/ Bibel heute
Liebe als Auftrag Gottes
Der Bibeltext 1. Johannes 4,7-21 – ausgelegt von Peter Plack.
Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.[...]
Liebe, die Gemeinde trägt
Mitten hinein in die Situation seiner kleinen und angefeindeten Gemeinde schreibt Johannes: „Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben.“ – Johannes geht es nicht um romantische Gefühle. Er ermutigt seine Gemeinde, solidarisch füreinander einzutreten, einander mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen und denjenigen praktisch zu helfen, die es brauchen. Unter anderem ging es darum, reisenden Glaubensgeschwistern eine Herberge zu geben und Unterschlupf zu gewähren, wenn sie verfolgt wurden.
Heute stelle ich es mir so vor: Wir begegnen einander in der Gemeinde als Junge und Alte, Begüterte und Bedürftige, Ästheten und Handwerker, stehen füreinander ein und sind füreinander da. Vielleicht geht die Studentin der Witwe in ihrem großen Haus praktisch zur Hand und kann dafür günstig bei ihr wohnen. Der Seniorenkreis hilft reihum bei der örtlichen Tafel mit. Der Männertreff gründet ein Repair-Café für Geräte des täglichen Bedarfs. Die Computerkids helfen Älteren, ihr Handy einzurichten, zu bedienen und sich sicher im Internet zu bewegen. Oder eben etwas anderes, was zu den Menschen, ihren Gaben und Bedürfnissen vor Ort passt. Das gilt nicht nur für Gemeindegruppen, sondern auch für mich als Einzelnen: Ich helfe dem, der es braucht, mit den Mitteln, die ich habe.
Liebe beginnt praktisch
„Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben.“ Für Johannes hat diese Ermutigung direkt mit Gott zu tun. Deswegen schreibt er weiter: „Denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott.“ Der Satz hat es in sich! Er malt mir eine lebendige Beziehung vor Augen, die sich entwickelt und die uns gemeinsam voranbringt. Aber Gottes Liebe und meine Liebe – geht das so einfach zusammen? Was ich unter Liebe verstehe, ist unvollkommen, braucht Ergänzung und Korrektur. Gerade deswegen ist es wichtig, mit der Liebe überhaupt anzufangen. Nur ein fahrendes Auto lässt sich steuern.
Erst fange ich mit der Nächstenliebe an. Ich mache meine Erfahrungen mit den anderen und mit mir selbst. Wie weit reicht meine Gutmütigkeit? Wie überwinde ich meine Ausreden? Wie gehe ich damit um, wenn meine Hilfe abgelehnt wird oder wenn ich ausgenutzt werde? Ich gerate an meine Grenzen. Ich erfahre auch, wie Gott mich in einen anderen Lebensraum versetzt. „Aus Gott geboren“, sagt Johannes. Ganz praktisch: Ich lasse mich an der Hand nehmen oder mir einen freundlichen Tritt geben, um das zu tun, was Gottes Liebe durch mich jetzt vollbringen möchte. Dabei wachse ich über mich hinaus, komme auf andere Gedanken und kann über meinen Schatten springen. Ich kann meine Perspektive wechseln und die Welt mit den Augen meines Nächsten sehen, der gerade vor mir steht. Dabei erfahre ich live, was kluge Theologen im Nachhinein mit vielen Worten aufgeschrieben haben. Diese Liebe ist ein Geschenk Gottes. Sie verändert mich von innen her, und deswegen kann ich so reden und handeln, wie Gott es von mir möchte. Wenn das geschieht, entsteht eine neue Gemeinschaft zwischen Gott, meinem Nächsten und mir, weil Gottes Liebe zwischen uns fließt. Johannes sagt es so: „Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.“
Liebe hat ein festes Fundament
Johannes gräbt noch tiefer und stellt unsere Liebe auf ein unerschütterliches Fundament mit den Worten: „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.“ – In Jesus Christus bindet Gott unsere Liebe mit seiner Liebe zusammen. Wir Menschen wollen andere nicht immer lieben, und wir haben manche verdrehten Vorstellungen von Liebe. Jesus hat uns durch sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung wieder an die lebendige Liebesbeziehung mit Gott angeschlossen. Er hat so unser Verständnis von Liebe vom Kopf auf die Füße gestellt. Wir werden davon frei, zuerst den eigenen Vorteil zu suchen. Wir müssen uns und andere nicht nach ihrer Leistung beurteilen. Durch Jesus Christus bekommt die göttliche Liebe unter uns Hand und Fuß. Die menschliche Liebe bekommt durch ihn Reinheit, Geduld und Kraft.
Mit der göttlichen Liebe klappt das nicht immer unter uns. Immer wieder fallen wir in unser altes Leben zurück. War dann alles umsonst? Nein, sagt Johannes. Gott hält seine Liebesbeziehung zu uns aufrecht, auch wenn wir aus ihr herausfallen oder ihr nicht gerecht werden. Gott ist treu und steht zu uns. Deswegen ist nicht alles egal, und ich kann auch nicht machen, was ich will. Jede Beziehung braucht Regeln und Leitlinien, damit Verlässlichkeit und Vertrauen entstehen können. Der Glaube an Gott ist eine Liebesbeziehung. Da reut es einen, den anderen enttäuscht zu haben. Und ich bin froh und erleichtert, wenn mir Gott vergeben hat, und es wieder gut ist zwischen uns. Johannes fasst es so zusammen: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“
Liebe macht frei für den Weg
Zum Schluss ein Satz, der mir erst schwer verständlich war: „Darin ist die Liebe bei uns vollendet, auf dass wir die Freiheit haben, zu reden am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt.“ – Ich habe mir so einen Reim darauf gemacht: glaubende Menschen, wie ich einer sein will, nicht mutmaßliche Übeltäter, sondern Gottes geschätzte und geliebte Mitarbeiter, die schon auf Erden für himmlische Zustände sorgen, weil sie Gottes Liebe in Wort und Tat ausstrahlen und weitergeben. Das wird uns nicht immer gelingen, es wird Nachfragen, Erklärungen und Korrekturen brauchen. Aber die Grundrichtung stimmt schon! Mit Gottes Liebe in uns werden wir es schaffen – nicht immer, aber immer öfter. So gibt es uns Johannes mit auf den Weg: „Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben.“
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