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© Tim Wildsmith / unsplash.com

01.01.2022 / Interview / Lesezeit: ~ 13 min

Autor/-in: Hanna Willhelm

Verständnisfragen zum Alten Testament I

FAQs zur Schöpfungs- und Urgeschichte und zu den Gesetzen in den Mosebüchern.


Die Texte des Alten Testamentes bieten heutigen Lesern nicht selten Verständnisschwierigkeiten. ERF – der Sinnsender hat den Alttestamentler Dr. Thomas Bänziger gebeten, einige dieser schwer verständlichen Inhalte näher zu erklären – wohl wissend, dass bei der gegebenen Kürze nicht alle Fragen ausführlich erläutert werden können.

Lesen Sie heute Teil I zur Schöpfungs- und Urgeschichte und der Gesetzgebung in den fünf Büchern Mose.
 

Was kann ein Skeptiker aus der Schöpfungsgeschichte mitnehmen?

ERF: Mancher Leser klappt die Bibel schon nach den ersten Seiten wieder zu. Die Schöpfungsgeschichte klingt für ihn wie ein Märchen und nicht wie ein Text, der modernen Menschen etwas zu sagen hat. Was könnte ein solcher Skeptiker gewinnen, wenn er weiterliest und sich trotz seiner Vorbehalte auf die Texte einlässt?

Thomas Bänziger: Ganz unabhängig von wissenschaftlichen Schlussfolgerungen hat der Leser es auf den ersten Seiten der Bibel mit wunderbaren Texten zu tun, die uns tiefe theologische Wahrheiten aufschließen. In Genesis 1 lernt der Leser in zwei Dreierreihen kunstvoll angeordnet, wie Gott die Räume All, Wasser-Luft und Erde zum Leben öffnet. Dann bevölkert er diese Lebensräume mit Himmelskörpern, Fischen und Vögel sowie Landtieren.

Dieser kosmologisch tätige Gott kommt uns Menschen in Genesis 2 ganz nahe. Er schafft den Menschen aus kleinesten Teilen („Staub von der Erde“, Vers 7) und haucht ihm seinen Geist ein. Dadurch werden wir zu lebendigen Seelen. Das Zusammengehen von Leib, Seele und Geist macht uns als Menschen aus.

Genesis 3 berichtet dem Leser, dass der Mensch aber in einer gebrochenen Welt lebt: Die Beziehung zu Gott ging in Brüche. Allerdings ist in Genesis 3 auch schon ein Element der Hoffnung vorhanden: Eines Tages wird der verheißene Nachkomme der Frau der Schlange – sprich dem Bösen – den Kopf zertreten. Die Kirchenväter nannten Genesis 3,15 das „Protevangelium“, das „erste Evangelium“. 

Aus den Geschichten am Anfang lässt sich sehr viel Grundlegendes herauslesen. Wir Menschen sind von Gott gewollt, erschaffen – wir sind keine Produkte des Zufalls. Es gibt für jede und jeden einen „Garten“, ein „Feld“, das im Leben zu bewirtschaften ist. Gottes Worte sind schöpfungsmächtig, sein Wort bewirkt auch in unserem Alltag Leben. Ich könnte noch zahlreiche, weitere Punkte anfügen, warum ich die ersten Seiten der Bibel schlicht und einfach genial finde.
 

Hat das Alte Testament ein negatives Bild vom Menschen?

ERF: Nach der Schöpfungsgeschichte kommt der Bericht von Adams und Evas Ungehorsam Gott gegenüber und kurz danach, bei Noah, die Sintflut. In beiden Texten geht es darum, dass Menschen sich von Gott abwenden und dafür die Konsequenzen tragen müssen. Hier wird ein eher düsteres Bild vom Menschen und seinen Fähigkeiten gezeichnet. Hat das Alte Testament grundsätzlich ein negatives Menschenbild und wenn ja, was können wir heute daraus lernen?

Thomas Bänziger: Ich würde andersherum argumentieren: Das positive Menschenbild der Aufklärung hat sich als Trugschluss erwiesen. Ihm folgte kein glorreiches Zeitalter, sondern die globale Katastrophe von zwei Weltkriegen. Das biblische Menschenbild verschließt die Augen nicht vor der Realität der Abgründe in unseren Herzen.

Gleichzeitig bleibt es nicht in einer düstern Prognose verhaftet, sondern weist schon im Alten Testament den Ausweg aus dem Dilemma: Gott wird dem Menschen seine Anweisungen zum Leben ins Herz schreiben. Das menschliche, harte Herz, kann durch Gottes Geist weich und liebesfähig gemacht werden. Damit wird die Realität beschrieben, in der Christen seit dem Neuen Testament leben dürfen. Das Beste an uns ist Christus in uns, „die Hoffnung auf Herrlichkeit“.

Der Weg von einer kaputten zu einer heilen Menschheit führt nicht einfach durch einen Naturzustand wie bei Jean-Jacques Rousseau (1712 -1778), sondern durchs Kreuz. Der Philosoph und Pädagoge Rousseau ging davon aus, dass die Gesellschaft durch eine Rückkehr zur Natur das Gute im Menschen fördern könne. Die Bibel geht dagegen davon aus, dass nur Gott das menschliche Herz heilen kann. Schon das Alte Testament zeigt diese Perspektive auf.
 

Bestraft Gott alle, weil einzelne schuldig werden?

ERF: Bei Adam und Eva hat ihr Fehlverhalten laut Bibeltext sogar Folgen für die gesamte Menschheit. Weil sie Gott ungehorsam waren, haben alle anderen Menschen den direkten Zugang zu Gott ebenfalls verloren. Theologen benutzen dafür den Begriff „Erbsünde“. Eine solche Sippenhaft scheint extrem ungerecht. Wie kann es sein, dass das Fehlverhalten eines Menschen zu einer Verurteilung aller anderen führt?

Thomas Bänziger: Unser Verhalten hat Konsequenzen, das ist eine Realität. Wir können anderen Menschen Schaden zufügen, beispielsweise durch einen Verkehrsunfall. Negative Handlungen beeinflussen selbst kommende Generationen. Aus der modernen Trauma- oder Seelsorgeforschung wissen wir, wie sich destruktive Muster, z. B. Suchtverhalten, oder sogar traumatische Erfahrungen vererben können.

An dieser Stelle muss man einfügen, dass auch unser positives Verhalten Auswirkungen hat. Auch darauf weist die Bibel hin (vgl. Exodus 20,5+6). Und so, wie sich das Fehlverhalten der ersten Menschen auf die gesamte Menschheit auswirkte, so ist Gottes Gnade in Jesus Christus allen Menschen zugänglich (vgl. Römer 5).

Zurück zur Schuldfrage: Was Sie als „Sippenhaft“ bezeichnen, ist nur eine Seite der Medaille. Wir stehen letztlich als Einzelne vor Gott. Die Propheten betonen beispielsweise mit dem bildlichen Vergleich, dass die Kinder keine stumpfen Zähne bekommen sollen, weil die Eltern saure Trauben gegessen haben. Gott wird das Leben jedes Menschen aufgrund seiner oder ihrer Möglichkeiten und des ihm oder ihr gegebenen Potenzials gerecht beurteilen. Diese beiden Wahrheitsaspekte gilt es zusammen zu sehen.

Die Vorstellung, dass sich die Schuld der Vorfahren in der aktuellen Generation auswirken kann, findet sich übrigens auch in den drei großen nachexilischen Bußgebeten (Esra 9, Nehemia 9 und Daniel 9). Die Frage nach der Kollektivschuld ist heute noch aktuell, besonders nach den Geschehnissen im dritten Reich.

Ich kann mich erinnern, wie wir uns als Pfarrpersonen der verschiedenen Landes- und Freikirchen einer Grenzregion in der Schweiz gemeinsam zum nahe gelegenen jüdischen Museum begaben und gemeinsam das Stuttgarter Schuldbekenntnis sprachen – für das Wegschauen unserer Dörfer und Kirchgemeinden. Wir waren uns sehr bewusst, dass die eigentliche Schuldfrage die Generation vor uns betraf. Dennoch wirkt sich das Ignorieren und Verdrängen von Schuld auf nachfolgende Generationen aus.
 

Warum verlangt Gott Opfer?

ERF: Weiter geht es in den alttestamentlichen Geschichten mit Abraham. Gott fordert den Stammvater des Volkes Israel dazu auf, seinen eigenen Sohn zu opfern. Auch wenn es durch Gottes Eingreifen nicht dazu kommt, ist das schwer verdaulich. Später verlangt Gott von den Israeliten, dass sie zur Vergebung für ihre Schuld im Gottesdienst regelmäßig Tiere opfern. Das hört sich nach einem sehr archaischen, blutrünstigem Gottesbild an. Wieso spielt der Gedanke des Opfers im Alten Testament eine so zentrale Rolle und wie können wir das so ins Heute übertragen, dass es verständlicher wird?

Thomas Bänziger: Die Entfremdung zwischen Gott und Mensch muss durch ein Opfer gesühnt werden. Das Zentrum der fünf Bücher Mose, die das Kernstück der hebräischen Bibel, die so genannte Thora bilden, ist der Jom Kippur, der große Versöhnungstag. Er wird in 3. Mose 16 beschrieben, mitten im mittleren der fünf Mosebücher. An diesem Feiertag geht es um die Entsühnung Israels, wenn einmal im Jahr der Hohepriester das Allerheiligtum betreten darf.

1. Mose 22 stellt diesbezüglich einen Schlüssel zum Verständnis dar: Abraham soll auf dem Berg Morija (das heutige Jerusalem!) seinen Sohn Isaak opfern. Sie erreichen den Ort am dritten Tag. Beim Weg auf den Berg trägt Isaak das Holz, Abraham legt es auf ihn. Isaak frag, wo das Schaf für das Brandopfer ist. Am Ende wird nur ein Widder, der sich in der Hecke verfangen hat, gefunden. Wo ist aber das Lamm? Die Frage Isaaks wird erst in Exodus, also im 2.Buch Mose, aufgegriffen: Das Passalamm ermöglicht dem ganzen Volk den Auszug aus der Sklaverei, die Bewahrung vor dem Todesengel.

Beide alttestamentliche Geschichten offenbaren eine tiefe Symbolik. Denn das Neue Testament berichtet später, dass Jesus außerhalb von Jerusalem stirbt, damit wir vom Tod bewahrt bleiben. Das geschieht nicht von ungefähr am Passafest. Gott lädt seinem eigenen Sohn das Holz, das Kreuz auf, damit er als Opfer stirbt. Am dritten Tag ist auch Jesus Christus zum Leben zurückgekehrt.

Letztlich muss Isaak, der Sohn Abrahams, gerade nicht sterben, weil Gott, der himmlische Vater, schon damals einen anderen Weg zur Sühne der Sünden und zur Versöhnung zwischen den Menschen und ihm im Blick hat. Gott investiert sich selbst und verschont seinen eigenen Sohn um unseretwillen nicht (vgl. Römer 8,32).  

In Jesaja 53 wird das Evangelium in drei kurzen hebräischen Worten ausgedrückt: „Die Strafe“ „zu unserem Frieden“ [liegt] „auf ihm“ (Vers 5). Das Opfer zur Versöhnung zwischen Gott und Mensch spielt also nicht nur im Alten Testament, sondern auch im Neuen Testament, im Kreuz, die zentrale Rolle.
 

Warum ordnet Gott heftige Strafen für die Missachtung seiner Gebote an?

ERF: Wer sich im Volk Israel nicht an die Gesetze hält, die Gott gegeben hat, muss mit drakonischen Strafen rechnen, zum Beispiel bei Ehebruch, Okkultismus oder schwerem Ungehorsam gegenüber den Eltern. Das klingt nach einer schwarzen Pädagogik, die mit Gewalt und Einschüchterung arbeitet, um den Menschen gefügig zu halten. Warum ordnet Gott solche heftigen Strafen an? Und wurden solche Strafen konsequent umgesetzt?

Thomas Bänziger: Über die Umsetzung kann ich nichts sagen. Die vorliegenden Gesetzestexte wurden sehr präzise formuliert. Die Androhung an einen Mörder, dass auch sein Blut vergossen werden wird, wird mit der Gottebenbildlichkeit begründet (1. Mose 9,5). Wir Menschen haben nicht das Recht, menschliches Leben zu zerstören. 2. Mose 21,12 besagt, dass ein Mörder „des Todes sterben muss,“ ohne auszuführen, wie das geschehen soll. Das Todesurteil darf nur auf die Zeugenaussage von mindestens „zwei oder drei Männern“ hin verhängt werden. Einem Missbrauch des Gesetzes wird möglichst vorgebeugt.

Im fünften Buch Mose ist von der Steinigung wegen Götzendienst die Rede. Dabei ist interessant, dass es keine Henker gibt, sondern dass das Volk als Kollektiv die Strafe ausführen muss. Diese kurzen Streiflichter zeigen einen behutsamen Umgang mit Strafe. Auch unsere Rechtsprechung ahndet Mord, Diebstahl usw. Darin ist die atl. Rechtsprechung sogar äußerst aktuell (siehe unten).

Dennoch stehen die Anordnungen für uns heutige Leser sperrig im Text. Die Strafbestimmungen für schwere Sünden in 3. Mose 20 folgen auf die Definition von Heiligkeit im vorangehenden Kapitel. Anteil an Gottes Heiligkeit zu haben, bringt Konsequenzen nach sich. Im Prinzip führen uns diese schroffen Gesetze einen Spiegel vor Augen, welche Folgen unser Handeln aus Gottes Sicht nach sich zieht.

Gott sei Dank hat Jesus Christus die Konsequenzen für unser Scheitern und unser Versagen getragen. Aus diesem Grund kann Jesus die Ehebrecherin vor der drohenden Steinigung retten (Johannes 8,2-11). Er hat für jedes moralische Fehlverhalten bezahlt, bei ihm gibt es Vergebung.
 

Warum löscht Gott ganze Völker aus?

ERF: Der Gott des Alten Testamentes scheint ein sehr ungnädiger richtender Gott zu sein: Die kanaanäischen Völker sollen als Strafe für Grenzüberschreitungen von den Israeliten ausgelöscht werden. Das sind schwer erträgliche Vorstellungen.

Thomas Bänziger: Es ist für uns heute schwierig, uns vorzustellen, dass die „Sünde“ in einem Land in einem Maß „voll“ sein kann und die Bevölkerung ausgelöscht werden soll, wie es 1. Mose 14,16 beschreibt. Zu den grauenhaften Praktiken dieser Völker gehört die Tatsache, dass sie „ihre Kinder durchs Feuer gehen“ ließen (vgl. dazu 1. Könige 16,3). Diese Kinderopferstätten, „Tofet“ genannt, waren in Gottes Augen Gräueltaten: Es durfte nicht sein, dass eine Kultur ihre eigenen Kinder zum Opfer darbrachte.

Persönlich glaube ich, dass für die Kanaaniter die Möglichkeit zur Umkehr und Veränderung bestanden hätte. Die Texte legen diese Möglichkeit nahe: Sowohl Rahab als auch die Gibeoniter werden verschont, letztere trotz ihrer List, siehe Josua 9. Israel hat 38 Jahren in der Nähe von Jericho gelebt, das Volk Israel musste die Stadt vor der Eroberung mehrere Tage umwandern. Obwohl die Kanaaniter vom Gott Israels wussten und gesehen haben, wie er gehandelt hat, haben sie ihn nicht als Gott anerkannt.

Die Aufforderung zum Völkermord ist für uns unverständlich. Dennoch geschah er nicht, weil Gott etwas „gegen“ die Kanaanäer hatte. Als der „Herr der Heerschaaren“ Josua vor der Schlacht begegnet und Josua ihn fragt, ob er zu ihnen oder zu den Feinden gehöre, antwortet dieser seltsamerweise mit „Nein“ (Josua 5,14).

Gottes Heilshandeln hat letztlich alle Nationen im Blick und lässt sich nicht auf ein „für oder gegen jemanden“ begrenzen. Es geht auch bei der Landnahme um die Heilsgeschichte des Messias, der für alle Menschen kommt.

Aus diesem Grund ist es auch unmöglich, anhand der kriegerischen Landnahme eine Legitimation für einen „Heiligen Krieg“ zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort abzuleiten. Es war eine einzigartige Situation, in welcher Gott seinem Volk das seit Abraham verheißene Land zuteilte. 
 

Was bedeutet „Auge um Auge“?

ERF: Sprichwörtlich geworden für die alttestamentliche Gesetzgebung ist die Aussage „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Dabei sollte dieses Prinzip eigentlich für Gerechtigkeit sorgen. Warum wird es stattdessen als Legitimation des Rachegedankens verstanden?

Thomas Bänziger: Das sogenannte „Talionsgesetz“ finden wir auch im babylonischen Kodex Hammurabi aus dem 18. Jahrhundert vor Christus mit der Formulierung: „Wenn ein Bürger ein Auge eines anderen Bürgers zerstört, so soll man ihm ein Auge zerstören“ (§196). Der Unterschied zum Alten Testament ist offensichtlich: Im Alten Babylon ist nur der „Bürger“ geschützt. Das Auge eines Palasthörigen kann mit einer Mine Silber ausgelöst werden (§198), das eines Sklaven gar mit der Hälfte seines Kaufpreises (§199).

Die Talio (= Ausgleich) Hammurabis gilt nur für Menschen erster Klasse: Wer es wagt, einen freien Vollbürger zu verletzten, wird mit der gleichen Verletzung bestraft. Wer Abhängige oder Sklaven verletzt, kann sich mit Ersatzleistungen schadlos halten.

Vor diesem Hintergrund lassen sich die alttestamentlichen Regelungen als „Demokratisierung“ begreifen (Frank Crüsemann). Die Talio, der Ausgleich für begangenes Unrecht, wird auf alle Menschen gleich angewendet. Das Klassenrecht Hammurabis wird überwunden. Damit ist das Alte Testament absolut revolutionär.

Zusammenfassend kann man sagen: Das Talionsrecht „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ schützt eine Gesellschaft vor hassgesteuerter, überbordender Rache. Es darf nicht über das geschehene Unrecht hinaus Wiedergutmachung eigefordert werden. Einer blutrünstigen Sippenrache wird der Riegel geschoben. Mit der Forderung nach einer gerechten Strafe entspricht das Talionsgesetz unserer heutigen Rechtsprechung.
 

Sind Frauen im Alten Testament weniger wert?

ERF: Die Gesetze, die Gott dem Volk Israel gegeben hat, scheinen typisch für eine patriarchalische Kultur zu sein. Frauen kommen dabei nicht gut weg. Eine Frau gilt nach der Geburt eines Mädchens beispielsweise doppelt so lange als kultisch unrein, wie nach der Geburt eines Jungen. Ist der Gott des Alten Testamentes ein Macho, oder hat ihn zumindest die Auslegung der Texte irrtümlicherweise zu einem solchen gemacht?

Thomas Bänziger: Die Anweisung für Wöchnerinnen mit der längeren Zeit der Unreinheit nach der Geburt eines Mädchens in Levitikus 12 ist tatsächlich interessant. Im rabbinischen Verständnis wird das aber nicht etwa negativ gedeutet. Rabbiner Samson Raphael Hirsch erklärt dies beispielsweise dahingehend, dass der Mutter so im doppelten Maß der Ernst der moralischen Erziehung für ihre Tochter bewusst werden soll.

Das ergibt Sinn, wenn man davon ausgeht, dass die Mütter bei der Erziehung der Töchter einen wesentlich größeren Spielraum hatten als bei den Söhnen. Bei Jungen übernahmen der Vater oder männliche Verwandte ab einem gewissen Alter den Hauptanteil der Erziehung.

Dennoch wirft die Aussage aus 1. Mose 3 seine Schatten auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau: Das Herrschen des Mannes über die Frau ist eine Folge der Entfremdung von Gott und Mensch. Jesus Christus nimmt alle Konsequenzen dieser Entfremdung auf sich. Damit hebt er auch die unterschiedliche Gewichtung von Mann und Frau auf, die im Alten Testament durchaus vorkommt.

Das Neue Testament eröffnet eine Perspektive für ein Miteinander der Geschlechter auf Augenhöhe, so wie die Frau als „Gegenüber“ des Mannes geschaffen wurde. Das ist ein weites Feld, das hier in aller Kürze nur gestreift werden kann.

Insgesamt kommen Frauen aber auch im Alten Testament sehr wohl gut weg. Denken wir an die Geschichten der Moabiterin Rut, an Hanna, die Mutter Samuels oder an Königin Ester! Der Leser findet in den alttestamentlichen Texten Frauen, die hohe Positionen bekleiden, wie die Prophetin Hulda oder Deborah, die als Richterin das höchste Amt im Volk Israel überhaupt innehatte.

ERF: Vielen Dank für das Gespräch!

Zum zweiten Teil des Interviews
 

Thomas Bänziger (Foto: Stiftung Schleife)
Thomas Bänziger (Foto: Stiftung Schleife)

Zur Person: Thomas Bänziger hat über das alttestamentliche Buch Esra-Nehemia promoviert und darüber verschiedene Bücher publiziert. Im Fachbereich Altes Testament unterrichtet er als Gastdozent am Institut für gemeindeorientierte Weiterbildung IGW in Zürich und an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule STH in Basel. Außerdem produziert er zusammen mit seiner Frau Katharina Bänziger im Rahmen ihrer Arbeit für die Stiftung Schleife mehrere Podcasts zu biblischen Themen, aktuell beispielsweise den "Bibeltalk". Mehr Infos dazu finden Sie auf dem YouTube Kanal der Stiftung Schleife.
 

 Hanna Willhelm

Hanna Willhelm

  |  Redakteurin

Hanna Willhelm ist Theologin und Redakteurin im Bereich Radio und Online. Sie ist fasziniert von der Tiefe biblischer Texte und ihrer Relevanz für den Alltag. Zusammen mit ihrer Familie lebt die gebürtige Badenerin heute in Wetzlar und hat dabei entdeckt, dass auch Mittelhessen ein schönes Fleckchen Erde ist.

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Kommentare (1)

Lorenz K. /

mehr als hilfreich dieser "Kommentar", ganz neue Erkenntnisse und Einsichten, DANKE.

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