/ Bibel heute
Prüfungsauftrag
Der Bibeltext 1. Johannes 4,1-6 – ausgelegt von Roland Gebauer.
Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn viele falsche Propheten sind hinausgegangen in die Welt. Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, der ist von Gott; und ein jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommen werde, und er ist jetzt schon in der Welt.[...]
Glaube braucht Prüfung
Unser Bibelwort erteilt uns einen klaren Auftrag: „Glaubt nicht …, sondern prüft …!“ Die Aufforderung „Glaubt nicht“ im Glaubensbuch der Christen zu lesen, ist ja schon erstaunlich – aber berechtigt. Denn sie macht uns klar: Mit dem Glauben ist es nicht ganz so einfach, wie wir es vielleicht gerne hätten.
Denn es gibt Fehlformen des Glaubens – Glaubensinhalte und -vollzüge, die nicht dem entsprechen, was Glaube an Gott bzw. Jesus eigentlich bedeutet – nämlich ein Sich-fest-Machen in einer Wahrheit – ja, an der Wahrheit – für die es Kriterien gibt – und die man prüfen kann – und soll!
Nur ist das so eine Sache mit dem, was wir da prüfen sollen – nämlich „die Geister“ (so heißt es). Haben Sie schon mal Geister geprüft? Wenn überhaupt, dann dürfte das schwierig gewesen sein – und immer wieder werden. Denn Geister sind nicht greifbar – man kann sie nicht fassen – sie führen ihr Eigenleben in einer ganz anderen Dimension – und führen uns Menschen manchmal ganz schön an der Nase herum.
Geistliche Mächte und menschliche Freiheit
So auch in unserem Text: Die „Geister“ bringen in uns etwas zustande, wozu wir aus uns selbst nicht in der Lage wären – nämlich Jesus zu erkennen und ihn zu bekennen – oder auch das Gegenteil: Jesus nicht zu bekennen, sondern gegen ihn zu sein – und so zum Spielball des „Antichristen“ zu werden.
Dass wir Menschen autonom seien und eigenmächtig bestimmen können, was wir glauben oder nicht, woran wir uns festmachen oder nicht – diese Vorstellung ist ein Trugschluss. So hätte es mancher Mensch vielleicht gerne. Aber es stimmt nicht – sondern wir sind abhängig von Mächten, die in uns wirken – von „Geistern“, wie unser Bibelwort sagt.
Das ist kein Rückfall ins finsterste Mittelalter oder in die mythische Welt der Antike – sondern es ist eine logische Konsequenz aus dem Gott-Sein Gottes – der seinem Wesen nach Geist ist – und auf geistige Weise an/in uns Menschen wirkt. Aber auf die gleiche Weise wirkt eben auch der Gegenspieler Gottes, der Teufel – sonst hätte er ja keine Chance.
Prüfung der Geister in der Gemeinde
Genau deshalb werden wir in unserem Bibelwort aufgefordert: „Prüft die Geister, ob sie von Gott sind!“ „… ob sie von Gott sind!?“ – und das in der Gemeinde – die doch nur Gemeinde sein kann und lebt, weil der Geist Gottes in ihr wirkt. Ist die Gemeinde denn ein Jahrmarkt der Geister – guter und böser?
Das nicht: „Jahrmarkt“ – aber: Wo der Geist Gottes wirkt, ist der Geist des Widersachers nicht untätig. Er wird nicht von ungefähr „Antichrist“ genannt. Anti heißt gegen. Er ist also eine geistige Macht, die gegen Christus agiert – die das Gute zu zerstören sucht, das Gott durch Jesus in die Welt gebracht hat – und das in der Gemeinde und im Leben der Glaubenden seine deutlichste irdische Gestalt gewonnen hat.
Der Antichrist ist also schon da. Und wo ist er zu finden und betreibt er sein zerstörerisches Werk? In der Gemeinde (bzw. Kirche) – in der Gemeinschaft derer, die an Jesus glauben – denn das Gute ist immer das lohnendste Ziel der Angriffe des Bösen.
Die Gemeinschaft derer, die an Jesus glauben. Das zeichnet sie aus, das ist ihre Identität und Lebensader: der Glaube an Jesus – aber nicht ein beliebiger, veränderbarer Jesus-Glaube – sondern der Glaube an Jesus in einer ganz bestimmten Gestalt – nämlich der Glaube daran, dass „Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist“.
Das Bekenntnis zu Jesus Christus
Unser Bibelwort benennt hier ein klares Kriterium zur Unterscheidung der Geister: „Jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist, der ist von Gott“ – will sagen: Der Geist jedes Menschen, der dieses Bekenntnis ausspricht, ist vom Geist Gottes inspiriert. Und das Gegenteil: Der Geist jedes Menschen, der dieses Bekenntnis nicht ausspricht, der „Jesus nicht [so] bekennt“, der ist nicht von Gott inspiriert, sondern vom „Geist des Antichrists“.
Warum will der Antichrist das Bekenntnis zu Jesus als „in das Fleisch gekommen“ verhindern – und zwar in der Gemeinde/Kirche? Weil er hier genau das zerstören will, worauf es ankommt – was Jesus ausmacht – was Jesus zum Christus, zum Erlöser hat werden lassen – durch Gottes heiligen Willen.
Denn wenn der Sohn Gottes nicht in das Fleisch gekommen wäre, wenn er also nicht Mensch aus Fleisch und Blut geworden wäre, dann hätte er nicht am Kreuz sterben können – dann wären sein Sterben für uns und seine Auferweckung in ein neues Leben bei Gott nichts als eine fromme Illusion – eine vielleicht erbauliche Geschichte, aber ohne jegliche Kraft und Wirklichkeit.
Genau das will der Antichrist: Jesus entstellen, ihn seiner Identität als Erlöser berauben. Dann mag das Bekenntnis zu Jesus durchaus noch da sein und in der Gemeinde/Kirche laut werden – etwa zu Jesus als Klimaaktivist, als Gesellschaftsreformer, als Friedensstifter, als ethisches Vorbild, oder was auch immer.
Das alles mag auf Jesus rein theoretisch vielleicht auch zutreffen – je nachdem, wie man ihn sieht. Aber es sind bestenfalls Aspekte von Jesus. Wenn er jedoch darauf reduziert wird, wenn diese Eigenschaften seine Identität ausmachen – dann ist er nicht der Mensch gewordene Gottessohn, der zu unserem Heil gekreuzigt wurde und auferstanden ist.
Dann ist das Bekenntnis zu ihm nicht vom Geist Gottes inspiriert, sondern vom Geist des Antichrists – dann handelt es sich um einen anderen Jesus als den, der uns in der Bibel bezeugt wird.
Wir sollen also wachsam sein und „die Geister prüfen“ – und uns zu denen halten, die das wahre Jesusbekenntnis aussprechen – zu denen, die vom „Geist der Wahrheit“ inspiriert sind, und nicht vom „Geist des Irrtums“. Ihnen/uns gilt die Zusage: „Ihr seid von Gott!“ ER ist und wirkt „in euch“ – und er „ist größer“ als der Geist „der Welt“, der Jesus entstellt.
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