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© Elena Koycheva / unsplash.com

07.07.2011 / Service-Artikel / Lesezeit: ~ 6 min

Autor/-in: Michael Gerster

Lasset uns beten – aber bitte nicht so!

Sechs Tipps, damit aus Gebetsgemeinschaften keine Leidensgemeinschaften werden.


Kennen Sie das Schweigen der Beter? Das tritt meist nach den Worten „Lasst uns beten“ ein, mit der in christlichen Kreisen Gebetsgemeinschaften eingeleitet werden. Danach ist es dann nämlich erst mal still. Und das eine ganze Weile lang. Nach einer gefühlten Ewigkeit erbarmen sich dann zwei, drei Profibeter mit ein paar vollmächtigen – und wenn man Glück hat – kurzen Gebeten.

Warum fällt es Christen schwer, in Gemeinschaft mit anderen laut zu beten? Und das, obwohl Jesus auf das gemeinsame Gebet eine ganz besondere Verheißung gelegt hat? (Matthäus 18,20). Zum einen liegt es vielleicht daran, dass man Beten nicht wirklich gelernt hat. Und so demütig wie die Jünger Jesu scheinen wir nicht zu sein. Die haben Jesus einfach gebeten: „Bring uns doch bei, wie das geht (Lukas 11,1)“.

Deshalb schaut man vielleicht anderen zu, wie sie beten und oft mag man wahrscheinlich nicht, was man da sieht und hört. Um mal nur zwei Beispiele zu nennen:
 

1. Oft erklären Beter in ihren Gebet Gott, was er zu tun im Stande sei. Das geht in etwa so: „Herr, du kannst Bruder Müller gesund machen.“ Oder: „Dir ist es ein Leichtes, Schwester Anneliese die Arbeitsstelle zu schenken“. Braucht Gott diese Erinnerung? Vergisst er, was er zu tun im Stande ist? Oder verbirgt sich dahinter die Scheu, Gott ganz konkret um eine Sache zu bitten. Vielleicht aus falsch verstandener Demut oder aus Angst, dass ein Gebet nicht erhört wird und man dann mit der Enttäuschung klarkommen müsste?

2. Manche Gebete erwecken auch den Eindruck, dass Gott vergesslich ist. Da werden Details und Umstände von Gebetsanliegen erst einmal lang und breit erklärt, bevor die eigentliche Bitte kommt: „Gott du weißt, dass wir gestern über dieses Thema im Vorbereitungsteam für den Gottesdienst gesprochen haben und wir immer noch keine gute Idee für die Gästegottesdienste haben, die jetzt ja schon einen Monat früher stattfinden sollen, weil … „ Braucht Gott diese Infos wirklich, um unser Anliegen zu verstehen?“. Oder ist es nicht oft eher so, dass die Erklärungen als Info an die Mitbeter gedacht sind, denen man erklären will, warum man für eine konkrete Sache betet?
 

Ich glaube, dass diese Beispiele nicht Ausdruck von Lustlosigkeit oder eines müden Gebetslebens sind. Ich glaube eher, dass wir manchmal so beten, weil wir Gebet nicht als etwas begreifen, über das man sich auch mal ruhig grundlegend Gedanken machen kann. Und vor allem: Das man planen kann und für das es vielleicht die ein oder andere gute Regel gibt. Klar, wir wollen als evangelische Christen keine Gebetsgesetzlichkeit. Doch gerade durch den Verzicht auf Planung und Regeln ergeben sich manchmal die oben genannten Kuriositäten.

Es ist Zeit, Beten neu als ein Abenteuer zu verstehen und als spannende Entdeckungsreise.

 

Es ist Zeit, Beten neu als ein Abenteuer zu verstehen und als spannende Entdeckungsreise. Und für jede Reise ist es doch ganz selbstverständlich, sich im Vorfeld Gedanken zu machen. Hier sind sechs Tipps, die helfen können Beten – vor allem das gemeinsame Gebet – neu als Abenteuer zu entdecken:

 

1. Infopflicht!

Wenn Sie im Vorfeld wissen, wofür Sie konkret beten möchten, informieren Sie Ihre Mitbeter vor dem Beten. Dann müssen Sie nicht im Gebet über Gott Ihre Mitbeter über die Umstände eines Gebetsanliegens informieren.

 

2. Kurz und knackig!

Vermeiden Sie lange Sätze und Erklärungen. Gott weiß, worum es geht. Sagen Sie Gott konrket, wofür Sie dankbar sind  oder was Sie sich von ihm wünschen. Oft reicht ein Satz: „Vater, ich bitte dich, dass du die Kinder auf der Gemeindefreizeit behütest“.

 

3. Gebetsball spielen

Achten Sie auf Ihre Vorbeter. Betrachten Sie das gemeinsame Beten nicht als Aneinanderreihung von Anliegen, sondern lassen Sie sich von Ihrem Vorbeter inspirieren. Greifen Sie auf, was er gebetet hat und machen Sie da weiter. Man kann das als einen Gebetsball bezeichnen, der von den einzelnen Betern aufgegriffen und weitergespielt wird. Vor allem bei Dankanliegen, oder wenn Sie Gott einfach nur loben, klappt das sehr gut:

Beter 1: „Herr, wir bitten dich, dass viele Menschen zu unserem Gemeindefest kommen.“
Beter 2: „Wir bitten dich, dass sie sich wohlfühlen und ihnen die Predigt auch was bringt“.

 

4. Die Handbremse lösen

Beten Sie mutig! Oft erlebe ich das Gebet als ein Fahren mit angezogener Handbremse. Da wird Gott so allerhand zugetraut und Kühnes von ihm erbeten und im letzten Satz gibt es dann eine Einschränkung: „Herr, wenn es dein Wille ist.“ Grundsätzlich ist es ja richtig, nach Gottes Willen zu fragen. Ich habe aber manchmal den Eindruck, dass dieser Einschub als eine Art Rückversicherung geschieht. Wird mein Gebet nicht erhört, dann war es eben nicht Gottes Wille.

Als Jesus in Gethsemane bat „Herr, dein Wille geschehe“, da wusste er, was Gottes Wille war. Sein Gebet war daher die Bitte an seinen Vater, ihm zu helfen. Zu helfen, dass er seinem Willen nachgehen kann – auch wenn es für ihn ein Leidensweg wird. Deshalb: Beten Sie mutig. Nehmen Sie nicht schon in Gedanken vorweg, dass das Gebet nicht erhört. Und wenn Gott dann scheinbar wirklich nicht antwortet? Dann beten Sie in der nächsten Gebetsrunde noch einmal dafür. Und noch einmal. Und noch einmal. Und wenn es auf Dauer nicht erhört wird? Dann können Sie sich immer noch Gedanken darüber machen, warum es nicht erhört wurde. Aber erst dann.

 

5. Beten ist Silber, Schweigen ist Gold

Manche Menschen haben vielleicht auch schlicht und ergreifend Schwierigkeiten, vor anderen laut zu beten. Sie reden nicht gern vor anderen Menschen. Klar, dass das Beten dann noch viel schwerer fällt. Wenn es Ihnen persönlich keine Probleme macht, in größerer Runde zu beten, dann denken Sie aber bitte an die anderen. Versuchen Sie dann bewusst, Ihre Gebete einfach zu halten. Dann fällt es vielleicht auch anderen leichter, in das Abenteuer „Gemeinsames Gebet“ einzusteigen.

 

6. Nochmal die Gebetsbank drücken

Strukturen, Formeln und Riten schleichen sich bei jedem von uns ein. Das lässt sich gar nicht vermeiden. Warum auch? Positiv betrachtet können Sie ein Gerüst sein, an dem man sich entlanghangelt. Ein persönliches, vorformuliertes Gebet kann freier sein als ein spontanes Gebet, das durch kanaanäische Formelsprache wesentlich unfreier ist. Pastor und Bestseller-Autor Timothy Keller beschreibt in einem Newsletter, wie er gelernt hat, freier zu beten. Er orientiert sich dabei an Gebetsvorschlägen von Thomas Cranmer, der 1549 „The Book of Common Prayer“ als gemeinsames Gebetsbuch in der Anglikanischen Kirche einführte. Er schlägt einen 5-Schritt vor, der – auf ein aktuelles Beispiel übertragen – so aussehen könnte:
 

Man trifft sich mit Freunden in der Gemeinde, um für eine Reihe von Gästegottesdiensten zu beten, mit denen man Menschen erreichen möchte, die auf der Suche nach ihm sind.
 

  • Überlegen Sie kurz, wie Sie Gott ansprechen möchten, z. B. einfach „Herr, …
  • Dann formulieren Sie eine Wahrheit über Gott, die in Bezug auf das Anliegen zentral ist: „… Du willst, dass dich alle Menschen kennen lernen und gerettet werden.“
  • Konkretes Anliegen: „Wir bitten dich, dass in diesem Jahr viele Menschen zu unseren Gästegottesdiensten kommen …“
  • Jedes Anliegen hat ein konkretes Ziel. Nennen Sie dieses Ziel: „ …, damit sie dich kennenlernen und deine Gemeinde wächst.“
  • In Jesu Namen das Gebet abschließen. Nicht als magische Formel, sondern als Erinnerung, dass er der Vermittler zwischen Gott und Mensch ist, der Frieden gemacht hat und uns versichert, dass es einen guten Vater im Himmel gibt, der das Beste für seine Kinder will: „Wir bitten das im Namen Jesu, der für alle Menschen gestorben ist.“

 

Probieren Sie es einfach aus. Entwickeln Sie ein Gefühl dafür, was Ihnen und Ihrem Gebetsteam hilft, offen und unverkrampft voreinander zu Gott zu beten. Es geht nicht um religiöse Übungen. Es geht um eines der spannendsten Abenteuer, die das Leben mit Gott zu bieten hat.


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Ihr Kommentar

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Kommentare (30)

Simon /

Für viele kann es schwierig sein mit anderen Laut zu beten da sie Soziale Ängste haben. Dort darf man sie dann nicht dazu zwingen sondern muss sie ganz langsam zum lauten gemeinsamen Gebet hinführen. mehr

Maria /

Mir persönlich fällt es sehr schwer vor anderen Menschen zu beten, ja sogar zu singen, Finde das irgendwie doof, ja sogar peinlich. Ich halte mich an das was Jesus in Matthäus 6,6 sagt. Das Gebet in der Kammer.

Gunnar P. /

Ich bin in einer EC Jugendgruppe "groß" geworden und habe da zum Glauben gefunden. Mit der "Art zu Beten" kam ich nicht immer zurecht. Wenn Gott Vater ist, möchte ich auch so reden/beten, wie ich es mehr

John /

Der einzige Weg in den Himmel.
Wenn Wir wollen, gehen Sie zum unbekannten Ort, den Wir nicht kennen, um den Weg zum unbekannten Ort zu finden, Wir brauchen eine Person, die Er jemals zu diesem Ort mehr

Beate F. /

Angela am 07.07.2011, 21:05 Uhr, ... Ich bin katholisch aufgewachsen und konnte das "Vater unser" und das Glaubensbekenntnis rauf und runter auswendig beten.
Irgendwann wurde mir der Text von mehr

Daniel F. /

Ich sage dancke schön.
Ich glaube es ist sehr gut.
Ich möchte ein beter werden.

Thomas Weber /

Vielen Dank für diesen Artikel.Er kommt für mich zur rechten Zeit! Auch ich tue mich echt schwer, laut zu beten und "lerne" es erst langsam. So bete ich mal laut und mal leise. Jeder sollte so beten, mehr

Beate /

Den Ausdruck "Gebetsball" finde ich schon gut. Bei "Mütter in Kontakt" beten wir wie in einem Gespräch. Wir lassen uns vom heiligen Geist führen, hören aufeinander und auf Gott, werden eins in dem, was wir beten.
Ich lasse mich fallen im Gebet.
Gott führt.

Heike /

Die "göttliche Freiheit, an etwas teilzunehmen oder nicht" liegt in Bezug aufs Beten m. E. in (mindestens) diesen beiden Versen:
"Weiter sage ich euch: Wenn zwei von euch auf Erden übereinkommen mehr

A.G. /

Auch mir kommt das Schweigen bei Gebetsgemeinschaften bekannt vor und früher hatte ich selber Schwierigkeiten laut zu beten. Das habe ich lieber leise getan und bin mir sicher, Gott hat mich trotzdem mehr

Christin /

c/o Peter
Sie sprechen mir aus der Seele. Ich finde es peinlich, wenn in einem Vorbereitungskreis dafür gebetet wird, dass Gott zeigt wo die Regenschirme hingestellt werden können falls es regnen mehr

Peter /

Wann hören wir endlich auf darüber zu klagen, dass es Menschen gibt, denen Gebetsgemeinschaften unbehaglich sind? Wo stellen wir einander in die göttliche Freiheit, an etwas teilzunehmen oder nicht? mehr

Torsten /

Es stimmt schon, viele Gebete heute sind einfach sonderbar und eigenartig (um es einmal höflich auszudrücken).
Allerdings wird heutzutage kaum noch das richtige Beten gelehrt.
Wenn ich beten will, mehr

Gertrud-Linde Weller /

Das Reihe-um-Beten ist in kleinerem Kreis bestimmt empfehlenswert.
Bei vielen Teilnehmern könnten kleinere Gruppen von 3 bis 5 zusammen beten, daß es persönlich und mit möglichst viel Teilnahme mehr

bleck karin /

Wir haben in unserer Gemeinde einen Gebetskreis, der sich wöchentlich trifft. Gemeindeangelegenheiten, Mission, Israel und die verfolgten Christen sind unsere Schwerpunkte. Der Kreis ist mehr

andreasm /

Hier passiert genau das, was der Autor auch wollte - lebhaft werden unterschiedliche Aspekte erwähnt...
Dass man das Thema Beten nicht mit einem Artikel abhandeln kann, ist wohl jedem klar, der in mehr

Heike /

Vielleicht hilft es, das Thema im Gebetskreis anzusprechen und JEDEN zu ermutigen, sich mal ganz offen zu diesem Thema zu äußern (selbst wenn es - in größeren Gruppen - anonym auf Zetteln wäre, z. B. mehr

Angela /

Hallo Michael! Eins wollte ich noch loswerden zum Thema "plappern wie die Heiden".
Ich bin katholisch aufgewachsen und konnte das "Vater unser" und das Glaubensbekenntnis rauf und runter auswendig mehr

Angela /

Lieber Michael,
ich möchte Dich zu dem Artikel beglückwünschen! Du hast das erreicht, was Du wolltest: eine angeregte Diskussion.:-)
Sicher sprechen die meisten hier aus eigener Erfahrung und haben mehr

Grace /

Für mich löst dieser Artikel immer noch nicht die Frage, wie man auch "Dauerschweiger" dazu motivieren kann, laut zu beten.
Denn mal ganz ehrlich: Was passiert, würden die "Profibeter" auch noch mehr

Zyank Ali /

Die Idee ist gut, der Artikel wichtig.
Ist aber ein wenig schnell und m.E. zu oberflächig.
Zum Gebet gehört mehr, als nur die Bitte.
Was ist mit Anbetung, Dank und die Erinnerung an die mehr

Chris /

Super Beitrag, kenne das "Schweigen im Kreis" und das darauf folgende einzelne "Profigebet" nur zu gut.
Werde die Tipps mir zu Herzen nehmen und weiterleiten!

Waltraud E. /

Es ist klar, dass Gott kein Problem mit unserem Beten hat, gleich ob es schwerfällig oder langatmig ist. Aber hier geht es doch um die Gebetsgemeinschaft. Ich finde die Anregungen sehr gut. Ich mehr

Karlheinz /

Hallo liebe Geschwister, lieber Michael,
danke für die Beiträge. Es ist so erfrischend zu wissen, dass wir mit Vater reden dürfen. Es ist so wohltuend sich im Gebet zu öffnen. Für mich ganz klar: Man mehr

Regina /

Ich verstehe sehr gut was Angela in ihrem Leserbrief darstellte und es ist genau das, was wir Anwender vieler Worte als Lektion immer wieder lernen dürfen:Demut.
Das heißt nicht, dass unser Herz mehr

Gunnar /

Ich finde diesen Beitrag echt Klasse. Liebe Angela und lieber Michael. Natürlich habt ihr irgendwo recht. Aber wenn wir beten soll doch etwas passieren. Und was soll paassieren wenn ein Beter total mehr

Karin F. /

Gemischte Gefühle auch bei mir! Menschen, die im Gebetskreis schweigen, tun es i.d.R. nicht aus Bequemlichkeit, sondern haben andere Gründe, körperlicher oder seelischer Art. Ängste hat jeder mehr

ERF - Fan /

Ein sehr guter Artikel, den man in den Gemeinden aushängen oder anderweitig bekannt machen sollte. Martin Luther hat, sinngemäß, so gesagt: bete laut, klar und kurz.

Michael Gerster /

Ja, Angie. Da hast du Recht. Man soll auch umständlich beten dürfen. Die Gedanken hatte ich nämlich auch beim Schreiben des Beitrags. Trotzdem habe ich mich dafür entschieden, es so klar zu mehr

Angela /

Bei mir löst dieser Beitrag etwas gemischte Gefühle aus. Im großen Ganzen stimme ich dem zu, frage mich allerdings, ob es von Nöten ist, beim Gebet ein "Zeitlimit" vorzugeben oder eine präzisere mehr

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