/ Bibel heute
Gottes Geschenke achten
Der Bibeltext Hebräer 12,12-17 – ausgelegt von Damaris Hecker.
Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie und tut sichere Schritte mit euren Füßen, dass nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde. Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird,[...]
Bitterkeit und ihre Wurzeln
Kennen Sie Bitterkeit? Wie würden Sie diesen Zustand beschreiben? Das fällt schwer. Es fühlt sich an wie ein Knäuel verschiedener Stränge in der Gedanken- und Gefühlswelt, die kaum zu entwirren sind. Das sind Gefühle von Ohnmacht, Schmerz, Enttäuschung und Frustration.
Die bittere Wurzel ist ein Sinnbild aus dem Land- und Gartenbau. Fachkräfte kennen das Unkraut-Problem: Die Wurzel einer Pflanze kann größere Ausmaße haben als ihr sichtbares Erscheinungsbild. Wachstum steht hier für einen Prozess, der schleichend abläuft und sich unserer Wahrnehmung entzieht. Relativ kurzfristig entsteht großer Schaden. Wurzeln von Unkraut können in einer Kultur den benachbarten Pflanzen sämtliche Nährstoffe entziehen. Damit wird einer gesunden Gruppe von Pflanzen die Lebensgrundlage genommen. Ein ähnliches Phänomen gibt es im innerseelischen Bereich. Der Schreiber des Briefes an die Hebräer mahnt zur Aufmerksamkeit. Da kann in der Gemeinschaft etwas aufwachsen und Raum gewinnen, was viele Gläubige schädigt und unrein macht. Ein Dilemma. Dagegen steht das Stichwort Gnade. Gnade ist die einfache, aber umfassende Lösung für ein komplexes Problem.
Gnade – angenommen oder versäumt
Ich zitiere Paulus: „Sie sind allzumal Sünder und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist."
Gnade jedoch kann versäumt werden. Ein Beispiel aus der Geschichte Israels veranschaulicht das Risiko: Esau verkauft für eine einzige Mahlzeit sein Erstgeburtsrecht. Während der Epoche der Urväter ist das Gnadenangebot Gottes ein Bundesschluss mit Abraham. Der Segen Gottes wird jeweils vom Vater an den Erstgeborenen weitervererbt. Esau als der Älteste hat dieses Erstgeburtsrecht. Esau will jedoch sein Hungergefühl für einen kurzen Moment befriedigen und tauscht sein Erstgeburtsrecht gegen eine Linsensuppe. Der augenblickliche Glücksmoment ist ihm mehr wert als der nachhaltige Segen Gottes. Später bereut er das und kann es nicht mehr rückgängig machen. Er verschleudert sein Erbe auf naive Weise. Damit zeigt er Verachtung für das Gnadenangebot Gottes. Deshalb wird er hier als Gottloser bezeichnet.
Die Empfänger des Briefes sind gewarnt: Versäumnisse haben Konsequenzen.
Der Schöpfer gewährt seinen Geschöpfen Gnade. Gnade kann nur angenommen, aber nicht verdient werden.
Dietrich Bonhoeffer spricht von billiger und teurer Gnade in diesem Zusammenhang.
Das Gnadenmittel ist ein sehr teures: das vergossene Blut bei der Kreuzigung kostet Jesus das Leben.
Jesus ist das Sühneopfer für die Sünden der Menschheit. Jesus bezahlt einen hohen Preis für die Erlösung von dem Bösen.
Jesus als Priester und Mittler
Jesus erfüllt alle Sühnerituale des Judentums zur Reinigung und Heiligung und löst sie als vergangenen Weg ab. Seit Jesus sind Opferrituale nicht mehr zeitgemäß. Sie sind ersetzt durch das Gebet der Gläubigen. Jeder Gläubige kann im Geist vor den Thron Gottes treten. Jesus ist der Priester, der Vermittler. Die Begegnung mit dem heiligen Gott ist jedoch ohne Heiligung auch heute nicht möglich.
Deshalb die Mahnung an die Christen damals: „Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird, und seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume …"
In dieser Gefahr befinden sich die Briefempfänger. Die ersten Christen sind häufig unter Druck, müssen viel dulden im Umfeld traditionell gelebter Frömmigkeit. Zwänge der jüdischen Religion tragen ungesunde Früchte. Das ist der beste Nährboden für Bitterkeit. Die Urgemeinde teilt das Schicksal von Jesus, der gesagt hat: „Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen." Das macht ihn wiederum zum Vorbild im Leiden.
Er ist der wahre Priester, der mitleiden kann mit der Schwachheit der Gläubigen. Er hat Empathie für Gelähmte und Strauchelnde. Christen haben einen Fürsprecher an höchster Stelle. Sie stehen nicht allein in ihrer Ohnmacht. Jesus lässt seine Kinder nicht allein in einer gefallenen Welt zurück. Der dreieinige Gott durchbricht menschliche Isolation durch den innewohnenden Tröster, den Heiligen Geist.
Verankerung im Heiligtum – Gnade als Fundament
Jesus ist seit der Himmelfahrt der erste Mensch im wahren Heiligtum. Alle erlösten Menschen können ihm nachfolgen: Der trennende Vorhang zum Allerheiligsten ist zerrissen. Der Weg zu Gott ist gebahnt. Wir jedoch erleben das nur, wenn wir diesen Weg im Gebet beschreiten und die Gnade in Anspruch nehmen. Christen sind verankert im unerschütterlichen Heiligtum. Das ist die Basis für sichere Glaubensschritte in einer erschütterten Welt. Sie haben eine Würde, die ihnen kein Mensch nehmen kann. Das ist möglich durch Gnade. Das sollte im höchsten Interesse für uns alle sein.
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