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01.09.2022 / Zum Schwerpunktthema / Lesezeit: ~ 6 min

Autor/-in: Regina König

Ist das gerecht?

Zwischen Krieg und Pandemie wird der Ruf nach Gerechtigkeit lauter. Haben Christen eine Antwort darauf?


Alles wird teurer und ein Ende ist nicht in Sicht. Am stärksten leiden die Ärmsten – weltweit und in unserem eigenen Land. Zwischen Krieg und Pandemie wird der Ruf nach Gerechtigkeit lauter. Haben Christen eine Antwort darauf? Von Regina König
 

Handtücher sind der absolute Renner. Kaum liegen sie im Regal, sind sie auch schon verkauft.“ Claudia Uhlmann-Zemmrich führt mich durch das „St. Martin Lädchen“. Das kleine Sozialkaufhaus wird von der evangelischen Kirchengemeinde in Markranstädt betrieben, die Kleinstadt liegt im Speckgürtel von Leipzig. Uhlmann-Zemmrich leitet das Team, wie alle anderen arbeitet sie ehrenamtlich.    

Zwischen Regalen und Kleiderstangen schaue ich mich um: Geschirr, Kleider, Hosen und T-Shirts warten auf Kundschaft, auch Windeln, Schuhe, Handtaschen und Schmuck. Die Ware ist gespendet, das teuerste Produkt: eine Stereoanlage für 3 Euro. Träger des St. Martin Lädchens ist die Kirchengemeinde Markranstädter Land–Rückmarsdorf–Dölzig, unterstützt wird es von der Stadt Markranstädt.

Kinderreiche Familien kommen in den Laden und Geringverdiener, aber auch Ruheständler, die trotz lebenslanger Erwerbstätigkeit auf Grundsicherung angewiesen sind. Angesichts steigender Energie- und Lebensmittelpreise macht sich Claudia Uhlmann-Zemmrich große Sorgen um ihre Kunden: „Es ist nicht absehbar, was auf sie zukommt und wie die Teuerung sozial abgefedert werden kann.“
 

Armut auf neuem Höchststand

Ohnehin verschärft sich die soziale Lage in Deutschland seit Ausbruch der Pandemie. So stellt der Armutsbericht 2022 des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes fest: Im zweiten Corona-Jahr 2021 hat die Armut in Deutschland mit 16,6 Prozent einen neuen Höchststand erreicht. Knapp 14 Millionen Menschen in unserem Land sind demnach „arm“, 600.000 mehr als vor der Pandemie.

Im Zuge des Ukraine-Konfliktes kommen Inflation und Teuerungsrate noch obendrauf. Mehr zahlen für Heizung und Benzin, für Butter, Brot und Milch: Ist es gerecht, dass die Teuerung gerade die Ärmsten am härtesten trifft? Gerechtigkeit – ein großes Thema. Und eins, dass unsere Gesellschaft zwischen Pandemie und Ukraine-Krieg noch stärker beschäftigt als zuvor.
 

Ungerechtigkeit führt zu Unmut

Grundsätzlich scheint in unserem Land ein gewisses Ungerechtigkeitsempfinden zu wachsen. So stellt der Datenreport 2021 des Statistischen Bundesamts fest: Etwas mehr als die Hälfte der Deutschen beurteilt das eigene Bruttoeinkommen als ungerecht. Dreiviertel der Bundesbürger wollen, dass der Staat mehr tut, um Einkommensunterschiede zu verringern. In Ostdeutschland wünschen sich sogar 80 Prozent mehr staatliches Eingreifen für mehr Gleichheit und Gerechtigkeit.

Wer sich ungerecht behandelt fühlt, in dem wächst Unmut, Unzufriedenheit, Unfrieden. Protestbewegungen wie Pegida oder die Querdenkerszene sind dabei willkommene Ventile, um Luft abzulassen.

Lautstarken Protest vor der Haustür kennt auch der Markranstädter Pfarrer Michael Zemmrich: Während der Flüchtlingskrise versammelten sich vor seiner Kirche auf dem Marktplatz wütende Bürger zu Pegida-Kundgebungen. Damals reifte in dem Theologen der Gedanke: „Wir müssen den Menschen zeigen, dass wir uns nicht nur um Geflüchtete kümmern, sondern wir auch das Leid derer sehen, die schon lange hier wohnen und sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt fühlen“. So entstand 2016 das kleine Sozialkaufhaus, das St. Martin Lädchen.
 

Wer ist arm?

Not und Armut werden wachsen – davon gehen auch die großen Wohlfahrtsverbände aus. Doch wer gilt als arm in Deutschland? Die Frage lässt sich rein rechnerisch schnell beantworten: Arm ist, wer monatlich über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Netto-Haushaltseinkommens verfügt. Für Singles liegt damit die Armutsgrenze bei 781 Euro, für Paare bei 1171 Euro.

Was in Deutschland kaum zum Leben reicht, gilt in anderen Ländern als kleiner Reichtum. So würden die Empfänger des deutschen Mindestlohns in den meisten afrikanischen Ländern zum Geld-Adel aufsteigen.

Die Länder des globalen Südens – trotz ihrer Rohstoffe sind sie das Armenhaus unserer Welt. Laut UN-Welternährungsbericht ist die Zahl der Hungernden im vergangenen Jahr noch einmal um 46 Millionen Menschen gestiegen. Krieg in der Ukraine, Klimawandel, Corona-Pandemie – all das könnte zur größten Hungersnot seit 50 Jahren führen.   

Afrika leidet unter dem Machtdurst des russischen Präsidenten. Ist das gerecht? Ist es gerecht, dass unfaire Wertschöpfungs- und Handelsketten die Menschen im globalen Süden kleinhalten und korrupte Staatenlenker ihre eigenen Völker ausbeuten?
 

Vom Durst nach Gerechtigkeit

Die UN hat sich ein großes Ziel gesetzt: Bis 2030 soll die Armut in der Welt überwunden sein. Auch die christliche Micha-Initiative setzt sich dafür ein. Sie will Christen zum Engagement gegen extreme Armut und für globale Gerechtigkeit begeistern, so die Initiatoren. Eine Gerechtigkeitsbibel hat die Micha-Initiative herausgebracht. Darin sind alle Stellen farbig markiert, die sich mit Gerechtigkeit und Armut beschäftigen.

Mehr als 300 Mal kommt das Wort Gerechtigkeit in der Bibel vor. Dabei fordern die Autoren der Bibel immer wieder dazu auf, Gerechtigkeit zu üben. Denn: Gott selbst ist gerecht (5. Mose 10,17) und er will Gerechtigkeit: „Wer der Gerechtigkeit nachjagt, den liebt der Herr“ (Sprüche 15,9).

Doch wie können wir diesen göttlichen Anspruch erfüllen – angesichts all der Not, die sich vor unseren Augen auftürmt? Wer nach Gerechtigkeit dürstet, ist selig – sagt Jesus Christus in der Bergpredigt (Matthäus 5,6).

Blickt man hinein in die Geschichte des Christentums, scheint das Streben nach Gerechtigkeit ein Wesensmerkmal gelebten Glaubens zu sein. Unzählige Christen ließen sich in den Jahrhunderten zuvor vom „Durst nach Gerechtigkeit“ in Bewegung setzen, und zwar mit Erfolg: 

August Herrmann Francke gründet im 17. Jahrhundert in Halle ein Waisenhaus und ermöglicht benachteiligten Kindern Bildung. Seine Vorstellungen von einer gerechteren Gesellschaft prägen den preußischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. und dessen Gesetzgebung.

Blickt man hinein in die Geschichte des Christentums, scheint das Streben nach Gerechtigkeit ein Wesensmerkmal gelebten Glaubens zu sein.

 

In London kämpft im 19. Jahrhundert William Wilberforce gegen die Sklaverei – und tatsächlich: 1833 verabschiedet das britische Unterhaus ein Gesetz, das in allen britischen Kolonien Sklaverei verbietet. In Hamburg gründet Johann Hinrich Wichern mitten im Massenelend der Industriellen Revolution das „Raue Haus“ und legt so den Grundstein für die Diakonie.

Viele weitere „Gerechtigkeits-Bewegte“ ließen sich anführen: Von Martin Luther über Florence Nightingale bis Friedrich Wilhelm Raiffeisen – sie alle haben über die Jahrhunderte hinweg, insbesondere in protestantisch geprägten Ländern, eine bewusstseinsbildende Tiefenwirkung entfaltet und so mitgeholfen, unsere westliche Welt auf Dauer gerechter zu gestalten. 

Und dieser „Durst nach Gerechtigkeit“ macht auch heute Christen mobil: Noch nie zuvor gab es so viele humanitäre und christliche Hilfswerke, die sich für Benachteiligte einsetzen. Neben den großen Playern wie „Brot für die Welt“, „Misereor“ oder der „Christoffel-Blindenmission“ arbeiten unzählige kleinere christliche Organisationen gegen Hunger und für mehr Gerechtigkeit wie „Humedica“, „GAiN“, „Open Doors“, „Havilah Hope“ oder „ERF Global Hope“.

Jeder, der Werke wie diese und ähnliche mit Gebet und Spenden unterstützt, trägt dazu bei, unsere Welt ein kleines bisschen gerechter zu machen.

Doch trotz allem: Ungerechtigkeit bleibt! Zu viele Politiker weltweit stecken auch weiterhin Geld in ihre eigenen Taschen und nicht alle gewissenlosen Machthaber werden vor dem Internationalen Strafgerichtshof zur Rechenschaft gezogen.

Auch in unserem Land wird es trotz funktionierender Demokratie und ausgefeilten Sozialsystems immer wieder zu politischen Entscheidungen und Lebensumständen kommen, die als ungerecht empfunden werden. Welche Konsequenz ziehe ich daraus als Christ?
 

Gerechtigkeit in kleiner Münze weitergeben

„Diese Welt ist ungerecht“, sagt Pfarrer Michael Zemmrich. 100-prozentige Gerechtigkeit wird es nur am Ende der Zeiten geben, wenn Gott diese Welt richten wird. Doch die Christen in Markranstädt wollen bis dahin nicht warten, sie legen, wie unzählige andere auch, schon jetzt Hand an: „Die Gerechtigkeit, die Gott uns durch den Glauben an Jesus schenkt, wollen wir in unserem Alltag in kleiner Münze weitergeben,“ so der Theologe. 

„Wird unsere Welt durch das St. Martin Lädchen ein kleines bisschen gerechter?“, will ich wissen. Michael Zemmrich muss lachen über meine Frage, aber seine Antwort macht deutlich: Der Einsatz für mehr Gerechtigkeit lohnt sich – ist er auch noch so gering. „Wir sind nur ein klitzekleiner Baustein. Doch wir spüren, es ist richtig und es tut gut, als Gemeinde eine Antwort auf die Not um uns herum zu geben.“

Christen antworten auf die Not der anderen: An vielen weiteren Orten in Deutschland ist das möglich – und vielleicht mehr als zuvor: not-wendig.

 

Regina König gehört zur ERF Aktuell-Redaktion. Das Thema „Gerechtigkeit“ durchzieht ihren Arbeitsalltag: In der Rubrik „Aktuelles vom Tag“ geht es fast täglich um Christen, die die Welt ein kleines Stück gerechter machen – denn sie sind glaubwürdig. 
 

 Regina König

Regina König

  |  Reporterin

Für ERF Plus in Mitteldeutschland unterwegs. Sie ist verheiratet und hat vier Kinder.

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Kommentare (1)

Christel S. /

Mit besonderer Freude habe ich heute über Markranstädt gelesen. Es ist fast meine Heimat, bin in Lützen geboren aber seit mehr als 50 Jahren dort nur noch besuchsweise. Ich kann nur durch die mehr

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