Mitte März war der deutsche Kinostart der amerikanischen Filmbiografie Bonhoeffer. Vom deutschen Schauspieler Jonas Dassler dargestellt, behandelt der Film die Geschichte des deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der als wichtiger Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime im Umfeld der Bekennenden Kirche gilt.
Auch weitere – im deutschen Filmgeschäft – bekannte Gesichter wie Moritz Bleibtreu in der Rolle als Bonhoeffers Vater oder August Diehl als Martin Niemöller von der Bekennenden Kirche spielen mit.
Am 5. April 1943 wurde der deutsche Theologie Dietrich Bonhoeffer von der Gestapo verhaftet. Nach Haft in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern wurde er am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg auf ausdrücklichen Befehl Adolf Hitlers hingerichtet.
Besonders bekannt ist Bonhoeffer für das Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, das er 1944 Bonhoeffers theologisches Werk und sein persönliches Zeugnis haben bis heute großen Einfluss auf die christliche Theologie.
Der Film begleitet Bonhoeffer von seiner Kindheit bis zu seinem Tod 1945, wobei der Hauptfokus auf der Zeit im dritten Reich liegt. Innerhalb dieser Zeit zeigt der Film auch Bonhoeffers Reisen in die Vereinigten Staaten und widmet sich seinen Erkenntnissen durch die dortige Bürgerrechtsbewegung.
Bonhoeffers Widerstand gegen die Nazis, sein tiefer christlicher Glaube und – im weiteren Verlauf – ein von anderen Verbündeten geplantes Attentat auf Hitler stellen ihn vor ein großes moralisches Dilemma und rücken ihn ins Visier der Gestapo.
Die kontroverse Inszenierung eines Theologen
Der Film Bonhoeffer hat nicht nur durch seine Auseinandersetzung mit dem Leben des deutschen Theologen für Aufsehen gesorgt, sondern auch durch die Art und Weise, wie er in die Öffentlichkeit getragen wurde.
Im November letzten Jahres sorgten schon erste Trailer und das Filmplakat zum Kinostart in den USA für hitzige Diskussionen: Das US-amerikanische Filmstudio Angel Studios – bekannt für seine Fokussierung auf christliche und teils rechtskonservative Inhalte – präsentierte Bonhoeffer nicht als stillen Denker und Theologen, sondern als entschlossenen, beinahe kriegerischen Widerstandskämpfer.
Mit einer Waffe in der Hand und einem bedrohlich rot eingefärbten Adolf Hitler im Hintergrund vermittelte das Bild eine gewalttätige Vision von Bonhoeffer – und wirft Fragen dazu auf, wie frei man eine historische Figur heute filmisch inszenieren darf. Auf der englischsprachigen Webseite zum Film ist das Bild weiterhin als Startbild zu sehen.
Besonders umstritten war in diesem Kontext ein Vergleich des amerikanischen Biografen Eric Metaxas, der ein großer Trump-Anhänger ist. Er verglich Bonhoeffer mit heutigen religiösen Aktivisten, die sich gegen das „links-woke Regime“ auflehnen sollen.Diese Äußerung löste nicht nur Widerspruch aus, sondern wurde auch von Regisseur Todd Komarnicki vehement zurückgewiesen.
Komarnicki betont, dass der Film nichts mit solchen politischen Vergleichen zu tun habe und Bonhoeffer eine eigene, unverwechselbare Geschichte habe, die nicht auf heutige Konflikte projiziert werden dürfe.
Nachfahren und Cast distanzieren sich von Vermarktung des Films
In einer offenen Stellungnahme haben die Bonhoeffer-Nachfahren nach der amerikanischen Veröffentlichung des Filmes dazu aufgerufen, den Mensch Bonhoeffer „nicht zu verdrehen und missbrauchen“. Sie warnen vor einer Instrumentalisierung des Erbes ihres Vorfahren und betonten, dass Bonhoeffer niemals für eine politische Agenda, die im Widerspruch zu seinen Prinzipien steht, herangezogen werden dürfe.
Auch die deutschen Hauptdarsteller nahmen öffentlich Stellung und distanzierten sich von der Interpretation des Films, die sie als Verzerrung von Bonhoeffers wahren Überzeugungen empfinden. Sie wollen nicht, dass die Figur Bonhoeffer für politische oder religiöse Agenden missbraucht werde, insbesondere nicht im Kontext der streng-konservativen Rechten.
Eine neue Marketingstrategie für Deutschland
Als der Film in Deutschland veröffentlicht wurde, entschloss sich das Team hinter Bonhoeffer, die Vermarktung stark zu überarbeiten. Auf dem neuen Plakat ist keine Waffe mehr zu sehen und Hitler wurde gänzlich aus der Darstellung entfernt. Dies ist sinnvoll, wenn man bedenkt, dass Hitler nur circa eine Minute im über zwei Stunden langen Drama sichtbar ist. Auch sonst wirkt die optische Darstellung weniger heroisch, wie man auf der deutschen Webseite zum Film sehen kann.
Auch den Titel des Films haben die Macher von Bonhoeffer: Pastor. Spy. Assasin. in schlicht Bonhoeffer geändert – ein Schritt, der die Distanzierung von der amerikanischen Vermarktung deutlich macht.
Zudem hat der amerikanische Regisseur Todd Komarnicki eine kurze Videobotschaft vor den eigentlichen Film gesetzt. Er äußert darin seine Hoffnung, dass die Botschaft des Films genauso wie die Person Bonhoeffer nicht missbraucht werde.
In einem Interview mit dem ERF äußerte er sich zur ursprünglichen Vermarktung und betonte, dass seiner Ansicht nach nicht der Film an sich, sondern die Art und Weise, wie er im englischsprachigen Raum vermarktet wurde, das Problem darstelle. Obwohl er den Filmverleih vorab gewarnt habe, habe dieser die Empfehlung des Regisseurs ignoriert.
Die künstlerische Freiheit und die Kritik an der Darstellung
Einer der größten Kritikpunkte an der filmischen Darstellung ist eine finale Abendmahlszene, in der Bonhoeffer kurz vor seiner Erhängung noch das Brot mit anderen Gefangenen bricht.
In Wirklichkeit kann eine solch tröstliche Szene aber nicht vor Bonhoeffers Tod stattgefunden haben. Denn dieser befand sich in Einzelhaft, bevor er im Konzentrationslager Flossenbürg unter grausamen Bedingungen gefoltert und schließlich gehängt wurde.
Auch sonst bedient sich der Film einiger kreativer Freiheiten wie einer Rede Niemöllers, die er im Film während der Zeit des Nazi-Regimes hält, die in der Realität aber erst 1945 nach der Befreiung Deutschlands stattfand.
Bonhoeffers wahre Haltung: Kein Einzelkämpfer
Die Bekennende Kirche (BK) war eine Widerstandsbewegung innerhalb der evangelischen Kirche in Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus. Sie wurde 1934 auf der Barmer Bekenntnissynode gegründet, um sich gegen die Gleichschaltung der Kirche durch die nationalsozialistischen „Deutschen Christen“ zu wehren und den evangelischen Glauben zu bewahren.
Auch die Darstellung von Bonhoeffer als einsamen Einzelkämpfer wurde zu Recht hinterfragt. Johannes von Dohnanyi, ein Nachfahre Bonhoeffers, erklärt, dass die Familie in dieser Zeit eng zusammenhielt. Bonhoeffer war generell niemand, der als Einzelgänger auftrat, sondern ein Mann, der viel Wert auf Gemeinschaft legte, wie auch sein Werk „Gemeinsames Leben‘‘ erklärt.
Auch wenn Bonhoeffer für viele Menschen eines der größten theologischen Vorbilder ist und ein sehr mutiger Mann war, war er nicht der Einzige, der Widerstand gegen die Nazis leistete. Das wird im Film nicht hinreichend deutlich.
Auch seine Haltung gegenüber Gewalt und Mord war klar: Obwohl er vom geplanten Attentat am 20. Juli wusste, und es auch – trotz seiner christlichen Überzeugungen – tolerierte, hätte er nie selbst ein Attentat auf Hitler verübt, geschweige denn eine Waffe benutzt. Ein solches Handeln hätte für ihn im Widerspruch zu seinen tief verwurzelten pazifistischen Überzeugungen gestanden. Auch dieser Punkt wird im Film nicht deutlich genug herausgearbeitet.
Zwischen historischen Wahrheiten und kreativen Freiheiten
Der Film Bonhoeffer ist zweifellos ein Versuch, das Leben und die Haltung eines der bekanntesten Widerstandskämpfer im Dritten Reich filmisch darzustellen. Doch er zeigt auch, wie komplex es ist, eine historische Figur zu porträtieren, ohne sie zu verfälschen oder zu instrumentalisieren.
Komarnicki gelingt dies trotz guter Absichten nur bedingt. Zu häufig wirken normale Dialoge beinahe predigtartig und damit unglaubwürdig.Außerdem erscheinen die Abänderungen einiger historischer Fakten unnötig. Eine größere Realitätstreue wäre hier wünschenswert gewesen; vor allem, da der Film auch als Schulmaterial beworben wird.
Nichtsdestotrotz überzeugen die schauspielerischen Leistungen und schaffen eine bewegende, wenn auch teils überzogene Geschichte über einen sehr wichtigen Mann.
Der Film ist so für Geschichtsfans zwar eine eher enttäuschende Vorstellung. Für Menschen, die sich einen ersten, unterhaltsamen Eindruck zu Dietrich Bonhoeffer verschaffen wollen, ist er aber durchaus sehenswert.
Was lernen wir vom Film Bonhoeffer?
Am Ende behandelt er eines der wichtigsten Themen unserer Zeit: die Bedeutung einer vom eigenen Gewissen motivierten Haltung und Widerstand in Zeiten von Unterdrückung. Er zeigt auf, wie wichtig es ist, für die eigenen Werte einzutreten, auch wenn der Druck von allen Seiten enorm ist.
Ob der Film letztlich leisten kann, was er sich vornimmt – Bonhoeffer als den zu zeigen, der er wirklich war –, hängt am Ende vom einzelnen Zuschauer ab. Für mich schafft er das nur in Teilen.
Die Debatten rund um die Darstellung Bonhoeffers in diesem Film haben trotzdem etwas Gutes. Denn sie sind nicht nur eine Auseinandersetzung mit der historischen Figur Dietrich Bonhoeffers, sondern tragen auch generell zur Diskussion bei, wie Geschichte im heutigen Kontext genutzt wird und genutzt werden sollte.
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