Navigation überspringen

/ Bibel heute

Wer hat, der hat

Der Bibeltext 1. Johannes 5,6-12 – ausgelegt von Burkhard Heupel.

Dieser ist’s, der gekommen ist durch Wasser und Blut, Jesus Christus; nicht im Wasser allein, sondern im Wasser und im Blut; und der Geist ist’s, der das bezeugt, denn der Geist ist die Wahrheit. Denn drei sind, die das bezeugen: der Geist und das Wasser und das Blut; und die drei stimmen überein.[...]

1. Johannes 5,6–12

Besitz und die Frage nach dem Mehr

„Wer hat, der hat!“ Den Satz höre ich in meinem Alltag oft oberflächlich. Manchmal sogar egoistisch: meist im Sinne von materiellem Besitz, Stolz oder dem Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen zu sein.

„Wer hat, der hat!“ Oft geht es um materielle Werte, die aus beruflichem Erfolg, Erbe oder Ehrgeiz in den Besitz und Gebrauch einer Person gekommen sind. Ja, stolz kann man da sein. Und genießen. Vielleicht auch ein bisschen angeben.

„Wer hat, der hat!“ Und manchmal spüre ich, wie diese Aussage auch mir über die Lippen kommt: Was ist im Laufe der letzten Jahrzehnte nicht alles gewachsen und geworden in meinem Leben, nicht nur materiell, auch an Erfahrungen und Erlebnissen. Dankbar und ein bisschen stolz schaue ich zurück und denke: „Wer hat, der hat.“

Aber ich kenne auch die Momente, in denen „Wer hat, der hat“ nicht stolz macht, sondern Verpflichtung ist. Stress ist. Wo Besitz gepflegt, repariert oder sogar nervig ist und „wer hat, der hat“ ganz schnell zu einem „wie werde ich es wieder los?“ wird.

Warum?

Weil vieles von dem, was ich habe, nicht hält, was es verspricht: Mein Auto, meine Wohnung, meine Werkzeuge, meine kleinen Baumgrundstücke, mein Traktor und meine Kettensägen sind nett und schön und ich freue mich daran, aber ein erfülltes Leben, tiefe Zufriedenheit, geben sie nur bedingt. 

„Wer hat, der hat“ – mein Leben stellt mir die Frage nach Mehr, nach Weite, nach Tiefe, nach Erfüllung: Nach Liebe und nach Zukunft.
 

Der Lebensraum in der Nähe Gottes

Als Pastor biete ich sonntags in den Gottesdiensten gerne Predigtreihen an. Zum Beispiel über die Zehn Gebote, ein biblisches Buch oder über die Bitten des Vaterunsers. Es können auch Predigtreihen über Nachfolge oder Glaube im Alltag sein.

Auf dem Herzen lag mir, eine Predigtreihe über die biblische Schöpfungsgeschichte zu halten. Es war noch nicht dazu gekommen, weil ich staunend, ein wenig atemlos, vor diesem Akt, den Gott, der Schöpfer, aus dem Nichts vollzog, stand. Wie konnte ich – angemessen – über die Schöpfung, die Geschöpfe und den Schöpfer sprechen, der die Lebensgrundlage für Pflanzen, Tiere und Menschen ist.

Bei den Vorbereitungen fiel mir auf:

Nach dem biblischen Schöpfungsbericht werden am 3. Tag der Schöpfung die Pflanzen von Gott erschaffen. Gott spricht zur Erde: „Auf der Erde soll es grünen und blühen: Alle Arten von Pflanzen und Bäumen sollen wachsen und ihre Samen und Früchte tragen!“ (Die Bibel. 1. Mose 1,11)

Ich lese: Erde gibt es auch ohne Pflanzen. Aber es gibt keine Pflanzen ohne Erde. Um zu wachsen, zu blühen und Früchte zu tragen, kommen Pflanzen und Bäume ohne Erde nicht aus. Die Erde bringt dies alles hervor.

Am 5. Tag erschuf Gott die Fische und spricht zum Meer: „Im Wasser soll es von Leben wimmeln, und Vogelschwärme sollen am Himmel fliegen!“ (1. Mose 1,20)

Ich verstehe: Wasser gibt es auch ohne Fische. Aber es gibt keine Fische ohne Wasser. Nur im Wasser sind sie in ihrem Element und leben in ihrem Habitat. Ein zappelnder Fisch am Ufer hat keine Chance zu überleben.

Am 6. Tag spricht Gott: „Jetzt wollen wir den Menschen machen, unser Ebenbild, das uns ähnlich ist.“ (1. Mose 1,26)

Ich begreife: Gott existiert auch ohne Menschen – aber Menschen nicht ohne Gott. Als Mensch bin ich geschaffen, um in der Begegnung mit Gott zu leben. So wie der Fisch das Wasser zum Leben braucht und Pflanzen und Bäume die Erde.

Als Mensch brauche ich den Lebensraum in der Nähe und im Umgang mit Gott. Leben in der Gegenwart Gottes, das ist mein natürlicher Lebensraum.

Ich frage mich: Kann es sein, dass es erfülltes Leben nur in der Beziehung zwischen Geschöpf und Schöpfer gibt?

„Wer hat, der hat“ – mir dämmert: Es geht nicht primär darum, viel Geschaffenes zu haben, sondern den Schöpfer zu kennen.
 

Das Leben im Sohn

Der heutige Bibeltext schließt mit den Worten: (1. Johannes 5,12)

„Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.“

„Wer hat, der hat“.

Der biblische Text wird konkret: Taufe, Jesu stellvertretender Tod und Gottes Heiliger Geist geben mir meine Identität. Und ein Leben, das mir mein Traktor und mein Hab und Gut nicht bieten können.

Täglich will ich eintreten, täglich neu, in die Gegenwart Gottes. Natürlich ist Gott auch da, ohne diesen bewussten Schritt von mir. Ich spüre allerdings, dass mir Wesentliches fehlt beim Verzicht auf Begegnung und Austausch mit ihm. Mir fehlt Leben in seiner besonderen Tiefe – das ich in der Begegnung mit IHM erlebe.
 

Fokussiert bleiben im Strudel

In meiner Reha in Bad Orb besuche ich den Andachtsraum. Dort hängt ein Kunstwerk. Es spricht mich an. Die große Holztafel, etwa 2 × 2 m, wurde von einer Kettensäge bearbeitet. Kreise sind sichtbar. Sie erinnern mich an den Strudel in der Badewanne. Ich werde erinnert an die zerstörende Kraft eines Tornados, an einen Kreisverkehr ohne Ausfahrt, an das sogenannte stressige Hamsterrad und das Tempo unserer Zeit und Gesellschaft. „Wer hat, der hat“ klingt an, im Sinne von Gewinnmaximierung. Optimierung. Selbstaufgabe.

Im Gespräch mit dem Künstler erfahre ich, dass das Kunstwerk keinen Titel hat. Beim Versuch, einen Titel zu finden, bleibe ich bei „Fokussiert bleiben – im Strudel“ hängen. Fokussiert will ich leben. Das Wesentliche im Blick behalten.

„Alles dreht sich um mich, viel zu selten um dich –
ich verlier dich aus den Augen.
Alles dreht sich um mich,
viel zu selten um dich.
Herr, werd du wieder zum Mittelpunkt in meinem Leben.“

Dominik Deiss findet Worte für mein Empfinden und für das Drehkarussell meiner Gedanken in meinem Kopf.

„Wer hat, der hat!“ Ja, was habe ich denn? Was bleibt und ist von Dauer? Johannes schreibt in seinem Brief: Das Leben habe ich, wenn ich Christus habe. Umkehrschluss: Kein Leben ohne Christus. Eine steile Aussage. Sie lässt wenig Spielraum für Toleranz. Klipp und klar ist sie in ihrer Aussage.

Beim weiteren Betrachten entdecke ich das durchscheinende Kreuz auf dem Kunstwerk. Es drängt sich nicht auf. Je mehr ich es anschaue, desto mehr treten die Kreise in den Hintergrund. Das Kreuz tritt in den Vordergrund. Es bringt Licht in meine Dunkelheit. Wie ein Fadenkreuz wirkt das Kunstwerk auf mich: Ich bin wieder fokussiert. Bekomme Halt und Ruhe. Bin ausgeglichen und „aufgeräumt“. Das Kreuz wird zum Anker in meiner schnelllebigen Zeit.

Ja, es ist so: In Christus habe ich das Leben. Nicht abgehoben vom Hier und Jetzt, aber in seiner Gegenwart komme ich zur Ruhe. Spüre seinen Frieden. Wenn ich ihn habe, dann habe ich das Leben.

Ihr Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht. Bitte beachten Sie beim Schreiben Ihres Kommentars unsere Netiquette.