/ Bibel heute
Glauben im Wechselbad der Gefühle
Der Bibeltext Hebräer 6,9-20 – ausgelegt von Günther Röhm.
Was aber euch angeht, ihr Lieben, sind wir vom Besseren überzeugt und von dem, was Rettung bringt, auch wenn wir so reden. Denn Gott ist nicht ungerecht, dass er vergäße euer Werk und die Liebe, die ihr seinem Namen erwiesen habt, indem ihr den Heiligen dientet und noch dient. Wir begehren aber, dass jeder von euch denselben Eifer beweise, die Hoffnung festzuhalten bis ans Ende,[...]
Der Schrecken des Abfalls und die Wende zur Gewissheit
Was ich vorgestern im Hebräerbrief in der fortlaufenden Bibellese gelesen habe, ließ mir einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen. Da hieß es: „Denn es ist unmöglich, die, die einmal erleuchtet worden sind und geschmeckt haben die himmlische Gabe und Anteil bekommen haben am Heiligen Geist und geschmeckt haben das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt und dann abgefallen sind, wieder zu erneuern zur Buße, da sie für sich selbst den Sohn Gottes abermals kreuzigen und zum Spott machen.“ (Hebräer 6, 5-6)
Im heutigen Abschnitt schlägt der Schreiber einen ganz anderen Ton an: „Was aber euch angeht, ihr Lieben, sind wir vom Besseren überzeugt und von dem, was Rettung bringt, auch wenn wir so reden.“
Das ist wie eine warme, angenehme Dusche auf den eiskalten Schauer von vorgestern.
Ich frage mich: Warum werden wir Leser und Hörer des Hebräerbriefes von dem Schreiber des Briefes in dieses Wechselbad der Gefühle gestürzt? Gerade schreibt er noch, dass es für jemanden, der vom Glauben an den auferstandenen Jesus Christus abgefallen ist, keinen Weg zurück gibt. Um im nächsten Satz zu sagen: Das gilt nicht für Euch!
Weiß der Schreiber nicht, wie viele Christen er damit in tiefe seelische Nöte stürzt?
Weiß der Schreiber nicht, wie viele Christen mit der ständigen Angst leben, von Gott verworfen zu sein?
Gottes Gerechtigkeit und die Grundlage des Glaubens
Beim Nachdenken über diese Fragen entdeckte ich, dass der Schreiber genau um diese Fragen weiß. Denn er schreibt: (Ich zitiere aus der Übersetzung Hoffnung für alle): „Denn Gott ist nicht ungerecht. Er vergisst nicht, was ihr getan habt und wie ihr aus Liebe zu ihm anderen Christen geholfen habt und immer noch helft. 11 Wir haben nur einen Wunsch: Jeder von euch soll mit diesem Eifer an der Hoffnung festhalten, dass sich einmal alles erfüllt, was Gott versprochen hat. Ja, haltet daran fest, bis ihr das Ziel erreicht! 12 Werdet in eurem Glauben nicht träge und gleichgültig, sondern folgt dem Beispiel der Christen, die durch ihr Vertrauen zum Herrn standhaft geblieben sind und alles erhalten werden, was Gott zugesagt hat.“ (Hebräer 6, 10-12)
„Gott ist nicht ungerecht“ – das bedeutet – und darauf kommt es an – es liegt in der Sache des Glaubens an Gott und nicht an jemandes Wollen oder Laufen oder Tun. Niemand erreicht das Ziel des Glaubens aus eigener Kraft, sondern allein durch Gottes Erbarmen.
Wenn ein Mensch erleuchtet wird und zum Glauben an Jesus Christus kommt, dann kommt er nicht aus seinem reichlichen Nachdenken und Abwägen zum Glauben an Jesus Christus, sondern allein durch Gottes Gnade und Erbarmen. Martin Luther hat das klassisch in seiner Erklärung zum dritten Glaubensartikel so ausgedrückt: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten, einigen Glauben; …“
Wer auf diese Weise das Wort Gottes hört und ihm folgt und sich Jesus Christus zuwendet, der oder die setzt sich zwangsläufig für die Sache Gottes in dieser Welt ein. Dieser Einsatz für die Sache Gottes geschieht aus völlig freien Stücken. Da wird nicht zwanghaft eine Pflicht erfüllt. So wie sich Eltern normalerweise aus völlig freien Stücken für ihre Kinder einsetzen, oder so wie sich Liebende füreinander einsetzen.
Abrahams Vertrauen als Vorbild
Darum nimmt der Schreiber des Hebräerbriefes ein Beispiel aus dem Alten Testament: „Denn als Gott dem Abraham die Verheißung gab, schwor er bei sich selbst, da er bei keinem Größeren schwören konnte, 14 und sprach: »Wahrlich, ich will dich segnen und mehren.« 15 Und so wartete Abraham in Geduld und erlangte die Verheißung.“ (Hebräer 6, 13-15)
Gott hat Abraham aus freien Stücken berufen und zum Stammvater für das Volk Israel bestimmt. Um seine Berufung und Verheißung zu bestätigen, hat Gott bei sich selbst geschworen. Abraham konnte sich dem vollmächtigen Ruf Gottes nicht entziehen. Er ist im Vertrauen auf Gott die weiteren Schritte in seinem Leben gegangen. Durch sein Vertrauen gegenüber Gott wurde Abraham der Stammvater Israels und auch der geistliche Vater all derer, die ihr Vertrauen nicht auf sich selbst, sondern ganz auf Gott und Jesus Christus setzen.
Gottes doppelter Schwur als fester Anker der Hoffnung
Christen, die angefochten sind und zweifeln, ob sie das Ziel des Glaubens erreichen, denen schwört Gott doppelt. Ich zitiere nochmals aus der Übersetzung Hoffnung für alle: „Auch Gott hat sein Versprechen mit einem Eid bekräftigt. So haben wir, denen seine Zusagen gelten, die unumstößliche Gewissheit, dass er sie auch einlöst. 18 Und weil Gott niemals lügt, haben wir jetzt zwei Tatsachen, auf die wir uns felsenfest verlassen können. Gottes Zusage und sein Eid ermutigen und stärken alle, die an der von Gott versprochenen Hoffnung festhalten. 19 Diese Hoffnung ist für uns ein sicherer und fester Anker, der hineinreicht in den himmlischen Tempel, bis ins Allerheiligste hinter dem Vorhang. 20 Dorthin ist uns Jesus vorausgegangen. Er ist unser Hohepriester für alle Zeiten – wie es Melchisedek war.“ (Hebräer 6, 17-20)
Ich verstehe das so: Ein Christ hat den Ruf Gottes gehört und ist ihm gefolgt. Er setzt sich für die Sache Gottes in dieser Welt ein. Er will sich damit nicht den Himmel verdienen, sondern er weiß: Jesus Christus ist ihm in den Himmel vorausgegangen. Jesus Christus ist der Hohepriester, der Gott vor den Menschen und die Christen vor Gott vertritt.
Darum kann ein Christ mit Martin Luther seinen Glauben bekennen: „Mir ist es bisher wegen angeborener Bosheit und Schwachheit unmöglich gewesen, den Forderungen Gottes zu genügen. Wenn ich nicht glauben darf, dass Gott mir um Christi willen dieses täglich beweinte Zurückbleiben vergebe, so ist’s aus mit mir. Ich muss verzweifeln. Aber das lass ich bleiben. Wie Judas an den Baum mich hängen, das tue ich nicht. Ich hänge mich an den Hals oder Fuß Christi wie die Sünderin. Wenn ich auch noch schlechter bin als diese, ich halte meinen Herrn fest. Dann spricht Christus zum Vater: ‚Dieses Anhängsel muss auch durch. Es hat zwar nichts gehalten und alle Deine Gebote übertreten. Vater, aber er hängt sich an mich. Was soll’s, ich starb auch für ihn. Lass ihn durchschlupfen!‘“
Das soll mein Glaube sein.
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