/ Wort zum Tag
Im Grunde gut?
Die Bibelstelle Markus 9,31 – ausgelegt von Jürgen Werth.
Jesus sprach zu seinen Jüngern: Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen, und sie werden ihn töten: und wenn er getötet ist, so wird er nach drei Tagen auferstehen.
Er war ein bisschen kleiner und ein bisschen dicker als wir. Und er kam nicht aus unserer Stadt. Er wohnte außerhalb, auf einem Bauernhof. Also gehörte er nicht dazu, nicht so richtig. Wir haben ihn das spüren lassen, jeden Tag. Haben ihn nicht mitspielen lassen, haben ihn geärgert und gehänselt, geschubst und gekniffen, wann immer sich eine Gelegenheit bot. Nicht wirklich schlimm, aber schlimm genug. Das Wort „Mobbing“ kannten wir noch nicht. Doch das war’s wohl. Und soziale Netzwerke, auf denen wir ihn hätten bloßstellen können, gab es noch nicht. Doch wir hätten sie genutzt, gegen ihn genutzt, garantiert.
Wir waren acht und neun und zehn - eine ganz normale Schulklasse mit ganz normalen Kindern, und wir waren gemein.
Ist der Mensch gut? Ja, sagt der niederländische Journalist Rutger Bregman. Der hat ein Buch über diese Frage geschrieben. „Im Grunde gut“, heißt es. Seine These: Die Menschen hätten ihre jahrtausendelange Geschichte nicht überlebt, wenn sie nicht „im Grunde gut“ wären. Freundlich, kooperativ und hilfsbereit.
Ist der Mensch gut? Ich weiß nicht. Seit damals weiß ich wirklich nicht. Gib ihm ein Opfer, an dem er sein Mütchen kühlen kann, und du wirst ihn kennen lernen. Auch das haben die Jahrtausende immer wieder belegt.
Auch die Bibel stimmt zu. Am Ende der Sintflut etwa höre ich den lebendigen Gott seufzen: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ Und in Psalm 9 betet David: „HERR, steh auf, dass nicht Menschen die Oberhand gewinnen.“
Menschen sind launisch und egoistisch, sind eitel und rachsüchtig. Auf Menschen ist kein Verlass. Klar, sie sind auch freundlich, kooperativ und hilfsbereit. Aber nicht durchgängig und nicht immer. Sie sind wohl beides. Manchmal auf verstörende Art.
Man erzählt sich, dass der Lagerkommandant von Auschwitz, der hunderttausende Menschen quälen ließ und in die Gaskammern schickte, abends bei seinen Kindern ein liebevoller Vater war.
Wie geht das zusammen? Ich weiß es nicht.
Auch Jesus ist in die Hände der Menschen gefallen. Jesus hat es seinen Jüngern einmal so angekündigt: „Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen, und sie werden ihn töten.“ Die Hände der Menschen wenden sich immer wieder gegen Menschen. Sie schlagen, foltern, töten, wenn sie sich überlegen fühlen. Aber Jesus sagt seinen Jüngern noch mehr: „Und wenn er getötet ist, so wird er nach drei Tagen auferstehen.“ Anders gesagt: Menschen beschließen den Tod, Gott beschließt das Leben. Menschen verurteilen, Gott spricht frei.
In die Hände der Menschen fallen, ist gefährlich, vielleicht sogar lebensgefährlich. In die Hände Gottes fallen, ist lebensrettend. Denn er ist freundlich, kooperativ und hilfsbereit. Durchgängig und immer. Auf ihn kann ich mich verlassen.
Und er will, dass die, die an ihn glauben, auch so werden. Dass das Gute in ihnen immer stärker, und das Böse immer schwächer wird. Dass die Liebe immer mehr ihr Leben bestimmt. Frei nach Johannes dem Täufer: Er, Jesus, muss in mir wachsen, seine Barmherzigkeit, seine Menschenfreundlichkeit, und aller Egoismus, alle Eitelkeit, alle Rachsucht muss kleiner werden.
Dazu kann ich selber etwas tun. Ich kann Jesus immer neu in meine Gedanken und Gefühle bitten und in das, was ich tue und sage. Jeden Morgen neu. Ich bitte ihn, dass er heute in mir lebt, und dass er durch mich zu Wort kommt.
Übrigens habe ich 50 Jahre später bei meinem Klassenkameraden von damals um Entschuldigung gebeten. Das hat nichts ungeschehen gemacht. Aber es hat ihn und mich versöhnt. Es ist selten zu spät, Gutes gegen Böses zu setzen.
Ihr Kommentar
Kommentare (3)
Antwort auf die Frage von Thomas
Die Feinde Gottes werden so behandelt.
Wie Jesus unser Fels ist, auf dem wir sicher stehen im Glauben. So wird dieser Fels zum Stein des Anstoßes und den zermalmen, der Jesus verteufelt, seine Gottessohnschaft aberkennt....
Jes. 8,14-15
Rö 9,32 bis 33
Danke, dass Sie uns den Menschen, also uns selbst, mit so klaren Worten gezeigt haben. Vielen Dank für Ihre Arbeit.
Jürgen Werth sagt: "In die Hände der Menschen fallen, ist gefährlich, vielleicht sogar lebensgefährlich. In die Hände Gottes fallen, ist lebensrettend. Denn er ist freundlich, kooperativ und … mehrhilfsbereit. Durchgängig und immer. Auf ihn kann ich mich verlassen."
In Hebräer 10, 31 lese ich "Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!" (ELB). Das erscheint mir zum vorgenannten widersprüchlich und da hätte ich gerne mehr zu erfahren. Lieber wäre mir natürlich, wenn Gott tatsächlich durchgängig und immer freundlich, kooperativ und lebensrettend ist.