/ Bibel heute
Wer ist Jesus?
Der Bibeltext Johannes 10,22-30 – ausgelegt von Frank Fandrich.
Es war damals das Fest der Tempelweihe in Jerusalem, und es war Winter. Und Jesus ging umher im Tempel in der Halle Salomos. Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Wie lange hältst du uns im Ungewissen? Bist du der Christus, so sage es frei heraus.[...]
Der gute Hirte und die Befreiung des Tempels
Der gelesene Bibelabschnitt schließt sich an die Rede Jesu an, die als „Der gute Hirte“ bekannt ist. Jesus sagt darin: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ In dieser Rede kommt die ganze Liebe, Hingabe und Aufopferung Jesu für „seine“ Schafe zum Ausdruck. Diese Rede hat über Jahrhunderte Christen Hoffnung und Trost gegeben, Künstler und Autoren inspiriert und ist heute genauso aktuell wie vor 2.000 Jahren. Damals hat sie aber auch Verwunderung und Opposition ausgelöst. Und genau dort beginnt die Geschichte aus dem gelesenen Bibeltext.
Interessanterweise ist das Erste, was ich erfahre, dass Jesus in den sogenannten Tempel zum Fest der Tempelweihe geht. Dieses Fest ist heute als „Chanukka“, hebräisch für „Einweihung“, bekannt. Es erinnert daran, dass die Makkabäer ca. 200 Jahre vor Jesus Jerusalem von der Herrschaft des syrischen Königs Antiochus IV. Epiphanes befreit haben. Dieser hat die Juden politisch und religiös brutal unterdrückt, Götzenverehrung eingeführt und den Tempel durch Götzendienst entweiht. Nach der militärischen Befreiung durch die Makkabäer wurde der Tempel gereinigt und neu geweiht. Zur Erinnerung daran wird dieses Fest eingeführt. <span style="color: red;">Kommentar zur Unklarheit: Der Zeitpunkt und das handelnde Subjekt der Einführung des Festes bleiben unklar.</span> Es macht deutlich: Gott bewahrt sein treues Volk trotz massiver Unterdrückung.
Die Frage nach dem Christus
Jesus geht zum Fest der Tempelweihe im Tempel umher in der Halle Salomos, einer überdachten Säulenhalle am Rand des Tempelbereichs. <span style="color: red;">Kommentar zur Unklarheit: Die Satzstellung lässt offen, wie genau „im Tempel umher“ und „in der Halle Salomos“ räumlich zueinander gehören.</span> Jesus versteckt sich nicht, er ist an einem wichtigen Ort des religiösen Lebens. Hier kommt es zur Begegnung mit einigen Juden, die eine zentrale Frage haben: Bist du der „Christus“? Das griechische Wort „Christos“ ist die Übersetzung des hebräischen Titels „Messias“ und bedeutet „Gesalbter“. Die Juden fragen nicht: „Bist du ein guter geistlicher Lehrer?“, sondern: „Bist du der von Gott versprochene und gesalbte König und Retter Israels?“ Es geht ihnen also um eine tief gehende und brennende Frage. Diese Frage ist aber nicht nur lebenswichtig für Juden, sondern für jeden Menschen, egal welcher Herkunft, der sich Gedanken über Heil und Unheil, Rettung und Verlorengehen im eigenen persönlichen Leben und auch in Bezug auf das Weltgeschehen macht.
Jesus nennt in seiner Antwort mehrere wichtige Kernaussagen des christlichen Glaubens:
Jesu Kernaussagen: Glaube, Nachfolge und Gewissheit
1. Ja, er ist der Christus. Viele haben das damals nicht geglaubt. Jesus verweist darauf, dass seine Werke seine Identität bezeugen. Er tut die Werke des Vaters. Es sind Werke wie die Heilungen des Gelähmten, des Blindgeborenen, der Aussätzigen, die Auferweckung des Lazarus, die Speisung der 5.000, die die göttliche Macht über Natur, Krankheit, Dämonen und Tod bezeugen. Seine „Ich bin“-Worte „Ich bin das Brot des Lebens“, „Ich bin das Licht der Welt“, „Ich bin der gute Hirte“ und sein Umgang mit Menschen in Barmherzigkeit, Autorität und Wahrheit verdeutlichen ebenfalls seine Christus-Identität. Später sind weitere dramatische Zeugnisse dazugekommen, die bestätigen, dass Jesus der Christus ist: Seine Kreuzigung und Auferstehung, die Ausgießung des Heiligen Geistes, das Zeugnis der Apostel und der Gemeinde und das veränderte Leben vieler Menschen, die Jesus als ihren „Christos“ annehmen. Glaube ist nicht blind – der Glaubende vertraut einem, der sich durch sein Handeln zeigt. Und Glaube ist eine Frage einer bewussten Entscheidung von Herz und Verstand. Der Ruf Jesu ergeht an die Menschen, und damit ist Glaube auch Gnade.
2. Als Kennzeichen der Schafe, also derjenigen, die an Jesu Namen glauben, wird hier genannt, dass sie hören und folgen und dass der Hirte sie kennt. „Hören und Folgen“ ist mehr als nur passives „zur Kenntnis nehmen“, mehr als nur eine „christliche Meinung zu haben“. Es ist vielmehr ein sehr enges Verhältnis in einer Beziehung zwischen Jesus und einem Menschen. „Hören und Folgen“ beinhaltet die bewusste Hinwendung zu Jesus und gleichzeitig eine Abwendung von anderen Stimmen, die heutzutage von vielen Seiten und in lauter und aufdringlicher Weise auf Menschen einwirken. Das Wort Buße oder Sinnesänderung passt dazu und beinhaltet eine Abkehr von anderen Stimmen und die Hinwendung zum und das Hören auf den Hirten Jesus.
Für diejenigen, die solches tun, gibt Jesus eine großartige Zusage der Rettung und des ewigen Lebens in Vers 28: „und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben.“ Die Sicherheit dieser Zusage, oft als Heilsgewissheit bezeichnet, liegt in der Hand Jesu und in der Hand des Vaters in Vers 29: „Niemand wird sie aus meiner Hand reißen. … Niemand kann sie aus meines Vaters Hand reißen.“ Diese Sicherheit ist somit ausschließlich mit dem Wirken Gottes verbunden und hat nichts mit Religiosität, Leistungen oder Pflichten zu tun. Sie ist ein festes Fundament für mich als Christ in Zeiten des Zweifels, des äußeren oder inneren Drucks und in Lebensumständen, in denen andere Gewissheiten verloren gehen.
Die Einheit von Vater und Sohn
3. Im letzten Vers wird die Einheit von Vater und Sohn hervorgehoben.
Jesus ist nicht nur Bote oder Lehrer. Jesus tut den Willen und die Werke des Vaters und ist Gott selbst. Diese Einheit wird auch an vielen anderen Stellen in der Bibel bestätigt:
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Es ist ein Einssein im göttlichen Wesen (Johannes 14,11): „dass ich in dem Vater bin und der Vater in mir ist“.
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Es ist ein Einssein in den Werken und in der Autorität im Handeln (Johannes 5,19): „Denn was der tut, das tut gleicherweise auch der Sohn.“
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Es ist ein Einssein in der Ehre (Johannes 5,23): „damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren.“
Jesus erklärt in dieser Rede den Juden damals und auch allen Lesern des Neuen Testaments heute, dass er, Jesus, der Christus, der Gesalbte Gottes, der Erlöser und Retter ist. Genauso wie die Juden damals sind nun auch Sie und ich 2.000 Jahre später herausgefordert, sich den Worten und Werken Jesu glaubensvoll zu öffnen, sich bewusst zu ihm hinzuwenden und so die großartige Zusage Jesu zugesprochen zu bekommen: „und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen“.
© Ruth Schneider / ERF
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