/ Wort zum Tag
Ein lauterer Wettbewerb
Die Bibelstelle Römer 12,10 – ausgelegt von Siegfried Meier.
Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
Tipps zum Verhalten kenne ich aus der Kindheit. Sie bestimmt auch und fragen sich dann, warum das entweder heute kaum noch zieht oder warum sich so wenige daran halten. Denn das Zusammenleben wird dadurch erschwert, dass die einen sich für vollkommen halten, die anderen aber meinen, sie können tun und lassen, was immer sie wollen. Und dank der Smartphones ist alles viel einfacher geworden, sich danebenzubenehmen. Oder liegt es nur daran, dass ich nicht anschaulich genug sage, was ich erwarte?
Wer also seinen Kindern sagt „Benehmt euch anständig bei Onkel Tobi!“ hat sicher seine Vorstellung davon, was gemeint ist, könnte aber auch gleich deutlich und deutsch sagen: „Sagt nicht bei jedem Kuchen ‚Äääh!, hört zu, wenn einer mit euch spricht und kommentiert nicht alles mit ‚cool’ oder ‚geil’!“
Im familiären Rahmen haben wir da unsere Umgangsformen, aber wie sieht das in der Gemeinde aus? Schließlich kamen von Anfang an Männer, Frauen und Kinder aus unterschiedlichen Häusern zusammen, manche arm, manche reich, manche gebildet, andere weniger. Paulus zum Beispiel war daran gelegen, dass nicht die Herkunft plötzlich wieder einen Keil in die Gemeinde treibt, sondern dass alle in Jesus Christus verbunden sind, der diese gesellschaftlichen Unterschiede unwichtiger macht.
Und so schreibt Paulus im Römerbrief unter anderen – und das ist das ist der Bibelvers für heute (Römer 12, 10): Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
Und was heißt Ehrerbietung? Vor Jahren hat Klaus Teschner diesen Abschnitt mal mit einer Wuppertaler Studentengruppe vom Deutschen ins Deutsche übersetzt und schreibt: „Setzt in der Gemeinde nicht nur eine freundliche Maske auf. Eure Zuneigung zueinander soll echt und natürlich sein. Meidet alles, was zerstörerisch sein könnte. Lasst erkannte Aufgaben nicht so lange auf sich beruhen. Des Teufels liebstes Möbelstück ist die lange Bank. Seid von und für Christus begeistert. Tut, was heute getan werden muss. Freut euch, wenn ihr an eure Zukunft mit Christus denkt. Wenn ihr an manchen Tagen nicht recht froh werden könnt(et), so haltet auch das aus. Hört nicht auf, die Stille vor Gott zu suchen. Seid nicht gleichgültig, wenn andere Christen leiden. Ihr sollt ein offenes Haus und ein offenes Herz haben. Verdammt nicht diejenigen, die euch Schwierigkeiten machen. Wünscht ihnen Gottes Güte, und wünscht sie nicht weg von euch und weg von Gott. Wünscht sie nicht zum Teufel. Wenn einer glücklich ist, dann lasst ihn spüren, dass ihr es ihm gönnt. Wenn einer vor lauter Traurigkeit nicht mehr kann, dann seid dabei. Euer Herzensanliegen sei eure innere Gemeinsamkeit. Habt nicht immer wieder einen Hang zum Spektakulären, sondern richtet euren ganzen Sinn auf das Unscheinbare. Kommt euch selbst nicht vor wie Schlaumeier.“
Wenn ich dem anderen mit „Ehrerbietung“ zuvorkomme, dann achte ich ihn höher als mich selbst, ich sehe den anderen höher als mich und zeige das auch. Aber warum sollte ich das tun? Weil Jesus Christus selbst so gehandelt hat. Er hätte uns ja alle links liegenlassen können. Was hat der Sohn Gottes mit den Menschen zu tun? Aber er hat uns nicht links liegengelassen, er achtet auf den einzelnen, wie wenig anschaulich der oder die auch sein mag. Und hat darin die große, überwältigende Liebe Gottes gezeigt. Er wendet sich uns zu. Das ist wie eine große Ehre – und das wissen wir auch, wie das auf uns wirkt, wenn jemand, den wir bewundern, der nie an unserer Tür klingeln würde, sich nun uns zuwendet und uns mit unserem Namen anspricht. Und Paulus sagt: macht da doch ruhig einen Wettbewerb draus. Einer komme dem anderen in Ehrerbietung zuvor. Macht ihr den ersten Schritt. Ihr werdet schon sehen, wie das in der Gemeinde Jesu Christi wirkt.
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