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22.06.2010 / Ein Kommentar zur Wahl des Bundespräsidenten / Lesezeit: ~ 3 min

Autor/-in: Andreas Odrich

Deutschland sucht den Übervater

Welche Voraussetzungen sollte der neue Bundespräsident mitbringen? Ein Kommentar von Andreas Odrich, ERF Radio

Wenn ich mir einen Bundespräsidenten erträumen könnte, wer fällt mir da ein? Zunächst einmal dies: Es darf auch gerne eine Präsidentin sein, vorausgesetzt, sie bringt die richtigen Qualitäten mit und wird nicht nur als Zählkandidatin ins Rennen geschickt.

Aber das kann auch Männern passieren. Die Wahl des Bundespräsidenten ist nun mal an das Parteiensystem gekoppelt. Und deshalb werden parteipolitische Überlegungen immer eine Rolle bei der Aufstellung eines Kandidaten spielen.

Das wäre übrigens auch der Fall, wenn wir als Bürger unseren Präsidenten oder unsere Präsidentin direkt wählen könnten. Und vielleicht gäbe es dann sogar eine Verschärfung der Situation. Bei einer Direktwahl nämlich, wären die Kandidaten zu einem Wahlkampf gezwungen. Doch gerade die Wahlkämpfe sind es ja, die die Menschen so politikverdrossen machen. Laute Töne und leere Versprechungen. Nur der Schrillste gewinnt. Ich gebe zu, ich habe Angst, dass die nachdenklichen Typen auf der Strecke blieben. Denn was geschieht, wenn sich Politiker zur Wahl stellen, die vor allem die Medienmaschinerie der Spaßgesellschaft bedienen, das können wir zur Zeit in unserem Bundesschreckenskabinett beobachten.

Gut also, dass die Mütter und Väter des Grundgesetzes die Bundesversammlung eingesetzt haben, um den ersten Mann oder die erste Frau im Staate zu wählen. Dann haben auch Menschen mit leisen Tönen und differenzierteren Ansichten eine echte Chance.

Wer also ist mein Wunschkandidat? Er sollte den Mut haben, unabhängig zu bleiben. Er darf weder den Berufspolitikern nach dem Munde reden noch das Volk einlullen. Er darf sich seine Ansichten weder vom Kanzleramt diktieren lassen noch von den Umfrageergebnissen irgendwelcher Meinungsforschungsinstitute. Er soll selbstständig sein und geradelinig. Er soll den Füllfederhalter sinken lassen, wenn er Gesetze unterschreiben soll, die er nicht unterschreiben kann. Er sollte Deutschland würdig im Ausland vertreten und sich auch in Regionen der Erde aufhalten, die zu den benachteiligten zählen. Er soll Deutschland ein würdiges Selbstbewusstsein geben, dem jede Hochnäsigkeit fehlt und dem eine gesunde, pragmatische Selbstkritik nicht abhold ist. Und wenn Sie jetzt denken, komisch, das hatten wir doch gerade, dann kommt das sicher nicht von Ungefähr.

Und deshalb wünsche ich mir außerdem einen Bundespräsidenten, der noch unbeirrbarer ist als sein jetziger Vorgänger. Einen, der sich nicht einschüchtern oder frühzeitig ernüchtern lässt. Einen, der weiß, dass man nur dann Gegenwind bekommt, wenn man genügend Fahrt aufnimmt. Einen, der sich zu dieser Aufgabe so sehr berufen fühlt, dass er weitermacht, auch wenn es keinen Applaus aus dem Kanzleramt oder aus dem Bundestag gibt.

Ich wünsche mir aber auch einen Bundespräsidenten, der es ablehnt, sich jetzt zum Übervater zu machen. Nein, der Bundespräsident wird nicht alles heilen können, was zur Zeit im Argen liegt. Eine Obamamanie wäre jetzt unangebracht. Nein, es muss einer sein, der weiß, dass er zwar der erste Mann ist Staate ist aber auch nur ein Mensch und kein Halbgott, kein Deus ex Machina, der uns das Handeln und das Denken abnimmt, der kein Jack-in-the-Box ist, der auf unseren Knopfdruck hin erscheint und einfach nur Freude macht.

Wer immer der neue Bundespräsident wird: ich wünsche ihm die Abgeklärtheit eines Gustav Heinemann. Dieser Bundespräsident hat als Christ einen Satz gesagt, der alle menschliche Großmannssucht und Selbstüberschätzung in die Schranken weist. Heinemann sagte: „Die Herren der Welt gehen, aber unser Herr kommt.“ Abgeklärter und vernünftiger kann ein Mensch an der Spitze eines Landes eigentlich nicht denken und handeln.


Mehr zum Thema in der Sendereihe Calando bei ERF Radio am 22.06.2010.
 

Autor/-in

Andreas Odrich

  |  Redakteur

Andreas Odrich war als geborener West-Berliner, Jahrgang 1959, unter anderem Hauptstadtreporter, Radiochefredakteur im ERF und Leiter der Arbeitsgemeinschaft evangelischer Rundfunk. Sein Leitsatz als Journalist: „Jetzt bin ich aber mal neugierig“. Derzeit ist er unter anderem als Moderator in „Das Gespräch“ zu hören und als freier Autor und Sprecher tätig.

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Kommentare (7)

Die in den Kommentaren geäußerten Inhalte und Meinungen geben ausschließlich die persönliche Meinung der jeweiligen Verfasser wieder. Der ERF übernimmt keine Gewähr für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Rechtmäßigkeit der von Nutzern veröffentlichten Kommentare.
Uwe /

Ein toller Kommentar - nur die Überschrift gefällt mir nicht. Ich denke, einen Übervater können wir nicht wirklich gebrauchen, denn was mir in der Politik derzeit am meisten fehlt, ist der gesunde mehr

Gabryschak /

Wenn Leute Herrn Gauk genau kennen würden, dann wären sie nicht dafür dass er Bundespräsident wird.
Sei es seine Arbeit in Rostock - Evershagen, Sei es seine Ehe die terütet war und geschieden.
Und mehr

José /

Wie wär's mit Peter Hahne?

Gudrun /

@Martin Klute
Toll, Herr Klute, wie Sie es genau auf den Punkt gebracht haben, danke!

Gudrun /

Ihr Kriterienkatalog, Frau Fries, ist wirklich gut. Ich hoffe auf Herrn Joachim Gauck.

Martin Klute /

Wir dürfen wünschen und beten, dass auch der nächste Bundesprasident sagt: "Gott segne unser Land."

charly /

Danke für den Kommentar. Ja, ich fühle mich als Christ auch der Welt zugewand und nutze meine meine Stimme und lasse mich nicht von den Medien manipulieren

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