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© Dmitry Ratushny / unsplash.com

02.07.2021 / Service-Artikel / Lesezeit: ~ 5 min

Autor: Katrin Faludi

Die Dramaturgie des Lebens

Wie ein Neustart Ihnen zeigt, was Sie wirklich brauchen.


Was macht Roman- und Filmfiguren aus, die im Gedächtnis bleiben? Deren Schicksal mich als Leserin oder Leser bewegt, bei denen ich mitfiebere und mitleide? Was haben der kleine Hobbit Bilbo Beutlin, die Hauslehrerin Jane Eyre, der Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler aus dem Drama „Das Leben der Anderen“ und die FBI-Agentin Gracie Hart aus der Komödie „Miss Undercover“ gemeinsam? Und mehr noch: Was verbindet Figuren wie diese mit biblischen Charakteren wie Josef, Mose oder Paulus?

Es ist die Veränderung, die diese Charaktere im Laufe ihrer Geschichte durchmachen. Am Anfang der Handlung werden sie aus ihrer gewohnten Welt herausgerissen und stehen vor einem Problem, das ihnen zunächst unlösbar erscheint. Bilbo Beutlin liebt ein vorhersehbares, gemütliches Leben und soll dann plötzlich einem gefährlichen Drachen einen Schatz stehlen.

Das ehemalige Waisenkind Jane Eyre nimmt eine Stellung in einem herrschaftlichen Haus an und verliebt sich in den reichen Hausherrn, der ein dunkles Geheimnis hütet. Der gefühlskalte Stasi-Hauptmann Wiesler überwacht einen feinsinnigen Künstler, bekommt Skrupel und beginnt die Ermittlungen zu sabotieren.

Agentin Gracie Hart verachtet alles Weibliche und findet sich unversehens in geheimer Mission, um ein Attentat zu verhindern, als Teilnehmerin eines Schönheitswettbewerbs wieder.

Jeder dieser Figuren haftet anfangs ein Makel an. Ich folge ihrer Entwicklung, weil ich erkenne, dass viel auf dem Spiel steht, und wissen will, wie sie sich aus der Nummer herausmanövrieren. Werden sie es schaffen und am Ende als veränderte Menschen triumphieren? Oder werden sie auf dramatische Weise scheitern?

In jeder dieser Geschichten steckt eine Entwicklung, deren emotionale Kraft überall auf der Welt verstanden wird: Von Feigheit zu Mut (Bilbo Beutlin), von Einsamkeit zur Zugehörigkeit (Jane Eyre), vom „Bösen“ zum „Guten“ (Gerd Wiesler) und von Selbstverleugnung hin zur Selbstannahme (Gracie Hart). Ohne eine solche Veränderung gibt es keine Geschichte.
 

Heldenreisen aus der Bibel

Es ist kein Zufall, dass die Personen aus der Bibel, deren Geschichten am häufigsten erzählt werden, eine eben solche dramatische Entwicklung durchmachen. Josef, zum Beispiel. Der verhätschelte Lieblingssohn wird von seinen neidischen Brüdern beinahe erschlagen und dann in die Sklaverei verkauft. Das bisherige Leben ist vorbei, er steht vor einem völligen Neustart und es ist klar: Der Junge hat ein Riesenproblem. Wie wird er damit klarkommen?

Oder Mose: Weder sprachgewandt noch mit sonstigen hervorstechenden Führungsqualitäten ausgestattet, soll ausgerechnet er das Volk Israel aus der Gefangenschaft führen? Das kann ja nur schiefgehen… oder?

Eine der beeindruckendsten charakterlichen Veränderungen der Bibel ist die Wandlung des Saulus zum Paulus. Saulus gehört zur geistlichen Elite seines Volkes. Er ist jung, dynamisch, eitel, wütend und – er hat eine Mission! Er will Abtrünnige bestrafen. Menschen, die seinen Glauben verraten haben. Saulus sieht als eine Art heiliger Krieger.

Doch als er sich auf den Weg macht, um die verhassten Christen zu verhaften, reißt ihn eine gleißende Vision von Jesus von den Füßen, er erblindet und sucht, gedemütigt und unter Schock, Hilfe bei denen, die er eben noch verfolgt hat. Er ist losgezogen, um Christen zu töten, doch nach dem radikalen Neustart wird auch er zum Anhänger Jesu und damit selbst zum Verfolgten. Was für ein Plot-Twist!
 

Innere Antreiber und falsche Glaubenssätze

In jeder guten Geschichte wird die Heldin oder der Held aus der gewohnten Welt herausgerissen und muss einen Neustart bewältigen. Meist geschieht das wider Willen, denn Veränderung ist selten etwas, das aus uns selbst heraus geschieht. In der Regel ist sich die Person anfangs gar nicht bewusst, dass sie eine Veränderung braucht, geschweige denn, in welcher Form.

In der Dramaturgie spricht man vom „inneren Antrieb“ der Figur: Sie folgt einem bestimmten Ziel, von dem sie glaubt, dass es das Richtige sei. Gerd Wiesler lebt für den Sozialismus und macht sich dadurch zu einem Werkzeug der Diktatur. Bilbo Beutlin fürchtet Veränderung und tut daher alles, um gut gesättigt in völligem Stillstand zu verharren. Ja, und Saulus fühlt sich seinem Glauben derart verpflichtet, dass er dafür sogar töten würde. Sie alle leben nach diesem Antrieb, doch dieser ist nicht der richtige Weg, um ihre innere Spannung auf befriedigende Weise zu lösen. Der innere Antrieb führt nicht zur Erlösung.

Mit Schuld an dieser Zielverfehlung (man könnte hier sogar den Begriff „Sünde“ einsetzen) ist der sogenannte „falsche Glaube“, an dem die Figur festhält. Agentin Gracie Hart etwa glaubt, dass Weiblichkeit mit Schwäche gleichzusetzen sei. Jane Eyre ist davon überzeugt, dass sie niemals irgendwo dazugehören werde. Saulus meint, den wahren Glauben verteidigen zu müssen. Im Laufe der Handlung muss jede Figur durch ein dramatisches Ereignis erkennen: Sie hat etwas Falsches geglaubt. Der Weg zur Erlösung ist ein anderer.
 

Dem echten Bedürfnis auf der Spur

An diesem Wendepunkt der Geschichte kommt zum Vorschein, was in der Dramaturgie als „grundlegendes Bedürfnis“ bezeichnet wird. Die Figur erkennt, was sie wirklich braucht. Gerd Wiesler vermag nicht mehr gegen sein Gewissen zu handeln, Jane Eyre sehnt sich nach Bindung und Saulus begreift, dass er selbst Erlösung braucht. Im doppelten Sinne! Denn aus christlicher Sicht ist alles menschliche Leben dazu bestimmt, am Ende in der Ewigkeit bei Gott erlöst zu werden.

Der Weg, dieses Ziel zu erreichen, heißt Jesus. Er sorgt dafür, dass das menschliche Grundbedürfnis nach der endgültigen Erlösung am Ende der Lebensspanne gestillt werden kann. Den inneren Antrieben und falschen Glaubenssätzen zu folgen, ohne das grundlegende Bedürfnis dahinter zu erkennen, ist Zielverfehlung, ist Sünde.

Diese Spannung, von der Literatur und Film leben, spiegelt sich im realen Leben wider. Auch ich als unerlöster Mensch muss meine inneren Antriebe und falschen Glaubenssätze überwinden, ehe ich das darunter liegende Bedürfnis erkenne und meinen Lebenskurs korrigieren kann. Schauen Sie deshalb noch einmal auf die Schwierigkeiten unserer Helden zurück und überlegen Sie, was davon Sie – vielleicht schmerzlich – berührt.

Sind Sie ein Bilbo Beutlin, der nichts verändern will, am wenigsten sich selbst? Eine Jane Eyre, die sich nirgendwo zugehörig fühlt, aber liebende Annahme braucht? Ein Gerd Wiesler, der sich in blindem Gehorsam unterordnet, bis er beinahe vergisst, dass er zu Mitgefühl fähig ist? Oder eine Gracie Hart, die einen Teil ihrer selbst wütend ablehnt, obwohl sie das einsam macht?

Vielleicht sind Sie auch ein Saulus, der eifrig den rechten Glauben verteidigt und damit genau am Ziel vorbeischießt? Oder von allem ein bisschen? Denn letztlich spielen alle großen Lebensthemen, die einem unerlösten Lebenszustand entspringen, auch in einer Beziehung zu Gott eine wichtige Rolle.

Entdecken Sie die Dramaturgie Ihres eigenen Lebens! Vielleicht haben auch Sie schon Wendepunkte gemeistert, falsche Glaubenssätze entlarvt und nach einem Neustart Ihr persönliches Bedürfnis erkannt. Vielleicht sind Sie auch gerade auf dem Weg dorthin. Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Freude dabei und manches Aha-Erlebnis!

 

 Katrin Faludi

Katrin Faludi

  |  Redakteurin

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