09.09.2011 / Kommentar
Entmachtet Platon!
Drei Bücher der letzten Jahre machen deutlich: Was den Himmel angeht, glauben Christen lieber Platon als Paulus. Ein Weckruf.
Nach Don Piper und Colton Burpo ist nun auch Alex Malarkey aus dem Himmel zurückgekehrt. Die Hauptpersonen dreier Bücher der letzten Jahre erzählen eine recht ähnliche Geschichte: Sie werden schwer krank oder haben einen schweren Unfall, überleben nur haarscharf und erleben in dieser Extremsituation zwischen Leben und Tod Gottes Gegenwart. Sie waren im Himmel – und kehren wieder zurück.
Entsprechend heißen ihre Bücher „90 Minuten im Himmel“, „Den Himmel gibt’s echt“ und „Der Junge, der aus dem Himmel zurückkehrte“. Ich habe die Bücher gerne gelesen. Sie berichten in einzigartiger Weise von einem mächtigen, uns zugewandten und vertrauenswürdigen Gott, an den zu glauben es sich lohnt. Und ich habe Hochachtung vor diesen Menschen, die äußerst schwere Zeiten durchgestanden haben.
Der Himmel: Was meint ihr damit?
Trotzdem haben mich die Bücher erschreckt. Vor allem, weil sie so sorglos mit dem Begriff Himmel umgehen. Dabei sind alle Beteiligten gestandene Christen. Der Papa von Alex ist ein christlicher Psychologe, der Vater von Colton und Don Piper selbst sind Pastoren. Trotzdem hält es keiner der Autoren für nötig, den Leser aufzuklären, was genau er damit meint, wenn er vom Himmel spricht. Meinen sie den jetzigen Wohnort Gottes, wie ihn zum Beispiel Psalm 2,4 beschreibt? Oder meinen sie den Ort, an dem nach biblischer Überzeugung alle Geretteten in Ewigkeit leben werden? Diese Sorglosigkeit hegt bei mir den Verdacht, dass sie keinen Unterschied sehen. Ein fataler Irrtum.
Und Ausdruck eines Problems, das noch viel tiefer liegt. Ein Problem, das zum Großteil dafür verantwortlich ist, dass Christen seit Jahrhunderten als leibfeindlich gelten. Ein Problem, das großen Einfluss darauf hat, dass viele Christen sorglos mit der Schöpfung umgehen. Und ein Problem, das maßgeblich zu der Entleerung und Vergeistlichung der Idee des Reiches Gottes beigetragen hat. Die Grundlage für die Überzeugung, beim Christsein käme es hauptsächlich darauf an, in den Himmel zu kommen. Ach, eigentlich einer der Hauptgründe, warum christlicher Glaube oft so alltagsfremd und irrelevant erscheint. Dieses Problem heißt: Christen schenken Platon mehr Glauben als Paulus.
Eine Bibel ohne Genesis
Ein Beispiel gefällig? Kevin Malarkey schreibt in seinem Vorwort von dem vagen Gefühl, dass diese Erde nicht unsere letzte Bestimmung ist - um dann folgende kuriose Aussage zu treffen: „Sosehr wir uns nach dem Himmel sehnen, es gibt da ein Problem: Wir wissen sehr wenig über diesen Ort, für den wir geschaffen wurden.“ Ich sehe hier ein ganz anderes Problem: Wenn ich in die Bibel schaue, wurden wir Menschen für die Erde geschaffen – nicht für den Himmel. Und über die weiß ich eine Menge. Sie ist voll malerischer Täler, berauschender Musik und wundervoller Pflanzen. Voll von Gottes guter Schöpfung, voll von seiner Kreativität. Es scheint, als habe jemand die ersten Seiten aus Malarkeys Bibel herausgerissen.
Die Schöpfung seufzt mit uns
Ähnlich Don Piper. Er schreibt über seine Zeit im Himmel: „Ich war zu Hause; dort gehörte ich hin. An diesem Ort wollte ich mehr sein, mehr als ich jemals irgendwo auf der Erde hatte sein wollen.“ Unbenommen: Hätte ich die Wahl zwischen den grässlichen Schmerzen nach einem Unfall und dem Trost in Gottes Gegenwart, würde ich wie Don fühlen und entscheiden. Von dieser Sehnsucht schreibt ja selbst Paulus: „Am liebsten würde ich das irdische Leben hinter mir lassen und bei Christus sein; das wäre bei weitem das Beste“, äußert er sich in Philipper 1,23. Bloß: Paulus meint nicht die Ewigkeit nach dem Endgericht, wie wir noch sehen werden. Don Piper allem Anschein nach schon.
Kevin und Don machen also einen entscheidenden Denkfehler. Sie nehmen an, dass die Ursache für ihr ominöses Gefühl, diese Erde sei nicht unsere letzte Bestimmung, an der Erde selbst liegt. Die Schöpfung muss von Übel sein. Ich hingegen lese im 1. Mosebuch, wie Gott sein überaus positives Urteil über unseren Planeten spricht: „Sehr gut!“ Das Problem ist folglich nicht die Erde, sondern der Zustand dieses Ortes! Diese Welt hat den sogenannten Sündenfall hinter sich und liegt im Argen. Und die Schöpfung ist nach Römer 8 bis heute der Vergänglichkeit unterworfen und seufzt unter diesem Zustand. Und wir mit ihr.
Platon ist zu mächtig!
Zurück zu Platon. Ich maße mir nicht an, ihn völlig verstanden zu haben. Es ist aber seine Ideenlehre, die hinter dem Denkfehler Malarkeys und seiner Kollegen steckt. Dieser geniale Denker hat bis heute fast die gesamte westliche Christenheit fest im Griff. Grob gesagt gibt es für Platon eine höhere, ewige Ideenwelt und die niedrige, jetzt sinnlich erfahrbare Welt, in der wir leben. Alles irdische Leben ist nur das mehr oder minder gute Abbild dieser idealen Idee. Zweite Wahl. Letztlich wertet er das Körperliche ab und das Geistige auf.
Die christliche Version seiner Lehre in Bezug auf Himmel und Erde lautet: Diese geschöpfliche Welt ist finster und schon gar nicht mein Zuhause. Sie ist nicht mehr als ein minderwertiger Durchgangsbahnhof in eine andere Welt und letztlich irrelevant. Wahrhaft leben werde ich erst, wenn ich meinen materiellen Körper endlich hinter mir gelassen habe und in eine Art spirituelle Existenz übergehe. Mit anderen Worten: Wenn ich im Himmel bin. Das ist das Bild, das die drei Bücher mehr oder weniger explizit vor Augen malen.
Überlesen, überhören, vergeistlichen
Die Folgen dieses Zerrbildes waren und sind in den Köpfen von Christen verheerend. Mein Körper? Unheilig und eigentlich ekelerregend. Sexualität? Vom Teufel! Verantwortungsvoll mit der Schöpfung umgehen? Wozu, wenn sie ohnehin bald keine Rolle mehr spielt! Das Reich Gottes? Kann ja wohl nichts mit diesem dunklen Ort zu tun haben, den wir Erde nennen. Mein Ziel? Ich will endlich von dieser Erde und meinem gebrechlichen Körper befreit werden und in den Himmel einziehen! Ergebnis: Unzählige Christen haben völlig die Bodenhaftung verloren.
Und so überhören viele Gläubige Paulus, der ein ganzes Kapitel lang auf der körperlichen Auferstehung Jesu herumreitet, die auch sie erwartet (1. Korinther 15). Sie verdrängen die Sprengkraft der nachösterlichen Texte, die berichten, wie der leiblich auferstandene Jesus für seine Jünger konkret und anfassbar ist und für ihr Essen sorgt (z. B. Johannes 21,9-13) – wie sie scheinbar auch nicht hören wollen, dass ihr Auferstehungs-Leib einmal dem seinem gleichen wird (Philipper 3,21; 1 Johannes 3,2). Sie deuten die biblischen Texte geistlich, die eindeutig von einer neuen Erde und einem neuen Himmel sprechen (Offenbarung 21,1; 2. Petrus 3, 12; Jesaja 65, 17). Nicht zuletzt überlesen sie Passagen, die eindeutig von der Erlösung der Schöpfung und des Leibes sprechen (Römer 8, 21 - 23).
Ewigkeit mit Bodenhaftung
Sicher, das ist keine detaillierte Theologie des Himmels. Und es gibt einzelne Bibeltexte, die sich nur schwer in dieses Bild einordnen lassen. Aber lassen wir Platon in seiner Höhle voller Schatten sitzen und glauben wir endlich dem Evangelium! Der frohen Botschaft, dass Gott eine Erlösung geschaffen hat, die für mehr reicht als für einige verlorene Seelen, nämlich für die ganze Schöpfung - und das nicht aus Spaß an der Natur, sondern um jegliche Auswirkungen des Falls aus 1. Mose 3 ein für alle Mal auszumerzen. Glauben wir endlich, dass unser Zuhause eine wunderbare Schöpfung mit Tälern, Musik und Pflanzen ist und sein wird. Dass ein erlöster, erneuerter und wunderbarer Körper auf uns wartet.
Dieser Glaube taugt für ein Leben in dieser Welt, ist relevant und mit dem jetzigen, alltäglichen Leben verwoben. Mit dieser konkreten Hoffnung können wir die Schöpfung und unseren Körper liebevoll im Blick behalten. Mit diesem Bild vom Himmel kann sich das Reich Gottes schon jetzt entfalten. Und mit diesem Bild behalten wir eine gesunde irdische Bodenhaftung – wie wir sie auch in der Ewigkeit haben werden.
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