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© Drew Coffman / unsplash.com

13.11.2022 / Andacht / Lesezeit: ~ 6 min

Autor/-in: Redaktion Family

Ruhen, segnen, heiligen

Die Schöpfungsgeschichte schenkt uns einen Rhythmus, der das Leben bereichert.


Anfangs. Mit diesem Wort beginnt die Bibel. Das hebräische Wort „Be´reschit“ (im Anfang) definiert die ersten und ursprünglichen Taten Gottes als das Grundlegende für jegliche Existenz und auch Identität. Auch die lateinische Bezeichnung „Genesis“ des ersten Mosebuches macht deutlich, dass es hier um Ursprünge und Grundlagen geht. Mit diesem Beginn und mit dieser Benennung wird deutlich, dass der Auftakt des Lebens in und aus Gott heraus geschehen ist.

Was möglicherweise an dieser Stelle vertraut und selbstverständlich klingt, muss wieder neu erschlossen werden. Denn aufgrund unserer digitalisierten 2.0-Arbeits- und Lebenswelt haben wir eine enorme Verschiebung der Prioritäten. Die Strategie „First things first“ bezieht sich bezeichnenderweise auf die Effektivität der Arbeitskraft, nicht auf einen notwendigen Lebensrhythmus. Doch es geht eben darum, den richtigen Rhythmus zu haben. Denn „erste Dinge“, im Sinne von tatsächlicher Priorität, sollte etwas anderes bedeuten.

Anfangs, so wird uns berichtet, erschuf Gott die Welt aus sich heraus als Akt seines souveränen Willens. Und zu seinem Handeln gehörte auch das Vollenden. In den ersten drei Versen von Genesis Kapitel 2 begegnet uns dieses Handeln in dem Dreiklang „ruhen, segnen und heiligen“. Diese Worte beschreiben den Akt des Vollendens. Sie müssen miteinander betrachtet werden. „Ruhen, segnen und heiligen“ stellt eine finale Handlung dar. Es sind keine einzelnen, isolierten Handlungen, sondern sie ergeben ein Ganzes. Und hier sollte man die erwähnte tatsächliche Priorität sehen: etwas vollenden.
 

Der Rhythmus der Schöpfung

Das ist uns aber nicht immer möglich. Ereignisse und Aufgaben wiederholen sich, ziehen sich hin, werden in verschiedenen Phasen abgehandelt oder liegen nicht immer im eigenen Einflussbereich. Wie kann man dann „vollenden“ verstehen? Im Kontext des Schöpfungsberichts von Welt und Mensch begegnet man immer wieder einer rhythmischen Wiederholung: „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen …“ Im Anschluss daran wurde der entsprechende Tag definiert und festgelegt.

Vollenden bedeutet somit, die Grenze eines Tages zu respektieren und seine Arbeit (vorerst) zum Abschluss zu bringen. Beachtet man für sich Grenzen (Arbeitszeit, Kraft und Motivation, Ressourcen) und nimmt sie nicht als Beschränkung, sondern als Taktgeber wahr, findet man besser in den Rhythmus der Schöpfung. Durch den Dreiklang „ruhen, segnen und heiligen“ definiert man diese Grenze und macht sich bewusst, dass auch im Laufe eines Tages irgendwann Zeit ist zu „vollenden“.

Von der Arbeit zu ruhen, meint, die Arbeit „loszulassen“, weil man seine Grenzen als Mensch akzeptiert. Es ist doch so, dass Erfolg und Ergebnis der Arbeit sich nach der Arbeit einstellen. Wenn man nur mit Arbeit beschäftigt ist, steht man in der Gefahr, Erfolg und Ergebnis zu übersehen. Subjektiv stellt sich dann das Gefühl ein, in einem Hamsterrad zu agieren. Ruht man jedoch von seiner Arbeit und kann sie loslassen, erkennt man, was man erreicht hat. Auch am Ende eines gewöhnlichen Tages findet man so Wertschätzung für das, was man getan hat.
 

Die Arbeit Gott widmen

Dass man dann den Tag auch segnen sollte, ist Ausdruck einer Bitte an Gott. Denn wenn ich Segen ausspreche, bitte ich Gott um sein Handeln. Ich bitte ihn, dass er mein Engagement zu etwas Gutem werden lässt und dass es sich auch positiv auf andere auswirkt. Dass es auch nachhaltig ist und zu soliden Ergebnissen führt. Diese Dinge hat man als Mensch (bei aller Kompetenz) nicht wirklich in der Hand. Segnen verstärkt das Loslassen.

Durch das Heiligen kommt man nun dem Gebot des Sabbats auch konkret nach. „Heilig“ bedeutet „gottgemäß“ und bildet in der Handlung des Heiligens eine Zugehörigkeit und Identität ab. Meine Arbeit widme ich sozusagen Gott selbst und bringe zum Ausdruck, dass ich meiner eigentlichen Identität als Geschöpf Gottes Raum gebe.

Wer seine Arbeit vollenden kann, zur Ruhe kommt, seine Arbeit segnet und Gott widmet, macht deutlich: Ich gehöre zu Gott. Er oder sie weist darauf hin, dass das Leben wertvoll ist und auch durch Ruhe geehrt wird. Dass Gott geehrt wird.
 

Jesus und der Sabbat

Im Neuen Testament ist der Sabbat immer wieder Dreh- und Angelpunkt von religiösen Diskussionen. Und leider hat sich dies auch bis in das moderne Christsein gezogen. Es werden Regeln und Meinungen zementiert, die zu einer Gesetzlichkeit erhoben werden. Was Jesus aber deutlich macht, muss auch heute wieder klar sein: „Der Sabbat wurde zum Wohl des Menschen gemacht und nicht der Mensch für den Sabbat“ (Markus 2,27). Jesus stellt klar, dass es in der Verantwortung eines jeden Einzelnen liegt, dies für sich zu leben und diesen Rhythmus aufzunehmen. Der Sabbat sollte nicht Gegenstand religiöser Auseinandersetzungen sein.

Der Sabbat gilt auch heute noch. Jesus hat ihn nicht aufgehoben. In Hebräer 4,1-11 ff. lesen wir davon, dass der Sabbat wie ein Ausblick auf die Erlösung durch Jesus zu verstehen ist. Die „Unruhe“ des Menschen, der die Erlösung in Jesus noch nicht hat, wird durch die „Ruhe der Erlösung“ aufgehoben. Die Bedeutung des Sabbats ist bis heute ungebrochen und wird durch Jesus sogar noch verstärkt: Die Erlösung in Jesus macht das Menschsein erst möglich.
 

Am siebten Tag ruhen

Wer sich in seiner Identität als Mensch ausdrücken will, der vollendet seine Arbeit. Der übernimmt den Rhythmus von ruhen, segnen und heiligen. Der sollte nicht über Wochentage, Religiosität, Frömmigkeitsstile, Gesetz oder Freiheit streiten. Vielmehr gilt es zu verstehen, dass Gott hierin ein Prinzip festgelegt hat, dass für und nicht gegen den Menschen ist.

Es ist richtig und wichtig, dass man nicht nur seinen Arbeitsalltag zur Vollendung bringt, sondern auch an einem siebten Tag ruht, segnet und heiligt. Zum Schöpfungsrhythmus gehört, dass es vierundzwanzig Stunden gibt, an denen ich sozusagen in der Vollendung verweile.

Dass dies nicht bei jedem gleichgeschaltet sein kann, ergibt sich aus den Berufsbildern. Wie kann ich beispielsweise als Pastor darauf bestehen, an einem Sonntag nicht zu arbeiten? Verletze ich den Sabbat und andere nicht? Oder wie ist das mit Berufen, die sowohl Schichtarbeit als auch Wochenenddienste haben? Oder mit dem Elternsein? Und dem ehrenamtlichen Engagement? Der Ansatz muss ein anderer sein.
 

Den Takt verloren?

Es muss deutlich werden, dass „First things first“ den Menschen und nicht die Aufgabe betreffen muss. Sabbat bedeutet Wertschätzung. Ich ehre meine Arbeit. Ich ehre mein Sein. Ich ehre Gott. Und das am Ende eines Tages und am Ende von sechs (Arbeits-)Tagen. Dieser Schöpfungsrhythmus verstärkt das Leben.

Zugegeben, in unserer Zeit kommt man schnell aus dem Rhythmus. Jeder kennt Stress, Abgabefristen, Personalmangel, hohe Arbeitslast und so vieles mehr. Das trägt dazu bei, dass man noch zusätzlich über das Prinzip dieses Schöpfungsrhythmus stolpert und den Takt vollständig verliert – und auch die Nerven.

Was gilt es dann zu tun? Ein Vergleich aus der Musikschule kann helfen: Wenn der Schüler den Rhythmus verliert, dann unterbricht ihn die Lehrerin. Dann zählt sie den Takt neu ein und der Schüler findet den Rhythmus wieder. Wenn wir aus dem Rhythmus kommen, sollten wir uns unterbrechen. Oder besser: uns unterbrechen lassen. Dann gilt es, auf den Takt des Sabbats zu hören, um wieder neu einzusteigen. Es hilft, wenn man bereit ist, sich unterbrechen zu lassen oder sich selbst zu unterbrechen.
 

Gesunde Balance

Der Schöpfungsrhythmus verhilft dann auch zu einer gesunden Balance. Es entwickelt sich eine Reife, durch die man besser in der Lage ist, zu bewerten und zu entscheiden, wann Arbeit im Fokus sein muss und wann nicht. Es hilft vor allem, wenn man sich daran erinnert, dass die persönliche Identität nicht durch Arbeit definiert wird. Das fällt oft schwer, weil in unserer heutigen Zeit vieles über Leistung definiert wird. Genau deshalb ist der Sabbat wichtig: Er weist darauf hin, dass der Mensch Wert und Würde auch im Vollenden und Ruhen hat.
 

Moor Jovanovski ist Pastor im BFP und als Redner und Berater tätig. Er lebt mit seiner Frau Monica und seinen beiden Kindern in Erzhausen. Mehr Infos zu ihm finden Sie unter Moorjovanovski.comDieser Artikel ist erstmalig erschienen in der Zeitschrift Family 04/2022. Wir danken dem Bundes-Verlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung. 

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