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© Vince Fleming / unsplash.com

25.06.2024 / Buchauszug / Lesezeit: ~ 6 min

Autor/-in: Collin Hansen

Timothy Keller und die Anfänge der Redeemer Church

Wie eine kleine Gemeinde in New York City eine große Erweckung erlebte.

Der 2023 verstorbene amerikanische Pastor Timothy Keller ist auch vielen Christen im deutschsprachigen Raum durch seine übersetzten Bestseller ein Begriff. Der Leiter der Redeemer Church in New York City schaffte es, die Botschaft des christlichen Glaubens einer urbanen und kritischen Stadtbevölkerung glaubhaft zu vermitteln. Gleichzeitig waren dem Theologen Diakonie und Nächstenliebe ein großes Anliegen.

Collin Hansen hat eine Biografie über den „C.S. Lewis des 21. Jahrhunderts“ verfasst, die unter dem Titel „Timothy Keller. Was ihn prägte: Menschen, Bücher und ein gnädiger Gott“ ebenfalls auf Deutsch erschienen ist. Lesen Sie im ersten Teil unseres Buchauszuges, wie die Mega Church in New York durch Gottes Wirken aus ganz kleinen Anfängen heraus entstanden ist. Wir danken dem Brunnen Verlag Gießen für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung!

Keller hatte eine Vision für die ganze Stadt, für eine Kirche, die dazu beitragen würde, deren sittlich-moralisches und soziales Niveau zu heben. Und er errichtete Leitplanken, um den Fokus der Gemeinde auf das Evangelium zu erhalten. Die Einzelheiten der Umsetzung überließ er anderen.

Er musste nicht alles kontrollieren, was die Gemeinde tat. „Er war immer bereit, anderen Leuten zuzuhören“, sagt Tim Lemmer, schon früh bei Redeemer dabei und jahrzehntelanger Mitarbeiter des Wall Street Journal, wo er den Leserbriefteil redigiert.

Gemeinschaft als evangelistisches Programm

Redeemer wollte eine liebevolle und gastfreundliche christliche Gemeinschaft fördern, die Nicht-Glaubende willkommen heißt. Evangelisation fand nicht jenseits von Anbetung, Gottesdienst und Jüngerschaft statt.

Bei Redeemer wurde nicht zwischen der Kommunikation mit Christen und Nichtchristen der Wortschatz gewechselt. Die christliche Gemeinschaft selbst sollte das „evangelistische Programm“ der Gemeinde sein.

Keller glaubte, dass nur dieser Ansatz, den er bei Young Life, aber auch bei L’Abri kennengelernt hatte, die jüngeren Generationen erreichen würde. Jede andere Strategie würde auf Probleme stoßen.

Das Modell der sucherorientierten Gottesdienste trennte Evangelisation und christliche Gemeinschaft. Persönliche Evangelisation nach dem Muster der Vier geistlichen Gesetze oder von Evangelism Explosion half nicht, wenn die Gemeinde nicht selbst evangelistisch ausgerichtet war. Und nur wenige kommen, um einen berühmten Prediger zu hören, wenn sie nicht vorher einen Christen kennen, der sie einlädt.

Redeemer wandte sich gleichermaßen gegen Gesetzlichkeit wie Relativismus, entlarvte Götzen im persönlichen Leben wie auch in der Kultur als Sackgassen der Selbsterlösung und wirkte evangelistisch, indem gleichzeitig die Christen im Glauben gefördert wurden.

Eine Gemeinde speziell für die Menschen von New York City

Die ersten Jahre von Redeemer waren glücklich und anstrengend und übertrafen die Intensität jeder anderen Lebensphase von Tim. Er war vielleicht nicht der naheliegendste Kandidat für die Gründung der Art von Gemeinde, wie New York sie braucht.

Aber durch seine Studien bei Harvie Conn wusste er, was Kontextualisierung bedeutet, und er lernte von den New Yorkern, dass er nicht die gleichen Strategien verwenden konnte, die in den Vorstädten funktionierten.

Keller gestaltete Gottesdienste in der kulturellen Sprache seiner Stadt, mit Musik für Menschen, die ihre Samstagabende im Konzertsaal oder Theater verbringen. New York City konnte zehn volle Opernensembles aufweisen, während es in allen anderen Städten der USA maximal eins gab.

Morgens klassische Musik, abends Jazz und Folk – die Musik von Redeemer öffnete den vielen Künstlern der Stadt, die andere evangelikale Gemeinden komplett gemieden hatten, die Türen.

Kontextualisierung: Sünde und Erlösung verständlich erklärt

Während andere evangelikale Pastoren im ganzen Land sich allmählich, wie viele der jungen Neubekehrten aus der Jesus-Bewegung, leger kleideten, trug Keller im Morgengottesdienst einen Anzug. Die säkulare Elite der Stadt war tendenziell älter und gebildeter. Mit seinen Entscheidungen wollte er den Alteingesessenen den Vorzug geben vor den jungen vorübergehenden Einwohnern.

Am meisten kontextualisierte Keller in seiner Predigt- und Lehrtätigkeit. Er sprach so über Sünde, dass viele, die schon lange in Manhattan waren, durch ihre beruflichen Erfahrungen in der Finanzwelt verstehen konnten, was er meinte.

Er sprach so über Erlösung, dass er ihre Hoffnungen und ihr Streben nach besseren Lebensbedingungen in der Stadt aufgriff. Er predigte über die Bibel wie Paulus auf dem Areopag in Athen (Apostelgeschichte 17,16-34). Zur Unterstützung seiner biblischen Schlussfolgerungen zitierte er die Künstler und Denker, die bei seinem Publikum akzeptiert waren.

Frühstück und Gebete

New York ist die Stadt, die niemals schläft. Außer um sieben Uhr morgens. Selbst mit den besten Bagels der Stadt sind Gebetstreffen um 7:00 Uhr für Berufstätige mit langen Arbeitstagen, die in der Regel erst nach 9:00 Uhr beginnen, eine Herausforderung.

Aber diese jungen Christen, die sich beim Beten noch den Mund abwischten, werden diese Morgenstunden bei Redeemer Ende der 1980er-Jahre nie vergessen.

„Es gab ein starkes Empfinden, dass Gott etwas tun wollte, ein sehr starkes Gefühl, dass der Heilige Geist sich unter uns bewegte“, sagt Lorraine Zechmann, die in den Anfangsjahren von Redeemer die Gebetstreffen mitleitete. Sie verglich diese Treffen mit der herzerwärmenden Erfahrung einer Bekehrung.

Kühnes Beten für New York

Lane Arthur, ein anderer Leiter von Redeemer, macht diese Gebete, die sich auf den Frieden und das Wohl der Stadt konzentrierten, für den Rückgang der Kriminalität in New York in den 1990er-Jahren verantwortlich. In nur einer Generation (1989–2019) stieg die Zahl der Einwohner Manhattans, die in eine evangelikale Gemeinde gehen, von 9.000 auf über 80.000.

Ein solches Wachstum geschieht in der Regel nicht ohne das „außerordentliche Gebet“, das Jonathan Edwards in der ersten großen Erweckung verfocht.

Keller warb für dieses kühne Beten, das Gott darum bittet, die Kirche zu einen, um sein Reich auf Erden zu bauen.

Beten als geistlicher Kampf

In seinem Buch „Outgrowing the Ingrown Church“ (dt. etwa „Aus der Kirche herauswachsen, die sich um sich selbst dreht“), das am Anfang bei Redeemer in aller Munde war, schreibt Jack Miller von frontline-Gebet (an der Front) und maintenance-Gebet (zur Aufrechterhaltung). Die meisten Menschen kennen Gebetstreffen nur zur Erhaltung. Christen kümmern sich gemeinsam um das physische Wohl ihrer Mitglieder.

Frontline-Gebet hingegen bekennt Sünde, strebt nach Demut, geht Verlorenen nach und sehnt sich danach, Gott von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen und seiner Herrlichkeit zu begegnen.

Diese Art von Gebet brachte Mitglieder von Redeemer während des ersten Irakkriegs dazu, Gebetswachen nach dem Vorbild der koreanischen Erweckungen (zu Beginn des 20. Jahrhunderts) einzurichten.

Über mehrere Monate betete eine Gruppe von Redeemer-Mitgliedern von freitags, 21:00 Uhr, bis samstagmorgens um 6:00 Uhr. Keiner dieser Mitarbeiter erwähnt Kellers Anwesenheit bei diesen Treffen. Sie wussten, dass er ein begabter Pastor war, aber Gott tat das Werk.

Und so sahen es auch die Kellers. „Sie wollen wissen, wie man eine erfolgreiche Gemeinde gründet?“, sagt Kathy Keller, „Finden Sie heraus, wo Gott eine Erweckung beginnt, und ziehen Sie einen Monat vorher dorthin.“

Rasantes Gemeindewachstum

In weniger als dreißig Monaten wuchs die Zahl der Redeemer-Besucher von 0 auf 1.000. Die Gemeinde begann mit Gebets- und Visionstreffen am Sonntagnachmittag in der Wohnung von Dave und Diane Balch.

Den ersten Gottesdienst feierte Redeemer am Palmsonntag im April 1989 um 18.30 Uhr in der Church of the Advent Hope, die mit 400 Sitzplätzen im Yorkville-Viertel, in der Nähe der Park Avenue, nördlich des Hunter College an der Upper East Side, liegt.

Ende 1989 kamen bereits etwa 250 Menschen in die Gemeinde. Die kleine Gruppe von zwölf Personen, die sich vor der Gründung getroffen hatte, empfand das Tempo bereits jetzt als dramatisch.1991 wurde Redeemer selbstständig (ordinierte also seine Hauptamtlichen selbst), mit einem Budget von 694.000 Dollar.

Keine menschliche Strategie, sondern Gottes Handeln

Unter dem Wachstumsdruck empfanden die Leiter rund um Keller, dass Gott etwas tat, was keine rein menschliche Strategie bewirken konnte. „Da war so viel Gnade und Zuversicht, dass das, was hier gemacht wurde, nicht in unseren Händen lag, sondern in Gottes Händen“, sagt Hucks. „Damals war es wirklich so, als ob man Gott auf den Fersen war, ihm bei etwas folgte, das er bereits geplant hatte.“

Es war eine Erweckung. Und alle waren sich dessen bewusst, auch weil Keller sie dazu angehalten hatte, dafür zu beten.

Für den Rest ihres Lebens sehnten sich die Mitglieder von Redeemer danach, dies noch einmal zu erleben. „Das waren grundlegende Jahre“, sagt Barbara Ohno. „Als wir von Redeemer in die Welt hinausgingen, hatten wir einen Schmerz im Herzen, als ob wir Narnia oder Camelot verlassen würden. Gott ließ uns Teil einer Erweckung sein. Es ist so unglaublich, was er getan hat.“

Zweiten Teil „Timothy Keller – seine Werte, seine Vorbilder“ lesen
 

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