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© Mahdi Bafande / unsplash.com

20.05.2022 / Andacht / Lesezeit: ~ 4 min

Autor/-in: Katrin Faludi

Bekanntschaft mit dem wahren Ich

Wie der Mensch seine Identität verlor. Wie er sie wiedergewinnen kann.

 

Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu. (Ödön von Horváth)

 

Dieser Satz wurde so häufig zitiert, dass Udo Lindenberg sogar ein Lied daraus gemacht hat. Er ergänzt: „Du machst hier grad mit einem Bekanntschaft, den ich genauso wenig kenne wie du.“

Was löst ein solcher Satz in dir aus? Schulterzucken? Oder regt sich da diese bekannte, kleine Unruhe, die sich anfühlt wie ein Gedanke, der dir plötzlich entfallen ist? Du weißt, er ist da, aber du bekommst ihn nicht mehr zu fassen. So was kann einen verrückt machen, nicht wahr?

Wer kennt sich schon wirklich selbst? Was ist mit all dem Vorbewussten, Unbewussten, Verdrängten, Vergessenen? Sind wir wirklich die Menschen, die wir zu sein glauben?

Manchmal frage ich mich: Welcher Mensch wäre ich heute, wäre ich in einer ganz anderen Familie aufgewachsen? Oder wenn meine Eltern mich anders erzogen, andere Entscheidungen für mich getroffen hätten. Was haben meine Prägungen aus mir gemacht? Und wer bin ich, ganz unabhängig von meinen Prägungen? Wer ist der Mensch, der aus der Idee Gottes heraus entstanden ist? Wie hat Gott mich ursprünglich erschaffen – und bin ich so geworden, wie er es sich gedacht hat?

Da habe ich Zweifel. Fest steht für mich aber: Meine Identität ist kein statisches Konstrukt. Meine Identität ist das Ergebnis einer Entwicklung.
 

Wir haben unsere ursprüngliche Identität verloren

Als Gott uns Menschen erschaffen hat, legte er etwas von seiner eigenen, göttlichen Identität in uns hinein. Er formte uns aus der Materie, die er erschaffen hatte, und blies seinen „Atem“ in uns hinein – er entzündete das Geheimnis des Lebens in uns, das bisher niemand zu entschlüsseln vermochte.

Gottes ursprünglicher Plan für den Menschen war ein unbegrenztes Leben: „In der Mitte des Gartens wuchsen der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“, umschreibt es der Schöpfungsbericht auf poetische Weise. Gott verbietet dem Menschen in dieser Erzählung lediglich, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Den Baum des Lebens erwähnt er in seinem Verbot nicht.

Die ursprüngliche menschliche Identität war auf Ewigkeit und enge Verbundenheit mit dem Schöpfer ausgelegt. Der Mensch war nackt, was sich auf seinen seelischen Zustand übertragen lässt: Er benötigte keinen Schutz, war im Gleichgewicht mit Gott, sich selbst und der Natur. Perfekt an seinen Lebensraum angepasst.

Dies änderte sich mit dem sogenannten „Sündenfall“. In seinem Bestreben, so wissend sein zu wollen wie Gott, hat der Mensch begonnen, sich aus seiner ursprünglichen Identität herauszulösen. Wie ein Kind, das Erwachsener spielt, ohne die Dimensionen aus seiner Perspektive überhaupt erahnen zu können. Doch es war kein Spiel.

In diesem Augenblick wurden den beiden die Augen geöffnet und sie bemerkten auf einmal, dass sie nackt waren. Deshalb flochten sie Feigenblätter zusammen und machten sich Lendenschurze. Als es am Abend kühl wurde, hörten sie Gott, den Herrn, im Garten umhergehen. Da versteckten sie sich zwischen den Bäumen. (1. Mose 3,7-8)

 

So beschreibt die Bibel den Moment der Entfremdung des Menschen von sich selbst und von Gott. Der Mensch erkannte, dass er „nackt“ war und begann, sich zu bedecken und sich zu verstecken. Plötzlich hatten Menschen das Bedürfnis, sich teilweise voreinander zu verbergen – und sogar vollständig vor Gott. Was vorher „unschuldig“, da unwissend war, war nun mit Scham behaftet: Der andere Mensch darf mich nicht so sehen, wie ich bin. Und Gott soll mich am besten überhaupt nicht mehr sehen.
 

Jesus stellt unsere Identität wieder her

Der Mensch bezahlt für seinen Wunsch, über seine Bestimmung hinauszuwachsen, einen hohen Preis: Er wird sterblich, verliert seinen natürlichen Lebensraum und muss sich unter Mühen an eine neue Umgebung anpassen. Die Nähe zu Gott ist dahin, die Scham darüber, sich übernommen zu haben, kommt hinzu. Doch Gott lässt sie nicht ganz nackt dastehen:

„Und Gott, der Herr, machte Adam und seiner Frau Kleidung aus Tierfellen und zog sie ihnen an.“ (1. Mose 3,21)

Gewissermaßen gibt Gott der angeschlagenen Würde seiner Schöpfung eine Krücke mit auf den Weg. Seitdem hinkt das Seelenwesen Mensch durch sein Leben, statt aufrecht zu laufen. Viel später, im neuen Testament, taucht er in Gestalt gelähmter Menschen wieder auf. Verkrüppelte Wesen, die sich in ihrer Identität als wertloser, gesellschaftlicher Ballast eingerichtet haben. „Steh auf, nimm deine Matte und geh!“, fordert Jesus einen solchen Menschen auf – nachdem er ihm seine Sünden vergeben hat (Markus 2).

Jesus ist gekommen, um den Menschen zu ihrer wahren Identität zu verhelfen. „Willst du gesund werden?“, fragt er einen anderen Gelähmten (Johannes 5,6). Er könnte auch fragen: „Willst du du selbst werden?“ oder „Willst du, dass du dich nicht mehr vor Gott und den Menschen schämen musst?“ Wer darauf mit „Ja“ antwortet, wird von Jesus wiederhergestellt. Er kehrt nicht nur zu seiner wahren Identität als Kind Gottes zurück. Er findet darüber hinaus auch zu seiner eigentlichen Bestimmung zurück – dem ewigen Leben. Wer auf die Frage Jesu mit „Ja“ antwortet, macht zum ersten Mal Bekanntschaft mit seinem wahren Selbst.

 Katrin Faludi

Katrin Faludi

  |  Redakteurin

In Offenbach geboren, mit Berliner Schnauze aufgewachsen. Hat Medienwissenschaft und Amerikanistik studiert, ist danach beim Radio hängengeblieben und beschäftigt sich mit Themen rund um den Glauben. Außerdem schreibt sie Bücher, liebt alles, was mit Sprache(n) und dem Norden zu tun hat und entspannt gerne beim Landkartengucken. Mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern wohnt sie in Bad Vilbel.

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Kommentare (2)

Katrin Faludi /

Diese Worte beziehen sich auf die damalige gesellschaftliche Realität - und die war leider für Menschen mit Einschränkungen hart.

Katrin /

" [...] wertloser gesellschaftlicher Ballast" finde ich sehr harte Worte!

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