Heute startet die Buchmesse in Frankfurt. Es ist die 77. Buchmesse in der Mainmetropole und längst nicht mehr die einzige wichtige Buchmesse Deutschlands. Neben der zweiten großen Messe in Leipzig mausert sich die BUCH BERLIN langsam, aber sicher zur dritten deutschlandweiten Messe. Auch regional gibt es immer mehr kleinere Buchmessen. Erst letztens war ich im Kurzurlaub und hätte vor Ort ganz spontan eine dieser kleinen Messen besuchen können, wenn ich nicht bereits andere Pläne gehabt hätte.
„Die Leute lesen nicht mehr“, wurde der Buchhandel oftmals totgeschrien – und doch, sie tun es immer noch. Gerade in jüngeren Generationen nimmt die Lesefreude sogar neu zu. Über Plattformen wie Reddit und LovelyBooks oder Hashtags wie BookTok und Bookstagram erfahren Lesebegeisterte der Generation Z, was aktuell angesagt ist.
Das Papierbuch – ein Auslaufmodell?
Gleichzeitig ist die finanzielle Lage vieler Autorinnen und Autoren extrem angespannt. Eine Umfrage des „Verbandes deutscher Schriftsteller*innen in verdi“ im letzten Jahr hat ergeben, dass weniger als 6 Prozent aller Autorinnen und Autoren von ihren Büchern leben können. Auch Verlage klagen über hohe Produktionskosten aufgrund der gestiegenen Papierpreise. Werden zumindest gedruckte Bücher irgendwann der Vergangenheit angehören? Auch das glaube ich nicht.
Denn mit dem neuen Hype um Buchausgaben mit Farbdruck zeigt sich: Beim Lesen zählt am Ende auch die Haptik.
Das merke ich schon bei mir selbst. Während ich Unterhaltungsliteratur wie Krimis und historische Romane am liebsten als Hörbuch zum Einschlafen höre und im beruflichen Kontext das Lesen an Computer oder Tablet am effektivsten ist, entschleunigt das haptische Lesen mich.
Der besondere holzige Papiergeruch – ob frisch oder schon leicht modrig – und das Blättern durch die Seiten versetzt mich direkt in die Stimmung, mir einen Tee aufzubrühen, mich mit Kuscheldecke aufs Sofa zu verziehen und ganz in eine Geschichte einzutauchen. Das schafft mein Tablet nicht.
Geschichten erzählen vom Menschsein
Was aber macht Bücher so unwiderstehlich? Meines Erachtens ist es der Fakt, dass Geschichten zur DNA unseres Menschseins gehören. Schauen wir Jahrtausende zurück, finden wir bereits Wandmalereien in Höhlen und Pyramiden, die Geschehnisse darstellten. Schon lange, bevor der Mensch die Schrift entwickelte, saßen Menschen beim Lagerfeuer beisammen und unterhielten sich mit abenteuerlichen Erzählungen.
Diese Geschichten hatten eins gemeinsam: Sie erzählten davon, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.
Das bezeichnet meine Schreiblehrerin Hanna Aden als Kern einer guten Story. Und genau das ist bis heute die Basis von Büchern, Filmen und Serien. Sie lehren uns, wie das Leben als Mensch ist – mit allen Höhen und Tiefen. Und da jede und jeder von uns eine individuelle Sicht auf das Leben hat, gleicht trotz wiederkehrender Handlungsmotive und teilweise ähnlicher Plots kein Buch dem anderen.
Die Bibel ist voller Geschichten
Auch im christlichen Glauben haben Geschichten übrigens eine wichtige Bedeutung, obwohl nicht alle dies auf Anhieb unterschreiben würden. Ich habe hier und da Christen getroffen, die fiktionale Literatur ablehnen, weil sie lieber über das reale Leben lesen wollen als über erfundene Personen, Drachen, Elfen oder Feen. Manche sind auch unsicher, wie sie fantastische Literatur aus biblischer Sicht einordnen können. Diesen Streitpunkt will ich an dieser Stelle nicht näher erörtern.
Ich will auf Folgendes hinaus: Natürlich ist die eigene Lesevorliebe einem selbst überlassen, aber wir sollten nicht aus dem Blick verlieren, dass die Bibel selbst ein Buch ist, und zwar noch dazu eines voller Geschichten. Zwischen konservativen und liberalen Theologen wird teils verbissen darüber gestritten, welche dieser Geschichten reale Tatsachen wiedergeben und welche als Gleichnisse zu verstehen sind. Doch auch darum geht es hier nicht.
Wichtig ist mir etwas ganz anderes: Die Teile der Bibel, die für Glaubensneulinge oft am eindrücklichsten und am leichtesten zu verstehen sind, sind Geschichten.
Nicht ohne Grund erzählen wir Kindern im Kindergottesdienst oder in der Jungscharstunde Bibelgeschichten von Jona und dem Wal oder Daniel in der Löwengrube. Dagegen sprechen wir selten mit ihnen über die eher kryptischen Aussagen von Jesu berühmtester Predigt, der Bergpredigt.
Auch für Menschen auf der Suche ist eine Geschichte über Gott oder auch über Menschen, die Gott vertrauten, zugänglicher als eine theologische Grundaussage. Wenn ich sie lese oder höre, fühle ich mit und frage mich automatisch, wie ich gehandelt hätte.
Nicht umsonst wird im Marketing heutzutage das Thema Storytelling hochgehalten – eine Methode, um Informationen durch Geschichten zu vermitteln. Jemandem eine Geschichte darüber zu erzählen, wie er sich mit einem bestimmten Produkt fühlen wird, bleibt länger im Gedächtnis als eine sachliche Liste an Vor- und Nachteilen. Das können wir nutzen, wenn wir Menschen vom Glauben erzählen wollen.
Jesus, der perfekte Geschichtenerzähler
Ein tolles Vorbild für einen guten Geschichtenerzähler ist Jesus. Immer wieder hat er seine Botschaften in Gleichnisse verpackt. Darin machte er anhand von Situationen aus der Lebenswelt seiner Zuhörer deutlich, wie Gott ist und welches Verhalten er sich von uns Menschen wünscht.
Ein kluger Schachzug, denn indem Jesus Kritik an typisch menschlichem Verhalten in diese Alltagsgeschichten verpackte, umging er die ein oder andere heftige Diskussion. Anstatt seine Zuhörer zu ermahnen „Gott vergibt gerne, ihr Menschen seid aber oft hartherzig“, führt er ihnen mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn einen vergebungsbereiten Vater und einen hartherzigen älteren Bruder vor Augen.
Vor allem aber blieben seine Geschichten hängen. Bei den Zuhörern damals, aber auch bei Bibellesern heute. Wer etwa kennt nicht das Gleichnis vom verlorenen Sohn? Oder das vom barmherzigen Samariter? Auch wenn ich diese Geschichten lange nicht mehr gelesen habe, kann ich sie aus dem Stehgreif erzählen. Bei manchem anderem Bibelvers tue ich mich damit schwer.
Und obwohl die Gleichnisse sich alle auf die Lebenswirklichkeit der Menschen zu Jesu Zeiten bezogen, verstehen selbst heutige Zuhörer, worum es in ihnen geht.
Oder aber es ist leicht, die Geschichten durch kleine Änderungen in den heutigen Kontext zu übertragen.
Erzählt mehr Geschichten!
Genau das ist die Stärke von Geschichten. Sie bleiben im Gedächtnis und sie sind zeitlos. Denn sie sprechen uns Menschen nicht nur auf einer intellektuellen, sondern auch auf einer emotionalen Ebene an. Darum lasst uns Geschichten mehr würdigen!
Lasst uns einander gute Geschichten erzählen, die eine wertvolle Aussage über das Menschsein machen – und im besten Fall auch eine Aussage über Gott enthalten.
Das können gute Romane leisten, aber nicht nur sie. Vielleicht magst du das nächste Mal dem Arbeitskollegen, der dich nach deinem Glauben fragt, in einer Geschichte Antwort geben. Eventuell darüber, wo du Gott das letzte Mal in deinem Alltag erlebt hast. Wenn du dieser Arbeitskollege bist, dann frag gerne nach genau diesen Geschichten.
Oder wenn du biblische Inhalte für christliche Kleingruppen oder Gottesdienste vorbereitest, dann versuch doch mal deine Botschaft erzählerisch aufzubauen. Du wirst erstaunt sein, wie viel mehr davon hängenbleibt.
Durchs Lesen verstehe ich die Fragen meiner Mitmenschen
Dazu gilt: Lasst uns auch selbst wieder mehr lesen – und zwar nicht nur christliche Bücher. Denn viele Bücher unserer Mitmenschen enthalten ihre Fragen, Zweifel und Nöte und sind damit ein Barometer für den Zustand unserer Welt.
Ich bin immer wieder überrascht, wie oft in Büchern, Filmen und Serien auch die eine oder andere Glaubensfrage zur Sprache kommt.
Selbst wenn ich in diesen Fragen anders denke als der Autor, erfahre ich durch das Lesen etwas davon, wie andere Menschen zu Gott stehen, und kann dies als Anknüpfungspunkt für Gespräche nutzen. Denn nur wenn wir wissen, was die Menschen um uns her bewegt, können wir mit ihnen zusammen nach Antworten suchen. Zum Beispiel in der Bibel.
Welches Buch hat dich zuletzt begeistert? Und welche Geschichte sollte deiner Ansicht nach jeder kennen? Verrat es uns in den Kommentaren.
Ihr Kommentar
Kommentare (1)
Ich mag das Buch "Xund: Heil und Heilung aus christlicher Sicht" sehr gern.