Sie gilt als „Schmuddelkind“ der Parteienlandschaft: die AfD. Keine andere Partei will mit ihr koalieren, kein etablierter Verband sich öffentlich mit ihr zeigen. Auch die Kirchen gehen auf Distanz. Doch das „Schmuddelkind-Image“ scheint ihr nicht zu schaden: Nach dem neuesten Wahltrend liegt die AfD bundesweit vorn.
Wie kirchenfeindlich ist die AfD und wie sollen Kirchen und Gemeinden mit ihr in Zukunft umgehen? Wir haben nachgefragt – in Bischofskanzleien und Pfarrhäusern, in einem Workshop für „Friedensreiter“ und bei der Evangelischen Allianz in Deutschland.
Sachsen-Anhalt könnte zum Präzedenzfall werden: Im September stehen Landtagswahlen an und zurzeit belegt die AfD in Wahlumfragen den Spitzenplatz weit vor der CDU. Wird Sachsen-Anhalt das erste Bundesland mit einem AfD-Ministerpräsidenten?
Dann dürfte der Wind um die Kirchtürme rauer werden: Direkt in der Präambel des AfD-Regierungsprogramms werden die beiden großen Kirchen als „Kirchensteuerkirchen“ bezeichnet, die sich „vielfach vom christlichen Auftrag entfernt“ hätten. Deshalb, so weiter, könnten sie keine „Sonderstellung durch Kirchensteuereinzug und Staatsleistungen beanspruchen“. Zudem fordert die AfD in Sachsen-Anhalt die Kontrolle über kirchliche Finanzen: Kirchen sollen in Zukunft Rechenschaft über ihren Haushalt ablegen.
Klarer Gegenwind aus den Kirchen
„Die AfD ist kirchenfeindlich“, sagt Friedrich Kramer, Landesbischof der Ev. Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und EKD-Friedensbeauftragter. Er gilt seit Jahren als exponierter Kritiker der AfD. Die AfD wiederum fühlt sich gemobbt von den Kirchen und teilt nun – im Wahlumfragen-Hoch in Sachsen-Anhalt – kräftig gegen sie aus.
Ist es taktisch klug, sich als Landesbischof so offen gegen die AfD zu positionieren? „Die Kritik an der AfD ist für uns als Kirche keine taktische Frage“, erklärt Kramer. Das gesamte Programm der AfD Sachsen-Anhalt sei „völkisch-national ausgeprägt“ und kollidiere in vielen Bereichen mit dem christlichen Menschenbild, so seine Einschätzung.
Doch nicht nur Friedrich Kramer warnt vor der AfD, auch der katholische Bischof Gerhard Feige vom Bistum Magdeburg und Kirchenpräsident Karsten Wolkenhauer von der Ev. Landeskirche Anhalts kritisieren in einer Pressemitteilung das Wahlprogramm als „einen Angriff auf den sozialen Frieden im Land“. Das Programm setze auf „Abwertung und Ausgrenzung“, es schüre „Angst vor Veränderung“ und mache den Rechtsstaat „verächtlich“.
Die AfD: Längst kein ostdeutsches Phänomen mehr
Fest steht: Seit dem Erstarken der AfD ist Kirche so politisch wie seit der Friedlichen Revolution nicht mehr.
Schon im Wahljahr 2024 sprachen sich alle evangelischen und katholischen Bischöfe der östlichen Bundesländer offen gegen die Wahl der AfD aus. Sie starteten Kampagnen, tourten durchs Land, suchten das Gespräch – mit mäßigem Erfolg: In Thüringen zog die AfD als Wahlsieger mit 32 Prozent in den Landtag ein, in Sachsen und Brandenburg wurde sie zweitstärkste Kraft knapp hinter CDU (Sachsen) und SPD (Brandenburg).
Lange galten die Wahlerfolge der AfD als ein typisch ostdeutsches Phänomen, doch längst hat die Partei auch im Westen ihren Lauf: Bei den Kommunalwahlen im März in Bayern verdreifachte sie fast ihr Ergebnis auf 12,2 Prozent, in Rheinland-Pfalz zieht sie in den Landtag ein – als drittstärkste Kraft mit knapp 20 Prozent.
Auch dort hatten leitende Geistliche wie die pfälzische Kirchenpräsidenten Dorothee Wüst oder Speyers Bischof Karl-Heinz Wiesemann erklärt: „Die AfD ist für Christen nicht wählbar.“ Was offenbar kaum Wirkung erzielte: In Rheinland-Pfalz machten nach einer Umfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea 20 Prozent der Protestanten und 17 Prozent der Katholiken ihr Kreuz bei der AfD.
„Was habe ich meinem Bürgermeister angetan?“
Bisher arbeitet die AfD vorwiegend in der Opposition, auch auf lokaler Ebene – so gibt es z.B. in Sachsen nur drei Städte (Stand Mai 2026), die von AfD-Bürgermeistern regiert werden: Altenberg, Pirna (wobei Oberbürgermeister Tim Lochner parteilos ist, aber als Kandidat der AfD zur Wahl antrat) und Großschirma. Dort führt seit 2024 der AfD-Politiker Rolf Weigand die Geschicke der Stadt. Er wurde mit mehr als 80 Prozent der Stimmen gewählt.
Nur wenige Gehminuten vom Großschirmaer Rathaus entfernt lebt Pfarrer Justus Geilhufe mit seiner Familie im Pfarrhaus. Geilhufe ist bundesweit bekannt als „Ost-Influencer“ und Podcaster. Geilhufe ist ein fröhlicher Typ mit Humor, doch fragt man ihn nach seinem Bürgermeister, kommt ein anderer Ton zum Tragen.
Besorgt sagt der junge Pfarrer: „Herr Dr. Weigand ist sehr öffentlichkeitswirksam aus der Kirche ausgetreten.“ Geilhufe betont, dass dies sein gutes Recht sei, aber er selbst habe dies als öffentlichen Akt wahrgenommen, der „Aufmerksamkeit und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Nachahmung nach sich zieht.“ Justus Geilhufe stellt sich die Frage, ob Weigand damit die Kirchengemeinde vor Ort schwächen wolle. „Die derzeitigen Entwicklungen in Sachsen-Anhalt erhärten diesen Verdacht“, so der Pfarrer.
Die ev.-luth. Kirchgemeinde Großschirma, in der Geilhufe als Pfarrer tätig ist, ist lebendig: Es gibt eine offene Kinderkirche und Pilgerwanderungen, einen Seniorenkreis, Kirchenkaffee und Gottesdienste mit „einer streng auf Christus ausgerichteten Predigt“. In manchen Jahren zählt die Gemeinde sogar mehr Taufen als Beerdigungen. „Was ist daran falsch?“, fragt Justus Geilhufe, „Was habe ich meinem Bürgermeister denn angetan?“
„AfDler sind Menschen wie du und ich“
Ganz freiwillig setzt sich Pfarrer Frank Hiddemann aus Gera mit AfD-Politikern auseinander. Er leitet die Ökumenische Akademie Ostthüringen und organisiert seit Jahren Podiumsdiskussionen in Kirchen und Gemeindehäusern, an denen auch Vertreter der AfD beteiligt sind. Sogar der skandalumwitterte AfD-Bundestagsabgeordneter Stephan Brandner war schon sein Gast.
„AfDler sind Menschen wie du und ich. Sie haben nur eine andere politische Einstellung“, sagt Frank Hiddemann. Viel Kritik insbesondere aus den eigenen kirchlichen Reihen hat Hiddemann für diese Formate geerntet, doch „die sachliche Auseinandersetzung … hatte durchaus positive Auswirkungen auf beide Seiten“, so der Pfarrer.
Vor acht Jahren startete Hiddemann die Diskussions-Reihe „Politikfelder der AfD“ und organisierte 2024 während des Thüringer Landtagswahlkampfes in den Kirchenkreisen Podiumsdiskussionen mit Kandidaten aller Parteien. „In der Regel erweist sich die AfD als schwach, wenn es in die Konkretion geht“, schreibt Hiddemann auf der Webseite seiner Akademie.
In der Diskussion zeige sich, „dass rechtspopulistische Thesen ihre Durchschlagkraft verlieren, sobald sie auf praktische Bewährung geprüft werden.“
Klare Grenzen für kirchliche Leitungsämter
Doch das Willkommen für AfD-Funktionäre in evangelischen Kirchen und Gemeindehäusern hat Grenzen, zumindest in der Ev. Kirche in Mitteldeutschland und in der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz: Dort dürfen AfD-Parteimitglieder nicht zum Leitungsteam einer Kirchengemeinde gehören.
Diese Regelung habe laut Landesbischof Kramer zu einer breiten Diskussion „von den Gemeindekirchenräten bis in die Landessynode“ geführt. Von Verwerfungen habe das Landeskirchenamt aber keine Kenntnis.
Nun könnte die AfD in Sachsen-Anhalt im Herbst in Regierungsverantwortung kommen. „Gerade um der Minderheiten willen darf es keinen Wahlsieg der AfD geben“, ist Kramer überzeugt. In der Politik der AfD sieht er eine „Zerstörung christlicher Werte“. Gleichzeitig weiß er, dass gerade Menschen aus dem christlich-konservativem Spektrum bei verschiedenen Themen ihre Hoffnungen auf die AfD setzen – etwa bei Genderthemen, Abtreibungs- oder Familienfragen.
Kann ein Christ die AfD wählen?
Kann ein Christ die AfD wählen? Anders als viele leitende Bischöfinnen und Bischöfe aus der evangelischen und katholischen Kirche hat die Evangelische Allianz in Deutschland (EAD) sich noch nicht explizit zu dieser Frage geäußert.
Trotz anstehender Landtagswahlen soll sich das auch in diesem Jahr nicht ändern, sagt Dr. Johann Matthies, er ist Politischer Beauftragter der Evangelischen Allianz:
Weil wir die mündige Entscheidung eines jeden Wählers respektieren, agieren wir nicht mit Verurteilungen, Verboten und Regeln, die eine bestimmte politische Richtung vorgeben, sondern konzentrieren uns darauf, Orientierung zu bieten.
Doch Matthies weist daraufhin, dass es „eine fehlende inhaltliche Übereinstimmung“ mit der AfD gebe, das würde „mehr als deutlich“ ersichtlich in EAD-Stellungnahmen zu Themen wie Migration, Völkisches Denken, Extremismus und dem Umgang miteinander.
Klare Absage der EAD an Finanzkontrolle der Kirchen
Zur Evangelischen Allianz zählen sich neben Zugehörigen der evangelischen Landeskirchen auch Christinnen und Christen aus vielen Freikirchen. Den Freikirchen gegenüber tritt die AfD wohlgesonnen auf. So will in Sachsen-Anhalt der AfD-Landesverband laut „Regierungsprogramm“ Freikirchen fördern, indem Staatsleistungen, die von den Bundesländern an die beiden großen Kirchen gezahlt werden, proportional zur Mitgliederzahl auch Freikirchen zukommen sollen. Diese Staatsleistungen sind Entschädigungszahlungen für Enteignungen der beiden großen Kirchen im 19. Jahrhundert.
Wie steht die EAD zu diesem Vorhaben? Zwar setze sich die EAD für „eine staatliche Gleichbehandlung aller Kirchen in Deutschland“ ein, so Johann Matthies, doch „die besondere Geschichte der beiden großen Landeskirchen und ihre Subsidiaritätsleistungen für unseren Staat“ müsse hier berücksichtigt werden.
Auch das von der AfD in Sachsen-Anhalt im Wahlprogramm vorgeschlagene Haushalts-Kontrollsystem lehnt die EAD entschieden ab: „Eine staatliche Förderung von Glaubensgemeinschaften darf … weder politisch bestimmt noch kontrolliert oder an engmaschige Bedingungen geknüpft werden, wie sie etwa von der AfD vorgeschlagen werden. Insbesondere lehnen wir eine Verpflichtung ab, über die Verwendung der Mittel politische Rechenschaft ablegen zu müssen“, so der Politische Beauftragte der EAD, Johann Matthies.
„Die AfD steht außerhalb der Grundlagen des Grundgesetzes“
Doch während die Kirchen Mitglieder verlieren, gewinnt die AfD an Wählergunst. Die Einstufungen der Landesämter für Verfassungsschutz scheinen dabei keine Rolle zu spielen.
Immerhin gelten fünf AfD-Landesverbände als gesichert rechtsextrem: in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Niedersachen, Thüringen und in Brandenburg. In Rheinland-Pfalz und im Saarland klagt die Partei gegen diese Bezeichnung und wird bis zu einer gerichtlichen Entscheidung als Verdachtsfall geführt – so wie der Bundesverband der AfD.
Die AfD steht „außerhalb der Grundlagen des Grundgesetzes“, sagte die EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs vor der Synode der EKD im November 2025. Und der bayrische Landesbischof Christian Kopp sieht in der AfD eine „demokratie- und menschenfeindliche“ Partei. Indirekt warnte Kopp mit diesen Worten im März im Münchner Presseclub davor, im Wahljahr 2026 sein Kreuz bei der AfD zu setzen.
Auch die AfD teilt gegen die EKD aus: Schon im Jahr 2019 hatten mehrere AfD-Landesfraktionen in einem Positionspapier mit dem Titel „Eine unheilige Allianz“ der EKD vorgeworfen, sich dem Zeitgeist anzubiedern und die AfD auszugrenzen. So wettert auch die religionspolitische Sprecherin der AfD-Bundestagsfraktion Nicole Höchst gegen die Kirchen. Zuletzt bezeichnete sie die EKD als „linksgrüne Vorfeldorganisation“ und forderte ein Ende der Staatsleistungen. Jüngst hat dazu die AfD eine erneute Gesetzesinitiative gestartet.
„Friedensreiter“ sollen Polarisierung entgegenwirken
Das Thema „Kirchen und Glauben“ spielte allerdings im Bundestagswahlprogramm der AfD 2025 so gut wie keine Rolle: Die Worte „christlich“ und „Christentum“ kommen jeweils nur ein einziges Mal vor. Und trotzdem: Die Polarisierung zum Thema AfD macht auch unter Christen nicht Halt. Landesbischöfe und andere leitende Geistliche wissen: Auch in den Kirchenbänken sitzen AfD-Wähler.
Gegen die Polarisierung in Kirchen, Gemeinden, Vereinen, auf Dörfern und in der Stadtgesellschaft schickt der Geraer Pfarrer Frank Hiddemann jetzt „Friedensreiter“ ins Rennen. Die Idee stammt aus dem 30-jährigen Krieg. Damals galoppierten Friedensreiter zwischen Münster und Osnabrück und informierten über den Stand der Friedensverhandlungen.
Solche Reiter sind auch heute wieder vonnöten, ist Hiddemann überzeugt:
Wer um die liberale Demokratie fürchtet, muss auch heute verfeindete Lager in Kontakt bringen.
So bildet die Ökumenische Akademie Ostthüringen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt in drei Wochenendseminaren zertifizierte Friedensreiter aus. Friedensreiter sollen „Haltungssicherheit zeigen“, „in die Kontroverse gehen“ und „sachliche Debatten führen“, so die offizielle Beschreibung.
„Kirchengemeinden sollten Orte der Verständigung sein“
Für Austausch und Auseinandersetzung setzt sich auch Kirchenpräsident Karsten Wolkenhauer ein: „Bei uns ist jeder willkommen, egal was er wählt.“ Seit gut einem Jahr steht er der Ev. Landeskirche Anhalts vor. Erfahrung in der Steuerung von Versöhnungsprozessen hat Wolkenhauer in der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland gesammelt.
Seine Erfahrungen will er jetzt in Sachsen-Anhalt einbringen. Er ist überzeugt:
Solange wir uns offen unsere Meinung sagen, über unsere Ängste und Hoffnungen sprechen, so lange kann das nur ein gutes Gespräch sein. Schwierig wird es erst, wenn das Gespräch aufhört.
Sein Wunsch: „Kirchengemeinden sollten Orte der Verständigung und Begegnung sein, Orte der Heilung, Orte des Gebets.“
„Ich bete für alle, die Verantwortung tragen“
Auf Gebet setzt auch Pfarrer Justus Geilhufe im sächsischen Großschirma. Er spürt die Haltung seines AfD-Bürgermeisters, „aber ich bete für alle, die Verantwortung tragen und auch für die, die uns das Leben schwer machen“, so der junge Pfarrer.
Rückzug ist für ihn keine Alternative: „Wir müssen Zeugnis von der göttlichen Wahrheit ablegen und vor Ort uns wehren und aufrecht bleiben.“ Geilhufe geht davon aus, dass dort, wo die AfD Regierungsverantwortung trägt, viele „bald schwer enttäuscht“ sein werden. „Diese Enttäuschung zu teilen und ohne Häme zu trösten, das ist auch das, was in den nächsten Jahren zu tun ist,“ sagt er.
Mit AfD-Wahlprogramm auseinandersetzen, bevor man wählt
Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Wird die AfD es schaffen, in Regierungsverantwortung zu kommen? EKM-Landesbischof Friedrich Kramer ermutigt Christinnen und Christen, „sich mit den Kernaussagen des AfD-Wahlprogramms auseinanderzusetzen.“
Auch die Landessynode der EKM rief Ende April die Gemeinden dazu auf, „sich intensiv damit zu beschäftigen, was wäre, wenn populistische und rechtsextreme Parteien in Regierungsverantwortung kommen würden.“ Gemeinsam mit der Diakonie Mitteldeutschland hat sie dazu eine Broschüre herausgebracht mit dem Titel „Was wäre, wenn? Sozialpolitik: Positionen der AfD und der Diakonie im Vergleich“.
An der Basis spricht sich Landesbischof Friedrich Kramer ausdrücklich für offene Debatten und Diskussionen zwischen Andersdenkenden aus, auf kirchlicher Leitungsebene gibt es bisher keine offiziellen Gespräche mit AfD-Funktionären. Wird sich das ändern? „Überlegungen gibt es, wie zu reagieren und zu handeln ist, sollte die AfD in Regierungsverantwortung kommen“, so der Landesbischof, „aber das ist zum jetzigen Zeitpunkt nichts für öffentliche Mitteilungen.“
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