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/ Bibel heute

Die Lage spitzt sich zu

Der Bibeltext Johannes 10,31-42 – ausgelegt von Susanne Lin-Klitzing.

Da hoben die Juden abermals Steine auf, um ihn zu steinigen. Jesus antwortete ihnen: Viele gute Werke habe ich euch erzeigt vom Vater; um welches dieser Werke willen wollt ihr mich steinigen? Die Juden antworteten ihm: Um eines guten Werkes willen steinigen wir dich nicht, sondern um der Gotteslästerung willen und weil du ein Mensch bist und machst dich selbst zu Gott.[...]

Johannes 10,31–42

Im Tempel: Worte, Werke und Widerstand

Manchmal gibt es Momente, in denen sich das Leben anspannt wie ein Draht. Ich spüre: Jetzt kommt es darauf an. Worte treffen auf Widerworte, Überzeugungen auf Widerstand, und plötzlich stehe ich in einem Konflikt, den ich mir gar nicht ausgesucht habe. So ähnlich wirkt die Szene, die mir das Johannesevangelium heute vor Augen stellt. Sie ist dramatisch, sie ist zugespitzt – und gerade deshalb kann sie mir viel über meinen Glauben, meine Sehnsucht und meine Konflikte erzählen.

Jesus ist im Tempel in Jerusalem. Ein heiliger Ort. Ein Ort der Begegnung mit Gott. Und ausgerechnet dort spitzt sich ein Streit zu, der kaum lösbar scheint. Jesus sagt kurz zuvor: „Ich und der Vater sind eins.“ Ein Satz, der bis heute provoziert – und damals erst recht. Einige seiner Zuhörer greifen Steine. Sie wollen ihn töten. Nicht wegen seiner Taten, sagen sie, sondern wegen seiner Worte. Ein Mensch, der sich mit Gott gleichsetzt? Das ist Gotteslästerung. Ein Angriff auf das Heiligste.

Und mitten in dieser aufgeheizten Atmosphäre bleibt Jesus ruhig. Er weicht nicht zurück, er schreit nicht, er verteidigt sich nicht einmal in der Weise, wie wir es vielleicht erwarten. Stattdessen stellt er eine Frage: „Wegen welcher meiner guten Werke wollt ihr mich steinigen?“ Damit verschiebt Jesus den Blick. Weg von der Drohgebärde, hin zum Wesentlichen: Seht ihr denn nicht, was hier geschieht? Seht ihr nicht, dass hinter meinen Worten eine Wirklichkeit steht? Eine, die euch schon längst begegnet ist?

Jesus lädt seine Gegner ein, seine Taten ernst zu nehmen. Seine Heilungen, seine Zuwendung, seine Art, Menschen aufzurichten und ihnen Würde zu geben. Seine Zeichen, die im Johannesevangelium niemals bloß Wunder sind, sondern Fenster zu Gott. Jesus sagt sinngemäß: Wenn ihr mir nicht glauben wollt – gut. Aber schaut auf das, was geschieht. Auf das, was durch mich sichtbar wird. Vielleicht erkennt ihr darin Gott selbst.

Es ist ein erstaunlicher Gedanke: Nicht zuerst dogmatische Klarheit, nicht das richtige Bekenntnis und nicht die perfekte Frömmigkeit öffnen den Weg zu Gott, sondern das Hinschauen. Das Wahrnehmen. Das Ernstnehmen der Spuren des Guten, die Menschen verändern. So sagt Jesus: „Glaubt den Werken.“

Am anderen Ufer: Glaube ohne Druck

Wie oft übersehe ich genau das! Wie oft suche ich Gott im Großen, im Unnahbaren, dabei zeigt er sich im Kleinen, im Zuwendenden, im Menschlichen. In einem Wort, das ermutigt. In einer Hand, die trägt. In einem Menschen, der mich sieht.

Aber die Szene im Tempel geht weiter. Die Gegner Jesu sind nicht bereit umzudenken. Sie klammern sich an ihren Vorwurf. Für sie ist klar: Ein Mensch kann nicht von Gott kommen. Ein Mensch kann nicht so eng mit Gott verbunden sein. Und sie wollen ihn festnehmen, doch Jesus entkommt. Jedoch: Er flieht nicht – er entkommt. Als wäre er dem Zugriff der Gewalt schlicht nicht verfügbar.

Ich kann ihn nicht in ein Schema pressen und nicht in einer Anklage festnageln.

Manchmal entzieht sich die Wahrheit genau dann, wenn ich sie mit Gewalt festhalten will.

Jesus geht über den Jordan, an den Ort, an dem Johannes der Täufer einst wirkte. Und dort passiert etwas Überraschendes: Dort beginnen die Menschen zu glauben. Nicht, weil Jesus dort spektakuläre Zeichen vollbringt. Sondern weil sie sich erinnern an das, was Johannes über Jesus gesagt hat. Sie erkennen: Das, was wir damals gehört haben, erfüllt sich jetzt.

Nicht in einem lauten Triumph, sondern in der Übereinstimmung zwischen Wort und Tat, in der Übereinstimmung zwischen Wort und Wirklichkeit.

Und vielleicht liegt darin eine der schönsten Botschaften dieser Erzählung:

Glaube entsteht nicht durch Druck, nicht durch Drohung, nicht durch Macht.
Glaube entsteht, wo Menschen wahrnehmen, dass Gott wirkt und wie Gott wirkt.
Wo sie sehen, wie Worte und Taten übereinstimmen.
Wo sie spüren, wie ein Leben zu Gottes Liebe passt.

Der Weg des Glaubens ist ein Wahrnehmungsweg – ein Erfahrungsweg – ein „Sieh-hinweg“.
Die Konfliktszene im Tempel kann Sie heute entmutigen. Da ist so viel Missverstehen, so viel Härte, so viel Festhalten an der eigenen Sichtweise. Und doch erzählt der Text im Kern etwas Hoffnungsvolles.

Er erzählt davon, dass Gott sich nicht aufhalten lässt. Dass er sich nicht einsperren und nicht wegargumentieren lässt.
Dass er immer wieder Orte findet, an denen Menschen offen sind – jenseits der Zentren, jenseits der Macht, jenseits der festen Überzeugungen.

Manchmal ist es – wie hier – nicht Jerusalem, sondern das jenseitige Ufer, an dem Glaube wächst.

Hinschauen auf die Spuren des Guten

Und vielleicht kennen Sie solche Orte auch in Ihrem Leben:

Momente, in denen plötzlich Ruhe einkehrt. Orte, an denen Gedanken sich klären. An denen Sie spüren: Hier ist Gott mir nahe. Nicht weil ich ihn gesucht habe. Sondern weil er mich gefunden hat.

Was heißt das für mich heute?

Vielleicht dies: Ich soll und kann mehr hinschauen und anders wahrnehmen.
Nicht zuerst auf die verhärteten Debatten und die Konflikte – davon haben wir genug.

Sondern auf die Werke, die Spuren, die kleinen Zeichen des Guten, die aus dem Glauben wachsen. Auf das, was Menschen aufrichtet. Was sie heilt. Was verbindet.

Jesus sagt: „Wenn ihr meinen Worten nicht glaubt, dann vertraut wenigstens meinen Werken.“
Kann, will ich mir das zu Herzen nehmen?

Wo nehme ich in meinem Alltag Werke wahr, die von Gott erzählen?
Wo lässt sich seine Güte erahnen – in Begegnungen, im Zuhören, im Trost, in der Hoffnung?

Und vielleicht stelle ich fest: Diese Spuren gibt es. Und sie tragen. Und sie öffnen den Blick für meinen Gott, der nicht fern ist, sondern nah.

Ein leiser Schluss: Gott wirkt

Diese Andacht endet nicht mit einem lauten Sieg Jesu, sondern mit einem leisen, aber klaren Satz aus dem Johannesevangelium: „Viele dort glaubten an ihn.“

Gott findet Wege. Auch wenn ich sie manchmal nicht sehe, nicht wahrnehme.Auch wenn Konflikte mir den Blick verstellen. Auch wenn ich mir selbst im Weg stehe. Gott wirkt.

Und wer hinschaut, wer ihn wahrnehmen will, kann ihn entdecken.

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