Sonntag, 9:40: Die Lobpreisband tritt auf die Bühne. „Du bist größer als mein Groß und das mag ich an dir“, geht es los. Ich schlucke und denke an das Toilettentraining mit meinen Töchtern. Weiter geht es mit „Lege deine Sorgen nieder in meine Hand.“ 400 Anwesende singen – ja, wem eigentlich – zu, dass die Sorgen „bei mir“ sicher aufgehoben sind. Es folgt „Alles, was mir wertvoll war, bedeutet mir nichts mehr…“, „Egal was du mir nimmst…“ und „Du stillst all meine Sehnsucht…“.
Leider habe ich zunehmend Schwierigkeiten, in der Gemeinde aus vollem Herzen mitzusingen. Auf der einen Seite geht es in einem auffälligen Teil des populären Gemeindeliedguts um mich und meine Bedürfnisse. Meine Ängste, Sorgen und Sehnsüchte stehen im Vordergrund, und Gott ist da, um sie zu stillen. Gott, die Seelenstreichler-Wunschmaschine.
Ich kann das nicht singen
Auf der anderen Seite stehen Lieder mit großen, totalen Bekenntnissen: Ohne Gott ist alles nichts, die Welt hat keine Bedeutung für mich, Freude ziehe ich nur daraus, allem zu entsagen, was noch einen Wert für mich hatte. Gott nimmt mir alles? Egal.
Stopp! Das kann ich auch nicht singen. Das wäre unehrlich.
Ich bin plakativ, ich weiß. Und unfair.
Denn es gibt auch ganz andere christliche Songs, zum Beispiel „Die Liebe des Retters“, „Komm, und lobe den Herrn“ oder „Du bist unser Gott und König“. Stimmt. Da singe ich voll Inbrunst mit, denn sie stellen Gott in den Mittelpunkt und bewundern seine Herrlichkeit. Doch sie bilden meinem Erleben nach in vielen Gottesdiensten nicht mehr den Kern des Lobpreises.
Man könnte ebenfalls einwenden: Ein Lied ist kein theologisches Lehrbuch und keine mathematische Beweisführung. Es darf übertreiben, verdichten und Bilder verwenden.
Dennoch: Große Bekenntnisse werden für mich nicht glaubwürdiger, indem man sie in möglichst viele Superlative packt.
Es ist nun mal ein Unterschied, ob ich singe: „Herr, mach mich bereit, dir alles anzuvertrauen“, oder ob ich behaupte: „Alles, was mir wertvoll war, bedeutet mir nichts mehr.“ Das eine ist eine Bitte, das andere eine Bilanz, die ich nicht aufstellen kann. Meine Familie bedeutet mir sehr viel. Meine Kollegen mag ich auch gern. Sogar meine Haustiere.
Der nächste wahrscheinlichste Ton ist …
Dann ist da noch die musikalische Seite. Viele Lieder klingen so ähnlich, dass sie kaum Wiedererkennungswert haben. Die Harmonien bewegen sich zuverlässig zwischen drei bis fünf Tönen, und derselbe Ton wird – ich habe nachgezählt – bis zu neunmal wiederholt (sicher geht da auch noch mehr).
Auch der Aufbau ist weitgehend identisch. Ich weiß, warum: Weil es gut funktioniert.
Und weil hinter dem Gemeindepop oft auch eine Musikliederindustrie steht, die ständig neue Songs vermarkten muss, um Geld zu verdienen.
Mit KI eröffnen sich hier noch einmal ganz neue Möglichkeiten.
Es geht nicht um Kunst, sondern um Songs, die schon in der ersten Wiederholung ein Mitsingen ermöglichen. Manchmal kann ich das bereits beim Refrain, weil ich wie ChatGPT (dessen Texte auf Wahrscheinlichkeiten basieren) den jeweils nächsten wahrscheinlichsten Ton singe. Meistens mit Erfolg.
Doch die meisten neuen Songs verschwinden nach kurzer Zeit in der Versenkung. Für mich ist es kein Wunder.
Wenn die Bridge zum vierten Mal wiederholt wird und eh schon aus nur drei Worten besteht, stellt sich eine gewisse Ermüdung ein.
Da lob ich mir Paul Gerhardt. Oder Bach. Obwohl: Der hat in bestimmten Phasen seines Lebens jede Woche für den Gottesdienst neue Kantaten geschrieben. Aber diese gelten als Höhepunkt der westlichen Musikgeschichte.
Aber das ist doch biblisch!
Aber ist meine Kritik überhaupt gerechtfertigt?
Immerhin sind viele der Textzeilen aus heutigen Lobpreissongs direkte oder indirekte Bibelzitate: Paulus und so mancher Psalmbeter lassen grüßen (vgl. Philipper 3,8 oder Psalm 73,25).
Auch das Wort „Ich“ ist nicht das Problem. Die Psalmen sagen ständig „Ich“. Sie handeln von Angst, Einsamkeit, Schuld, Krankheit, Sehnsucht und dem Wunsch nach Schutz. In einer gängigen Einteilung sind mehr als ein Drittel der 150 Psalmen Klagepsalmen (etwa Psalm 13, Psalm 22 oder Psalm 88).
Und an Superlativen mangelt es in der Bibel ebenso wenig. Gott ist heilig. Gott ist König. Er ist der Fels und der Retter. Alles, was Atem hat, soll ihn loben (Psalm 150,6).
Gott ist treu. Ich bin es nicht.
Warum habe ich dann so ein Problem mit vielen modernen Lobpreissongs?
Erstens: Die großen Worte in der Bibel beziehen sich überwiegend auf Gott und sein Handeln. Die Bibel sagt weniger: „Ich bin ein Mensch, der Gott jederzeit alles geben kann und wird.“ Sie sagt: „Gott ist treu, heilig, gerecht und mächtig – auch wenn ich es nicht bin.“
Und ja, wenn ein Paulus sagt: Nichts bedeutet mir mehr etwas, dann steht das auch in der Bibel. Aber diese Worte folgen einer langen Liste an vermeintlichen Tugenden, auf die Paulus vor seiner Bekehrung so stolz war (vgl. Philipper 3). Dann folgert er: „Durch ihn hat alles andere seinen Wert verloren“.
Ob er sich damit vor allem auf seine religiösen Vorzüge bezieht oder ob er wirklich alles meint, was sein Leben ausmacht, wird hier für mich nicht ganz klar. Aber nur weil der Satz in der Bibel steht, kann ich ihn nicht isoliert und mit derselben Überzeugung über mein eigenes Leben stülpen.
Zweitens: Problematisch wird es für mich dort, wo das „Ich“ im Mittelpunkt steht. Wo Gott nur noch dafür da ist, um meine Seele zu streicheln. Ja, auch Psalmen beginnen oft mit einer Klage. Es geht aber weiter mit „Du aber, Herr…“ und dann erinnert sich der Psalmist wieder an Gottes Größe. Es folgt oft die Hoffnung auf ein gutes Ende (vgl. Psalm 22). Aber es wird nicht vollmundig versprochen.
Vielleicht wirken die biblischen Lieder gerade deshalb auf mich weniger absolut: weil sie mehr Wirklichkeit zulassen.
Drittens: Ich tue mich schwer damit, in Liedern die Perspektive Gottes einzunehmen. Auch in Andachten übrigens – mit lieben Grüßen von Jesus (vgl. „Ich bin bei dir“ von Sarah Young). Ich bin nicht Gott, und ich kann nicht sicher sagen, was er mir in jeder konkreten Situation sagen würde.
Was als Vortragslied funktionieren kann, wird für mich problematisch, wenn eine ganze Gemeinde mit geschlossenen Augen zum Himmel singt. „Ich hab alles in der Hand“ – warum nicht einfach: „Du hast alles in der Hand?“
Von allem etwas, bitte
Was wünsche ich mir für unsere Gemeindeliederkultur? Eigentlich ist alles vorhanden: Wir haben Lieder des Lobes, des Dankens, der Bitte, der Klage, der Buße und der Hoffnung. Schön wäre es, wenn sie in ausgewogener Weise im Gottesdienst vorkämen.
Ich möchte außerdem Lieder, in denen ich Gott ehren kann, ohne mich zum Glaubenshelden zu erklären. Oder wo ich keine absurden Parallelen entdecke, weil der Text so schlecht geschrieben ist. Und wo ich ehrlich sagen darf: „Egal, was du mir nimmst… – bitte Herr, lass das nicht geschehen.“
Und ja, unsere Lieder dürfen Gott als Tröster und Helfer besingen. Aber er ist nicht nur unser Problemlöser.
Die Bibel singt auch von Gottes Heiligkeit, seiner Gerechtigkeit, seiner Barmherzigkeit und seiner Herrschaft. Sie fragt nicht nur: „Was tut Gott für mich?“, sondern auch: „Wer ist Gott?“
Ein Gottesdienst ist für mich ein Ort, an dem es um Gott geht. Und um mich. Aber in dieser Reihenfolge. Wie geht es dir damit?
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Kommentare (3)
Meine Gedanken zum Thema "Lobpreis in der Gemeinde":
Ich empfinde es oft als Gruppenzwang: Mitzusingen, obwohl ich es nicht will.
Lobpreis ist oft wie Gehirnwäsche (Wortwiederholungen), eine … mehrMöglichkeit, um mich in eine fromme (Schein) Welt transportieren zu lassen.
Ich möchte gern in den Lobpreis der Gemeinde mit einstimmen, weil dadurch in Gottes Licht ich mich und meine Lebensumstände anders wahrnehme und so meine "Ichbezogenheit" und Sorgenlastigkeit abgeben darf.
Ich liebe klassische Lobpreislieder (Bach, Tersteegen, P. Gerhardt, Psalmen) die oft in der Not entstanden sind. Ich kenne und liebe auch sehr gute moderne Lobpreislieder von A. Frey, usw.
Kriterium: Geht es wirklich darum, mit Gesang und Instrumenten Gott die Ehre geben, oder wollen sich Menschen verherrlichen? Gott empfindet es als "Geplärr" (Amos5,23), obwohl damals die Lieder bestimmt auch künstlerisch wertvoll waren. Aber sie kamen nicht aus einem auf Gott ausgerichteten Herzen. Die Herzenshaltung ist wohl sehr entscheidend, sowohl beim Dichten und Singen der Lobpreislieder.
Braucht Gott unseren Lobpreis? Ich glaube nicht, aber wir brauchen ihn, weil ER der Mittelpunkt ist und nicht wir. Ich sehe darin keine Abwertung, sondern hier wird das Verhältnis Gott - Mensch immer wieder korrigiert. So, wie es in einem Lobpreislied auch heißt: "Sei du der Mittelpunkt in meinem Leben..."
Da brauche ich keine Bedenken zu haben, im Leben zu kurz zu kommen. Dafür will ich meinem Schöpfer loben und preisen.
Ich bin vor der Lobpreibewegung zum Glauben gekommen. Ich habe deine Ausführungen sehr intensiv nachvollziehen können. Die theologische Tiefe geht immer mehr verloren. Der kommerzielle CHARAKTER … mehrnimmt zu. Geistliche Aspekte nehmen immer mehr ab. Grosser Gott wir loben dich, ist fast nicht mehr zu hören. Mich macht das nachdenklich. Gruß Peter
Ja. Paul Gerhard toppt die KI, die Popkultur im Liedgut, im Text.
Für mich erfahre ich Lobpreis als gemeinsamen gesungenen Dank - und dabei ist der einfache Text für mich weniger wichtig.
Der … mehrzugegeben, oft simple Text, trifft mich manchmal in anderer Situation, es erreicht mich aber die Gemeinsamkeit.
Danke für die Anmerkungen, sie regten zum Nachdenken an. Schöne Woche.