Interview

Um den Tempelberg tobt ein geistlicher Kampf

Israel-Kenner Johannes Gerloff über die Hintergründe der Tempelberg-Krise.

Von einer Eskalation der Gewalt am Tempelberg ist in den vergangenen Wochen die Rede gewesen. Israel hatte Metalldetektoren installiert, nachdem palästinensische Attentäter zwei israelische Polizisten ermordet hatten. Muslime reagierten darauf mit heftigen Protesten, bis hin zu Straßenschlachten. Mittlerweile hat Israel die Detektoren wieder abgebaut. Wir haben mit Johannes Gerloff darüber gesprochen, ob die Gefahr nun gebannt ist. Er ist Journalist und lebt seit 1994 in Jerusalem. Diesen Donnerstag veröffentlichen wir das zweite Interview „Syrien-Krieg bedroht Israel“ mit Johannes Gerloff.

ERF Medien: Es war in letzter Zeit doch relativ ruhig in Israel. Warum ist der Streit um den Tempelberg so plötzlich entbrannt?

Israel-Kenner Johannes Gerloff auf der Allianzkonferenz 2017.
Israel-Kenner Johannes Gerloff auf der Allianzkonferenz 2017. (Foto: Deutsche Evangelische Allianz)

Johannes Gerloff: Die Randalierer haben die Detektoren nur als Vorwand benutzt. Alle fünf getöteten Menschen waren Araber, auch die zwei Polizisten. Und eigentlich musste man sich fragen: Wieso hat die israelische Regierung nicht schon früher Metalldetektoren aufgestellt? In Mekka und Medina stehen auch welche. Letztlich geht es um die Sicherheit der muslimischen Beter dort oben. Warum regt sich die Welt also auf? Es kommt noch eine andere Sache hinzu. Wenn sie nachforschen, werden sie sehen: Der Tempelberg ist für Muslime überhaupt nicht so wichtig. Nur bei uns im Westen spricht man von der „drittheiligsten Stätte des Islam". Der Tempelberg ist nur dann „wichtig“, wenn das als Vorwand benutzt werden kann.

ERF Medien: Sie sagen also, der Tempelberg wird benutzt, um die Israelis zu provozieren, eigentlich ist er für die Muslime aber gar nicht so wichtig?

Johannes Gerloff: Der Tempelberg, beziehungsweise Jerusalem, wird im Koran nur indirekt erwähnt, in Sure 2. Da sagt der Prophet Mohammed, man soll nicht in Richtung Jerusalem beten, sondern in Richtung Mekka und Medina. Jerusalem wird im Koran also nur erwähnt um zu sagen, dass man nicht in diese, sondern in die andere Richtung beten soll. Schon gar nicht wird es als heiligste Stätte bezeichnet. Wenn Muslime auf dem Tempelberg beten, drehen sie der Moschee ihren Allerwertesten zu. Das ist im Nahen Osten, wo Körpersprache extrem wichtig ist, ein wichtiges Indiz. Selbst islamische Gelehrte sagen: Jerusalem interessiert uns überhaupt nicht. Es geht bei der Auseinandersetzung grundsätzlich um die Existenz des jüdischen Staates Israel.

Es war aber in der Tat lange ruhig. Das liegt daran, dass die Leute konfliktmüde sind und es an einer Alternative mangelt. Es gibt inzwischen Muslime, die aus purem Eigennutz sagen: Wir haben kein Interesse, den Staat Israel abzuschaffen. Nehmen wir an, Israel als Staat würde ausgelöscht: Was kommt danach? Der arabische Frühling hat gezeigt, dass kein arabisches Land eine erfolgreiche Demokratie zustande bekommt. Nirgends im Nahen Osten geht es Palästinensern so gut wie in Israel. Egal ob Syrien, Ägypten oder die Golfstaaten: Alles ist schlechter für die Palästinenser als Israel.

Israel muss mit aller Macht für Ordnung sorgen

ERF Medien: Hat Israel denn Interesse daran, die volle Kontrolle über den Tempelberg zu bekommen?

Johannes Gerloff: Für den Staat Israel ist der Tempelberg eher ein Problem als Objekt des Interesses. Israel muss dort für Ordnung sorgen. Vor einigen Jahren wurde in der Südostecke des Tempelberges eine riesige Moschee gebaut. Das war im Prinzip ein Verbrechen gegen ein Unesco-Welterbe, und es wäre Aufgabe des Staates Israel gewesen, das zu verhindern und Ordnung in der archäologischen Ausgrabung einzufordern. Weil das aber verwendet worden wäre, um gegen Israel zu hetzen, hat der Staat die Augen zu gemacht und hat seine Pflicht, für Ordnung zu sorgen, nicht wahrgenommen.

Wenn sie religiöse Juden zum Tempelberg befragen, sagen viele Ultraorthodoxe: Wir dürfen gar nicht dort hochgehen. Wir wissen nicht, wo früher das Allerheiligste stand und wenn wir es aus Versehen betreten, begehen wir eine ganz schwere Sünde. Deswegen steht unten am Tempelberg ein Schild, das es Juden verbietet, hochzugehen. Der Staat Israel hat sich aber verpflichtet, allen Religionen freien Zugang zu den heiligen Stätten zu gewähren.

Nicht-Muslime dürfen den Tempelberg zu bestimmten Zeiten besuchen. Allerdings dürfen sie dort nicht beten. Das gilt für Juden und Christen gleichermaßen. Vor ein paar Jahren wurde eine Christin, eine ältere Dame Mitte 60 verhaftet, weil sie sich auf eine Bank gesetzt und die Augen geschlossen hat. Die Begründung der muslimischen Tempelwächter war: Wenn eine Christin die Augen zu macht, betet sie.

ERF Medien: Sind die Ängste der Muslime, Israel wolle sich da etwas einverleiben, aus der Luft gegriffen?

Johannes Gerloff: Ich lebe seit 30 Jahren unter Israelis und kenne keinen, der den Muslimen den Tempelberg wegnehmen möchte. Ich halte das für total aus der Luft gegriffen.

Wollen Juden den Tempel wieder errichten?

ERF Medien: Viele Christen erwarten, dass der jüdische Tempel wieder aufgebaut wird. Wie ist das unter religiösen Juden: Wird das Thema überhaupt diskutiert?

Johannes Gerloff: Die Frage nach dem dritten Tempel wird fast nur von christlicher Seite an mich herangetragen. Ich möchte nicht ausschließen, dass es Juden gibt, die dort gerne einen Tempel bauen würden. Aber bei den allermeisten Juden herrscht die Erwartung, dass der Messias kommt und er dann mit ihnen zusammen den Tempel baut.

ERF Medien: Wie präsent ist die Erwartung des Messias in Israel?

Johannes Gerloff: Die ist schon präsent, selbst unter säkularen Juden – selbst, wenn es nur im spöttischen Sinne ist. Es gab vor ein paar Jahren einen Schlager, in dem säkulare Juden höhnisch singen: „Der Messias kommt, der Messias kommt, der Messias kommt...nicht!“ Dann geht es weiter: „Er ruft nicht einmal an.“ Dass ein Israeli nicht rechtzeitig kommt, ist normal. Aber dann ruft er normalerweise an und sagt: Ich verspäte mich. Daher: Der Messias ruft nicht mal an. Die biblischen Motive sind in der israelischen Popkultur viel verbreiteter als bei uns.

Steht ein neuer Krieg ins Haus?

ERF Medien: Wie soll es jetzt weitergehen? Sind die Leute zufrieden mit diesem Status Quo?

Johannes Gerloff: Zufrieden mit dem Status Quo ist meines Wissens niemand, weder auf palästinensischer noch auf israelischer Seite. Ich kenne aber auch niemanden, der eine praktikable Alternative kennt. Der Status Quo ist wahrscheinlich die einzig denkbare Option, diesen Konflikt zu managen. Wir haben insgesamt eine große Stabilität. Angesichts dessen, wie viele unterschiedliche Religionen und Nationalitäten, Ethnien und Sprachen in Israel aufeinander stoßen, sind wir tatsächlich ein Modell erfolgreicher Koexistenz.

ERF Medien: Was ist das beste Szenario für die nähere Zukunft und wie sieht der Worst Case aus?

Die Geschichte des Staates Israel zeigt, dass es alle drei bis sechs Jahre einen Krieg gegeben hat. Es stimmt auch, dass man davon redet, dass es bald wieder knallen wird. Es kann sein, dass es an der Nordgrenze sein wird, es kann aber auch im Gazastreifen sein. Welche Auswirkungen das auf die Westbank oder israelische Araber haben wird, weiß kein Mensch. Jeder, der ein bisschen Ahnung vom Nahen Osten hat, weiß, dass Israel hier einen Konflikt managen muss, den es nicht managen kann. Wir befinden uns in einer ruhigen Phase vor dem nächsten Crash, der ganz sicher kommen wird.

ERF Medien: Wie können die Israelis mit so einer Situation leben?

Johannes Gerloff: In Israel sieht man das lockerer, auch weil die Israelis daran gewöhnt sind. Israel hat die letzten 70 Jahre über ständig Krieg erlebt. Es wird ohne erkennbaren Grund gehasst. Auch in den USA und Europa wird Israel als der Konfliktfaktor gesehen, als ein gefährliches Land wie Nordkorea oder der Iran. Das ist absolut idiotisch. Mit einer rein menschlichen Analyse kommen wir also nicht weiter. Die Tempelberg-Krise zeigt, dass hier etwas ganz anderes vor sich geht. Die Welt lehnt sich auf gegen Gottes Handeln mit seinem Volk. Hier wird etwas angeheizt, was man letztendlich nur damit erklären kann, dass um den Tempelberg geistliche Mächte am Werk sind.

ERF Medien: Vielen Dank für das Gespräch.


Kommentare

Von Wagner am .

Einer und Gott ist immer die Mehrheit!

Von Jens R. am .

Ein interessanter Text. Schade das unsere Politiker in Deutschland eine andere Ansicht über die Thematik haben. Die Offenbarung wird sich eines Tages erfüllen. Das werden die Weltpolitiker nicht verhindern.

Von Christian S. am .

Danke, für die klaren Worte, lieber Johannes! Wie gut ist es, zu wissen, dass letztlich Gott selber das letzte Wort hat. Lasst uns für Israel beten, dass sie und die Verantwotlichen d. Landes die nötige Weisheit bekommen, die richtigen Schritte zu setzen.


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