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© Andreas Dress / unsplash.com

10.06.2022 / Theologie / Lesezeit: ~ 10 min

Autor/-in: Steffen Brack

Auf der Suche nach dem Ich (1)

Was uns für Gott so wertvoll macht.

 

Menschen suchen. Und für uns heute ist die Suche nach uns selbst besonders wichtig. Die Frage: Wer ich bin eigentlich? Der ERF-Redakteur und Theologe Steffen Brack hat bei seiner eigenen Suche immer wieder erlebt: Gott gibt mir Antworten. Antworten auf die Frage nach meiner eigenen Identität. Und was Gott uns zuspricht – über uns selbst – das ist absolut wertschätzend. Und macht Mut.

Wer bin ich?

„Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?“ So nennt der Philosoph Richard David Precht sein Buch, das 2007 erscheint. Eigentlich ein philosophisches Sachbuch über den Menschen. Aber kurzweilig und in leicht verständlicher Sprache geschrieben. Und es wird gekauft. Mehr als eine Million Mal. Auf der Bestseller Liste des Spiegel belegt es im Jahr 2008 von Februar bis Oktober den ersten Platz.

Das Urteil der Kritiker ist aber durchaus geteilt. Die einen sprechen von einem „Philosophiebuch, wie man es sich schon lange gewünscht“ hat. Andere meinen, das Buch „biete dem Leser aber nicht viel mehr als gute Hausrezepte.“

Was auch immer zum Erfolg dieses Buches geführt hat. Bei einem bin ich mir sicher. Der Titel stellt eine der wichtigsten Fragen, die ich mir als Mensch überhaupt stellen kann. Wer bin ich? Und auch wenn ich Prechts Ansichten sicher nicht immer teile: die Frage, die er mit dem Titel seines Buches stellt – diese Frage ist grundlegend. Wer bin ich eigentlich? Und was bin ich? Was macht mich aus? Bin ich wertvoll? Und wenn ja – was macht mich dazu?

Zwei Blickwinkel

Die Frage danach, wer ich bin, will ich in zwei Bereiche unterteilen. Denn ich kann die Frage aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten, die aber natürlich ganz eng miteinander verwoben sind. Zunächst einmal will ich die Frage so stellen: Was ist der Mensch eigentlich? Was macht den Menschen zu einem Menschen? Und was macht mich als Menschen aus? Und was bedeutet das?

Dabei geht es also um das grundlegende Wesen von jedem Menschen. Um das Wesen von uns allen. Was uns allen gemeinsam ist – als Menschen. Und zum zweiten geht es bei der Frage „Wer bin ich?“ und „Was bin ich?“ – ja auch um jeden einzelnen von uns. Und zwar ganz persönlich. Wer bin ich? Und zwar im Unterschied zu anderen Menschen. Und was macht meine ganz eigene und absolut einzigartige Persönlichkeit aus? Meine ganz unverwechselbare Identität.

Was ist der Mensch?

Was ist der Mensch? Diese Frage wird im Lauf der Menschheitsgeschichte immer wieder gestellt. Und auch höchst unterschiedlich beantwortet. Vor Jahren sagt der österreichische Meeresbiologe Hans Hass in einer Fernsehtalkshow – Hans Hass ist weltweit bekannt geworden durch seine bis dahin einmaligen und spektakulären Unterwasseraufnahmen. Besonders seine atemberaubenden Filme über Haie. Sie machen ihn in den 1950er Jahren auf der ganzen Welt bekannt. Er war damals der Pionier, was die moderne Taucherei betrifft – und das Filmen unter Wasser. Später hat sich Hans Hass dann auch vermehrt der Erforschung der Sterne und des Universums zugewendet. Und dieser Mann sagt vor Jahren in einer Talkshow im Fernsehen – angesprochen auf die Frage, ob er an etwas wie ein göttliches Wesen glaube: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in den unfassbaren Weiten des Universums irgendetwas gibt, das ein Interesse hat an einem Staubkorn namens Hans Hass.“


So ernüchternd – ja vielleicht sogar erschütternd – diese Feststellung von Hans Hass auch ist: sie fasst doch punktgenau zusammen, wie der Mensch in weiten Teilen der Welt auch heute immer noch verstanden wird. Der zunehmende Erfolg der modernen Naturwissenschaften seit dem 17. Jahrhundert – und die Aufklärung im 18. Jahrhundert – das sind revolutionäre Einschnitte. Sie verändern das menschliche Denken tiefgreifend. Und sie verändern auch radikal, wie die Menschheit sich nun selbst versteht.

Was ist der Mensch nach dieser Sichtweise? Nach Hans Hass lässt sich das etwa so zusammenfassen: der Mensch ist jetzt nichts weiter als ein winziges, staubkorngleiches Stückchen Materie. Und das am Rand eines Universums, das unbegreiflich riesig ist. Und außer vielleicht für ein paar andere Staubkorn-Partikel - der Mensch ist für das Große und Ganze des Kosmos vollkommen unerheblich. Und absolut bedeutungslos. Diese Ansicht vertrete ich nicht.

Nur ein Staubkorn am Rand des Universums?

Verblüffend ist für mich dabei aber folgendes: etwa 3.000 Jahre vor Hans Hass beschäftigt sich ein anderer genialer und hochbegabter Mensch mit den Sternen. Und mit dem Universum. Und er kommt zunächst auch zu einer ganz ähnlichen Feststellung wie Hans Hass nach ihm: gemessen an der unendlichen Weite des Weltalls ist der Mensch doch tatsächlich nur wie ein winziges Tröpfen in einem schier endlosen Ozean.

Der Mann, von dem ich spreche, ist David. Im Jahr 1.000 vor Christus Staatsoberhaupt seines Landes Israel. Außerdem Feldherr, Musiker und Liederdichter. Er beschreibt seine Beobachtungen in einem seiner Lieder recht ausführlich. Und dieses Lied ist bis heute erhalten. Nämlich im Liederbuch der Bibel, in den Psalmen. Da formuliert David in Psalm 8:

Gott, unser Herr! Die ganze Welt spiegelt deine Herrlichkeit wider, der Himmel ist Zeichen deiner Hoheit und Macht. Ich bestaune den Himmel, er ist das Werk deiner Hände, den Mond und alle die Sterne, die du geschaffen hast: Wie klein ist da der Mensch, wie gering und unbedeutend! (Psalm 8,2.4-5).

David kommt angesichts der gigantischen Ausmaße des Universums zu einem ganz ähnlichen Schluss wie Hans Haas 3.000 Jahre später: Was ist denn schon der Mensch im Vergleich zu den unfassbaren Weiten des Weltalls? Aber David geht von einer ganz anderen Voraussetzung aus als Hans Hass. David weiß: das alles, was er da sieht, der Mond, die Sonne und die – im wahrsten Sinn des Wortes – zahllosen Sterne im Universum – das alles ist nicht durch Zufall entstanden. Sondern alles, was in den unzähligen Galaxien des Weltraums existiert, das wurde alles erschaffen. Und zwar von dem einen lebendigen Gott, der sich dem Volk Israel immer wieder offenbart hat.

Dieser Gott hatte schon 1.000 Jahre vor David den Urahnen Israels aufgefordert, ihm zu vertrauen: „Abraham, verlass deine Verwandtschaft. Und zieh in ein Land, das ich dir zeigen werde.“ (1. Mose 12,3). Und Abraham geht. Er vertraut dem Gott, der ihn da gerufen hat. Und so ist Abraham bis heute das Vorbild für alle anderen Menschen, die sich auch von dem einen Gott rufen lassen. So wie Abraham vor 4.000 Jahren. Und die ihm vertrauen. Dem einen Gott, dem lebendigen Gott. Er ist der Schöpfer des ganzen Universums. Himmel und Erde – er hat sie gemacht.

Unbedingt gewollt – keine Laune der Natur

Und weil David das weiß, geht es bei ihm jetzt auch anders weiter als bei Hans Hass. David setzt sein Lied fort – ich lese weiter aus Psalm 8: „Und doch denkst du an ihn – an den Menschen - und kümmerst dich um ihn!“ (Psalm 8,5). Auch wenn der Mensch tatsächlich winzig klein ist – verglichen mit den ungeheuren Ausmaßen des Universums– er ist dennoch nicht vergessen. Im Gegenteil.

Gott, der Schöpfer der unfassbaren Weiten, er denkt an den Menschen. Er nimmt ihn wahr. Und zwar jeden einzelnen von uns. Auch Sie und mich.

Hans Hass konnte sich das nicht vorstellen, dass es irgendetwas oder irgendjemanden gibt, der ein Interesse an ihm hat. An ihm, dem Menschen Hans Hass, der nach kosmischem Maßstab nur ein „Staubkorn“ am Rande irgendeiner Milchstraße ist. Was David weiß, das ändert alles. Denn Gott ist der Schöpfer dieses gigantischen Universums. Und er ist genau so der Schöpfer des Menschen (1 Mose 1 und 2). Und zwar jedes einzelnen Menschen (Psalm 139,13-16). Und diese Tatsache ändert alles.

Viel mehr als bloße Materie

Natürlich komme ich mir winzig klein vor, wenn ich mir die schier endlosen Ausmaße des Weltraums bewusst mache. Aber diese unfassbar riesigen Räume sollen mich nicht einschüchtern. Denn derjenige, der die unermesslichen Weiten des Weltalls erschaffen hat, der hat auch mich gemacht. Und in seinen Händen bin ich gut aufgehoben. Und zwar deshalb, weil er es gut mit mir meint. Und mit Ihnen auch.

Und dann lässt mich die unendliche Weite des Universums staunen. Staunen darüber, wie groß Gott ist. Und wie mächtig. Und staunen darüber, dass dieser große und mächtige Gott auch mein Schöpfer ist. Und dass ich deshalb wohl auch gut aufgehoben bin bei ihm. Gott hat mich gemacht. Das betont David auch in seinem Lied. Im 8. Psalm. Er schreibt in Vers 6: „Du, Gott, hast ihn … gemacht – den Menschen.“ Und das ist dann auch schon ein erster und eindeutiger Hinweis darauf, wer ich bin. Und was ich bin. Ich bin nämlich von einem genialen, guten und großartigen Gott erschaffen.

Und dann spiegelt sich ja vielleicht auch manches von diesem einzigartigen Gott in mir wider. Im Geschöpf des kreativen, großen und mächtigen Gottes. Und so ist es auch tatsächlich, wie ich gleich noch näher zeigen werde. Ich bin als Mensch also ein Geschöpf, das gewollt ist. Und das gilt für jeden Menschen.

Sie und ich, wir sind gewollt. Wir sind von unserem Schöpfer herzlich willkommen geheißen in unserem Leben. Und er interessiert sich für uns. Sehr sogar.

Kein Zufallsprodukt

Das ist das erste, was ich festhalten will: der Mensch ist kein Zufallsprodukt. Sie sind kein Produkt des Zufalls. Und ich auch nicht. Wir wurden nicht einfach ins Universum geworfen aus einer puren Laune heraus. Aus einer Laune der Physik, der Chemie oder der Biologie. Und wir sind auch nicht irgendwo gestrandet am Rand des Weltalls. Und wir sind schon gar nicht vergessen.

Wie schreibt David hier im Psalm 8?: Und doch denkst du -Gott - an ihn – an den Menschen – und du kümmerst dich um ihn!“ (Psalm 8,5). David verwendet hier in der Hebräischen Sprache ein Wort, das so viel bedeutet wie „an etwas oder an jemanden denken, sich an jemanden erinnern, an eine Aufgabe oder Verpflichtung denken (und sie erfüllen)“. Und wenn von Gott die Rede ist, dann meint das Wort auch, dass „Gott sich jemandem zuwendet“, und zwar, dass er „sich jemandem gütig zuwendet“, dass Gott „sich jemandem gnädig zuwendet“.

Wir sind also nicht von Gott vergessen. Und David betont, dass Gott sich nicht nur ab und zu mal daran erinnert: ach da war doch noch was. Nein. Gott wendet sich dem Menschen auch immer wieder zu. Und Gott kümmert sich um ihn. Warum wir davon manchmal vielleicht nichts merken? Darauf komme ich später noch einmal zurück.

Damit daran auch überhaupt keine Zweifel aufkommen, dass Gott uns wirklich nicht vergisst und an uns denkt, deshalb hebt David diese Tatsache noch einmal hervor. Und er ergänzt: Gott, du denkst an ihn – an den Menschen – und du kümmerst dich um ihn!“ (Psalm 8,5). Das hebräische Wort, das hier übersetzt ist mit „sich um jemanden kümmern“, das bedeutet auch „jemanden suchen, aufsuchen, besuchen, jemanden vermissen, nach jemandem sehen, sich um jemanden kümmern, für jemanden da sein und für jemanden sorgen.“

Wie fürsorgliche Eltern sich um ihre kleinen Kinder kümmern, sie beschützen und versorgen, so will Gott das auch für den Menschen tun. Auch für Sie und für mich. Der erste Baustein meiner Identität ist also: Ich bin gewollt. Ich bin herzlich willkommen. Und zwar von einem guten und fürsorglichen Gott. Von meinem kreativen und machtvollen Schöpfer. Der hat mich gemacht. Und ich bin kein Zufallsprodukt. Und ich bin nicht alleine in einem unpersönlichen Universum.

Handmade – by the Master of Heaven

Wer bin ich? Und was macht mich aus als Person? Die ganz wesentlichen und grundlegenden Antworten auf diese Fragen ergeben sich offensichtlich aus der Tatsache, dass Gott uns geschaffen hat. Und zwar jeden einzelnen von uns. Denn Gott selbst gibt uns damit eine unfassbar große Würde. Und er adelt uns sozusagen mit dem Prädikat: echte Handarbeit – gemacht von Gott selbst. Von ihm höchstpersönlich. Oder wer es lieber auf Englisch hört: handmade – by the master of heaven.

Was das für Ihre Identität bedeutet – und für meine? Das wird gleich im allerersten Bericht in der Bibel angesprochen. In dem Bericht darüber, wie Gott Himmel und Erde erschaffen hat. Und auch die ersten beiden Menschen. Der Schöpfungsbericht wird er deshalb auch genannt.

Viele Menschen sind natürlich der Meinung, diese ersten Seiten der Bibel seien bloße Erfindung. Andere sehen darin eine Art symbolische Darstellung, die zwar deutlich macht, dass Gott hinter allem steht, was existiert. Aber in Wirklichkeit habe sich die Entstehung des Universums und des Menschen natürlich ganz anders abgespielt. Aber auf keinen Fall – so meinen viele – würde der Schöpfungsbericht der Bibel geschichtliche bzw. historische Ereignisse beschreiben.

Ich bin anderer Meinung. Ein Grund ist folgender: der literarische Stil der Hebräischen Sprache, in der der Schöpfungsbericht formuliert ist, enthält überhaupt keine Merkmale der Hebräischen Poesie. So wie sie zum Beispiel in manchen Psalmen verwendet wird. Literarisch – also vom Schreibstil her – gleicht der Schöpfungsbericht auf den ersten Seiten der Bibel viel mehr den Berichten der Geschichtsbücher der Bibel. Und die wollen sehr wohl historisches Geschehen und geschichtliche Ereignisse berichten, dokumentieren und überliefern.

Aber es gibt noch einen zweiten Grund, warum ich davon ausgehe, dass der Bericht in der Bibel über die Erschaffung von Himmel und Erde sehr wohl auch geschichtlich – also auch historisch – gemeint ist. Und deshalb auch so verstanden werden will. Und dieser zweite Grund ist noch sehr viel gewichtiger als der Erste.

Dieser Artikel wird in Teil 2 fortgesetzt.

 Steffen Brack

Steffen Brack

  |  Coach Evangelisation & Follow-Up

Theologe und Redakteur, verheiratet, drei Kinder. Begeistert von Gottes unerschütterlicher Liebe.

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