„Du bist nicht du, wenn du hungrig bist.“ Vielleicht kennst du diesen Satz aus der Snickers-Werbung. Mir ist er direkt beim ersten Ansehen hängengeblieben. Denn er beschreibt etwas, was ich bereits lange vor der Werbung kannte: Dass Hunger nicht nur ein körperliches Empfinden ist, sondern mich auch emotional steuert. Im Englischen gibt es dafür sogar den Begriff „hangry“ (Wortschöpfung aus den Begriffen „hungry/ hungrig“ und „angry/ wütend“). Sprich: Wer hungrig ist, reagiert schneller wütend.
Doch wie ist das sonst mit körperlichen Prozessen und Gefühlen? Oft verwenden ich den Begriff „fühlen“ sehr weit. Ich sage: „Ich fühle mich erschöpft“, aber auch „Ich fühle mich verletzt“. Nun besteht aber zwischen einer Emotion und einer Körperempfindung wie Hunger ein Unterschied. In dem einen Fall reicht es meist, die körperlichen Bedürfnisse zu stillen, im anderen eben nicht.
Um angemessen auf meine Gefühle und Empfindungen zu reagieren, hilft es daher, genauer hinzuschauen, was gerade wirklich körperlich und emotional in mir passiert. Elisabeth Haag ordnet in ihrem Buch „Einander verstehen lernen: Wie uns verbindet, was wir sagen“ Empfindungen und Gefühle in fünf Kategorien ein. Im Folgenden gebe ich dir Tipps, wie du auf die einzelnen Gefühlsarten reagieren kannst.
1. Körperliche Empfindungen
Unser Körper ist ein erstaunlicher Mechanismus. Er passt sich den unterschiedlichsten äußeren Bedingungen an, ohne dass ich das immer bewusst wahrnehme. Ist mir zu warm, kühlt er mich mit Schwitzen herunter. Sitze ich zu lange auf einer Stelle und sollte mich mal wieder bewegen, kribbelt es und ich wechsle oft automatisch die Position.
Doch alles gleicht mein Körper nicht aus. Ist mir sehr heiß oder kalt, kann das sowohl meine Konzentration als auch meine Stimmung massiv beeinflussen. Genauso einen starken Einfluss können Hunger oder Durst, Müdigkeit, Schmerzen, Übelkeit oder andere körperliche Missempfindungen auf meine emotionale Stabilität haben.
Als es im Frühsommer so heiß war, gab es Tage, an denen ich vor Hitze nicht mehr denken konnte. Ich saß vor dem PC und wusste eigentlich, was ich zu tun hatte, und habe doch minutenlang auf den Bildschirm gestarrt. Zudem stritt ich mich mit meinem Mann über Dinge, die komplett lächerlich waren. An einem Tag unterhalb der 30-Grad-Grenze wäre mir das nicht passiert.
Was kannst du daraus für dich mitnehmen?
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Körperliche Empfindungen wollen wahrgenommen und beachtet werden. Wenn du „hangry“ bist, liegt die Lösung nicht in dem Versuch, trotzdem möglichst nett zu sein – wobei das natürlich sinnvoll und löblich ist. Stattdessen solltest du schnellstmöglich etwas essen. Sprich: Kümmere dich als Erstes um deine körperlichen Bedürfnisse und kläre erst danach emotionale Themen.
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Meist meldet der Körper erst dann den Notstand, wenn es schon zu spät ist. Wenn du aggressiv vor Hunger bist, hast du mehrere körperliche Signale davor übergangen. Lerne daher, die Antennen für deinen Körper zu schärfen und auch auf feine Signale zu achten. Manchen Menschen gelingt es sogar, dies bei anderen Menschen wahrzunehmen. Wenn du das kannst, nutze es zum Besten deiner Mitmenschen.
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Teile deinem Gegenüber mit, wenn du bemerkst, dass dein Körper sich in einem Ausnahmezustand befindet. Jeder Mensch kennt Hunger, Hitze oder andere körperliche Missempfindungen. Die meisten zeigen Verständnis dafür, wenn du deshalb gereizt oder unkonzentriert bist, sofern sie davon wissen.
2. Biologische Programmierungen
Biologische Programmierungen hängen oft mit Körperempfindungen zusammen, doch hier geht es nicht um das körperliche Gefühl, sondern die automatische Reaktion, die dieses auslöst. Elisabeth Haag nennt hier auch Hunger, wobei ich den eher in der ersten Kategorie verorte. Denn ja, auch Hunger führt zu automatischen Reaktionen, etwa, indem ich die nächstverfügbare statt einer nahrhaften Mahlzeit wähle oder zu schnell esse. Zugleich ist er aber eine für sich stehende Körperempfindung.
Reine biologische Programmierungen können folgende Dinge sein:
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Das Zusammenzucken bei einem lauten Geräusch
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Das automatische Beschleunigen der Schritte, wenn ich als Frau im Dunkeln einem fremden Mann begegne
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Der etwas zu lange Blick, wenn ich jemanden sehe, den ich attraktiv finde
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Verliebtheitsgefühle in Form von Schmetterlingen im Bauch
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Eifersucht, wenn ich beobachte, wie jemand mit meinem Partner flirtet
Das alles sind nicht nur körperliche Verhaltensmuster, dennoch haben sie eins gemeinsam: Wir denken bei diesen Reaktionen oft nicht darüber nach, was wir fühlen oder tun, sondern reagieren zunächst einfach nur. Wir sind quasi biologisch gepolt, in einer gewissen Weise zu empfinden und zu handeln.
Diese Empfindungen ordnen wir erst im Nachgang ein und regulieren dann nach. Etwa, wenn ich feststelle, dass der laute Knall nur im Film war.
Problematisch werden biologische Programmierungen, wenn ich sie einfach laufen lasse und nicht mit dem Verstand nachjustiere. Wenn ich also den Schmetterlingen im Bauch nachgebe, obwohl ich bereits einen Partner habe, oder weiter meine Eifersucht nähre, obwohl mein Partner mir dafür keinen Grund gibt.
Das ist meiner Ansicht nach auch das, was Jesus mit den drastischen Worten in Matthäus 5,28-29 thematisiert: „Wer die Frau eines anderen begehrlich ansieht, hat in seinem Herzen schon die Ehe mit ihr gebrochen. Wenn dich dein rechtes Auge zur Sünde verführt, dann reiß es aus und wirf es weg!“
Hier geht es meiner Ansicht nach nicht darum, mir faktisch ein Auge auszureißen, aber Jesus warnt eindringlich davor, biologischen Programmierungen blind zu folgen.
Man könnte auch sagen: Der erste Blick auf eine attraktive Person des anderen Geschlechts mag eine automatische Reaktion sein, der zweite dagegen ist meine bewusste Entscheidung, für die ich die Verantwortung trage.
3. Klassische Gefühle
Diese Kategorie umfasst das, was wir gemeinhin unter Gefühlen verstehen. Mit diesen Gefühlen treten wir in Verbindung zu anderen Menschen und einer aktuellen Situation. So fühlen wir uns etwa traurig, weil jemand uns ignoriert, oder freuen uns, einen lieben Bekannten zu sehen. Aufgrund dieser sozialen Komponente verwendet Elisabeth Haag hier den Begriff „Beziehungskräfte“.
Diese klassischen Gefühle entstehen aus der Situation heraus, sind durch den Verstand steuerbar und lassen sich meist einem Grundgefühl wie Angst, Wut, Trauer, Freude oder Scham zuordnen.
Auf diese Gefühle zu reagieren, ist wichtig und stärkt unsere Beziehungen. Allerdings ist dafür oft eine Einordnung nötig. Denn nicht selten überlagern sich mehrere Grundgefühle, etwa wenn ich mich „verletzt“ fühle. Dann kann es sein, dass das vorherrschende Gefühl Wut ist, weil meine Grenzen übergangen wurden. Es kann aber auch Trauer sein, weil das Verhalten meines Gegenüber mir Wertlosigkeit vermittelt.
Um in Beziehung zu treten und meine Gefühle adäquat zu äußern, hilft hier selten die Aussage: „Du hast XY getan, das hat mich verletzt.“ Auf diese Weise äußere ich eine Bewertung und eskaliere damit eventuell die Situation. Sinnvoller ist es, einen Schritt zurückzutreten und zu überlegen: Was fühle ich wirklich? Und dann schildere ich das dem anderen. Wenn ich sage: „Du hast XY getan. Das macht mich traurig/wütend, weil …“, begründe ich mein Empfinden und bleibe dabei sachlich.
Auf diese Weise kann ich Konflikte konstruktiv aus der Welt schaffen und vermeide, nur meine Emotionen am anderen auszulassen.
4. Emotionale Altlasten
Besonders schwierig wird das Einordnen von Gefühlen, wenn es um emotionale Altlasten geht. Diese vierte Kategorie umfasst Gefühle, die sich nicht auf die Gegenwart, sondern auf die Vergangenheit beziehen. Haag bezeichnet sie als „ungefühlte, unerlöste Gefühle“. Was ist damit gemeint?
Es kann vorkommen, dass eine Situation mich so sehr an eine ähnliche Situation aus meiner Vergangenheit erinnert, dass ich Gefühle aus dieser früheren Situation empfinde – entweder welche, die ich selbst erlebt habe oder solche, die ich bei anderen beobachtet habe.
In diesem Fall läuft meine emotionale Reaktion ähnlich wie bei biologischen Programmierungen meist automatisch ab. Sprich: Ich erlebe einen Reiz, der nicht einmal besonders groß sein muss. Daraufhin explodiere ich oder breche in Tränen aus. Faktoren, die diese emotionalen Altlasten hervorbringen, bezeichnet man als Trigger.
Vielfach wird von einem Trauma ausgegangen, wenn es zu solchen emotionalen Ausbrüchen kommt, doch es braucht dazu kein diagnostiziertes Trauma. Wir alle haben gewisse familiäre Prägungen, die uns in bestimmten Situationen Gutes oder Schlechtes erwarten lassen.
Wenn früher ein bestimmter Satz immer fiel, bevor ich Ärger bekam, erwarte ich jedes Mal Ärger, wenn ich ihn höre, und reagiere emotional darauf. Ein an sich harmlose Satz wird dann zum Triggerpunkt und es kann sein, dass ich gar nicht mehr richtig auf das höre, was dann folgt, sobald er fällt.
Das Problem bei emotionalen Altlasten ist:
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Weil meine damalige Einordnung des Geschehens der Erlebniswelt eines Kindes entsprach, reagiere ich nun wieder wie eine 10- oder 15-Jährige darauf, und zwar, bevor mein erwachsener Verstand die tatsächliche Lage bewertet.
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Eine ähnliche Situation ist keine gleiche Situation. Genau wie ich als Mensch gereift bin, ist auch die Situation nun eine andere. Wenn ich als Schulkind von Klassenkameraden nicht zur gemeinsamen Pause einladen wurde, war dies eventuell Mobbing. Meine Kollegen im Arbeitsleben hingegen halten mich eventuell nur für noch beschäftigt, wenn sie ohne mich Pause machen.
Was kann bei emotionalen Altlasten helfen? Drei Dinge:
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Mir meiner Triggerfaktoren bewusst werden und gerade in diesen Situationen emotional einen Gang zurückschalten.
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Mit engen Bezugspersonen über meine Trigger sprechen und gemeinsame Wege finden, um Triggersituationen zu entschärfen.
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Nicht zu hart mit mir selbst ins Gericht gehen, wenn doch mal wieder mein 15-jähriges Ich durchschlägt, sondern gnädig mit mir sein und mich gegebenenfalls beim anderen entschuldigen, wenn ich aus einem starken Gefühl heraus reagiert habe.
5. Emotionale Bewusstseinszustände
Neben emotionalen Altlasten gibt es auch emotionale Bewusstseinszustände angenehmer und unangenehmer Natur. Man könnte sie auch als emotionale Grundhaltungen zu einer Person, Situation oder dem Leben an sich bezeichnen.
Wenn ich etwa jemanden liebe, meint mein „Ich liebe dich“ nicht per se, dass der andere mir just in diesem Moment Schmetterlinge in den Bauch zaubert, sondern oft eher „Ich kümmere mich um dich“ oder „Ich stehe zu dir“. Meine Liebe zum anderen entspringt dann nicht mehr allein biologischer Programmierung oder einem Gefühl der Freude, wenn ich ihn oder sie sehe, sondern einer Grundhaltung, die ich dem anderem gegenüber einnehme.
Auch andere positive Lebenseinstellungen wie Mitgefühl, Dankbarkeit, Vertrauen oder Freundlichkeit entspringen oft einem länger vorherrschenden Gefühlszustand, den ich gezielt ausgebaut habe und anderen Menschen bewusst entgegenbringe.
Genauso können auch unangenehme Gefühle zu Bewusstseinszuständen werden. Wenn ich etwa einen Menschen verliere, empfinde ich Trauer nicht mehr nur als einzelnes situatives Gefühl, sondern es legt sich eine Wolke der Trauer über mein ganzes Leben. Die Trauer beeinflusst dann als Grundempfindung mit, wie ich andere Gefühle wahrnehme. Ähnlich ist es, wenn jemand an einer schweren Depression erkrankt.
Bewusstseinszustände färben somit meine Wahrnehmung von Situationen oder anderen Menschen ein und bestimmen, welche Einzelgefühle ich erlebe – und wie stark. Deshalb ist es immens wichtig, sich ihrer bewusst zu werden und sie zu steuern.
Das heißt explizit nicht, dass Phasen der Trauer keinen Platz im Leben haben. Es gibt Zeiten, in denen dieses Gefühl den Grundton unseres Lebens ausmachen kann. Auch der Verfasser des biblischen Buches Predigers weiß das, als er schreibt: „Alles, was auf der Erde geschieht, hat seine von Gott bestimmte Zeit: geboren werden und sterben, einpflanzen und ausreißen, töten und Leben retten, niederreißen und aufbauen, weinen und lachen, wehklagen und tanzen“ (Prediger 3,1-4).
Zugleich ermutigt uns der Apostel Paulus: „Dankt Gott in jeder Lebenslage!“ (1. Thessalonischer 5,18). Dies empfiehlt keiner, der Leid nicht kennengelernt hat, sondern jemand, der weiß, dass wir durch die richtige Brille mit einer positiven und auf Gott ausgerichteten Grundhaltung aufs Leben schauen.
Was ist deine aktuelle Grundhaltung zum Leben? Und wo lohnt es sich, deine vorherrschenden Emotionen zu überdenken?
Deine Meinung zählt!
Was hat dich inspiriert, berührt oder zum Nachdenken gebracht?