Viele Konflikte sind längst vorbei – und wirken trotzdem nach. Was gesagt oder getan wurde, verschwindet nicht einfach. Verletzungen werden mitgenommen, im Privaten ebenso wie in öffentlichen Debatten. Fronten verhärten sich, Positionen werden schärfer. Statt aus Fehlern zu lernen und einander zu vergeben, verengen sich Gespräche immer häufiger auf die Suche nach Schuldigen.
Fabian Vogt ist Theologe, Schriftsteller und Künstler. Er schaut gerne genau hin, wenn es zwischen Menschen kompliziert wird. Und er beobachtet: Unsere Gesellschaft wird spürbar gnadenloser. In seinem Buch „Verzeihen Sie bitte!“ erklärt er, warum uns Vergebung so schwerfällt – und wie wir sie dennoch erlernen können.
ERF: Hast du selbst einmal erlebt, wie sehr Vergebung – oder fehlende Vergebung – ein Leben prägen kann?
Fabian Vogt: Mir hat zum Beispiel mal eine Frau erzählt, dass sie sich vor 20 Jahren mit ihrer Tochter zerstritten habe. Seitdem hätten die beiden kein Wort mehr miteinander gesprochen. Das Ergebnis: Sie hat ihre drei Enkel nie kennengelernt – nicht, weil sie das nicht wollte, sondern weil sie ihrer Tochter bis heute nicht vergeben konnte.
Das hat mich sehr nachdenklich gemacht, weil es zeigt, wie weit die Folgen von Unversöhnlichkeit reichen können.
Unsere Gesellschaft denkt in Feindbildern
ERF: Du schreibst in deinem Buch „Verzeihen Sie bitte“, dass unsere Gesellschaft immer gnadenloser wird. Woran machst du das fest?
Fabian Vogt: Das lässt sich auf vielen Ebenen beobachten. Unsere Gesellschaft ist stark polarisiert, Menschen denken zunehmend in Feindbildern. Besonders sichtbar wird das in politischen Debatten. Je nach Perspektive sind „die Grünen“, „die CSU“, „die AfD“ oder andere Gruppen angeblich an allem schuld. Es wird schnell nach Verantwortlichen gesucht, denen man die eigene Unzufriedenheit zuschreiben kann.
Dieses Denken folgt dann oft einer einfachen Täter-Opfer-Logik:
Wenn es mir schlecht geht, muss jemand daran schuld sein. Also suche ich mir einen Verantwortlichen. Diese Haltung prägt aber nicht nur politische Debatten, sondern auch unseren Alltag.
Gleichzeitig zeigen Studien, dass wir auch mit uns selbst immer gnadenloser umgehen. Viele Menschen haben große Angst davor, Fehler zu machen oder nicht zu genügen. Statt einer Midlife-Krise erleben immer mehr Menschen eine Art Dauerkrise – oft seit der Jugend. Das Gefühl, Opfer der Umstände zu sein, ist für viele normal geworden.
Wir haben die Gnade verlernt
ERF: Was fehlt uns heute, um mit Schuld, Scheitern und Verletzungen anders umzugehen?

Fabian Vogt: Der Begriff der Gnade war früher viel präsenter. Vor Jahrhunderten sprach man Menschen noch mit „Gnädige Frau“ oder „Gnädiger Herr“ an. Man sprach von begnadeten Künstlern oder davon, dass jemand sein Gnadenbrot bekam. Gnade war ein vertrauter Begriff im Alltag und in der Sprache.
Heute ist davon wenig übrig. Selbst gesellschaftliche Rituale, die Raum für Selbstreflexion bieten, sind verschwunden – etwa der Buß- und Bettag. Einmal im Jahr bewusst innehalten und sich fragen: Was ist in meinem Leben schiefgelaufen? Wo brauche ich Vergebung? Diese Haltung haben wir Stück für Stück verloren. Damit haben wir die Gnade aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt.
ERF: Welche Folgen hat es denn, wenn Menschen nicht vergeben können?
Fabian Vogt: Wer sich selbst oder anderen nicht vergeben kann, schleppt alte Verletzungen dauerhaft mit sich herum. Ein Satz bringt das gut auf den Punkt: „Wer anderen etwas nachträgt, geht nie den eigenen Weg.“
Solange ich festhalte, was mir jemand angetan hat, bestimme nicht ich mein Leben – sondern das vergangene Unrecht. Das macht unfrei.
Menschen, die sich als unfrei erleben, rutschen deshalb leicht in die Opferrolle. Sie suchen nach Verantwortlichen für ihre Unzufriedenheit und richten ihren Ärger nach außen. Vergebung hat hier eine große Kraft, weil sie hilft, aus diesem Muster auszusteigen. Sie ist zunächst ein innerer Schritt: die eigenen Altlasten loszulassen, um wieder handlungsfähig und innerlich freier zu werden.
Vergeben heißt nicht verharmlosen
ERF: Viele Menschen missverstehen Vergebung. Sie denken, Vergebung heißt „Schwamm drüber“, ganz gleich wie groß das erlebte Unrecht war. Was bedeutet Vergebung in deinem Verständnis ganz bewusst nicht?
Fabian Vogt: Genau, viele Menschen fürchten sich vor dem Gedanken der Vergebung, weil sie glauben, damit würde das Unrecht verharmlost. Als würde man sagen: So schlimm war es ja gar nicht. Genau das ist Vergebung aber nicht.
Vergeben heißt nicht vergessen. Böse bleibt böse, Unrecht bleibt Unrecht. Es wird weder entschuldigt noch relativiert. Vergebung bedeutet auch nicht, dass ich das Verhalten des anderen verstehen oder gutheißen muss.
Und Vergebung heißt auch nicht automatisch Versöhnung. Zwei Menschen können sich zerstreiten, einer kann vergeben – und sich trotzdem trennen. Auch bei schweren Erfahrungen wie Missbrauch kann jemand vergeben und dennoch Anzeige erstatten. Das eine ist eine rechtliche oder äußere Konsequenz, das andere ist der innere Prozess.
Entscheidend ist: Echtes Vergeben setzt voraus, dass Unrecht klar benannt wird. Wenn ich versuche, meinen Schmerz kleinzureden oder so tue, als wäre nichts passiert, ist das keine Vergebung. Erst wenn ich anerkenne, dass mich der andere wirklich verletzt hat, kann ich lernen, anders mit diesem Schmerz zu leben und ihn loszulassen.
Schritte auf dem Weg zur Vergebung
ERF: Viele merken: Da ist etwas, das mich seit Jahren belastet. Ich möchte vergeben, weiß aber nicht, wie ich anfangen soll. Was rätst du solchen Menschen ganz konkret?
Fabian Vogt: Wichtig ist ein Perspektivwechsel. Solange ich von meiner Verletzung bestimmt bin, schaue ich fast nur auf den anderen: „Was hat er getan? Was hätte er anders machen müssen?“ Vergebung beginnt dort, wo ich den Blick zurück auf mich selbst richte und wahrnehme, was diese Verletzung mit mir gemacht hat. Dazu gehört auch, darüber weinen zu dürfen. Wut ist oft ein Versuch, die eigene Trauer zu übertünchen und nicht wahrzunehmen. Wichtig ist, sich den eigenen Schmerz einzugestehen.
Mit dieser neuen Perspektive entsteht Abstand. Statt im Groll auf den anderen gefangen zu bleiben, frage ich mich: Was brauche ich jetzt? Was hilft mir, wieder freier zu werden? Vergebung ist ein Prozess, aber genau hier beginnt er.
Dabei muss ich diesen Weg nicht allein gehen. Gespräche mit vertrauten Menschen, seelsorgerliche oder therapeutische Begleitung oder auch das Aufschreiben der eigenen Gedanken können helfen, innere Schleifen zu durchbrechen.
Hass gewinnt nur, wenn wir mitspielen
ERF: Der christliche Glaube spielt in deinem Buch eine wichtige Rolle. Welche zusätzliche Perspektive bietet er für das Thema Vergebung?
Fabian Vogt: Ich habe gemerkt, dass aus einem gesellschaftspolitischen Thema am Ende ein zutiefst christliches geworden ist. Denn über Vergebung und Gnade können wir in unserer Kultur kaum sprechen, ohne den christlichen Hintergrund mitzudenken.
Jesus wird einmal gefragt: „Wie oft soll ich vergeben? Reicht siebenmal?“ Seine Antwort lautet: „77 Mal.“ (Matthäus 18,21+22) Gemeint ist: Es gibt keine Grenze. Vergebung ist keine einmalige Handlung, sondern eine Haltung – eine Art, durchs Leben zu gehen.
Diese Haltung hat ihren Ursprung in Gottes Gnade. Für Gott bin ich wertvoll und geliebt – unabhängig von Leistung, Schuld oder Scheitern.
Über meinem Leben steht ein großes Ja. Und genau dieses Ja macht Vergebung möglich: Weil ich selbst von Gnade lebe, muss ich mich nicht vom Hass bestimmen lassen.
ERF: Wie kann das konkret aussehen?
Fabian Vogt: Ein sehr eindrückliches Beispiel dafür ist der französische Journalist Antoine Leiris. Er verlor seine Frau beim Attentat 2015 in Paris. Kurz danach schrieb er einen offenen Brief an die Täter mit dem Satz: „Meinen Hass bekommt ihr nicht.“ Er sagt sinngemäß: Wenn ich euch jetzt hasse, dann habt ihr gewonnen. Dann werde ich wie ihr. Diesen Kreislauf wollte er durchbrechen.
Darum geht es auch bei den Worten Jesu, „die andere Wange hinzuhalten“ (Matthäus 5,29). Es ist kein Aufruf zur Passivität oder dazu, sich alles gefallen zu lassen. Es geht darum, der Gewalt und dem Hass die Macht zu nehmen. Wer so handelt, bleibt innerlich frei – und lässt sich nicht auf das gleiche zerstörerische Muster ein.
Eine gnädigere Gesellschaft ist möglich
ERF: Zum Schluss ein Blick nach vorn: Wenn du träumen dürftest – wie sähe eine Gesellschaft aus, in der Menschen gnädiger mit sich selbst und miteinander umgehen?
Fabian Vogt: Ich glaube, unsere Gesellschaft würde sich deutlich verändern, wenn Menschen lernen würden, gnädiger mit sich selbst und mit anderen umzugehen. Wer sich nicht ständig angegriffen fühlt und nicht dauernd in die Opferrolle rutscht, hat es gar nicht mehr nötig, andere niederzumachen oder als Feinde zu sehen.
Wenn Menschen selbst etwas von dieser Gnade erfahren, von der der christliche Glaube spricht, dann können sie innerlich mehr zur Ruhe kommen.
Sie leben ein Stück liebevoller, friedfertiger und freundlicher. Das wäre schön.
ERF: Vielen Dank für diesen Ausblick und das spannende Gespräch.
Ihr Kommentar