05.10.2026 / Andacht

„Komm, wir beten für den Kerl!“

Wie wir mit einem Menschen umgehen können, der uns wütend macht.

Ich bin immer noch wütend auf diesen Mann. 

Im Urlaub fuhr er uns hinten ins Auto. Wir bremsten an einem Zebrastreifen, um eine Fußgängerin passieren zu lassen. Er schien damit nicht gerechnet zu haben. Es krachte. Darauf folgte ein unschönes Wortgefecht in der Landessprache, die wir nur unzureichend sprechen. Aber so viel verstand ich: Er gab uns die Schuld an dem Zusammenstoß. Man bremst doch nicht am Zebrastreifen, wie dumm muss man denn sein? Und, oh, diese Touristen machen doch immer nur Ärger! 

Er versuchte, uns zu einer „gütlichen Einigung“ zu drängen, doch wir wollten uns keinesfalls auf irgendwelche Vereinbarungen einlassen, die wir nicht verstanden. Am Ende wären wir die Dummen gewesen. Zwischendurch sah ich nach unseren Kindern auf der Rückbank. Das jüngere Kind weinte – vor Schreck, wie ich zunächst glaubte. 

Etwas später klagte unser Kind über Kopfschmerzen und Übelkeit. Wir fuhren umgehend zum Arzt. Es hatte sich bei dem Zusammenstoß eine Gehirnerschütterung zugezogen. Ich informierte den Unfallgegner darüber. Er antwortete, dass wir ihm die Verletzung unseres Kindes doch wohl nicht anhängen wollten, das wäre doch nur ein kleiner Rempler gewesen. Ich war fassungslos über so viel Kaltschnäuzigkeit. 

Leider wurde es auch in den folgenden Wochen nicht besser. Nachdem wir den Schaden seiner Versicherung gemeldet hatten, erreichten mich WhatsApp-Nachrichten mit Pöbeleien und sogar Drohungen. 

„Warum beten wir für den?“ 

Es ist uns nicht gelungen, unsere Verunsicherung und unseren Ärger vor unseren Kindern zu verstecken. Warum auch? Wir sind keine streitlustigen Menschen, aber in diesem Fall waren wir nicht bereit, klein beizugeben. Man sollte Leute, die sich durch Einschüchterung und Aggression einen Vorteil verschaffen wollen, nicht gewähren lassen. Das wollen wir auch unseren Kindern vermitteln. Tatsächlich beschäftigte der Vorfall auch sie noch länger. 

Als ich eines Abends mit meinem Kind zum Tagesabschluss beten wollte, merkte ich, wie wütend es auf den Mann war. Er hatte ihm die Gehirnerschütterung „eingefahren“, Schmerzen verursacht und sich dann auch noch gemein verhalten. Da kam mir ein Gedanke: 

Es liegt nahe, jemandem Schlechtes zu wünschen, von dem man sich selbst schlecht behandelt fühlt. Wir hatten uns genug von dem ganzen Vorfall herunterziehen lassen. Genügend Fäuste in der Tasche gemacht. Besser wurde dadurch nichts.  

Ich habe seither immer wieder an einen bekannten Vers aus der Bibel gedacht, der 2011 sogar die Jahreslosung war:

‚Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem‘ (Römer 12,21). Diese Worte öffnen Fäuste – ganz gleich, ob echte oder gedankliche.

„Komm, wir beten gemeinsam für den Kerl", schlug ich vor. 

„Was?“, rief mein Kind. „Warum denn für ihn beten?“ 

„Hör einfach mal zu“, sagte ich. 

Obwohl ich selbst wütend war, bat ich Gott, diesem Mann Gutes zu tun: „Wir wissen nicht, was mit ihm los ist. Was ihn dazu bringt, sich so zu verhalten. Vielleicht hat er Angst. Vielleicht hat er Geldsorgen. Vielleicht hat er selber sogar eine Familie, die er versorgen muss. Man verhält sich nicht so gemein, wenn es einem gut geht und man mit sich und der Welt im Reinen ist. Ich glaube, dieser Mann braucht dringend einen Lichtblick. Gott, bitte komm in sein Leben.“ 

Nachdem ich das gebetet hatte, merkte ich, wie die Last meiner Wut leichter wurde. Und mein Kind sagte: „Ach so, jetzt verstehe ich, was du meinst!“ 

„So kann man auch mit jemandem umgehen, über den man sich ärgert“, sagte ich. „Man kann ihm Gutes wünschen. Dadurch verlieren wir nichts.“ 

Dem Groll eine neue Richtung geben 

Im Gegenteil. Ich habe wieder ein Stück weit Frieden gewonnen. Nein, meine Wut ist nicht vollständig verraucht, das gebe ich zu. Aber ich kann trotzdem weiter für diesen Menschen beten und hoffen, dass er Gott irgendwie begegnet. Das schließt sich nicht aus. Und mir selbst tut es auch gut, weil ich die Sache an Gott abgeben kann. 

Ich hatte zwischenzeitlich sogar die Idee, unserem Partnersender im Heimatland unseres Unfallgegners zu schreiben und die Mitarbeiter dort zu bitten, ihm ein kleines Überraschungspaket zu schicken, damit er auf das christliche Radioprogramm aufmerksam wird. Er muss ja nicht wissen, dass wir dahinterstecken. Vielleicht sollte ich das wirklich mal in Angriff nehmen.
 

Autor/-in: Katrin Faludi

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