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© Skoll Foundation, via Wikimedia Commons, CC BY 2.0

27.12.2021 / Aktuell / Lesezeit: ~ 3 min

Autor/-in: Andreas Odrich

Beharrlich für Versöhnung eintreten

Im Alter von 90 Jahren gestorben: Friedensnobelpreisträger und Menschenrechtler Bischof Desmond Tutu.

 

Am zweiten Weihnachtsfeiertag 2021 ist der südafrikanische Friedensnobelpreisträger und Menschenrechtler Desmond Tutu im Alter von 90 Jahren gestorben. Bekannt geworden ist der anglikanische Bischof durch seinen Kampf gegen die Apartheid, die Schwarze und Farbige in der Republik Süd-Afrika zu Menschen zweiter Klasse degradierte und eine strikte Trennung von den Weißen erzwang. Andreas Odrich von der ERF Aktuell-Redaktion erinnert an Desmond Tutu.  



ERF: Andreas, warum lohnt es sich, an Desmond Tutu zu erinnern?

Andreas Odrich: Weil Desmond Tutu uns vorgelebt hat, wie Versöhnung geht und weil er dies motiviert durch seinen christlichen Glauben tat. So war Tutu unter anderem Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission, die nach dem Vorbild Mahatma Ghandis in Süd-Afrika nach dem Ende der Apartheid Mitte der 1990er Jahre eingesetzt wurde. Tutu hat dadurch mit dazu beigetragen, dass Südafrika einen weitgehend friedlichen Neuanfang nehmen konnte. Die Kommission war zwar umstritten, weil sie keine Gerichtsbarkeit darstellte, und die Täter den Saal als freie Menschen wieder verlassen konnten, aber dennoch wurden viele Gräueltaten unter der Leitung Tutus offen zur Sprache gebracht, was die Aufarbeitung der Apartheid und den offenen Umgang mit ihr beförderte.
 

„Apartheid ist wie Nationalsozialismus“

ERF: Den Friedensnobelpreis hat er aber schon früher bekommen, 1984 nämlich. Warum? 

Andreas Odrich: Schon als junger anglikanischer Pfarrer hat sich Desmond Tutu gegen Apartheid ausgesprochen. Die Unterdrückung und Unterjochung von schwarzen und farbigen Menschen durch die Weißen in Südafrika setzte er sogar mit dem Nationalsozialismus gleich. Apartheid sei genauso bösartig, sagte Tutu. Trotzdem hat sich Tutu immer für einen friedlichen Widerstand ausgesprochen. Gewalt als Lösung von Konflikten lehnte er ab. Dafür hat Desmond Tutu 1984 den Friedensnobelpreis bekommen. Er bekam ihn aber auch, um seine Arbeit zu stützen. Denn durch den Friedensnobelpreis wurde der Weggefährte Nelson Mandelas international bekannt. Die Apartheitsregierung konnte Desmond Tutu aufgrund seiner Reputation jetzt nicht mehr so leicht verfolgen.


ERF: Was war Desmond Tutu für ein Mensch?

Andreas Odrich: Klein, kantig und klar würde ich ihn bezeichnen. Er hat zum Beispiel auch auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag gesprochen. Durch seine Klarheit war er nicht zu überhören, auch sein Lachen machte ihn unerwechselbar. Stromlinienförmig war er dabei nicht. Wenn Klartext geredet werden musste in seinen Augen, dann hat er das beharrlich getan. So hat er sich gegen die Unterdrückung der Tibeter durch China ausgesprochen. Er hat sich auch für die Palästinenser eingesetzt und für Homosexuelle in der Kirche, weil dies seine Überzeugung war.


ERF: Wenn man sich später an Desmond Tutu erinnert, was wird bleiben?

Andreas Odrich: Sein Markenzeichen wird bleiben, dass er als Menschenrechtler mit dafür gesorgt hat, dass Südafrika nach dem Ende der Apartheid Mitte der 1990er Jahre nicht in einem Bürgerkrieg versunken ist. Dies alles hat er wie gesagt aus seinem christlichen Glauben heraus getan. Als Politiker hat er sich aber nicht verstanden. Vielmehr hat er sinngemäß gesagt: Wenn das Evangelium politische Konsequenzen hat, dann ist das so, und lässt sich nicht vermeiden.
 

Versöhnen durch Erinnern

ERF: Von Desmond Tutu sind viele Zitate überliefert. Welches drückt seine Haltung vielleicht am besten aus?

Andreas Odrich: Ich möchte eines herausstellen, das den Grundgedanken der Versöhnungsarbeit beschreibt. Es ist kein Aphorismus, der leicht ins Ohr und ins Gedächtnis geht. Man muss dieses Zitat durchdenken und durcharbeiten. Aber genau um diese Arbeit ist es Tutu ja auch gegangen. Es zeigt, dass Versöhnung kein leichter Weg ist, dass dieser Weg herausfordernd sein kann, aber dass er am Ende Früchte trägt:

Vergeben heißt nicht vergessen; erinnern ist sogar wichtig. Aber: erinnern gibt nicht das Recht, zurückzuschlagen. Erinnern ist die Chance für einen Neuanfang. Vor allem, wenn man nicht wiederholen will, was passiert ist.

 

ERF: Vielen Dank für das Gespräch.
 

 Andreas Odrich

Andreas Odrich

  |  Leiter Redaktion Aktuell

Er leitet die Redaktion Aktuelles und Gesellschaft. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und ist begeisterter Opa von drei Enkeln. Der Glaube ist für ihn festes Fundament und weiter Horizont zugleich.

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