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Gottes „Muss“ hat göttliche Ziele!

Die Bibelstelle Apostelgeschichte 27,23-24 – ausgelegt von Gerhard Weinreich.

Paulus sprach: Diese Nacht trat zu mir der Engel des Gottes, dem ich gehöre und dem ich diene, und sprach: Fürchte dich nicht, Paulus, du musst vor den Kaiser gestellt werden: und siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir fahren.

Apostelgeschichte 27,23–24

Vielleicht sind Sie eben darüber gestolpert, dass der Engel Gottes zu Paulus sagte: „Du musst vor den Kaiser gestellt werden!“ Und haben sich gefragt: “Gibt es denn so ein göttliches Muss?“ Menschen beklagen sich oft: „Warum musste gerade ich so schwer erkranken?“ Oder: "Warum musste gerade ich so einen herben Verlust erleiden?" Es gibt ähnliche Fragen – meistens ohne Antwort. Ich bekam eine für mich als 25-jähriger Vikar beim ersten Hausbesuch in meiner ersten Gemeinde: einem alten Ehepaar, das in erbärmlichen Verhältnissen lebte! Die Frau klagte mir auch gleich ihre Not: „Wenn unser Sohn noch lebte, ginge es uns jetzt besser! Aber der wurde ja noch kurz vor Kriegsende mit seinem Flugzeug abgeschossen!" Ich versuchte, sie mit Worten der Bibel und des Glaubens zu trösten. Doch sie unterbrach mich bald: „Ach, Sie junger Spund, was verstehen denn Sie vom Leben!“ Daraufhin erzählte ich ihr, dass ich mit „17“ innerhalb von drei Wochen meine Eltern und viele Jahre zuvor meinen einzigen Bruder verloren habe. Sagte ihr, dass ich ohne Gottes Trost und Jesu Hilfe heute nicht bei ihr sitzen würde. Worauf sie zunächst lange schwieg, dann aber sagte: „Herr Vikar, jetzt glaube ich Ihnen auch, was sie mir von Gott und Jesus sagten!“ Im nächsten Moment ging mir auf: "Gerhard, deshalb musstest Du das Sterben dreier geliebter Menschen erleben, damit Du einmal Menschen in ihrer Trauer überhaupt verstehen und dann versuchen kannst, sie zu trösten!“

Was für ein Beginn meiner Vikarszeit! Jetzt verstand ich, dass Paulus in einem seiner Briefe schrieb: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.“ Was Paulus von Gott erkannte, mit ihm erlebte und dann seelsorgerlich tun konnte, hat mein Pfarrersleben geprägt. Mich auch den Satz des Philosophen Sören Kierkegaard begreifen lassen: „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts!“ Also erst im Rückblick auf finstere Täler oder herbe Einschnitte im Leben: ob sie mir nicht auch eine neue Sicht vom Leben schenken!

Ich denke an eine Cousine. Sie lag nach einem komplizierten Wadenbeinbruch wochenlang im Krankenhaus. Als ich sie besuchte, meinte sie: „Was mir bis jetzt enorm wichtig war, wurde mir auf einmal völlig nebensächlich. Und was für mich bisher total unwichtig war, bekam auf einmal einen hohen Stellenwert.“
Doch Sören Kierkegard sagte nicht bloß: „Verstehen kann man das Leben nur rückwarts“ sondern auch: „Leben muss man es aber vorwärts!“

Meine Mutter fiel mir ein, die 13 Jahre nach dem Tod meines Bruders sagte: „Jetzt bin ich über ihn hinweg. Ich suche meinen Jungen nicht mehr 1,60 Meter unter der Erde, sondern oben bei Gott! Wer weiß, wovor er mein Kind bewahren wollte.“ Was für eine Lektion, die meine Mutter damit von Gott lernte! So manche Lektionen von Gott lernte auch meine Frau in den Höhen und Tiefen ihrer jahrelangen Krebserkrankung. Sie lebte mir dabei vor, was das Leben „vorwärts leben“ heißt. Nämlich, je länger umso mehr mit dem Satz des Paulus im Herzen: „Ich vergesse, was dahinten ist und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.“

Dem Erreichen göttlicher Ziele soll jedes „Muss Gottes“ im Leben dienen! Paulus hat das erlebt. In Rom wurde er nur zu einem Hausarrest in eigener Wohnung verurteilt, konnte aber trotzdem ungehindert das Evangelium von Jesus Christus verkündigen! Und danach bekam Paulus vermutlich von Gott sogar einen langersehnten Wunsch erfüllt: nämlich nach Spanien reisen und auch dort missionieren zu dürfen! Einen Philipp Friedrich Hiller ließ das dichten: „HERR, was sind wir, dass du Engel uns zu unsern Wächtern gibst? Menschen sind wir voller Mängel, Menschen, die du dennoch liebst. Engel, die dich allzeit sehn, sollen uns zu Diensten stehn. Engel hüten uns als Kinder, heilge Engel schützen Sünder.“  (Lied: Herr Gott, dessen starke Rechte)

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