/ Wort zum Tag
Streitet nicht!
Die Bibelstelle 1. Mose 45,24 – ausgelegt von Rahel Haller.
Josef sprach zu seinen Brüdern: Zankt nicht auf dem Wege!
Die Losung der Herrnhuter Brüdergemeine für heute ist überschaubar und doch gehaltvoll. Um sie zu verstehen, betrachte ich den Kontext. Nach vielen Jahren der Trennung trifft Josef wieder auf seine Brüder. Er gibt sich ihnen nach einiger Zeit zu erkennen, denn die Brüder denken, er ist tot. Den Brüdern, die ihn vor einigen Jahren noch töten wollten und ihn dann nach Ägypten verkauft haben. Puh, das wird bei allen Beteiligten viele Emotionen hervorrufen. Freude, dass der verloren geglaubte Bruder vor ihnen steht. Erstaunen, dass Josef ein so mächtiger Mann in Ägypten geworden ist. Erleichterung, dass er nicht tot ist, sondern lebt. Aber auch Scham über die vergangenen Taten und Unbehaglichkeit, den Bruder nun um Hilfe zu bitten. Wahrscheinlich sind es noch viel mehr Gefühle und Gedanken, die Josef und seine Brüder in dem Moment bewegen. Deshalb ist die Ermahnung, „Zankt nicht auf dem Wege“ von Josef durchaus berechtigt. Seine Brüder treten den langen Heimweg an und werden dem Vater Jakob die guten Nachrichten über Josef überbringen und Nahrung mit nach Hause bringen, die der ganzen Familie in der Hungersnot das Leben rettet.
Auf einem langen Weg kann man viel nachdenken, viel reden und auch viel streiten. Die Brüder können sich Fragen stellen wie „Wer hatte damals die größte Schuld?“ oder „Warum haben die anderen nicht von der Tat abgehalten?“. Weil Josef das weiß, ermahnt er seine Brüder, vergangene Taten nicht den weiteren Weg bestimmen zu lassen. Er will nicht, dass die Schuld der Brüder, ihr Verrat damals und die neue Erkenntnis, dass Josef doch lebt, Anlass für Streit und Sünde sind. Josef will von der Schuld und der Vergangenheit der Brüder auf die Zukunft lenken und das, was Gott tun will. Durch die ganze Geschichte zeigt sich nämlich, dass Gott es gut mit Josef gemeint hat. Obwohl er weit weg von seinem Zuhause und seiner Familie war. Gott hat Josef gesegnet und ihm durch seine Gunst eine Position gegeben, die es ihm nun ermöglicht, die ganze Familie zu retten.
Ist das nicht ironisch? Aus einem Mordversuch schafft Gott Rettung für eine ganze Familie. Das erlebt Josef und möchte nun seine Brüder nicht mit Scham und Streit auf den Weg schicken, sondern mit der Güte Gottes. Und davon können auch Sie und Ich heute etwas aus diesem Vers und der Geschichte mitnehmen. Wir alle sind Menschen, die nicht perfekt sind und oft Dinge tun, die die Bibel Sünde nennt und die Gott nicht gefallen. Vielleicht haben Sie nicht unbedingt ihre Geschwister nach Ägypten geschickt. Aber gerade, wenn ich an Familie denke, gibt es viele Momente, in denen ich ähnliche Gedanken wie Josefs Brüder hatte. Wo ich neidisch war, durch Worte verletzt habe oder meine Familie nicht so behandelt habe, wie es Gott gefällt. Auch hier gilt dasselbe Prinzip: Schuld und Scham der Vergangenheit muss durch das Evangelium und die Vergebung von Jesus Christus nicht die Zukunft bestimmen. Auch für uns gilt: „Zankt nicht auf dem Wege“, wenn unser Herz uns mit Vorwürfen konfrontiert. Oder wenn wir anderen ihre Sünde weiter vorhalten. Wir dürfen loslassen und uns auf Gott verlassen, der aus Wunden Wunder machen kann und unsere Sünde an anderen Menschen immer noch zum Guten wenden kann. Er ist derselbe Gott heute wie damals bei Josef. Und durch Jesus schenkt er uns Vergebung, die wir in Anspruch nehmen dürfen. Sodass wir auf unserem weiteren Weg Vergangenes loslassen und auf Gottes Eingreifen hoffen.
© Ruth Schneider / ERF
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