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© Douglas Lopez / unsplash.com

09.03.2023 / Interview / Lesezeit: ~ 6 min

Autor/-in: Anne Heidler

Adoption: Auf der Suche nach sich selbst (1)

Lange Zeit fragt sich Judith Beständig, wer sie ist.

Judith Beständig ist adoptiert. Lange fragt sie sich, wer sie ist. Obwohl sie in einer liebenden Adoptivfamilie aufwächst, beschäftigen sie dennoch Fragen wie: „Woher habe ich meine Nase?“ Oder: „Habe ich Geschwister?“ Sie macht sich auf die Suche zu sich selbst und findet dabei viel mehr als ihre Identität.
 

Judith Beständig wurde als Kind adoptiert (Foto: Melanie Funk @mellifunkphotography)
Judith Beständig wurde als Kind adoptiert (Foto: Melanie Funk @mellifunkphotography)

ERF: Frau Beständig, wussten Sie schon immer, dass Sie adoptiert sind?

Judith Beständig: Ja, es gibt in meiner Erinnerung keinen Zeitpunkt, an dem ich das nicht wusste. Meine Adoptiveltern haben mir das von klein auf spielerisch und kindgerecht vermittelt.

Meine Mutter hat mir zum Beispiel immer wieder gesagt, dass sie meine Mama ist, aber ich nicht in ihrem Bauch herangewachsen bin, sondern im Bauch einer anderen Frau.

Ich bin sehr froh, dass die Adoption immer Teil meiner Lebensrealität war. Ich glaube es hätte mich sehr verstört, wenn mir das verschwiegen worden wäre und ich das erst zu einem späteren Zeitpunkt herausgefunden hätte.

Ein krankes Kind adoptieren?

ERF: Sie wurden im Alter von sechs Monaten zur Adoption freigegeben. Wie kamen Sie zu Ihrer Adoptivfamilie?

Judith Beständig: Als ich vom Jugendamt aus meiner leiblichen Familie herausgenommen wurde, bin ich zunächst in eine Übergangsbetreuung gekommen. Medizinisch gesehen hatte ich nicht sehr positive Aussichten für ein gesundes Leben.

Es lagen zwei ärztliche Gutachten vor, aus denen hervorgeht, dass ich durch Drogenmissbrauch in der Schwangerschaft und aufgrund einer Erkrankung direkt nach meiner Geburt nicht gesund heranwachsen würde. Normalerweise werden Kinder am liebsten adoptiert umso jünger sie noch sind. So haben die Adoptiveltern die Chance von Anfang an das Leben des Kindes positiv zu prägen.

Doch mit diesen negativen Startbedingungen fürs Leben ist es in der Regel nicht einfach eine Familie zu finden, die das Kind adoptieren möchte. Meine Adoptiveltern, die sich aufgrund einer lebensbedrohlichen Erberkrankung gegen leibliche Kinder entschieden hatten, wurden vom Jugendamt angefragt. Sie hatten ungefähr eine Woche Zeit, um sich auf meine Ankunft vorzubereiten. Trotz der schlechten Prognosen haben sie sich für mich entschieden.

Plötzlicher Tod des Adoptivvaters

ERF: Als Sie noch sehr jung waren, verstarb Ihr Adoptivvater. Welche Folgen hatte der Tod Ihres Adoptivvaters für Ihre Adoptivfamilie?

Judith Beständig: Der frühe Tod meines Adoptivvaters mit Mitte 30 war fatal. Meine Adoptivmutter hat ihren Lebenspartner verloren, mit dem sie bereits zehn Jahre verheiratet war. Außer mir hat es in der Familie noch einen älteren Pflegebruder und einen älteren Adoptivbruder mit unvollständiger Entwicklung der geistigen Fähigkeiten gegeben. 

Letzteren hat der Tod unseres Vaters besonders hart getroffen. Der Tod seiner wichtigsten Bezugsperson hat in ihm ein großes Trauma mit Aggressivität ausgelöst, aus dem er nie wieder richtig herausgekommen ist. Es war nicht mehr möglich, sicher mit ihm gemeinsam in der Familie zu leben. Er lebt seitdem in einer betreuten Einrichtung, in der er die für ihn nötige Pflege und Versorgung bekommt.

Mein Pflegebruder hat sich bald darauf entschieden wieder zu einem Blutsverwandten zurückzukehren. So waren meine Mutter und ich ab diesem Zeitpunkt allein eine Familie. Ein anderer Aspekt, der durch den Tod meines Adoptivvaters in die Familie kam, war die finanzielle Last, die meine Mutter nun allein zu tragen hatte. Sie war nun verwitwet und statt wie zuvor 100% die Familie zuhause zu managen, musste sie zusätzlich wieder in ihren erlernten Beruf zurückkehren.


ERF: Sie sind in einer christlichen Familie aufgewachsen. Welchen Bezug hatten Sie in Ihrer Kindheit und Jugend zu Gott?

Judith Beständig: Meine Adoptiveltern waren bereits zum Zeitpunkt meiner Adoption Teil einer lebendigen Bewegung innerhalb der katholischen Kirche. Für sie war der Glaube schon immer mehr als nur ein Ritual. Er war Teil ihres Lebens und sie haben eine Beziehung zu dem Gott gepflegt, an den sie geglaubt haben.

In meiner Kindheit waren wir Teil einer großen Freikirche. Das hat mich und mein Bild von Gott und von Glauben im Allgemeinen natürlich geprägt. Gebet, Lobpreismusik und der Glaube an einen Gott der Beziehung zu den Menschen möchte, war für mich alltäglich.  

Wem sehe ich ähnlich? Woher habe ich meine Musikalität geerbt? Wer war noch Teil meiner leiblichen Familie?

ERF: Laut der Psychologin Irmela Wieman fragen sich viele adoptierte Kinder, wer sie sind, warum sie weggegeben wurden oder ob es ihre Schuld war. Haben Sie solche Fragen ebenfalls beschäftigt?

Judith Beständig: Ich glaube, was mich am meisten geprägt hat, war die Unsicherheit. Es gab einfach zu viel Raum für Spekulationen. Meine Adoptiveltern hatten keine Informationen zum Hintergrund meiner Adoption und so konnten Sie mir nicht helfen Licht in dieses Dunkel meiner Geschichte zu bringen. Sie sicherten mir aber immer zu, dass ich mich ab meiner Volljährigkeit beim Jugendamt melden könnte und sie mich dabei unterstützen würden, mehr über meine Herkunft zu erfahren.

In den Jahren bis dahin habe ich mir immer wieder viele Fragen gestellt. Wem sehe ich ähnlich? Woher habe ich meine Musikalität geerbt? Wer war noch Teil meiner leiblichen Familie? Hatte ich Geschwister? Das sind Fragen, die sich durchziehen und die immer lose Enden in meinem Leben hinterlassen haben.

Auch wenn meine Eltern mir immer wieder versichert haben, dass ich als adoptiertes Kind nicht die Ursache für die Adoption war und mich keine Schuld getroffen hat, haben sich sehr lange in mir Gefühle von Schuld und Minderwertigkeit gehalten. Es haben sich Gedanken der Wertlosigkeit verfestigt. Meine Identität war stark davon geprägt, dass Menschen immer wieder aus meinem Leben gerissen wurden.

Wie ein Gefäß ohne Boden

ERF: Ebenso berichtet Frau Wiemann davon, dass viele Adoptierte den Dauerschmerz empfinden, fortgegeben zu sein. Sie behauptet, Menschen mit einer Adoptionsgeschichte empfinden häufig eine innere Zerrissenheit und Schmerz, der auch durch die liebevollsten Adoptiveltern nicht aufgehoben werden kann. Stimmen Sie der Beobachtung zu?

Judith Beständig: Dieser These kann ich durch mein Erleben absolut zustimmen. Meine Adoptivmutter hat mir wirklich, auch nach dem Tod ihres Mannes, immer ein liebevolles und sicheres Zuhause geschaffen. Trotzdem hat es nie das in mir aufgefüllt, was gefehlt hat oder geheilt, was kaputt gegangen war.

Ich habe mich wie ein Gefäß gefühlt, dem der Boden gefehlt hat. Und egal, was an Gutem oben reingeschüttet wurde, ich konnte es nicht halten. Innere Leere und Schmerz waren mein Alltag. Besonders schwer war es für mich Vertrauen zu anderen Menschen zu fassen. Sie könnten mich schließlich auch wieder enttäuschen.

Ich hatte Angst ich selbst zu sein und dadurch wieder verlassen zu werden. Gleichzeitig habe ich mich nach Liebe, Anerkennung und Nähe gesehnt. Diese Zerrissenheit war und ist bis heute nicht einfach. Es durfte schon viel in mir heil werden, aber so ganz konnte ich manche inneren Glaubenssätze noch nicht loslassen.

Ein enttäuschendes Wiedersehen

ERF: Hatten Sie den Wunsch Ihre leiblichen Eltern kennenzulernen?

Judith Beständig: Den Wunsch hatte ich von klein auf. Als es dann endlich zu einem Treffen kam, war ich sehr enttäuscht. Ich hatte die Vorstellung, dass so ein Treffen wie im Film ablaufen würde. Man fällt sich in die Arme und meine leiblichen Eltern sind stolz auf mich und glücklich, dass es mir gut geht. So ist das Treffen aber nicht verlaufen.

Meine Eltern haben eben auch eine Vergangenheit, die sie zu so einem Treffen mitbringen. Sie waren leider nicht in der Lage gut mit der Situation umzugehen. So ist das Wiedersehen mit meinen leiblichen Eltern eine weitere Enttäuschung für mich gewesen. Die Sehnsucht nach Liebe oder Anerkennung ihrerseits ist unerfüllt geblieben.

Auch danach war es komisch und wir haben seitdem äußerst selten Kontakt. Um mich zu schützen, suche ich den Kontakt auch nicht proaktiv. Ich habe für mich in den letzten Jahren entschieden, dass sie zwar meine Erzeuger sind, aber nicht meine Familie. Dieses Privileg haben andere Menschen.


ERF: Inwieweit hat diese Begegnung Ihnen geholfen, Ihre eigene Geschichte besser zu verstehen?

Judith Beständig: Ich hatte die Chance, gewissen Fakten mit meinen Eltern zu klären. Sie konnten mir von Ihrer Vergangenheit erzählen und die Adoption von Ihrer Seite beleuchten. Für mich war die Erkenntnis am einschneidendsten, dass es wohl wirklich das Beste für mich war, in einer anderen Familie aufzuwachsen.

Ich hatte als Kind jahrelang Tagträume, dass das Ganze ein furchtbarer Fehler oder eine Verwechslung war und es mir bei meinen leiblichen Eltern richtig gut gehen würde. Das, und das Erkennen von Gottes Bewahrung über meinem Leben hat mir Frieden gegeben.

In all dem durfte ich auch erkennen, dass meine Identität nicht allein von meinen Genen kommt. Meine Identität wurde zwar durch meine Lebensumstände geformt, aber sie ist nichts Statisches, sondern entwickelt sich mein Leben lang weiter. 

 

Dieser Artikel wird in Teil 2 fortgesetzt.

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