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© Priscilla du Preez / unsplash.com

24.11.2021 / Theologie / Lesezeit: ~ 3 min

Autor/-in: Hanna Willhelm

Mein Bibelbuch (14)

Ein persönlicher Blick in die Heilige Schrift: Hanna Willhelm über Jeremia und die Klagelieder Jeremias.

 

 

Manchmal schaue ich mir diese Welt an und denke: Es hat doch alles sowieso keinen Sinn! Es gibt so viel Leid, so viel Ungerechtigkeit. Es gibt so viel Unfähigkeit unter uns Menschen, das Gute zu erkennen und zu tun. Und Gott – spielt er überhaupt noch eine Rolle in all dem? Wird er von meinen Mitmenschen noch irgendwie wahrgenommen oder haben sie ihn komplett vergessen? Manchmal wünsche ich mir, Gott würde eingreifen und die Menschen zur Besinnung rufen. Aber Gottes Mühlen der Gerechtigkeit mahlen langsam – manchmal zu langsam für meinen Geschmack.

Wenn ich in solche trüben Gedanken verfalle, dann hilft es mir, wenn ich an den Propheten Jeremia und an seine Lebensgeschichte denke. Er war einer der größten Propheten Israels – und gleichzeitig ein Mann, der an Gott und seinen Mitmenschen tief verzweifelt ist.

Als Gott Jeremia um das Jahr 626 v. Chr. zu seinem Boten beruft, nimmt er ihm gleichzeitig alle Illusionen, dass eine Berufung irgendwie erfolgreich sein könnte. Stattdessen lautet Gottes Ansage an Jeremia: „Steh auf und zieh dich an. Dann geh hinaus und sag ihnen, was immer ich dir zu sagen befehle. Du sollst wissen: Kein einziger von den Königen, Ministern, Priestern oder übrigen Einwohnern Judas wird sich gegen dich behaupten können. Sie werden wohl gegen dich kämpfen, trotzdem werden sie dich nicht bezwingen.“

Und genau so kommt es dann in Jeremias Leben. Er redet sich den Mund fusselig. Jeremia versucht seine Volksgenossen zu einem besseren, zu einem gottesfürchtigen Leben zu bewegen. Er weist die Könige an, sich Gottes Gericht zu unterwerfen und sich nicht gegen die Fremdherrschaft der Babylonier aufzulehnen. Alles vergeblich. Am Ende erlebt Jeremia mit, wie Jerusalem dem Erdboden gleich gemacht wird und ein Großteil der Bevölkerung getötet oder verschleppt wird. Kurze Zeit später wird der Prophet selbst von ein paar unverbesserlichen übrig geblieben politischen Rebellen nach Ägypten verschleppt, wo er schließlich stirbt.

Kein Wunder, dass Jeremia in seinem Leben Phasen tiefer Verzweiflung und Verbitterung kennt. Nichts, aber auch gar nichts, weist in seinem Leben auf Erfolg, auf messbaren Segen, auf Glück oder gar auf Wohlstand hin.

Und trotzdem – und das ist für mich das Erstaunliche – ringt Jeremia sich immer wieder dazu durch, Gott zu vertrauen. Die Worte, die er dabei findet, werden zu Liedern, den Klageliedern. Bis heute finden Juden und Christen in ihnen Mut und Kraft für schwere, undurchsichtige Zeiten. Am bekanntesten ist vielleicht folgender Text aus der Feder Jeremias: „Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch: Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.“

Jeremias Grundmelodie am Ende seiner Tage ist die des „Dennochs“. Dieses Dennoch bedeutet: ich halte mich an Gott und seiner Güte fest, selbst wenn ich sonst überhaupt keinen Halt mehr habe. Sein Dennoch hat Menschen über die Jahrhunderte dazu eingeladen, Gottes Gnade, sein Erbarmen und sein Handeln nicht aus den Augen zu verlieren. Auch ich will mir dieses „Dennoch“ vor Augen halten, wenn das Leben mal wieder sinnlos erscheint. Und ich finde es faszinierend, dass die Bibel solche schweren Schicksale wie die des Propheten ungeschönt beschreibt. Das macht Jeremia trotz seines schweren Inhalts zu einem Bibelbuch, das sich zu lesen lohnt.

 

Weitere Informationen zum Thema Bibel finden Sie auch auf unserem Dossier:

 

 Hanna Willhelm

Hanna Willhelm

  |  Redakteurin

Hanna Willhelm ist Theologin und Redakteurin im Bereich Radio und Online. Sie ist fasziniert von der Tiefe biblischer Texte und ihrer Relevanz für den Alltag. Zusammen mit ihrer Familie lebt die gebürtige Badenerin heute in Wetzlar und hat dabei entdeckt, dass auch Mittelhessen ein schönes Fleckchen Erde ist.

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