14.09.2026 / Persönlich

Ich mag keinen Lobpreis

Wer in der Kirche nicht mitsingt, macht sich verdächtig.

Ich mag keinen Lobpreis.

So, jetzt ist es raus. Es fühlt sich an wie ein Geständnis: ungehörig, aber auch erleichternd. Denn Christsein und Lobpreismusik, das gehört doch zusammen wie Topf und Deckel – oder? Dann bin ich wohl leider der Topf, auf den kein Deckel richtig passt.

Schon als Kind habe ich nie gerne mitgesungen oder gar geklatscht. Nach der Grundschule wird man normalerweise auch nicht mehr dazu genötigt, es sei denn, man wird Christ. Denn es gibt kaum eine christliche Zusammenkunft, bei der nicht gleich zu Beginn die Gitarre ausgepackt und gesungen wird. Da muss man erst mal durch.

Viele Menschen lieben Lobpreis und ihnen geht dabei das Herz auf – das verstehe ich völlig. Nur leider neigen manche von ihnen dazu, ihr Empfinden zu verallgemeinern, ganz nach dem Prinzip: Was mich in Gottes Nähe bringt, muss auch bei allen anderen so funktionieren! Bei Lobpreismusik geht mir das Herz nicht auf, weil ich sie in den meisten Fällen schwülstig finde. Würde ich mich meiner Abneigung zum Trotz darauf „einlassen“, wäre es keine echte Anbetung. Ich würde einen Schein wahren.

Freu dich jetzt gefälligst!

Ich höre schon die Einwände: Was stimmt mit der Frau nicht, wenn sie sich nicht auf Lobpreis einlassen will? In der Bibel wird doch ausdrücklich dazu aufgefordert! Da ist vielleicht die Gottesbeziehung beeinträchtigt – oder sie hat ein „verstocktes Herz“.

Man gerät schnell in den Verdacht, mit dem eigenen Glauben stimme etwas nicht, wenn man zu bestimmten christlichen Ausdrucksformen keinen Zugang findet. Dabei bin ich mir sicher, dass ich mit meiner Abneigung gegen Lobpreismusik nicht allein bin. Aber wer sticht schon gerne aus der Menge der Überzeugten heraus und kassiert schiefe Blicke?

Ich wurde schon am Arm gerüttelt, weil ich einfach nur dastand, ohne mitzusingen.

Es fühlte sich an wie ein Befehl, jetzt sofort tiefe Freude empfinden zu müssen – und wenig ist übergriffiger, als Menschen diktieren zu wollen, wie sie zu empfinden haben.

Was Lobpreis noch ist

Glaube ist in seinen Ausdrucksformen so vielfältig, wie wir Menschen es sind. In der Bibel drücken Menschen ihren Glauben unterschiedlich aus:

Menschen in der Bibel bauen außerdem Altäre, zupfen an Gewändern, verschütten wertvolles Öl, waschen Füße und schlachten Tiere.

Lobpreis ist nicht bloß Musik. Lobpreis ist ein unverstellter Ausdruck der Freude gegenüber Gott, seinem Handeln und seiner Werke. Die einen Menschen freuen sich sehr „nach außen“ und drücken ihre Freude gerne durch Gesang aus. Andere freuen sich mehr „nach innen“. Auch abseits von Gottesdiensten wird man mich eher nicht laut singen hören oder tanzen sehen, wenn ich mich freue.

Gerade introvertierte Menschen fühlen sich häufig von der Erwartung überfordert, in Gemeinschaft mehr aus sich herauszugehen. Das darf gerne häufiger ins Bewusstsein gerückt werden.

Momente des Staunens und der Freude

Gott meine Freude zu zeigen, ist für mich etwas sehr Privates. In meinem Leben hat es durchaus Momente gegeben, in denen ich mich von einer gemeinschaftlichen Freude an Gott habe anstecken lassen. An dieses echte, gemeinsame Schwingen erinnere ich mich gerne zurück.

Im Alltäglichen aber lebe ich meinen Glauben eher still für mich. So bin ich kein großer Fan von Gebetsgemeinschaften, weil mich die Präsenz der anderen Menschen zu sehr ablenkt. Häufig erlebe ich Gott, wenn ich mich allein in der Natur bewege. Ein grandioser Ausblick aus der Höhe, ein faszinierendes Detail inmitten von Sandkörnern, die Stille über einem See oder ein Reh am Waldrand – in solchen Momenten freue ich mich über Gottes Schöpfung.

Für mich liegt Lobpreis in der Weite, im Detail, im Unbegreiflichen. Wo viele im gemeinsamen Singen aufgehen, kann es bei mir ein Satz aus dem Buch eines Physikers sein, der erklärt, wie das Phänomen Licht unsere Wirklichkeit überhaupt erst erfahrbar macht. Manche scheinbar nüchterne Wissenschaft bringt mich Gott näher als der zwanzigste Hillsong-Refrain.

Pflicht oder Kür?

In der Bibel stehen viele Weisungen und Gebote. Ich glaube aber nicht, dass jede genannte Möglichkeit, seinen Glauben zum Ausdruck zu bringen, eine direkte Aufforderung an alle und jeden ist, es genauso machen zu müssen. Der vielzitierte Psalm 150 ist für mich solch ein Beispiel:

Lobt ihn mit dem Klang der Posaune, lobt ihn mit Harfe und mit Zither! Lobt ihn mit Tanz und Tamburin, lobt ihn mit Saiteninstrumenten und Flöten! Lobt ihn mit klingenden Zimbeln, lobt ihn mit dem Klang lauter Zimbeln (Psalm 150,3-5 NLB).

Hier darf Freude ansteckend ausgelebt werden. Aber nirgends steht, dass jeder dabei mitmachen muss. Wir müssen auch nicht wie Jesus vierzig Tage lang fastend in die Wüste gehen – außer, es ist uns ein Bedürfnis, das uns wirklich Gott näherbringt.

Gott braucht keine Gleichmacherei

Menschen, die nicht mit dem Strom schwimmen, waren der Mehrheit schon immer suspekt. Das Gute aber ist: Es gibt kein Gesetz, wie wir unseren Glauben zum Ausdruck bringen.

Und wer sollte bestimmen, was richtig oder falsch ist?

Im Laufe meines Lebens habe ich immer sensiblere Antennen dafür entwickelt, wenn andere ihre Frömmigkeit zur Norm erheben möchten. Es kommt leider vor, dass Leiterinnen und Leiter in christlichen Kontexten ihre persönlichen Auffassungen zum Maßstab machen – nicht unbedingt bewusst oder aus bösen Absichten heraus, aber dennoch übergriffig. Daher stelle ich gerne die Frage: Woher nimmt sich dieser Mensch die Autorität dazu?

So unterschiedlich wir erschaffen sind, so unterschiedlich sind auch unsere Zugänge zu Gott und unsere Arten und Weisen, unsere Beziehung zu ihm zu leben – in aller Freiheit und Vielfalt.

Autor/-in: Katrin Faludi

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