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© Benjamin Voros / unsplash.com

30.01.2023 / Andacht / Lesezeit: ~ 7 min

Autor/-in: Hanna Willhelm

Sternenforschung für den Alltag

Was uns die Sterne für unser Leben auf der Erde verraten. Eine Andacht.

Ich sage vermutlich nichts Verkehrtes, wenn ich behaupte, dass Menschen aller Kulturen und Zeiten angesichts des riesigen Sternenhimmels über ihnen ins Staunen geraten sind und eine gewisse Ehrfurcht empfunden haben.

Das trifft auf den antiken Philosophen genauso zu, wie auf den mittelalterlichen Bauer. Und das, obwohl der erste sich in Berechnungen über den Lauf der Sterne versucht hat, während der zweite im Universum eine Art sphärische, für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbare Musik vermutete. Wir wissen heute über den Weltraum mehr als die beiden zusammen, aber das Staunen und die Ehrfurcht sind uns geblieben.

Der britische Autor und Christ C.S. Lewis hat das 1956 bei einer Vorlesung vor einer Gruppe Wissenschaftler in Cambridge so ausgedrückt:

Ich möchte an eine Erfahrung erinnern, von der ich annehme, dass jeder von uns sie schon einmal gemacht hat: die Erfahrung, von einem prunkvollen und wichtigen Geschehen in einem Gebäude (eine Oper, eine Debatte oder ein Fest) nach draußen zu kommen und plötzlich nach oben in den kalten Sternenhimmel über den Dächern zu schauen. Was so wichtig erschien, solange wir drinnen waren, ist plötzlich alles zusammengeschrumpft. Der Himmel ist wie ein ironischer Kommentar zu dieser und allen übrigen menschlichen Angelegenheiten.1

Gott kümmert sich um uns kleine Menschen auf der Erde

Auch David, ein Dichter und König aus dem Alten Testament, hat diese Erfahrung gemacht. Bevor er in einem bequemen Palast lebte, waren Höhlen, karge Felder und der freie Himmel sein Zuhause. Zuerst als Schafhirte und später dann als Flüchtiger vor einem König, der ihn als Rivalen fürchtete.

David hatte also reichlich Zeit, den nächtlichen Himmel zu beobachten. Er wird ihn dabei klarer und schärfer wahrgenommen haben, als es vielen von uns heute wegen künstlichem Licht und Smog möglich ist. Was er dabei gesehen und empfunden hat, drückt er in einem Gedicht so aus:

„Ich blicke zum Himmel und sehe, was deine Hände, Gott, geschaffen haben: den Mond und die Sterne – allen hast du ihren Platz zugewiesen. Was ist da schon der Mensch, dass du an ihn denkst? Wie klein und unbedeutend ist er, und doch kümmerst du dich um ihn“ (Psalm 8,4-5).

Das finde ich erstaunlich: David fühlt sich von der Größe des Universums nicht erdrückt oder eingeschüchtert. Er vermutet hinter all den Sternen auch nicht irgendwelche mehr oder weniger unberechenbaren Gottheiten, wie es bei vielen seiner Zeitgenossen der Fall war. Ganz nüchtern sieht er die Himmelskörper stattdessen als Werk seines Gottes.

Und das Beste ist: Für David ist dieser Gott nicht weit weg und unnahbar. David vertraut darauf, dass der Schöpfer des riesigen Universums sich um uns kleine Hanseln hier auf der Erde kümmert – wenn ich das einmal so salopp sagen darf. Obwohl ich gut 3.000 Jahre nach David lebe, teile ich als Christin sein Vertrauen in diesen Schöpfergott. Es ist allerdings ein Vertrauen, das mir nicht immer zufliegt, sondern zu dem ich mich immer wieder mühsam durchringen muss. Vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich.

Gott überträgt uns sehr viel Verantwortung 

Dann fällt mir in Davids Text aber noch etwas anderes auf. Er schreibt nämlich weiter: „Du, Gott, hast den Menschen nur wenig geringer gemacht als die Engel, ja, mit Ruhm und Ehre hast du ihn gekrönt. Du hast ihm den Auftrag gegeben, über deine Geschöpfe zu herrschen. Alles hast du ihm zu Füßen gelegt: die Schafe und Rinder, die wilden Tiere, die Vögel am Himmel, die Fische im Wasser und alles, was die Meere durchzieht.“

Wow! Die Größe des Universums öffnet David die Augen dafür, wie viel Gott dem Menschen anvertraut hat, nämlich – Achtung, festhalten! – die ganze Schöpfung!

Für den Hirten David war das nicht nur einfach eine Aufzählung aller Lebewesen, um sein Gedicht ein bisschen schöner zu machen. Es gehörte zu seinem Alltagsgeschäft, sich um Schafe und Rinder zu kümmern. Er wusste, was es bedeutet, sich gegen wilde Tiere zur Wehr zu setzen. Nur mit den Fischen im Wasser und dem Meer hatte er vermutlich weniger Berührungspunkte.

Trotzdem: David sieht hier sowohl die Größe des Menschen als auch seine Verantwortung für diese Welt. Für einen Menschen aus einer antiken Kultur, die viel stärker als wir auf die Natur angewiesen war, finde ich das eine bemerkenswerte Aussage!

Wir sind heute als Gesellschaft und als Christen wieder neu dabei, diesen Zusammenhang zu entdecken und ihn ernst zu nehmen. Allerdings sollten wir uns damit nicht für klüger halten als vergangene Generationen. Das zeigt nicht nur Davids Beispiel.

Auch der Mönch Franz von Assisi hatte schon im 13. Jahrhundert ein Gespür dafür, wie eng wir Menschen mit der Schöpfung verwoben sind2. Oder ich denke an den alten Landwirt, der trotz seinem Ringen mit der Natur um Erträge auch um die Abhängigkeit von ihr weiß. Der bei allem pragmatischen Umgang mit seinen Nutztieren unendlich zärtlich zu neu geborenen Kätzchen sein konnte.

Es gibt noch einen weiteren Punkt, den ich in diesem Zusammenhang wichtig finde. Wir sind als Menschen nicht nur dazu aufgerufen, Verantwortung für Gottes Schöpfung zu übernehmen, sondern auch für uns selbst. Das bedeutet zum Beispiel, dass ich die Schuld für Probleme nicht immer nur bei anderen suchen kann – beim Ehepartner, den Arbeitskollegen oder – sehr beliebt – bei den angeblich unfähigen Politikern.

Gott spricht mir als Persönlichkeit Größe zu. Aber er erwartet auch, dass ich die persönliche Verantwortung, die damit verbunden ist, ernst nehme. Ausreden haben bei Gott schlechte Karten. Wer das genauer nachlesen will, findet im Neuen Testament einige schöne Beispielgeschichten dazu (Matthäus 25).

Gott zeigt im Universum seine Größe

Eine dritte Sache fällt mir in Davids Text auf: Er beschreibt den Menschen als ein Wesen, das mit Ruhm und Ehre gekrönt ist. Das klingt ziemlich hochtrabend. Anschaulicher wird das für mich, wenn ich mir überlege, welche technischen und kulturellen Leistungen wir Menschen im Laufe der Geschichte erreicht haben.

Da gibt es so Vieles, über das man staunen kann. Angefangen von den Baukünsten der Inkas über die Rechenerkenntnisse der alten Griechen bis hin zu modernsten Kameras, die es uns einerseits ermöglichen, unglaubliche Bilder aus dem Weltraum zu schießen oder exakte und minimalste Schnitte bei Operationen durchzuführen.

David zieht aus dieser Beobachtung im Vergleich zum heute gängigen Menschenbild allerdings eine andere Schlussfolgerung, als die meisten von uns es tun würden. Wir nehmen an, dass uns die Größe des Menschen unabhängig von dem Glauben an irgendeine Art von höherem Wesen macht.

Das moderne Credo lautet: Wir brauchen Gott nicht mehr. Weder für naturwissenschaftliche Erklärungen noch für das persönliche Leben. Vielen Dank, aber wir kommen selbst klar!

David zieht einen anderen Schluss. Der letzte Satz in seinem Gedicht lautet: „Herr, unser Herrscher! Die ganze Welt spiegelt deine Herrlichkeit wider.“ Für David ist die Größe des Menschen ein Hinweis auf die Größe Gottes, und nicht dafür, wie wenig der Mensch Gott braucht.

Ich glaube, es täte uns in unserer menschlichen Selbstüberschätzung gut, diese Sichtweise erneut ernst zu nehmen. Denn machen wir uns nichts vor: Für viele der aktuellen Krisen und Probleme sind wir als Menschheit selbst verantwortlich.

Es täte uns gut, ein bisschen demütiger zu sein und uns zu fragen, ob Gott zu unserem Leben hier auf diesem kleinen, aber wunderschönen Planeten nicht doch Wesentliches zu sagen hat.

Gott will, dass wir sein Wesen durch die Erforschung der Schöpfung erahnen

Mit einer solchen Einstellung würden wir ebenfalls einen Weg beschreiten, den schon viele vor uns gegangen sind. Der begnadete Mathematiker und Forscher Johannes Kepler schreibt in seinem Buch „Abriss der copernicanischen Astronomie“ zu Beginn des 17. Jahrhunderts:

Ich halte es für ein Recht, ja für eine Pflicht, in behutsamer Weise nach den Zahlen, Maßen und Gewichten zu forschen, nach deren Norm Gott alles geschaffen hat. Denn er selber hat den Menschen an der Kenntnis dieser Dinge teilnehmen lassen und damit nicht zum kleinsten Teil sein Ebenbild in den Menschen gesetzt. [Die Erforschung der Geheimnisse von Zahlen Gewichten und Maßen] sind uns vielmehr als ein Spiegel vor Augen gestellt, dass wir durch ihre Untersuchung die Güte und Weisheit des Schöpfers einigermaßen erschauen.3

Für den Astronomen Keppler war seine Beobachtung der Sterne, ähnlich wie bei David, ein Mittel, um Gottes Wesen auf die Spur zu kommen. Mir fehlt die mathematische Begabung, um selbst als Naturwisschenschaftlerin tätig zu werden. Aber ich kann mich von Forschern wie Kepler, oder in jüngerer Zeit Heino Falcke, mit hineinnehmen lassen in ein Staunen über die Fußspuren, die Gott im Universum hinterlassen hat.  

Zum Schluss deswegen ein weiteres Zitat von Kepler: „Ich glaube, dass die Ursachen für die meisten Dinge in der Welt aus der Liebe Gottes zu den Menschen hergeleitet werden können.“4 Der Astronom verbindet hier seine Forschung an den Sternen und Planeten direkt mit seinem Glauben an Gottes Liebe zu uns. Das ist auch für einen Laien nachvollziehbar.

Wenn Sie also das nächste Mal in den Sternenhimmel blicken, dann lassen sie sich von ihm doch einmal zu dem Gedanken einladen, dass seine Unendlichkeit und Schönheit nicht nur, aber auch, ein gigantischer Liebesgruß Gottes an uns Menschen ist.
 

C.S. Lewis, Durchblicke. Texte zu Fragen über Glauben, Kultur und Literatur, Fontis-Verlag, Basel, 2019, S.194 
2 Siehe "Franziskus und die Tiere" und "Der Sonnengesang des Franziskus"  
3 Hervorhebung durch die Autorin
4 Johannes Kepler für Physik und Schule 

 

 Hanna Willhelm

Hanna Willhelm

  |  Redakteurin

Hanna Willhelm ist Theologin und Redakteurin im Bereich Radio und Online. Sie ist fasziniert von der Tiefe biblischer Texte und ihrer Relevanz für den Alltag. Zusammen mit ihrer Familie lebt die gebürtige Badenerin heute in Wetzlar und hat dabei entdeckt, dass auch Mittelhessen ein schönes Fleckchen Erde ist.

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Kommentare (1)

Rainer K. /

Wir blicken zu den funkelnden Sternen
in des Weltalls unendlichen Fernen.
Dabei fragen wir uns so manche Nacht,
wie wohl entstanden ist all diese Pracht.
DIE WELT DER STERNE
Die Sonne, unser mehr

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