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© Gilles Rolland Monnet / unsplash.com

16.03.2021 / Zum Schwerpunktthema / Lesezeit: ~ 7 min

Autor: Ellen Hörder-Knop

Raum für die Endlichkeit

Wir schieben meisterlich den Gedanken zur Seite, dass unser Leben einmal endet. Dabei liegt ein Schatz darin, diesen Gedanken zuzulassen.


Wir schieben meisterlich den Gedanken zur Seite, dass unser Leben einmal endet. Dabei liegt ein Schatz darin, diesen Gedanken zuzulassen und das Leben danach zu ordnen. Vier „Stopps“ von Ellen Hörder-Knop mit Weitsicht


Für einen Augenblick Zeit würde ich meine ganze Habe geben“, soll die britische Königin Elisabeth I. (1558-1603) auf ihrem Sterbebett gesagt haben. Wer möchte nicht der Endlichkeit ein Schnippchen schlagen – koste es, was es wolle? Wer wollte nicht länger leben und den Tod vertagen?

Wir verdrängen auf verschiedene Weise, dass unser Leben einmal endet. Eine Generation von Selbstoptimierern versucht, mit Wellness und Fitness, Superfoods und Beautyprodukten dem Leben mehr Jahre zu geben. Andere planen ihre Tage voll bis zum Anschlag, mit Arbeit, aufwändigen Hobbies, Freunde treffen. Bloß nichts verpassen, bloß keine Tiefpunkte, so wird es immer weitergehen, höher, besser, schneller!

Bis der Tod sich seinen Weg bahnt. Wenn ein nahestehender Mensch stirbt. Oder durch ein Virus, das uns herausholt aus unserem Alltag – und dem Verdrängen. Dann sind wir zurückgeworfen auf uns selbst. Wir werden daran erinnert, dass dieses Leben endlich ist.
 

Stopp – endlich leben

Um das wahrzunehmen, müssen wir stehen bleiben. Atem holen. Nach rechts und links schauen. Denn so viel steht fest: Mein Leben ist endlich! Der Tod ist die dunkle Grenze des Lebens, der wir machtlos ausgeliefert sind. Wir können ihn zu einem biologischen Naturgesetz oder zum medizinischen Scheitern erklären, ihn als Schicksal bagatellisieren oder ihn philosophisch dekorieren.

Fest steht: Sterben muss jeder. Trotzdem verdrängen wir das Thema in eine Tabuecke. Wenn sich das Sterben im Leben zu Wort meldet, schieben wir es so schnell wie möglich wieder zur Seite.

 

Die Bestattungskultur nimmt diesen Trend auf. Traditionelle christliche Trauerfeiern, die auch der Trauer in Gemeinschaft Raum geben, werden seltener. Sie werden durch individuell gestaltete Zeremonien ersetzt. Auch anonyme Bestattungen und ganz privates Gedenken nehmen zu. Für den Tod ist kein Platz und keine Zeit im öffentlichen Leben.

Ging es darum, sich im gesellschaftlichen Leben einen Namen zu machen, ist man im Tod lieber ein Nobody. Vielleicht mag man niemandem zur Last fallen mit diesem schweren Thema. Möglichst schnell wieder zur Tagesordnung übergehen lautet andernorts die Devise. In einer Leistungsgesellschaft muss man funktionieren, auch wenn man innerlich auf der Strecke bleibt.
 

Stopp – endlich das Leben begreifen

Es ist Zeit, sich wieder zu orientieren. Sich mit dem Tod auseinandersetzen macht klug. Richtig gehört. Tod und Klugheit, die beiden gehören eng zusammen.

 

Vielleicht deshalb, weil die Endlichkeit meines Lebens mir hilft, Prioritäten zu setzen und meinem Leben eine heilsame Wendung zu geben. Diese Jahrtausende alte Weisheit ist uns in den Psalmen überliefert. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden“, heißt es dort (Psalm 90,12). Der Tod rückt meine Grenzen in den Blick. Mein Leben steht mir nur eine gewisse Zeit zur Verfügung, ich weiß nicht, wie lange. Ich habe niemals alle Zeit der Welt. Hatte sie noch nie, das spüren wir alle.

Doch anstatt mich in pausenlosem Treiben davon abzulenken, brauche ich das rechte Maß an Bewusstsein für diesen Gedanken in meinem Leben. Das bringt manches ins Lot. Ein Leben, das die Grenzen überdenkt, macht klug. Und damit sinnvoll und erfüllt.

Die Bibel beschreibt, dass der Tod nicht in erster Linie ein biologisches Problem ist, sondern mit dem gestörten Verhältnis des Menschen zu Gott zu tun hat. Tod ist Konsequenz der Trennung von Gott, der Sünde. Doch diese pessimistische Beschreibung der menschlichen Situation ist nicht Gottes letztes Wort. Um das zu demonstrieren, hat Gott es Ostern werden lassen. Es ist Gottes Ja zum Leben und zugleich sein entschiedenes Nein zu dessen Endlichkeit.

Der enge Horizont meiner eigenen Grenzen wird weit, wo ich Gott begegne. Dem Gott, dessen Güte und Treue kein Ende haben. Der sich in Jesus Christus auf offene Arme festgelegt hat. Mit diesen offenen Armen steht er als gekreuzigter und auferstandener Herr vor mir. Er lädt mich ein zu einem Leben, in dem ich frei von Schuld, getröstet und zudem auch noch klug sein kann. Zu einem Leben, das nicht endlich, sondern ewig ist.
 

Stopp – Endlichkeit erleben

Erschüttert und zugleich erfahrbar wurde dieser Glaube in meinem Leben, als mein Mann starb. Er war mittendrin in seiner Arbeit als Gemeindepfarrer. Wir waren mittendrin in einem Familienleben mit zwei Kindern von 9 und 12 Jahren. Mittendrin in einem Leben, das noch voller Zukunftspläne steckte. Von einer Sekunde auf die andere war alles anders.

Es war ein Mittwochmorgen mit der üblichen Alltagsroutine: Aufstehen, frühstücken, dafür sorgen, dass die Kinder es rechtzeitig zur Schule schaffen. Zwischendrin regelten wir noch ein paar Dinge für einen Familiengottesdienst am Samstagnachmittag. „Kannst du das Lied mit der Gemeinde singen: „Nichts, nichts kann uns trennen von Gottes großer Liebe?“, fragte mich mein Mann noch, als er das Haus verließ. „Geht klar!“ antwortete ich. Das waren letzte Worte, die wir miteinander geredet haben.

Zwei Stunden später erreichte mich die Nachricht: „Ihr Mann ist tot!“ Plötzliches Herzversagen. Die Endlichkeit durchbrach in Sekunden unser Leben. Das, was bisher so sicher schien, war es auf einmal nicht mehr. Das, was ich bisher so selbstverständlich geglaubt hatte, wurde so unwirklich, so fremd. Von Gottes Liebe singen? Das war doch völlig widersprüchlich! Wie sollten meine Kinder das jemals verstehen können, ohne an Gottes Liebe zu zweifeln?

Was mir in dieser Zeit geholfen hat, waren Menschen, die für uns da waren: meine Familie, Freunde, Gemeindemitglieder. Sie haben uns mit praktischer Hilfe unterstützt, die nächsten Schritte zu gehen. Für mich war es ein tröstliches Erleben, in allem Schmerz zu spüren: Wir sind nicht allein mit dem, was uns getroffen hat.

Geholfen haben mir auch Gottes Zusagen in seinem Wort. Sie haben meinen Blick immer wieder zurechtgerückt, heraus aus meiner Verzagtheit, aus meinen Zweifeln, hin zu ihm, der mir seine Hilfe zusichert. Er hat einen Weg für mich und den gehe ich nicht allein. Das ist kein unbestimmtes „es“ geht weiter, sondern Gott selbst geht mit mir weiter. Es bleibt wohl für immer eine Spannung, warum Gott das dunkle Tal in unserem Leben zulässt und gleichzeitig verheißt, dass er auch in diesen Zeiten bei uns ist. Manchmal möchte ich den Glauben aufgeben und gleichzeitig frage ich mich: „Herr, wohin sonst sollte ich gehen?“

Auch heute geschehen Dinge, die ich mir nicht erklären kann, es gibt bis heute bohrende Fragen. Ich möchte schreien: „Gott, was denkst du dir dabei? Was soll das?“ Fragen, in denen ich mit Jesus unterwegs und im Gespräch bin und keine Antwort habe. Glauben heißt für mich, eine Beziehung zu Jesus haben, mich auf ihn einzulassen. Mein Glaube ist nicht zuerst eine Verstehensgeschichte, sondern eine Beziehungsgeschichte.

Das höchste Gebot lautet nicht: „Du sollst Gott verstehen!“, sondern: “Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben!“ Gott wäre nicht Gott, wenn ich ihn mit meinem Verstand erfassen könnte.

 

Wenn ich aber Gott vertraue, kann ich mit ihm meinen Weg weitergehen, auch wenn vieles rätselhaft bleibt.

Zehn Jahre nach dem Tod meines Mannes habe ich noch einmal geheiratet. Einen Witwer, dessen Frau an einer Krebserkrankung verstorben ist. Viele Menschen haben um ihre Heilung gebetet. Aber Gott hat es anders gemacht. Warum? Es bleibt offen. Fakt ist: Gottes Wege bleiben unergründlich, aber sie führen weiter. Er lässt uns nicht im Regen stehen. Seine Güte und Treue gehen mit.
 

Stopp – endlich das Leben vollenden

In Psalm 73 wird die Frage nach dem „Warum“ leidenschaftlich gestellt. Der Beter bekennt, dass sein Glaube an dieser Frage beinahe zerbrochen wäre. Es stimmt auch heute nicht, dass Christen von einer großen Glaubenserfahrung zur nächsten gehen, dass eine Gebetserhörung auf die andere folgt. Aber dann formuliert der Autor des Psalms ebenso entschlossen: „Wenn ich nur dich habe, dann frage ich nicht nach Himmel und Erde“ (Psalm 73, 25).

Er fragt also nicht mehr nach den Geheimnissen, die jenseits meines Horizontes liegen, die mein „Warum“ beantworten könnten. Vielmehr vertraut er dem Gott, der mitten im Leben und im Sterben „mein Gott“ ist und unser endliches Leben vollendet.

Deshalb kann ich in den Schlussakkord dieses Psalms einstimmen: „Dennoch bleibe ich stets an dir. Denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende in Ehren an“ (Psalm 73, 23-24). So kann ich trotz offener Fragen festhalten an einer dauerhaften Lebensbeziehung zu Gott. Nicht weil ich stark bin, sondern weil ich von ihm gehalten werde.

Er hält mich, er begleitet mich und er bringt mich zu seinem Ziel. Ich sterbe – wenn ich Christus angehöre – nicht in ein namenloses Nichts, sondern in die offenen Arme des Auferstandenen hinein. Der Tod ist nicht der Endpunkt, sondern der Doppelpunkt: Fortsetzung folgt.

 

In seinen Abschiedsreden sagt Jesus zu seinen Jüngern: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen und ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten. Und ich werde wiederkommen und euch holen, damit ihr seid, wo ich bin“ (Johannes 14,2-3). Der Tod schlägt nach wie vor harte Wunden in unser Leben. Aber er unterbricht nicht mein Leben mit Jesus. Da hilft mir das Bild von der Wohnung. Wenn ich sterbe, dann ziehe ich um. In ein Zuhause, in dem Gott „mittendrin“ sein wird. Was hier unvollendet und bruchstückhaft blieb, wird dort vollendet.

Seit Ostern geht es durch den Tod zu einem ewigen Leben in der Gemeinschaft mit Gott. Ein Leben ohne Sterben und Abschied, ohne Tränen und Leid, ein Leben ohne Sünde und Schuld. Angerührt von dieser künftigen Wirklichkeit schrieb Dietrich Bonhoeffer am Abend vor seiner Hinrichtung: „Dies ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“ Wer von dieser Zukunft ergriffen ist, kann die Gegenwart mit Hoffnung gestalten. Wer den Auferstandenen kennt, lebt, auch wenn er stirbt (Johannes 11,25). Jesus stellt mir die Vertrauensfrage: „Glaubst du das?“.


Ellen Hörder-Knop ist theologische Redakteurin bei ERF Medien. Verheiratet ist sie seit 2016 mit Michael Hörder – beide waren verwitwet. Sie haben vier erwachsene Kinder.


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 Ellen Hörder-Knop

Ellen Hörder-Knop

  |  Redakteurin Lebenshilfe / Theologie

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Kommentare

Monika K. /

Liebe Frau Ellen,
Herzliches Dankeschön für die wunderbare Predigt zum Pfingstsonntag.
Viele Grüße und Gesundheit,
Ihr Fan.

Wolfgang R. /

Ein ganz toller Artikel, dem ich als Christ und als Trauerredner voll und ganz zustimme.

Sigrid K. /

Dieser Beitrag hat mich sehr bewegt!
Da ich in den letzten Wochen sehr krank war, hat mich das Thema Tod auch sehr umgetrieben! Der Bibel Vers , das Jesus schon Wohnungen für seine Kinder vorbereitet hat, hat mich häufig bewegt!
Jetzt, wo es mir langsam besser geht, freue ich mich wieder zu leben! Und bin gespannt, was Gottes Weg ist! Aber diese Gewissheit auf einen Umzug in eine ewige Wohnung gibt mir eine tiefe Gelassenheit !

Sigrid G. /

Liebe Frau Hörder- Knop, ich bin gerade ziemlich berührt, ja sogar be- geistert übe Ihre Gedanken zu diesem Thema. trotz momentaner Knospen und Frühlingsdüfte erlebe ich momentan Begebenheiten, die immer wieder Tod und Trauer zum Thema haben. Welch ein starker Trost, die Botschaft vom Gekreuzigten und Auferstandenen. Welch Glück ist es, dass wir Jesus haben, und dass er uns hat.
Mit liebem Gruß und viiieeelll Dank,
Sigrid G.

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