des Vergebens beschäftigen. Studien belegen, dass Menschen, die vergeben, weniger Stress empfinden und ein gestärktes Immunsystem haben. Die positiven Effekte sind also gemeinhin bekannt. Warum fällt es uns doch manchmal so schwer zu vergeben?
Gerade für Christen gilt Vergeben als Selbstverständlichkeit, als etwas, was man als guter Christ einfach tut. Ich kannte die Bibelstellen, hatte Predigten zu dem Thema gehört, und nickte innerlich, wenn jemand davon sprach. Als ich vor einigen Jahren jedoch eine tiefe Verletzung erlebte, tauchten Fragen auf, die ich nie durchdacht hatte:
Wie vergebe ich jemandem, der mir wirklich wehgetan hat? Was bedeutet es, dass Jesus mich mit Gott versöhnt hat und mir gleichzeitig den Auftrag gibt, anderen zu vergeben?
Mir wurde bewusst, dass ich nur eine vage Ahnung davon hatte, was Epheser 4,32 anspricht: „Seid freundlich und hilfsbereit zueinander und vergebt euch gegenseitig, was ihr einander angetan habt, so wie Gott euch durch Christus vergeben hat, was ihr ihm angetan habt.“
Der Schmerz lässt sich nicht ausradieren
Wie häufig höre ich von anderen oder sage selbst „Ist schon in Ordnung“ oder „Kein Problem“, obwohl ich noch verletzt bin? Der Schmerz über die Verletzung bleibt aber real vorhanden. Er lässt sich nicht einfach so wegschieben, ausradieren und löst sich auch durch Worte der Vergebung nicht plötzlich in Luft auf.
Damals wollte ich nicht diejenige sein, die dem anderen die Schuld endlos nachträgt – gefangen in Bitterkeit und abhängig von der Entschuldigung des anderen. Doch ich wusste nicht, wie ich damit zurechtkommen sollte, dass mein Herz sich zusammenzog und der Schmerz mich regelrecht zerreißen wollte. Also suchte ich mir schließlich Hilfe, sprach mit anderen über meine Gedanken und fragte Gott, was ich tun konnte.
Mir wurde klar, dass ich anerkennen musste, dass mich jemand wirklich schlecht behandelt hatte, und dass ich darüber wütend und traurig war.
Es dauerte eine Weile, bis ich einen Zugang zu meinen tieferen Gefühlen gefunden habe, aber irgendwann konnte ich meinen Schmerz in Form von Wut, Enttäuschung und Trauer ausdrücken.
Gefühlen Raum geben
Dabei habe ich gelernt, dass diese Gefühle ihren Platz haben. Sie dürfen sich in einem Rahmen ausdrücken: ob durchs Schreiben, klagendes ehrliches Gebet, wütende Schreie in den Wald hinein oder im Weinen. Und das Beste daran ist, dass Gott diese Empfindungen versteht. Er verharmlost Schuld nicht. Denn vergeben bedeutet nicht, den Täter zu entschuldigen oder zu vergessen, was geschehen ist. Vor Gott darf ich klar benennen, was mir angetan wurde.
Gleichzeitig zeigt er mir durch Jesus eine Lösung: Wenn ich ihm glaube und vertraue, schenkt er mir Vergebung, die ich auch anderen weitergeben darf. Je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, was das für mich bedeutete: Jesus hatte mit seinem Leben für meine Schuld bezahlt. Da war nichts mehr offen. Gott würde diese Rechnung nicht noch einmal aufmachen.
Das stellte mich vor die Frage: Wenn Gott alles dafür gegeben hat, um die Beziehung zu mir wiederherzustellen, wie kann ich an der Schuld festhalten, die ich jemandem nachtrage?
Ich vergab nicht, weil der andere es sich verdient hatte. Ich vergab, weil Gott mir selbst unverdient vergeben hatte.
Dieser Prozess dauerte länger als ein paar Tage oder Wochen. Keine noch so frommen Worte konnten diese Zeit verkürzen. Es kostete mich Kraft und ich musste mich darauf einlassen, mich vor Gott und anderen verletzlich zu machen. In dieser Zeit habe ich mich daran geklammert, dass Jesus für mich und diese Situation eine Lösung hat.
Den Schmerz loslassen – wie wird es möglich?
Vielleicht kennst du den Schmerz nach einer Verletzung. Kannst du dann leicht vergeben? Mir hat es geholfen, mich damit nicht unter Druck zu setzen. Ich gab der Verletzung bewusst Raum, um sie von Gott heilen zu lassen. In diesem Sinne brauchte ich Zeit, um die Wunden heilen zu lassen. Dennoch ist Vergeben kein passives Geschehen, sondern erfordert eine aktive emotionale Beteiligung von mir.
Dabei empfand ich es als hilfreich, mein eigenes Erleben aufzuschreiben. Nicht, um es mit jemandem zu teilen, sondern um mir selbst innerlich Luft zu verschaffen. Damit gab ich mir selbst die Erlaubnis, das zu benennen, was geschehen ist. Vielleicht kann das auch dir helfen.
Besonders hat mir geholfen, zu wissen, dass auch Gott meinen Schmerz sieht und ich ihn mit ihm teilen kann. Für mich persönlich geht schreiben häufig ins Gebet über. Ich breite meine Gedanken und Gefühle schonungslos vor Gott aus. In einem christlichen Lobpreislied1 heißt es passend: „An seinem Ohr darf ich sagen, was die Seele fühlt“ – und bei mir ist das wirklich so. Im Gespräch mit ihm halte ich nichts zurück.
Ich möchte dich dazu einladen, dich auch Gott mit deinem Leid anzuvertrauen. Du musst dabei nichts schönreden.
Wenn du möchtest, fang doch mit diesem Gebet an: Himmlischer Vater, ich bin verletzt und traurig über das, was mir geschehen ist. Zeig mir, wie ich meinen Schmerz und meine Gefühle vor dir ausdrücken kann. Hilf mir zu verstehen, was Vergebung bedeutet.
Wenn du merkst, dass du in deinem Prozess Hilfe brauchst, kannst du dich an unsere ERF Seelsorge wenden.
1 „Wohin sonst“ (Remastered 2024), Feiert Jesus!, Joe Falk, ℗ 2024 SCM Hänssler, Composer / Lyricist: Thea Eichholz, Music Publisher: Gerth Medien
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