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Los, streitet euch!

3 Gründe, warum konstruktiver Streit wichtig ist.


Ich bin jemand, der Konflikten gerne aus dem Weg geht. Sobald sich ein Streit anbahnt, merke ich, dass mein Herzschlag schneller wird und meine Wangen sich röten. Mein Körper gerät sofort in eine Habacht-Stellung. Stress. Dann ziehe ich mich lieber schnell zurück. Gelingt die Flucht nicht, versuche ich wenigstens, den Streit so schnell wie möglich beizulegen.
 

Mit dem Kürbis gegen die Wand

Erst vor kurzem bin ich dem Zorn meiner Mitbewohnerin ausgesetzt gewesen. Ich kam nach Hause und habe sie in der Küche getroffen, als sie gerade Kürbiscremesuppe zubereitete. Zu spät habe ich die unterkühlte Stimmung wahrgenommen, da flogen mir auch schon geballte Vorwürfe, Kritik und Sätze um die Ohren, die mit „Du hast immer…“ und „Nie machst du…“ anfingen. Dabei ließ sie ihre Wut am Kürbis aus, den sie mit dem Küchenmesser bearbeitete und auf die Arbeitsplatte knallte. Ich fühlte mich ihrem Wutausbruch genauso hilflos ausgeliefert wie dieser Kürbis. Da hatte sich wohl einiges bei ihr angestaut und ihr emotionales Fass überlaufen lassen. Meine Versuche, sie zu beschwichtigen und mich zu rechtfertigen, liefen ins Leere.

So läuft das meistens: Ich weiß nicht, wie mir geschieht und finde nicht mehr die richtigen Worte, um meinen Standpunkt überzeugend zu vertreten. Dann gebe ich lieber schnell klein bei. Im Nachgang ärgere ich mich darüber und mir fallen tausend gute Argumente ein. Der Streit, oder besser Nicht-Streit, hat mich noch lange beschäftigt. Weil er nicht ausgetragen wurde.

Mein Harmoniebedürfnis und meine Unsicherheit hindern mich am Streiten. Kommt es doch einmal zum Streit, fühle ich mich elend. Aber ist das der richtige Anhaltspunkt, nach dem ich Streit bewerten sollte? Vielleicht habe ich eine falsche Perspektive auf Streit. Aber was könnte an Streit positiv sein? Ich habe mir den Streit vorgeknöpft.
 

1. Streit bildet den Charakter

Auseinandersetzungen gehören zur Entwicklung des Menschen. Streit ist eine sehr offene und direkte Kommunikationsform. Dabei ist man den Emotionen des anderen und vor allem seinen eigenen meist ungefiltert ausgesetzt. Damit umzugehen muss man lernen.

In meinem Fall lautet die Lösungsstrategie meistens: Nachgeben und einlenken. Aber dass das in vielen Fällen außer Frust über mich selbst nichts bringt, habe ich inzwischen kapiert. Beim genaueren Hinschauen ist die Botschaft hinter dieser Verhaltensweise sogar ziemlich destruktiv: Man zeigt dadurch keinen eigenen Standpunkt. Für den anderen wird nicht erkennbar, was man eigentlich will. Psychologen und Konfliktforscher werten dieses Verhalten als Hinweis auf ein geringes Selbstwertgefühl und Verlustangst.

Auch nicht besser ist Flucht oder Rückzug. Das ist in der Regel ein Selbstschutzmechanismus, weil man mit dem emotionalen Ausbruch nicht zurechtkommt. Allerdings wirkt es oft so, als interessiere man sich gar nicht für den Konflikt. Man sollte sich klar machen, warum sich der Einsatz für die Sache lohnt und sich dem Streit stellen.
 

Auf Beobachtungsposten

Streit bietet die Chance, sich selbst dabei zu beobachten, wie man in emotionalen Stresssituationen reagiert. Gerade in Konfliktsituationen treten negative Eigenschaften zutage. Fragen wie „Warum ziehe ich mich beleidigt zurück? Warum fahre ich in dieser Situation aus der Haut? Warum kränkt mich diese Bemerkung dermaßen?“ bilden die Basis, um zu erkennen, welcher Streittyp man ist und dann an sich zu arbeiten. Beim nächsten Streit kann man seine Gefühle dadurch besser einordnen und kontrollieren.

Konstruktiv ist ein Streit, wenn man hinterher analysiert und auflöst, was wen warum geärgert hat und worum es beim Streit wirklich ging.

 

Meinung bilden

Wer den konstruktiven Streit einmal verinnerlicht hat, für den sind Auseinandersetzungen gute Gelegenheiten, sich über ein Thema intensiv und kontrovers auszutauschen. Erst auf der Folie von anderen Perspektiven und Überzeugungen lässt sich prüfen, ob die eigenen Argumente und Standpunkte stimmig sind. So funktioniert nicht zuletzt mündige, politische Meinungsbildung. Man muss die Überzeugung des anderen nicht richtig finden, sollte aber aufrichtig dazu bereit sein, einen gemeinsamen Weg zu finden. Ein Streitprofi ist bereit, seine Sichtweisen zu revidieren, wenn ihm gute Gründe dafür aufgezeigt werden.

Schließlich sollte es beim Streiten nicht darum gehen einfach nur gewinnen und Recht haben zu wollen. Idealerweise ist Streit ein kooperativer Prozess, bei dem es um Erkenntnisgewinn und Austausch von Überzeugungen und Fakten geht.

 

In dieser Hinsicht ist Streit auch nötig um der Wahrheit willen. Denn wo das Streiten und Hinterfragen eingeschränkt wird, gewinnt der Mächtigere und drückt anderen seine Meinung auf.
 

2. Streit hält gesund

Steile These, ich weiß. Aber der Umkehrschluss stimmt: Man kann vom nicht-streiten krank werden – sowohl psychisch, als auch physisch. Wer sich ungerecht behandelt fühlt, negative Gefühle aber nicht kommuniziert, sondern alles runterschluckt, dem drückt das früher oder später auf’s Gemüt. Wird dem Ärger nie Luft gemacht, steigt das Risiko für Bluthochdruck und Magengeschwüre. Wie wohltuend kann es sein, wenn man die kränkende Bemerkung des Kollegen vor Wochen oder gar Monaten endlich anspricht und es im Zweifel auf einen Streit ankommen lässt – damit es am Ende aus der Welt geschafft ist.

Aber Achtung; hier kann man leicht auf der anderen Seite vom Pferd fallen: Wer bei jeder Kleinigkeit aus der Haut fährt, bei dem steigt das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte. Die Lösung liegt in der goldenen Mitte zwischen dem impulsiven Choleriker und dem passiven Phlegmatiker. Entscheidend ist die Haltung, mit der man streitet.

Es gilt, den anderen immer mit Respekt zu behandeln, seine Bedürfnisse ernst zu nehmen und ihm wohlwollend zu begegnen. Allein dadurch verpufft so mancher Konflikt, bevor er sich in einen Streit auswächst.

 

Resignative Reife

Streit ist immer belastend und versursacht Stress. Deswegen ist ein weiterer Schritt in Richtung einer gesunden Streitkultur, zu überdenken, wann eine Auseinandersetzung aussichtsreich ist und wann nicht. In zufriedenen, ausgeglichenen Beziehungen wird gar nicht versucht, jede Differenz zu überwinden. Beispielsweise die Versuche, den Partner in einer bestimmten Hinsicht zu „erziehen“, verlangen meistens unverhältnismäßig hohe Kosten für minimale Ergebnisse. Eine gute Erkenntnis am Ende eines Streits kann sein, dass es Dinge gibt, über die man sich nicht einig wird. Das kann man auch mal so stehen lassen, anstatt die Kraft auf unlösbare Probleme zu verwenden. Dann hilft es viel mehr, die eigene Ansprüche gelegentlich zurückzustellen und an der eigenen Einstellung zu arbeiten. Das bezeichnet der Psychotherapeut Arnold Retzer als resignative Reife und hält sie für eine wichtige Voraussetzung gelingender Beziehungen.
 

3. Streit stärkt Beziehungen

Ich kenne es von mir selbst und beobachte es bei anderen: Besonders Paare wollen in der Öffentlichkeit als harmonisch und glücklich wahrgenommen werden. Sobald sie aneinander geraten, könnte die Welt denken: „Beziehungskrise!?“ Viele interpretieren Streit als Zeichen, dass etwas nicht ganz rund läuft – eine Störung im System.
 

Streit ist eine Investition

Streit um des Friedens und der Harmonie willen zu vermeiden, fühlt sich zuerst ganz gut an: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. In manchen Situationen ist diplomatisches Verhalten sicherlich klug und hilfreich. Aber ständig in der Defensive zu bleiben ist falsch verstandene Zurückhaltung. Streit will ausgetragen werden! Werden Probleme nicht offen angesprochen, können sie auch nicht gelöst werden. Wird negative Stimmung ständig überspielt, verhärten sich die Fronten. Es entwickelt sich emotionale Distanz, die Beziehung stagniert und erstirbt am Ende vielleicht sogar.

Wenn Streit um jeden Preis vermieden wird, besteht die Gefahr, dass sich Beliebigkeit für die Sache und irgendwann Gleichgültigkeit für die Person breitmachen: „Es lohnt sich nicht darüber zu streiten“ und „Mit dir streite ich erst gar nicht“ sind überhebliche Sätze, mit denen man versucht, sich über den Streit hinwegzusetzen. Die Botschaft für den anderen hinter diesen Sätzen lautet: Dein Anliegen ist mir nicht wichtig und du bist mir auch schnuppe. Umgekehrt schwingt beim Streit unterschwellig auch die Botschaft mit: Diese Sache ist mir wichtig. Du bist mir wichtig.

Am Thema Streit offenbart sich, wie tragfähig eine Beziehung oder eine Freundschaft wirklich ist. Es wird deutlich, wie viel die Parteien bereit sind zu investieren, um das Problem tatsächlich zu lösen.

 

Kollision der Individuen

Zoomt man aus engen Freundschaften und Liebesbeziehungen hinaus, erkennt man schnell: Die Erdkugel ist von lauter Individuen mit eigenen Vorlieben, Denkweisen und Verhaltensmustern bevölkert. Individuen, die auch als solche wahrgenommen werden wollen. Diese Verschiedenheit wirft ihre Schatten voraus. Reibungen, Kollisionen und Spannungen gehören zu jeder heterogenen Gesellschaft. Sobald zwei oder mehr Menschen zusammenkommen steigt das Streitpotenzial.

Streit heißt nicht automatisch, dass es in der Beziehung schlecht läuft. Streit bedeutet zuerst, dass zwei Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen aufeinander treffen. In einem deftigen Streit äußern sich die eigenen Bedürfnisse und Grenzen – und die des anderen. In so einem Streit geht es um’s Ganze. Man bezieht eine klare Position, zeigt Gesicht. Sagt, was man wirklich denkt, wie man sich wirklich fühlt, was einen wirklich nervt und mutet sich dem anderen zu. Damit macht man sich zwar angreifbar, aber auch nahbar. Deswegen tragen Freundschaften und Liebesbeziehungen, in denen es mal kracht, das Prädikat „authentisch“.

Also: Lieber deutlich sagen, was Sache ist, als sanfte Sätze zu formulieren, in denen die eigentliche Aussage verloren geht.
 

Übungsfeld

Gelingende Beziehungen wünscht sich jeder. Es ist möglich, den Auseinandersetzungen im Vorfeld den Wind aus den Segeln zu nehmen, bevor sie in einen Streit münden. Dabei helfen zwei Dinge: Erstens das regelmäßige, ehrliche Gespräch über Reizthemen und zweitens die eigenen Ansprüche gelegentlich zurückzustellen. Sollte es doch einmal zum Krach kommen, ist das ein Übungsfeld für konstruktives Streiten: Das eigene Streitverhalten einordnen und dadurch kontrollieren können, den eigenen Standpunkt deutlich machen und dem Streit nicht ausweichen und zu guter Letzt die eigenen Überzeugungen und Argumente abgleichen und revidieren, wenn gute Gründe dafür sprechen.

Respektvoller Streit schließt ein friedliches Miteinander nicht aus. Er ist vielmehr der Weg dorthin: Das Ringen um die beste Lösung für die Vereinbarkeit von unterschiedlichen Persönlichkeiten.

 

Solch ein Übungsfeld war auch der Streit mit meiner Mitbewohnerin. Die Szene hat so geendet, dass sie mir nicht zuhören wollte, ich gekränkt war und wir mehr als eine Woche nicht miteinander geredet haben. Das hätte ich mir ersparen können. Statt nur zu reagieren und mich in meinem Groll zurückzuziehen, will ich lernen zu agieren und dem Streit mutig und mit einem kühlen Kopf ins Angesicht zu schauen.


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