16.05.2026 / Interview
Freude ist lebensnotwendig
Für Birgit Schilling ist Freude ein Lebenselixier. Im Interview erzählt sie, was hilft, im Alltag Freudenmomente zu entdecken.
Erinnerst du dich noch an den Moment, in dem du das letzte Mal von Herzen gelacht oder gar gejubelt hast? Freude ist kein Luxus, auf den man auch verzichten könnte. Freude ist wichtig in allen Lebensbereichen.
Birgit Schilling ist Referentin, Paartherapeutin, Coach und Autorin. In ihrem aktuellen Buch „Freude, die bleibt“ geht sie der Bedeutung von Freude für den Alltag auf den Grund. Warum Freude für Gesundheit und Wohlbefinden notwendig ist, davon erzählt sie im Interview mit Simone Nickel.
ERF: „Wenn wir uns freuen, wird das Herz leicht, die Augen strahlen, ein Lächeln breitet sich auf dem Gesicht aus…“ Ich habe in Ihrem Buch gelesen, dass Freude sogar die Widerstandskraft, also die Resilienz stärkt sowie Kreativität und Intelligenz.
Birgit Schilling: Freude ist an sich schon ein Riesengewinn: Unser Herz ist leicht und froh. Das stärkt uns für unser ganzes Leben. Und wenn wir die aktuelle Weltsituation sehen, dann merken wir, wir müssen dem Negativen etwas entgegensetzen. Da wirkt Freude wie ein Gegengewicht. Freude stützt uns in schwierigen Zeiten.
„30 bis 50 Duschen der Begeisterung pro Tag“
ERF: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass man laut wissenschaftlichen Erkenntnissen täglich Freudenmomente braucht: 30 bis 50 Duschen der Begeisterung. Was bedeutet das?
Birgit Schilling: Als ich das gehört habe, war ich fassungslos. 30 bis 50 Duschen der Begeisterung. Und zwar nicht, um immer top drauf zu sein, sondern um psychisch gesund zu bleiben. Es geht also darum: Wie kann ich die Freude zurückgewinnen? Und wie können solche Freudenmomente aussehen?
Wir alle konnten uns als Zweijährige über jedes Blümchen und über jede Pfütze freuen. Irgendwann ist uns das verlorengegangen.
Jesus sagt: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“. Wir dürfen wieder erlernen, achtsam zu werden für das Gute und Wunderbare in unserem Leben. Ich sehe zum Beispiel eine Tulpe. Die sieht so schön aus, dass sie mein Herz erwärmt, wenn ich es zulasse, wenn ich achtsam werde und nicht achtlos darüber hinweggehe. So können wir lernen, viele Freudenmomente am Tag zu haben.
ERF: Eine andere Untersuchung hat ergeben: Je älter wir werden, desto schwerer fällt es uns, die Leichtigkeit der Freude zu empfinden. Warum ist das so?
Birgit Schilling: Je älter wir werden, desto mehr besteht die Gefahr, dass wir schwere Situationen nicht mehr gut verarbeiten, dass wir manches mit uns rumschleppen, was uns die Freude raubt. Es gibt keine schnelle, einfache Lösung, keine Abkürzung zur Freude. Aber Jesus sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ (Matthäus 11,28).
Es geht also darum, dass ich es lerne, die Belastungen, die Verletzungen immer wieder bei ihm abzuladen, damit mein Herz wieder offen und frei dafür ist, fröhlich weiterzugehen. Und auch dafür, zu vergeben, loszulassen.
Freude hilft, Negatives zu überwinden
ERF: Man hat herausgefunden, dass das Gehirn negative und positive Erlebnisse unterschiedlich stark wertet und dass sie unterschiedlich hängen bleiben. Wie kommt das?
Birgit Schilling: Wahrscheinlich kann jeder nachvollziehen, dass das Negative, irgend so ein kritischer Kommentar, im Gehirn kleben bleibt, während das Positive wegflutscht. So sind wir gemacht von Gott – und das hat schöpfungsgemäß auch einen Sinn. So können wir nämlich, wenn Negatives geschieht, unmittelbar flüchten oder darauf reagieren.
Aber damit wir uns an das Positive, das Schöne, erinnern können, so dass es uns prägt und zu einer Dusche der Begeisterung wird, müssen wir etwa 15 bis 30 Sekunden innehalten, es anschauen und auf uns wirken lassen. Wie zum Beispiel bei dieser Tulpe. Erst dann kann sich ein Moment der Begeisterung einstellen.
Wir dürfen lernen, dem Negativen entgegenzusteuern, indem wir bewusst Freude zulassen.
ERF: In Ihrem Buch sprechen Sie typische Freudenräuber wie Bitterkeit, Leid und Verletzungen an. Was könnten noch Freudenräuber sein?
Birgit Schilling: Da hat jeder Mensch seine eigenen, aber ich kann mal ein paar nennen, die ich kenne. Das eine ist Stress und Hetze. Im Hetzen verliere ich das Gespür für mich und auch für mein Umfeld. Und wenn ich viel in Stress und Hetze bin, wird sich die Freude nicht leicht bahnbrechen können. Da darf ich lernen, einen Gang zurückzuschalten.
Das andere ist Überverantwortlichkeit. Dass ich mich für jeden und alles verantwortlich fühle. Oder dass ich einfach viel zu viele Lasten trage, die mich überfordern. Wenn ich selbst völlig überfordert bin, hat mein Herz keine Kapazität mehr für die Freude.
ERF: Wann haben Sie selbst mal erlebt, dass Ihnen die Freude am Leben geraubt wurde?
Birgit Schilling: Als wir als junges Paar merkten, dass wir keine Kinder bekommen können. Da kam mir für lange Zeit die Freude abhanden, bis ich es annehmen konnte. Das geschah immer wieder in Wellen, je mehr ich erkannte, dass Gott vielleicht einen anderen Weg für uns hat, unser Leben zu segnen.
Es geht übrigens auch nur in den ersten zwei und den letzten zwei Kapiteln der Bibel um himmlische Zustände. Dazwischen geht es um die Aufs und Abs des Lebens und in denen befinden wir uns alle. Das Abnehmen und Zunehmen von Freude ist also normal. Deshalb gilt es, sich immer wieder neu auf die Freude auszurichten.
Dankbarkeit ist ein Freude-Förderer
ERF: Was kann denn die Freude fördern? Mir helfen, mich wieder auf die Freude auszurichten? Dazu beitragen, dass ich mehr Freude empfinde?
Birgit Schilling: Paulus sagt: „Seid dankbar in allen Dingen“ (1. Thessalonicher 5,18). Und die Grundlagenforschung sagt: Wenn man nur einen Punkt nennen würde, der die Freude vor allem stärkt, dann ist das die Dankbarkeit. Ein dankbarer Mensch wird immer wieder danach Ausschau halten: Für was kann ich dankbar sein? Er nimmt die Dinge nicht einfach für selbstverständlich.
Ein undankbarer Mensch dagegen findet jedes Haar in der Suppe. Das Problem dabei ist nicht das Haar in der Suppe, sondern mit welchem Blick ich auf mein Leben schaue und ob ich das Gute verankere. Dankbarkeit ist etwas, was wir ganz bewusst einüben können.
ERF: Was kann helfen, Dankbarkeit zu fördern? Dass man sich abends hinsetzt und überlegt, wofür kann ich danken, und das vielleicht sogar aufschreibt?
Birgit Schilling: Ja, das kann man machen. Man kann ein Dankbarkeitstagebuch führen. Ich mache es neuerdings auch so: Wenn ich morgens wach werde, halte ich inne und denke 30 Sekunden darüber nach, wofür ich gerade dankbar bin. Ich bin dankbar, dass ich in einem warmen Bett liege, ich bin nicht im Krieg. Ich habe einen Tag vor mir, der fordert mich heraus, aber ich habe sinnerfüllte Arbeit.
Also am Morgen schon mit Dankbarkeit starten und genauso am Abend, bevor ich einschlafe, mit Dankbarkeit auf den Tag zurückschauen.
Jedem wird hier, wenn er danach sucht, etwas einfallen.
„Lass das Lächeln zu!“
ERF: Ihr Buch enthält auch immer wieder Fragen und Gedanken zur persönlichen Reflexion. Welchen Impuls möchten Sie Menschen auf der Suche nach mehr Freude weitergeben?
Birgit Schilling: Zum einen: Was löst bei dir Freude aus? Wann hüpft dein Herz? Und genauso auch: Wann verschließt sich dein Herz? Wo merkst du: Das tut mir einfach nicht gut? Also werde achtsam für dich.
Das andere ist: Lass das Lächeln zu! Wenn dir etwas guttut, schenke dir ein Lächeln. Das verstärkt die Freude. Oder lass auch mal einen Juchzer raus. Also lass auch die körperlichen Reaktionen deiner Freude zu.
Und zuletzt: Nimm immer wieder in dein Leben – in das Schwere und in das Fröhliche – Gott mit rein. Denn er ist der Schöpfer der Freude. Er lebt in dir als Glaubenden. Und er möchte dich immer mehr mit seiner Freude anstecken.
ERF: Danke für das Interview und dass Sie uns auf dem Weg zu mehr Freude mitgenommen haben.
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