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© Fontis Verlag

17.12.2025 / Rezension / Lesezeit: ~ 7 min

Autor/-in: Rebecca Schneebeli

Frau Sein

Franziska Klein legt in ihrem Buch dar, warum wir gerade als Christen weiter über Gleichberechtigung sprechen müssen.

Mit der Gleichberechtigung ist es so eine Sache. Immer wieder begegne ich Leuten, die mir erzählen, dazu sei schon alles gesagt; das Thema sei erledigt. Schließlich kann frau heute gefühlt alles werden: Astronautin, Bundeskanzlerin, Pastorin.

Letzteren Beruf übt auch Franziska Klein aus, die in ihrem unglaublich klugen Buch „Frau Sein“ darüber schreibt, dass zum Thema Gleichberechtigung eben noch nicht alles gesagt ist. Sie nennt etliche gute Gründe, warum wir weiter über dieses Thema reden müssen – gerade auch in christlichen Gemeinden und Kirchen.

Die „Frauenfrage“ in Gemeinden

Aufgewachsen in einem konservativen Gemeindeumfeld war es für Klein lange eine Frage, wie sie mit ihrer Lehrbegabung umgehen soll. Ihr wird offen gesagt, sie habe die Begabungen eines Mannes, doch diese auszuschöpfen bleibt ihr verwehrt. Erst der Bruch mit der eigenen Glaubensprägung sorgt dafür, dass Klein zum einen ihren Glauben an Gott behält und zum anderen ihren Auftrag als Pastorin findet.

Die ganze erste Hälfte von „Frau Sein“ dreht sich um diese eher binnenchristliche Frage. Klein führt hier viele theologisch gut begründete Argumente ins Feld und legt sehr anschaulich dar, wie eine enge Bibelauslegung in diesem Bereich begabte Frauen kleinhalten kann.

Persönlich konnte ich ihrer Argumentation gut folgen, empfand diesen Teil des Buches aber als sehr zugespitzt. Denn – so meine Erfahrung – in vielen Gemeinden ist die Frage, ob Frauen Teil des Leitungskreises sein und lehren können, mittlerweile ein alter Hut.

Was Frauen wirklich vom Gemeindedienst oder anderen verantwortlichen Ämtern in unserer Gesellschaft abhält, sind mittlerweile andere Punkte.

Gleichzeitig weiß ich, dass dies je nach Gemeindekontext anders aussieht, und für Frauen, die aus einem ähnlichen Hintergrund wie Franziska Klein kommen, sind ihre Erfahrungen und theologischen Begründungen vermutlich sehr wichtig.

Die Kernrolle der Frau: Ehefrau und Mutter?

Wirklich gut macht das Buch für mich aber, dass Klein im Folgenden auf andere gesamtgesellschaftliche Aspekte des Frauseins zu sprechen kommt. Sie berichtet beispielsweise von der Erfahrung, bei Veranstaltungen als einzige Frau unter Männern mehrfach für jemanden vom Personal gehalten worden zu sein. Ein anschauliches Beispiel dafür, wie sehr das Bild von uns Frauen immer noch von bestimmten Rollen geprägt ist.

Dazu gehört auch die Rolle der Ehefrau und Mutter. Klein spricht über ihren Schmerz, diese selbst (noch) nicht ausfüllen zu können. Gleichzeitig hinterfragt sie kritisch, inwieweit eine Identifikation mit diesen Rollen für Frauen heutzutage sinnvoll ist.

Provokant gefragt: Wenn man nur als Ehefrau und Mutter als vollwertige Frau gilt, was ist dann mit all den Single-Frauen, die ihr Leben erfolgreich und gut meistern?

Klein findet für sich die Antwort: „Ich bin Frau auch ohne Mann. Meine Geschichte hört nicht auf, wenn gesellschaftliche Erwartungen nicht erfüllt werden.“ Und vor allem macht sie klar: Wenn wir unsere Identität als Frau zu sehr von Partner und Familie abhängig machen, beeinflusst das auch unser Gottesbild – und zwar nicht im Guten.

Ergänzend nennt sie Beispiele von Freundinnen, die unsere Gesellschaft so lange als gleichberechtigt erlebten, bis sie Mütter wurden. Klein arbeitet heraus, wie problematisch es ist, dass Mütter sich in der heutigen Zeit zwar am Arbeitsleben beteiligen können und sollen, aber trotzdem einen Großteil der Care-Arbeit leisten. Hier gibt es ihrer Ansicht nach Diskussionsbedarf.

Gesellschaftliche Schönheitsideale fördern Körperhass

Franziska Klein schreibt auch darüber, mit welchem Schönheitsideal Frauen aufwachsen und wie dies unser weibliches Körpergefühl prägt, wenn jedes zweite Werbeplakat uns einen bestimmten Typ Frau vorhält. Sie selbst entwickelte einen regelrechten Körperhass, weil sie nicht den gesellschaftlichen Schönheitsidealen entsprach. 

Damit ist Klein nicht allein. Ich kenne so gut wie keine Frau, die mit ihrem Körper vollständig zufrieden ist. Das liegt unter anderem daran, dass wir Frauen unseren Wert allzu oft von den Blicken der Männer abhängig machen. 

Auch als Christinnen wollen wir von Männern für schön befunden werden, aber gleichzeitig darf frau sich im christlichen Umfeld nicht zu freizügig zeigen. Sonst kommt schnell der Vorwurf, wir würden unangemessene Blicke auf uns ziehen. Dabei liegt die Verantwortung, wo man hinschaut oder eben auch nicht, faktisch zunächst beim Mann.

Vom Male Gaze zu God’s Gaze

In einer solch sexualisierten Gesellschaft wie der unsrigen weder als graue Maus noch als Femme fatale verschrien zu werden ist ein Drahtseilakt. Klein plädiert dafür, sich als Frau vom Male Gaze zu lösen und sich auf God’s Gaze auszurichten.

Denn Gott hat unsere weiblichen Körper individuell und mit Liebe geschaffen. Jede von uns ist einzigartig – das gilt übrigens auch für jeden Mann.

Ein besserer Umgang mit unserem Körper bedeutet dann nicht, ihn einfach als Hülle zu sehen und unser äußeres Erscheinungsbild für unwichtig zu erklären, sondern unseren Körper als uns zugehörig zu begreifen und unsere eigene individuelle Schönheit zu entdecken.

Franziska Klein beschreibt dies für sich selbst so: „Freiheit kam, als ich lernte, mich mit den Augen Gottes zu sehen, der mich wollte, liebte, mich für sehr gut befand und mir eine andere Berufung verhieß, als nur um die Erreichung von Idealen zu kreisen.“

Struktureller Sexismus und die Frau als gesellschaftliche Ausnahme

Neben diesen eher persönlichen Themen widmet Klein sich gesellschaftlichen Themen in puncto Gleichberechtigung. Sie reißt die Problematiken des strukturellen Sexismus an und scheut sich nicht davor, auch über Gewalt gegen Frauen zu schreiben. Sie stellt die Frage: „Können Männer auch aufhören, eine Bedrohung zu sein?“

Ein weiteres Problem sieht Klein darin, dass Frauen in vielen höheren Ämtern und Positionen immer noch als „Ausnahme“ gelten, wie zum Beispiel in der Wirtschaft, der Politik oder im Sport. Auch eine Frau als Pastorin ist selbst heute noch nicht die Norm. Sie kommen vor, aber sie bleiben die Ausnahme. Die Menge der Frauen in diesen Ämtern spiegelt nicht ihren prozentualen Anteil an den Gemeinden oder der Gesellschaft wider.

Klein macht klar, wie sehr dieses Denken von der „Frau als Ausnahme“ den Umgang mit Frauen bestimmt. Dabei stellt sie provokante Fragen wie „Predigen Frauen anders?“ und „Würde ich das auch sagen, wenn es ein Mann wäre?“

Ihr Fazit: Frauen dürften oft faktisch das Gleiche wie Männer, werden aber noch nicht gleichwertig behandelt. 

Träumen wir denselben Traum?

Zum Ende des Buches schlägt Franziska Klein noch einmal versöhnlichere Töne an. Sie macht klar, dass sie mit ihrem Buch ins Gespräch kommen und nicht spalten will. Ihr Wunsch ist es, dass wir als Gesellschaft den gleichen Traum von einem guten Miteinander träumen. Doch dazu gehört für Klein auch, auf Missstände hinzuweisen und sie eben nicht unter den Tisch fallen zu lassen.

Gleichsam erkennt sie an, dass auch viele Männer sich durch geänderte Rollenbilder in einer Krise befinden. Doch sie warnt hier vor allzu einfachen Antworten in Form einer Re-Traditionalisierung. Für sie brauchen Männer vor allem zwei Dinge: gute männliche Freunde und einen gesunden Umgang mit Frauen.

Als Pastorin hofft Franziska Klein, dass besonders Kirchen und Gemeinden zu heilvollen Orten im Miteinander von Mann und Frau werden.

Denn schließlich ist es der Auftrag Jesu an die Christen, dass man sie an ihrer Liebe untereinander erkenne (vgl. Johannes 13,35).

Für sich selbst stellt Klein zum Ende des Buches fest: „Ich möchte eine Frau sein, die voller Zuversicht nach vorne geht, weil Gott die Zukunft hält. Ich möchte eine Frau sein, die sich für mehr Gerechtigkeit einsetzt, weil es Gottes ureigenster Herzschlag ist. Ich möchte eine Frau sein, die nicht aufhört, nach Freiheit zu streben, der Angst nicht den Raum überlässt und ein lernbereites Herz behält.“

Fazit: Hier und da zu persönlich

Diesem Wunsch von Franziska Klein kann ich mich nur anschließen. Sie hat mit „Frau sein“ ein Buch geschrieben, das hoffentlich viele Frauen ermutigt und den einen oder anderen Mann ins Nachdenken bringt. Besonders an ihrem Buch ist, dass hier eine Christin und Pastorin ihre sehr persönlichen Erfahrungen zum Thema Gleichberechtigung teilt.

Klein deckt nicht nur Missstände auf, sondern zeigt anhand ihrer eigenen Erfahrung, wie destruktiv und traumatisch es für eine Frau sein kann, wenn es ihr verwehrt bleibt, sich frei zu entfalten. Dabei bleibt sie nie nur bei sich stehen, sondern richtet den Blick gezielt auch auf gesellschaftliche und gemeindliche Strukturen, die zu diesen Verletzungen geführt haben.

Das einzige kleine Manko ist aber auch genau diese persönliche Herangehensweise. Für ein eher gesellschaftliches Thema ist das Buch fast schon zu persönlich geschrieben. Das bringt mir als Leserin die Themen zwar besonders nahe, aber birgt die Gefahr, dass mancher Kritiker die genannten gesellschaftliche Probleme fälschlicherweise als persönliche Probleme der Autorin herunterspielen könnte.

Gleichsam führt gerade die persönliche Note des Buches extrem eindrücklich vor Augen, wie sehr Frauen selbst heute noch unter strukturellem Sexismus leiden.

Klein gibt dem Erleben vieler Frauen eine Stimme und damit ein Gesicht. Sie macht deutlich, wie nötig es ist, dass wir weiter über Gleichberechtigung sprechen – wertschätzend und auf Augenhöhe. Und das auch und gerade in unseren Gemeinden und Kirchen.
 

Autor/-in

Rebecca Schneebeli

  |  Redakteurin

Rebecca Schneebeli ist Literaturwissenschaftlerin und arbeitet nebenberuflich als freie Lektorin und Autorin. Die Arbeit mit Büchern ist auch im ERF ihr Steckenpferd. Ihr Interesse gilt hier vor allem dem Bereich Lebenshilfe, Persönlichkeitsentwicklung und Beziehungspflege. Mit Artikeln zu relevanten Lebensthemen möchte sie Menschen ermutigen.

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Petra /

Hallo Fr. Schneebeli,
aufgrund ihrer Rezession wurde ich auf das oben genannte Buch aufmerksam.
Seit meiner sehr frühen Jugend, ich war damals 15, bin inzwischen fast 69, befasse ich mich mit dem mehr

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