/ Bibel heute
Belastbarer Glaube
Der Bibeltext Hebräer 11,32-40 – ausgelegt von Jan-Peter Graap.
Und was soll ich noch mehr sagen? Die Zeit würde mir zu kurz, wenn ich erzählen sollte von Gideon und Barak und Simson und Jeftah und David und Samuel und den Propheten. Diese haben durch den Glauben Königreiche bezwungen, Gerechtigkeit geübt, Verheißungen erlangt, Löwen den Rachen gestopft, des Feuers Kraft gelöscht, sind der Schärfe des Schwerts entronnen, aus der Schwachheit zu Kräften gekommen, sind stark geworden im Kampf und haben fremde Heere in die Flucht geschlagen.[...]
Die machtvolle Seite des Glaubens
„Und was soll ich noch mehr sagen?" – mit dieser fast atemlosen Frage zieht der Verfasser des Hebräerbriefes das Tempo an. Bis hierhin hat er einzelne Glaubensgeschichten sorgfältig entfaltet: Abel, Henoch, Noah, Abraham, Mose. Nun aber reiht er Namen aneinander wie Schlaglichter einer ganzen Epoche: Gideon, Barak, Simson, Jeftah, David, Samuel und die Propheten. Mit wenigen Strichen durchmisst er die Geschichte Israels von der Richterzeit bis in die Königs- und Prophetenzeit. Es ist, als würde er sagen: Die Zeit reicht nicht aus, um alles zu erzählen – aber eines sollt ihr sehen: Durch all diese Zeiten hindurch trägt derselbe Glaube.
Dieser Abschnitt, Hebräer 11,32–40, bildet den Höhepunkt des Kapitels. Er bündelt noch einmal, was Glaube bewirkt – und was er aushält. Denn der Hebräerbrief ist nicht für Menschen in ruhigen Zeiten gedacht. Sondern für Christen, die unter Druck geraten sind, die Anfechtung erleben, die müde werden. Ihnen ruft der Verfasser zu: Schaut zurück. Lernt sehen. Ordnet eure Lage in Gottes große Geschichte ein.
Zunächst beschreibt er die machtvolle Seite des Glaubens. „Diese haben durch den Glauben Königreiche bezwungen, Gerechtigkeit geübt, Verheißungen erlangt." Man denke an David, der politische Macht nicht als Selbstzweck verstand, sondern als Auftrag unter Gottes Herrschaft. Man denke an Richter, die Recht wiederherstellten, an Propheten, die Gottes Zusagen empfingen und weitergaben. Glaube ist hier kein innerliches Gefühl, sondern eine Kraft, die Geschichte bewegt.
Dann werden die Bilder noch dichter: „Sie haben Löwen den Rachen gestopft, des Feuers Kraft gelöscht, sind der Schärfe des Schwerts entronnen." Unüberhörbar klingen hier die Erzählungen aus dem Alten Testament an – Daniel in der Löwengrube, die Freunde im Feuerofen, Elia und Elisa in Zeiten politischer Verfolgung. Der Glaube vertraut einem Gott, der eingreifen kann, der Naturgewalten begrenzt, der Machtverhältnisse verschiebt.
Und weiter heißt es: „Aus der Schwachheit sind sie zu Kräften gekommen, sind stark geworden im Kampf und haben fremde Heere in die Flucht geschlagen." Das Entscheidende liegt im ersten Halbsatz: aus der Schwachheit. Der Hebräerbrief romantisiert keine Helden. Er beschreibt Menschen, die gerade in ihrer Begrenztheit Gottes Kraft erfahren. Der Glaube macht nicht unangreifbar, aber er verbindet mit dem, der stärker ist.
Sogar Auferweckungserfahrungen werden genannt: „Frauen haben ihre Toten durch Auferstehung wiederbekommen." Hier leuchtet die Hoffnung auf, dass Gott Leben zurückgeben kann, wo alles verloren scheint. Glaube rechnet mit Gottes Macht über den Tod.
Wunder und Martyrium – zwei Seiten desselben Glaubens
Doch genau an diesem Punkt sitzt ein scharfer Schnitt. „Andere aber sind gemartert worden und haben die Freilassung nicht angenommen, damit sie eine bessere Auferstehung erlangten." Mit einem Mal verschiebt sich die Perspektive. Keine Rettung in letzter Minute. Keine spektakuläre Bewahrung. Stattdessen Folter. Leid. Der bewusste Verzicht auf Freilassung, weil man Gott treu bleiben will.
Der Schreiber des Hebräerbriefes verschweigt diese Seite nicht. Er zählt sie auf: Spott und Geißelung, Fesseln und Gefängnis. Gesteinigt, zersägt, durchs Schwert getötet. Umhergezogen in Schafpelzen und Ziegenfellen, in Mangel, Bedrängnis und Misshandlung. In diesen Stichwörtern verdichtet sich die Leidensgeschichte der Propheten. Jeremia im Kerker. Sacharja unter Steinen. Elia auf der Flucht. Fromme Menschen, die nicht triumphieren, sondern leiden.
Und es heißt über sie: „Sie, deren die Welt nicht wert war." Die Welt mag sie verachtet haben – Gott würdigt sie. Was vor Menschen wie Niederlage aussieht, nennt Gott Treue.
Hier liegt die Spannung dieses Textes: Glaube garantiert keinen sichtbaren Erfolg und keine Rettung vor Leid. Der Hebräerbrief stellt Wunder und Martyrium nebeneinander. Beides gehört in Gottes Geschichte. Beides sind Wege des Vertrauens.
Bewahrt im Sturm – eine persönliche Erfahrung
Diese Spannung wurde mir einmal persönlich vor Augen geführt. Ich war als Referent zu einer Vortragsreihe in einer Gemeinde in der Lüneburger Heide eingeladen. Ein paar Monate später, während einer theologischen Woche, saß ich in einer Pause mit jenem Pastorenkollegen aus der Gemeinde in seinem VW-Bus. Draußen regnete es in Strömen. Der Himmel hing grau und schwer, und das Wasser lief in breiten Spuren über die Scheiben. In der Zwischenzeit war meine Frau schwer erkrankt. Sie hatte die Diagnose: Brustkrebs im letzten Schwangerschaftsmonat mit unserem Jüngsten. Mein Kollege und ich sprachen über diese Zeit, die sich anfühlte wie ein Tanz auf dem Vulkan: Schritt für Schritt, immer in der Nähe des Abgrunds, und doch weitergehend.
Mitten im Gespräch nahm er Papier und Stift und begann zu zeichnen: Sturm, Wolken, Regen. Und darunter eine kleine Familie mit zwei Kindern – wie unter einer schützenden Glocke. Über allem setzte er eine Sonne. Er sagte, eine Beterin aus seiner Gemeinde habe dieses Bild im Gebet empfangen; er gebe es mir weiter, ganz schlicht, ganz konkret. Und er schrieb ein Wort darunter: „Bewahrt".
Das traf mich, weil es Hebräer 11 plötzlich in die Gegenwart zog. Bewahrt heißt nicht: verschont vor jedem Sturm. Bewahrt heißt: gehalten im Sturm. Die Sonne verschwindet nicht, auch wenn Wolken sie verdecken. Gottes Gegenwart bleibt, auch wenn Leid nicht ausbleibt. Meine Frau ist ein paar Jahre später leider nach einem Rezidiv gestorben. Aber in all dem hatte ich nie das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen. Gott trug.
Die gemeinsame Hoffnung – Vollendung in Christus
Genau das sagt Hebräer 11,39–40: Diese alle haben Gottes Zeugnis empfangen – und doch die Verheißung nicht erlangt. Sie lebten aus Gottes Zusage, ohne ihre endgültige Erfüllung zu sehen. Gott aber hatte „etwas Besseres" vorgesehen – die Vollendung in Christus.
In ihm ist die Erlösung angebrochen. Doch auch wir warten noch auf die endgültige Erneuerung. Darum gehören sie und wir zusammen. Ihre Hoffnung und unsere Hoffnung laufen auf dasselbe Ziel zu.
Der heutige Abschnitt ruft uns nicht zu oberflächlichem Optimismus. Er lädt uns ein, unser Leben im Licht dieser großen Geschichte zu sehen. Vielleicht erleben wir keine spektakulären Wunder. Vielleicht bleiben Fragen offen. Vielleicht führt unser Weg durch Bedrängnis.
Aber der Glaube hält sich an Gottes Verheißung, auch wenn ihre Erfüllung noch aussteht. Er lebt aus der Gewissheit, dass Gott treu ist – im Sieg wie im Leiden. Und er schaut auf die Stadt, die Gott bereitet. Denn über unseren Stürmen bleibt seine Sonne.
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