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/ Bibel heute

Was würde Jesus tun?

Der Bibeltext 1. Johannes 2,1-6 – ausgelegt von Silke Mack-Rymatzki.

Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Und er selbst ist die Versöhnung* für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. Und daran merken wir, dass wir ihn erkannt haben, wenn wir seine Gebote halten.[...]

1. Johannes 2,1–6

Jesus als Maßstab für unser Leben

Puhh, der letzte Satz klingt noch nach: „Wer behauptet, dass er zu Gott gehört, soll leben, wie Christus es vorgelebt hat.“ – Welch ein Anspruch! Dem kann ich auf gar keinen Fall genügen; ich kann nicht leben, wie Christus es vorgelebt hat.

Was sind die Eckpunkte für ein Leben, wie Christus es gelebt hat – mein Leben geben für die anderen, Liebe üben in allen Dingen, absolut gerecht und unfehlbar sein … in ganz enger Gemeinschaft mit dem Vater leben …

Diesem Anspruch kann kein Mensch genügen. Vielleicht dann eher so: „Ideale sind wie Sterne, wir werden sie nie erreichen, aber sie helfen uns, unser Boot richtig zu navigieren.“ Wir richten uns an Jesus aus, schauen auf ihn und nehmen sein Leben, seine Lebenseinstellung und sein Handeln als Maßstab für unser Leben. Vor vielen Jahren gab es einmal die Bewegung „Was würde Jesus tun?“ – Jugendliche trugen Armbänder mit der Aufschrift „WWJD“ – „What would Jesus do?“ – und versuchten sich bei jeder Entscheidung, jedem Wort, das sie anderen sagen, daran zu orientieren, was Jesus in der betreffenden Situation tun würde – was würde er sagen, wie würde er handeln. Das Bändchen hängt noch an meinem Schreibtisch und erinnert mich an diese Aktion. Oft habe ich es getragen, um mich an diese Frage zu erinnern … Was würde Jesus jetzt tun? Was würde er in dieser Situation sagen oder wie sieht er die Person an, die jetzt vor mir steht? Mit Augen der Liebe und mit dem Blick, der hinter die Fassade schaut, die mir vielleicht jetzt recht unfreundlich entgegentritt.

Er sieht den Menschen, wie er ihn sich gedacht hat, als er genau diese Person erschuf.

Meine Aufgabe ist es nun, diesen Menschen so zu lieben, dass dieses von Gott geliebte und geprägte Image hervorbrechen und hervorleuchten kann … Wie kann das geschehen? Menschen reagieren auf mich so, wie ich sie anspreche – liebevoll, fragend; dann ist da Raum, sich zu öffnen, sich zu verändern, Lösungen für Probleme zu suchen – Fragen und Offenheit eröffnen Räume und schaffen eine Basis für Gespräch und für ein tieferes Kennenlernen.

Wie unser Blick Menschen verändert

In meiner systemischen Ausbildung wurde ein Experiment besprochen, welches zu erstaunlichen Erkenntnissen kam. Ein Professor, der auf dem Gebiet der Verhaltensforschung arbeitete, untersuchte Ratten auf ihre Intelligenz. Eines Abends, als alle Assistenten und Assistentinnen aus dem Labor gegangen waren, befestigte er willkürlich Aufkleber an den Rattenkäfigen: „dumme Ratte“, „schlaue Ratte“, „dumme Ratte“, „dumme Ratte“, „schlaue Ratte“ und so weiter. Diese Einschätzung beruhte auf keiner Beobachtung oder irgendeiner objektiven Feststellung. Die Ratten konnten natürlich nicht lesen und sich selber dieser Einschätzung bewusst werden. Nun passierte etwas ganz Merkwürdiges. Die Ratten mussten Experimente machen – z. B. aus einem Labyrinth herausfinden, Schaltermechanismen bedienen, um Belohnungen zu erhalten, und noch weitere Experimente, die auf ihre Intelligenz Rückschlüsse zuließen.

Die Ratten, die der Professor als „schlaue Ratte“ deklariert hatte, schnitten in den Experimenten weit besser ab als die, die den Aufkleber „dumme Ratte“ erhalten hatten. Was war geschehen? Unbewusst hatte das Laborpersonal die schlauen und die dummen Ratten anders behandelt, sodass dann wirklich diese Ergebnisse herauskamen. Wenn so eine Klassifizierung schon bei Ratten funktioniert, wie ist es dann bei uns Menschen? Wenn wir jemandem gegenüberstehen, merkt der andere natürlich, was ich über ihn denke – das geschieht vollkommen auf der unbewussten Ebene. „Unterstelle“ ich dem anderen gute Absichten, eine liebevolle Art, Intelligenz …, wird er oder sie das bemerken und ein Stück weit so sein. Bemühe ich mich, den anderen mit dem liebevollen Blick von Jesus anzusehen, dann werden sich viel mehr die guten Eigenschaften zeigen, die Gott in mein Gegenüber hineingelegt hat. Ich begegne dem anderen unbewusst anders, als wenn ich ein schlechtes Bild von ihm habe, und ich kitzle praktisch die guten Eigenschaften aus meinen Mitmenschen heraus, wenn ich ihnen eher Gutes als Schlechtes unterstelle. Das alles geschieht ganz unbewusst auf meiner Seite und auch auf Seiten des anderen.

Menschen als Schatzsucher sehen

Ich bin Lehrerin und habe mir irgendwann einmal vorgenommen, in Bezug auf meine Schülerinnen und Schüler nicht die Defizitfahnderin zu sein, die mit dem Rotstift akribisch nach Fehlern sucht, sondern meine Arbeit eher als die einer Schatzsucherin zu verstehen, die bei den Kindern und Jugendlichen Schätze entdeckt und gemeinsam mit ihnen hebt und entwickelt. Das macht wirklich einen Unterschied. Heute kann ich sagen, mit dieser Haltung mag ich erst einmal grundsätzlich alle meine Schülerinnen und Schüler und bin neugierig auf den Menschen, der mir gegenüber sitzt; das bemerken die jungen Menschen. Das Klima in den Klassen ist ein anderes geworden. In den Geschichten, die in den Evangelien von Jesus berichtet werden, lese ich, dass Jesus in den Begegnungen mit Menschen eher Dinge positiv verändert, dass er ein Ermöglicher ist. Das möchte ich auch mehr und mehr sein: eine Ermöglicherin, die ihren Mitmenschen etwas zutraut und sich mitfreut, wenn dann etwas gelungen ist und der Mensch über sich selbst hinauswächst. Diese Haltung versuche ich auch im Alltag mehr und mehr einzunehmen, Menschen eher zu loben für Dinge, die sie gut gemacht haben, und über die noch nicht so schönen Umstände hinwegzusehen. Das verändert das Miteinander, das Klima und schafft Raum für positive Entwicklungen.

Im Anderen das Gute sehen und das Gute aus ihm herauslieben. So wie Gott auch in mir den Menschen sieht, den er sich bei der Erschaffung vorgestellt hat, der ich aber an verschiedenen Stellen vielleicht gar nicht mehr oder noch nicht bin.

Das kann heißen, so zu leben, wie Jesus gelebt hat.

Treue, Vergebung und Hoffnung

Johannes fragt hier auch, wie wir sicher sein können, dass wir Gott gehören.

Manchmal spüre ich Gott in meinem Leben nicht; er scheint mir unendlich fern oder der Glaube wie ein Ideenkonstrukt, das genauso gut einfach eine Wunschvorstellung sein könnte.

Wie gehe ich damit um? Johannes sagt: Mache einfach weiter, bleibe dran an Gott, halte dich an sein Wort und gehe weiter auf seinem Weg. In der Bibel wird das oft als Treue zu Gott bezeichnet. Ich bleibe treu und Gott zeigt sich mir wieder neu, manchmal an ganz unverhofften Stellen.

Und wenn ich in all dem Scheitern und meinen hohen Ansprüchen nicht gerecht werde, dann ist Gott da, dann ist er treu und gerecht. Wenn jemand scheitert, so schreibt Johannes hier, dann haben wir einen Fürsprecher beim Vater. Jesus Christus, der gerecht ist. Und er selbst ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein für die unseren, sondern für die der ganzen Welt. Aus dieser großartigen Vergebung und mit dem liebevollen Blick Jesu auf die Menschen leben, das sollte uns für jeden neuen Tag immer wieder ermutigen, mit Hoffnung auf die Welt zu blicken. Nicht Fehlerfahnder mit dem Rotstift zu sein, sondern Schatzsucher und Schatzsucherinnen auf der Suche nach den Schätzen, die Gott in unseren Mitmenschen verborgen hat. Und das macht unser Leben unendlich reich.

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