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© ThisisEngineering RAEng / unsplash.com

16.01.2023 / Andacht / Lesezeit: ~ 4 min

Autor/-in: Katrin Faludi

Katzenzustände und Quantenoptik

Zugleich Gott und Mensch? Wie soll das gehen?


Darf ich Sie kurz abschrecken? Bitte schön:

Mathematische Formel

Jetzt dürfen Sie auch schon wieder durchatmen. Viel komplizierter wird meine Andacht nicht. Und keine Sorge: Ich verstehe diese Gleichung auch nicht. Ich könnte Ihnen nicht genau sagen, was das α bezeichnet und warum davor ein Minus steht (oder ist es ein Gedankenstrich?), warum die Wurzel aus diesem verschnörkelten „n“ mit einem Warnhinweis (!) versehen ist und warum das Sigma die Unendlichkeit auf dem Kopf balanciert, statt in die Zange zu nehmen.

Sollten Sie sich mit dem Katzenzustand in der Quantenoptik näher auskennen, dann ergeben diese Variablen natürlich Sinn. In diesem Fall dürfen Sie mich gerne erleuchten. Um ehrlich zu sein, muss ich es aber gar nicht so genau wissen.

Ignoranz hat einen schlechten Ruf, aber manchmal ist sie ganz nützlich. Und falls Sie jetzt schon die Luft eingesogen haben, um sie mit Empörung angereichert wieder auszustoßen, dann halten Sie bitte kurz den Atem an und lesen Sie weiter: Denn Sie müssen nicht alles wissen. Sie müssen nicht alles verstehen.

Detailwissen über Katzenzustände in der Quantenoptik bereichert Sie nur dann in nennenswertem Maße, wenn Sie Physikerin, Physiker oder Nerd sind. Ansonsten können Sie das Thema getrost ignorieren.
 

Jetzt wird's paradox

Sie lesen ja immer noch. Könnte ich Sie eventuell mit dem Thema „Welle-Teilchen-Dualismus“ verschrecken oder wollen Sie einfach nur wissen, wann ich in dieser Andacht endlich die fromme Kurve kratze? Keine Sorge, die kommt gleich. Denn im physikalischen Welle-Teilchen-Dualismus steckt eine theologische Komponente, die Sie vielleicht nicht sofort vermutet hätten.

Hinter diesem wissenschaftlich-sperrigen Begriff verbirgt sich das quantenphysikalische Prinzip, dass Objekten sowohl Eigenschaften von Wellen als auch von Teilchen zu eigen sein können. Oder salopp formuliert: Licht ist sowohl Welle als auch Teilchen, obwohl sich das gegenseitig auszuschließen scheint.

Solche scheinbaren Paradoxien finden wir nicht nur in der Quantenphysik, sondern auch in der Theologie. Es gibt nämlich auch eine Art theologischen Welle-Teilchen-Dualismus. Die ersten Theorien in diese Richtung wurden in der Bibel aufgestellt; und zwar immer dort, wo vom göttlichen Ursprung Jesu die Rede ist: „Am Anfang war das Wort. Das Wort bei Gott und das Wort war Gott“ (Johannes 1,1), wobei „Wort“ hier für Jesus steht.

Jesus war von Beginn der Schöpfung an da („Der Vater und ich sind eins“ Johannes 10,30). Dann aber „nahm [er] die niedrige Stellung eines Dieners an und wurde als Mensch geboren und als solcher erkannt.“ (Philipper 2,7).

Ja, was denn nun? Gott oder Mensch? Fisch oder Fleisch? Teilchen oder Welle? Für dieses Prinzip gibt es den theologischen Fachbegriff „hypostatische Union“, der besagt: Jesus ist beides. Gott und Mensch. Er verhält sich wie Welle und Teilchen, obwohl auch das sich scheinbar ausschließt.

Wie hübsch, dass dieses scheinbare Paradoxon sowohl in der Quantenphysik als auch in der Theologie in beiden Fällen für sich beansprucht, Licht zu sein („Ich bin das Licht der Welt“, Johannes 8,12). Ich mag solche Querverbindungen.
 

Wie kann man so etwas glauben?

Wir Menschen neigen dazu, die Dinge so aufzudröseln, dass sie als Eindeutigkeiten für sich stehen. Mehrdeutigkeit oder gar Paradoxie macht uns nervös. Wir müssen der Sache dann auf den Grund gehen. Dafür gibt es unter anderem Quantenphysiker. Diese Wissenschaftler operieren mit Fragestellungen, bei denen dem Laien schwindlig wird (scrollen Sie für den Kick gerne noch mal zur Formel am Anfang zurück) und hantieren mit Gegenständen, die so winzig sind, dass sich selbst der sonst so limitierte menschliche Geist solche Beschränktheit nicht mehr vorstellen kann. Wer sagt „Ich glaube nur, was man sehen kann“, outet sich schon mal nicht als Wissenschaftler.

Wie kann man glauben, dass Jesus zugleich Gott und Mensch sei? Zugleich Licht-Teilchen und Licht-Welle? Fisch und Fleisch? Das kann man durchaus annehmen. Nur darf man dafür keine wissenschaftliche Formel erwarten.

Wenn Ihnen bei der Eingangsformel schon der Hut hochgegangen ist, dann wird Ihnen spätestens beim Anblick des göttlichen Rechenwegs der Verstand implodieren. Wobei böse Zungen behaupten würden, dass allein der Glaube an einen Gott einer solchen Implosion gleichkäme. Die Eigentümer solcher Zungen denken allerdings auch, dass die Elementarteilchen, die ihr Gehirn bilden, aus dem Nichts entstanden seien. So viel Glauben muss man erst mal haben.
 

Was man wirklich wissen muss

Um noch einmal auf meine Eingangsbemerkung zurückzukommen: Ignoranz ist nicht immer schlecht. Wie Jesus zugleich zwei Zustände annehmen kann und nach der Kreuzigung wie Schrödingers Katze zugleich tot und es mit der Auferstehung irgendwie doch nicht war – das dürfen wir gerne wissen mögen, sollten es aber nicht verstehen können wollen. Denn das ist, wie der Katzenzustand in der Quantenoptik im Übrigen, für die allermeisten Menschen nicht relevant.

Nicht das Wie bringt uns weiter, sondern das Warum. Denn es scheint eine weitere Eigenschaft Gottes zu sein, dass er nicht nur den menschlichen Verstand überstrapaziert, sondern dass man sich auch physisch derart an ihm reiben kann, bis man als Mensch verglüht. Gottes Antwort, als Mose bittet, ihn sehen zu dürfen: „Mein Gesicht kannst du jedoch nicht sehen, denn jeder Mensch, der mich sieht, muss sterben.“ (2. Mose 33,20)

Der Evangelist Johannes bezieht sich auf die physische Unfassbarkeit Gottes, als er sagt: „Niemand hat Gott je gesehen. Doch sein einziger Sohn, der selbst Gott ist, ist dem Herzen des Vaters ganz nahe; er hat uns von ihm erzählt.“ (Johannes 1,18).

Damit fasst er zugleich die Aufgabe zusammen, für die Jesus uns das Paradoxon, Gott und Mensch zu sein, zumutet. Wir können ihn für ein Teilchen halten, wir können ihn zur Welle erklären, aber wie das Licht uns erreicht, ist nicht wichtig, sondern dass. Jesus macht für uns sichtbar und erlebbar, was wir weder erklären noch begreifen, aber womit wir immer rechnen können: Gott selbst.

Und bei allen Physikern entschuldige ich mich vorsichtshalber in aller Form.

 Katrin Faludi

Katrin Faludi

  |  Redakteurin

In Offenbach geboren, mit Berliner Schnauze aufgewachsen. Hat Medienwissenschaft und Amerikanistik studiert, ist danach beim Radio hängengeblieben und beschäftigt sich mit Themen rund um den Glauben. Außerdem schreibt sie Bücher, liebt alles, was mit Sprache(n) und dem Norden zu tun hat und entspannt gerne beim Landkartengucken. Mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern wohnt sie in Bad Vilbel.

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Kommentare (2)

Nine /

Wunderbar geschrieben! :-)

Dr. L. aus M. /

Sehr erfrischender Artikel. Die Natur ist wie sie ist. Die physikalischen Formeln versuchen lediglich einen Weg zu finden das zu beschreiben, zu berechnen, mehr nicht. Es geht an die Grenzen des mehr

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