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28.08.2015 / Kommentar / Lesezeit: ~ 5 min

Autor: Rebecca Schneebeli

Wir sind mitschuldig

Warum Entsetzen über das Schicksal der 71 toten Flüchtlinge allein nicht weiterhilft.

Wie können Menschen anderen Menschen so etwas antun? Diese Frage stellt sich nach dem Fund von 71 Leichen in einem Kühltransporter an einer österreichischen Autobahn. Nach jetzigem Stand der Ermittlungen sind die Flüchtlinge vermutlich im Inneren des LKW erstickt. Wahrscheinlich haben die Schlepper dies bemerkt und das Fahrzeug deshalb in einer Pannenbucht stehen lassen. Angesichts dieser Tatsachen bin ich als Mensch und Christ berührt und entsetzt und damit keineswegs allein. In allen Medien wird über diesen Schreckensfund berichtet, aber ich frage mich ernsthaft: Wieso mein Entsetzen? Wieso berührt mich diese Nachricht so sehr?

Nicht, dass das Schicksal dieser Menschen nicht unbeschreiblich erschreckend ist. Doch gleichzeitig weiß ich als informierte Journalistin: Das sind nicht die einzigen 71 Menschen, die bis jetzt auf der Balkanroute gestorben sind. Es ist allgemein bekannt, dass bei Schleppertransporten viele Menschen ums Leben kommen: Ein nicht geringer Teil der Flüchtlinge erstickt oder verhungert eingepfercht in den Lastwagen der Schlepper. Genauso ist es längst kein Einzelfall mehr, dass Flüchtlinge in untauglichen und überfüllten Booten auf dem Mittelmeer in Seenot geraten und ertrinken. Der einzige Unterschied, den dieser Flüchtlingstransport zu vielen anderen hat, ist der: Es passiert quasi vor unserer Haustür. Nicht irgendwo im Mittelmeer an den europäischen Grenzen, sondern mittendrin – in Österreich, unserem direkten Nachbarland.

Schlepperbanden schlagen Profit aus unseren Einwanderungsgesetzen

„Es hätte auch in Deutschland passieren können“, denken wir uns und sind erschreckt. Nicht so sehr, weil da wieder einmal Flüchtlinge in der Hoffnung auf ein besseres Leben gestorben sind, sondern weil es bei uns passiert. Doch sieht man sich die erschreckende Lage in der Welt an, war es doch schon lange absehbar, dass sowas passieren musste. Irgendwann, irgendwie musste der Schrecken auch zu uns kommen. Warum überrascht uns das jetzt so sehr?

Vermutlich, weil wir Deutschen bisher der Ansicht waren, dass die Kriege in Syrien und Irak sowie die dauerhaften Konflikte in Afrika uns letztlich nichts angehen. Ob in anderen Ländern der Welt Krieg herrscht, war uns lange Zeit eher gleichgültig. Jetzt aber rächt sich diese Haltung und wir merken: Die Menschen, die dort ihre Heimat verlieren, kommen zu uns und wir sind damit völlig überfordert. Wir wissen nicht, wohin mit diesen Menschen. Schließlich haben wir sie nicht eingeladen. Selbst die Politik hat keine Lösungen. Es herrscht Fassungslosigkeit.

Profit daraus schlagen die Schlepperbanden. Sie organisieren Transporte aus Kriegsregionen nach Europa. Doch nicht aus Wohltätigkeit, sondern aus reiner Profitgier. Sie nutzen Menschen aus, die eine neue Heimat suchen, und profitieren dabei von unseren restriktiven Einwanderungsgesetzen. Denn wenn es legale Routen aus Syrien, Afrika und vielen anderen Staaten hinein ins reiche Europa gäbe, bräuchte es keine Schlepperbanden mehr. Dann würde sich ihr Geschäftsmodell nämlich nicht mehr lohnen. Aber wir wollen diese Menschen nicht in Europa – allein deshalb machen Schlepperbanden Riesenumsätze mit dem Leid von Menschen. Allein deshalb kommt es zu solchen Funden wie gestern.

Das Leid dieser Menschen ist für uns nicht nachvollziehbar

Doch wie sollen und können wir als Christen mit dieser verfahrenen Situation umgehen? Müssen wir unsere Staatsgrenzen komplett öffnen, damit Tragödien wie diese nicht mehr vorkommen? Meines Erachtens wäre schon viel den Menschen, die zu uns kommen, schon geholfen, wenn wir sie mit dem gleichen Respekt behandelten, den wir uns an ihrer Stelle wünschen würden. Doch das passiert leider noch viel zu selten. Da werden Flüchtlinge aus Kriegsregionen als Schmarotzer dargestellt. In Landratsversammlungen spricht man darüber, wie man das „Problem“ lösen kann und vergisst dabei, dass es hier um Menschen geht.

Wenn ich ganz ehrlich bin, schockiert mich das mehr als die 71 Leichen aus Österreich. Mich schockiert, dass Flüchtlingsheime von bislang „unbescholtenen“ Bürgern attackiert und angezündet werden. Mich schockiert der Hass, mit dem über Flüchtlinge gesprochen wird, die sich nichts sehnlicher wünschen als eine sichere Heimat. Und mich schockiert die Gleichgültigkeit, mit der wir mit dem Schicksal dieser Menschen umgehen. Die Gleichgültigkeit, die ich sogar bei mir selbst beobachte. Letztens kam ich zum ersten Mal an einem Auffanglager in meiner Stadt vorbei und fragte mich: „Wie würde ich mich fühlen, wenn ich an der Stelle dieser Menschen wäre?“ Ich konnte es mir nicht einmal vorstellen. Ich kann weder den seelischen Schmerz noch die körperlichen Belastungen von Flucht und einem Leben in Auffanglagern nachvollziehen. Zu gut geht es mir selbst.

Im Kleinen helfen

Doch wieso fällt es uns so schwer, aus unserem Luxus abzugeben? Warum gönnen wir diesen Menschen nicht ein ebenso gutes Leben in Frieden und Wohlstand wie uns selbst? Wenn ich ehrlich bin, ist es vor allem Angst, die uns daran hindert, Flüchtlinge in unserem Land willkommen zu heißen. Obwohl wir noch nie in unserem Leben hungern mussten, haben wir Angst, dass nicht mehr genug für uns übrig bleibt, wenn wir mit anderen teilen. Wir haben Angst, dass diese Menschen sich nicht unserer Kultur anpassen, sondern ihre Kultur behalten wollen. Doch ist Angst ein guter Ratgeber?

Meines Erachtens nicht. Die Bibel zumindest lehrt uns anders mit schutzbedürftigen Menschen umzugehen. In 2. Mose 22,20 sagt Gott zum Volk Israel: „Ihr dürft die Fremden, die bei euch leben, nicht ausbeuten oder unterdrücken. Vergesst nicht, dass ihr selbst in Ägypten Fremde gewesen seid.“ Und in Matthäus 25,31-46 macht Jesus deutlich, dass unser Mitgefühl für andere einer der Punkte ist, nach denen Gott uns richten wird. Dort, wo wir andere willkommen heißen, ihnen Essen und Kleidung geben, dort dienen wir Gott. Und das ist etwas, was wir unabhängig von allen Diskussionen um Schlepperbanden, Asylrecht und Flüchtlingspolitik machen können.

Denn sich empören und schockiert sein, das ist einfach. Auch sich über untätige Politiker aufregen fällt leicht. Aber sich im eigenen Ort für Flüchtlinge engagieren, ist viel schwieriger. Dabei muss es gar nicht kompliziert sein. Vielleicht hat man abgetragene Kleidung, die man weiterverschenken kann, oder es steht noch ein ungenutztes Fahrrad im Keller. Es gibt viele Möglichkeiten, im Kleinen zu helfen. Man muss sie nur ergreifen – und das fällt auch mir selbst häufig schwer. Zu viele andere Verpflichtungen und Aktivitäten stehen in meinem Terminkalender. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

 Rebecca Schneebeli

Rebecca Schneebeli

  |  Redakteurin

Sie schätzt an ihrem Job, mit verschiedenen Menschen und Themen in Kontakt zu kommen. Sie ist verheiratet und mag Krimis und englische Serien.

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Kommentare (20)

Jaques LeMouche /

Der Hinweis auf eine exorbitante Staatsverschuldung ist demnach schon ausländerfeindlich, also braun. Das ist schon historisch betrachtet Unfug. Die Nationalsozialisten machten hemmungslos Schulden, mehr

Jaques L. /

Hallo Libby,
Sie bestätigen durch Ihren letzten Beitrag, meine Vermutung, dass die Aufnahme von Inhalten nicht gegeben ist. Schön, dass ich Schulden nicht in die Ewigkeit mitnehmen kann.

Libby /

Auch wenn dieser Kommentar von mir wahrscheinlich nicht abgedruckt wird, so mchöte ich dennoch ausdrücken, dass ich die Ausländerfeindlichen Kommentare von Jacques L. unerträglich finde, und ihm gerne sagen würde, dass er NICHTS von seinem bürgerlichen Wohlstand in die Ewigkeit mitnehmen kann

Jaques L. /

Noch eine kleine Anmerkung zu "braun". Dem tonangebenden, linken Meinungskartell sind christliche Positionen grundsätzlich verhasst. "Bibeltreu" gilt hier als Schimpfwort, ist generell als rechts mehr

Claas Kaeseler /

Aus gegebenem Anlass weise ich an dieser Stelle nochmals darauf hin, dass sich die hier geäußerten Meinungen nicht mit der Meinung von ERF Medien decken (müssen). Wir schalten die Kommentare zwar frei, stimmen deshalb aber dem Inhalt nicht notwendigerweise zu.
Claas Kaeseler
Leiter ERF.de

Jaques L. /

Der Kommentar von Libby bestätigt die schlimmsten Befürchtungen über den geistigen und moralischen Zustand der deutschen Gesellschaft. Jeder Einwand, jedes Zögern in einer politisch-medial mehr

Libby /

Ich finde den Artikel sehr gut, danke Rebecca. Die Kommentare von Jaques L. bestätigen mir meine Sorge ueber Deutschland, dass immer mehr "besorgte Buerger" Wut auf Fluechtlinge haben und sich von mehr

fragezeichen /

Meine Tochter wird zwischenzeitlich sauer, wenn es heißt 'WIR' sind mitschuldig. Wenn man dieses doch recht schwammige 'WIR' durch ein 'ich' ersetzt, dann stellt sich schon die Frage 'Was kann ICH mehr

Jaques L. /

Hallo Ulrich,
danke für Deinen aufbauenden Kommentar. Mir ist schon klar, dass wir nicht weit auseinanderliegen. Was die Schuldenorgien angehen, würdest Du als Privatmann irgendwann keinen Kredit mehr

Ulrich H. /

Hallo Jaques,
ob der barmherzige Samariter wirklich solvent war, weiß ich nicht. Ich muß mir ein neues Auto kaufen, habe aber nicht genug Geld. Einen Teil leiht mir die Bank und dann gehe ich zum mehr

Jaques L. /

Hallo Ulrich,
nun, im Falle eines Bankrotts bzw. kurz davor, ist es nunmal so, dass der Spielraum für weitere Ausgaben bei Null angekommen ist. Würdest Du als Kaufmann aus lauter Nächstenliebe mehr

Ulrich H. /

Hallo Jaques,
als Kaufmann und Betriebswirt komme ich mit deiner Argumentation nicht ganz mit. Es geht auch irgendwo am Problem selber vorbei, weil es muß geholfen werden, es ist das Gebot der mehr

Jaques L. /

Hallo Ulrich,
danke für die Auseinandersetzung mit meinem Beitrag. Leider hast Du scheinbar die entscheidende Botschaft überlesen. Oder ich habe sie nicht deutlich genug herausgestellt. Es geht mir mehr

Ulrich H. /

Dem Beitrag von Jaques muss ich zumindest teilweise widersprechen. Ich teile seine Ansicht, dass wahrlich nicht jeder reich ist in Deutschland, viele Menschen leiden Not, nicht nur Flüchtlinge. Ich mehr

Rebecca Schneebeli / Redaktion /

Danke für die ehrlichen und zum Teil kritischen Rückmeldungen. Ich halte eine Hilfe in den Ursprungsländern auch für absolut notwendig. Anders lässt sich das Problem nicht lösen. Denn es stimmt: Alle mehr

Jaques L. /

Torsten ist uneingeschränkt zuzustimmen. Erstens ist unser ach so grenzenloser, auf die ganze Welt verteilbarer Wohlstand nicht wie Manna vom Himmel gefallen. Er wurde von unseren Eltern und mehr

Ulrich H. /

Es wird immer von Deutschland als einem "reichen Land" geredet. Das stimmt, auch wenn ein großer Teil nicht reich ist und immer mehr Familien und Kinder unter den Begriff "arm" fallen. Diese Armut mehr

Stefan M. /

Vielen Dank für diesen offenen und ehrlichen Kommentar.

Thomas N. /

Ja, so ist es. Aber radikale Nachfolge verträgt sich selten mit einem ruhigen bürgerlichen Leben. Die Welt wird sich verändern und uns in unserem Wohlstand stören. "What would Jesus do?"

Torsten /

Diese Menschen haben ihre Heimat nicht verloren, sondern sie haben sie verlassen. Und wer 12.000€ für die Schleuser aufbringen kann gehört zu den wenigen besser bemittelten Menschen in diesen mehr

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