/ Bibel heute
Mehr als ein Handy
Der Bibeltext Hebräer 7,11-22 – ausgelegt von Kerstin Brunner.
Wäre nun die Vollendung durch das levitische Priestertum gekommen – denn unter diesem hat das Volk das Gesetz empfangen –, wozu war es dann noch nötig, einen andern als Priester nach der Ordnung Melchisedeks einzusetzen, anstatt einen nach der Ordnung Aarons zu benennen? Denn wo das Priestertum verändert wird, da muss auch das Gesetz verändert werden. Denn der, von dem das gesagt wird, der ist von einem andern Stamm, von dem nie einer am Altar gedient hat.[...]
Vom alten Handy zum Smartphone: Ein Bild für den Glauben
Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Handy? Ich schon!
1996 – Ich schreibe meiner Freundin eine SMS. Ich muss mich kurzfassen, da ich nur 160 Zeichen nutzen kann, sonst fängt eine weitere SMS an, die weitere Kosten verursacht. Wir waren damals sehr erfinderisch, um die „kostbaren“ 160 Zeichen sinnvoll zu nutzen. Nur Buchstaben, Zeichen und eben Leerzeichen. Damals konnte man mit einem Handy im Großen und Ganzen telefonieren und Textnachrichten verschicken. Auch mit dem Empfang war es recht simpel: Man hatte entweder Empfang oder eben keinen Empfang.
2026 – heute kann ich meiner Freundin mit meinem Smartphone nicht nur Textnachrichten, sondern auch Emojis, Sprachnachrichten, Videos und Dokumente schicken. Wenn ich will, kann ich ständig online sein, mich über Mobilfunk, WLAN und Internet verbinden, die Navigation nutzen, Nachrichten aus aller Welt empfangen oder jederzeit direkten Zugang zu Menschen und Informationen haben. Beide Geräte dienen der Kommunikation, aber das Smartphone eröffnet eine viel tiefere und umfassendere Form der Verbindung.
Dieses Bild hilft, einen Gedanken aus dem Hebräerbrief zu verstehen. Dort wird erklärt, dass Gott schon im Alten Testament Wege geschaffen hat, damit Menschen mit ihm in Beziehung leben können. Doch diese Wege sind wie das „aIte Handy“: echt, wichtig und von Gott gegeben – aber noch nicht die endgültige Lösung. Sie weisen auf etwas Größeres hin.
Melchisedek – ein rätselhafter Vorausblick
Eine zentrale Figur dabei ist Melchisedek. Melchisedek begegnet mir nur kurz in der Bibel (1. Mose 14). Er ist zugleich König von Salem und Priester Gottes, des Höchsten. Abraham begegnet ihm nach einer Schlacht, Melchisedek segnet ihn, und Abraham gibt ihm den Zehnten. Viel mehr erfahre ich nicht über ihn – keine Abstammung, kein Anfang oder Ende seines Dienstes. Gerade diese geheimnisvolle Rolle macht ihn im Hebräerbrief zu einem wichtigen Hinweis auf Jesus. Melchisedek steht für ein Priestertum, das nicht von Herkunft oder Familienlinie abhängt, sondern direkt von Gott kommt.
Um zu verstehen, warum das so bedeutend ist, muss ich wissen, welche Aufgaben ein Priester – besonders ein Hohepriester – im Alten Testament hat. Priester sind Vermittler zwischen Gott und Menschen. Sie helfen dem Volk, mit Gott in Beziehung zu bleiben, obwohl Schuld und Sünde diese Beziehung immer wieder belasten. Eine zentrale Aufgabe ist der Opferdienst im Heiligtum. Menschen bringen Opfer dar, um ihre Schuld vor Gott zu bekennen und Vergebung zu erbitten. Tiere werden stellvertretend geopfert, weil Sünde Konsequenzen hat und Versöhnung nicht einfach übergangen werden kann.
Der Priester führt diese Opferhandlungen aus und zeigt damit: Der Mensch braucht Hilfe, um vor Gott bestehen zu können. Die wichtigste Handlung im ganzen Jahr ist der Versöhnungstag (Jom Kippur). Nur an diesem einen Tag darf der Hohepriester das Allerheiligste betreten – den innersten Raum des Heiligtums, der Gottes Gegenwart verkörpert. Dort bringt er Opferblut dar, zuerst für seine eigene Schuld und dann für die Schuld des ganzen Volkes. Dieser Tag macht deutlich: Die Beziehung zu Gott ist möglich, aber sie bleibt begrenzt und muss immer wieder erneuert werden.
Eine weitere Aufgabe ist die Fürbitte für das Volk. Der Hohepriester tritt stellvertretend für andere vor Gott ein. Auf seinem Brustschild trägt er die Namen der zwölf Stämme Israels – ein Zeichen dafür, dass er das ganze Volk vor Gott vertritt. Die Menschen selbst können Gott nicht unmittelbar im Heiligtum begegnen; der Priester übernimmt das für sie.
All diese Aufgaben zeigen: Das alte Priestertum ist notwendig, aber auch unvollständig. Die Opfer müssen ständig wiederholt werden. Der Zugang zu Gott bleibt eingeschränkt. Nur wenige dürfen sich ihm räumlich nähern, und selbst der Hohepriester nur einmal im Jahr.
Jesus – der vollkommene Priester
Hier setzt der Hebräerbrief an und vergleicht Melchisedek mit Jesus. Melchisedek ist Priester ohne bekannte Abstammungslinie – sein Amt scheint direkt von Gott zu kommen. Genau darin sieht der Hebräerbrief ein Vorausbild für Jesus. Auch Jesus wird nicht Priester aufgrund seiner Herkunft aus dem Stamm Levi, sondern durch Gottes Berufung selbst. Doch Jesus ist mehr als ein weiterer Priester. Während die alten Priester immer wieder Opfer darbringen, bringt Jesus ein einziges Opfer – sich selbst. Damit verändert sich alles. Das Opfer muss nicht wiederholt werden, weil es endgültig gilt. Versöhnung wird nicht mehr jedes Jahr neu hergestellt, sondern dauerhaft möglich. Durch Jesu Tod am Kreuz.
Auch der Versöhnungstag bekommt eine neue Bedeutung. Jesus geht nicht in ein irdisches Heiligtum, sondern – so beschreibt es der Hebräerbrief – direkt in Gottes Gegenwart. Er öffnet damit einen Zugang, der vorher verschlossen war. Der Vorhang zwischen Gott und Mensch wird aufgehoben. Die Verbindung zu Gott wird nicht mehr durch räumliche Grenzen oder bestimmte Zeiten eingeschränkt. Ebenso verändert sich die Fürbitte. Jesus tritt weiterhin für Menschen ein, aber nicht nur stellvertretend aus der Distanz. Er kennt menschliches Leben aus eigener Erfahrung, weil er selbst Mensch geworden ist. Seine Fürsprache bedeutet: Menschen dürfen jederzeit zu Gott kommen, ohne einen menschlichen Vermittler aufsuchen zu müssen.
Dauerhafte Verbindung zu Gott – die Botschaft für heute
Hier wird das Bild vom Handy und Smartphone wieder verständlich. Das alte Priestertum ist wie ein funktionierendes, aber begrenztes Kommunikationsmittel. Es zeigt, dass Verbindung zu Gott möglich ist, aber sie blieb indirekt und eingeschränkt. Mit Jesus beginnt eine neue Dimension der Beziehung: Er ermöglicht eine dauerhafte Verbindung zu Gott, unmittelbaren Zugang und eine Verbindung, die nicht ständig neu hergestellt werden muss.
Durch Jesus entsteht eine neue und ganz wunderbare Möglichkeit für alle Menschen: Gott ist nicht mehr nur im Heiligtum erreichbar, sondern im Alltag. Gebet ist jederzeit möglich. Gott ist 24 Stunden, 7 Tage die Woche erreichbar. Vergebung hängt nicht mehr von wiederholten Opferhandlungen ab. Die Beziehung zu Gott wird persönlich, direkt und dauerhaft.
Der Hebräerbrief will damit keine Abwertung der Regeln des Alten Testaments zeigen, sondern deren Erfüllung. Melchisedek weist voraus – Jesus ist der Vollender. Was vorher angekündigt wird, wird in Jesus Wirklichkeit. Die Verbindung zu Gott ist nicht länger begrenzt wie bei einem alten Gerät mit schwachem Empfang, sondern offen, lebendig und dauerhaft. Und genau darin liegt die Hoffnung des christlichen Glaubens: Der Zugang zu Gott steht offen – nicht aufgrund menschlicher Leistung, sondern weil Jesus selbst die Brücke geworden ist. Er hat den Weg frei gemacht, damit jeder Mensch Gemeinschaft mit Gott haben und die Vergebung der Sünde erfahren kann.
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