/ Bibel heute
Geformt von Gottes Händen
Der Bibeltext Psalm 119,73-80 – ausgelegt von Jochen Schenk.
Deine Hände haben mich gemacht und bereitet; unterweise mich, dass ich deine Gebote lerne. Die dich fürchten, sehen mich und freuen sich; denn ich hoffe auf dein Wort. HERR, ich weiß, dass deine Urteile gerecht sind; in deiner Treue hast du mich gedemütigt.[...]
Von Gottes Hand gemacht
Mussten Sie schon einmal einen Psalm abschreiben? Als Strafarbeit? Ich schon. Aufgebrummt wurde mir Psalm 118. Mittellang, sehr schöner Psalm. Ich hatte aber eine andere Idee. Könnte ich vielleicht nicht auch den Psalm 117 …? Auch sehr schön und nur zwei Verse lang. Die Religionslehrerin war schlagfertig und drohte mir Psalm 119 an. 176 Verse. Prinzipiell finde ich es eher schwierig, Psalmen als Strafarbeit zu verhängen. Obwohl: Manche wirken vielleicht wie eine Art Strafarbeit, wenn ich sie bete. Da macht unser Textabschnitt keine Ausnahme.
Ausnahme. Der Anfang ist erst mal großartig:
Psalm 119, Vers 73: Deine Hand hat mich gemacht und bereitet; unterweise mich, dass ich deine Gebote lerne.
Die Hand Gottes: Sie hat das Startsignal für diese Welt gegeben und sie winkt die Weltgeschichte irgendwann ab. Anfang und Ende liegen in seiner Hand. Er hat’s im Griff. Seine Hand hat auch mich gemacht.
Wenn es eine entscheidende Sache gibt, die ich nie vergessen darf, dann diese. Jürgen Werth hat es großartig zusammengefasst: Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur, ganz egal, ob Du dein Lebenslied in Moll singst oder Dur. Du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu, du bist du, das ist der Clou. Ich bin ein Gedanke Gottes und seine Hände haben mich geformt. Ich bin gewollt, begabt und geliebt. Ich bin ein Werk des größten Meisters. Durch seine Hand wurde ich nicht nur irgendwann einmal geschaffen. Ich lasse mich heute in sie fallen. Er ist mein Halt. Beim Turnen gibt es die Hand-Hilfestellung. Sie soll vor Verletzungen schützen und Bewegungsabläufe einüben. Genau so begebe ich mich auch in Gottes Hand: Unterweise mich, dass ich deine Gebote lerne. Die Gute-Nachricht-Übersetzung gibt es so wieder:
HERR, hilf mir, deinen Willen zu verstehen!
Wenn ich mir bewusst bin: Ich bin von Gottes Hand gemacht und ich nach Gottes Willen frage: Dann kann mein Leben gelingen.
Das gilt dann nicht nur für mich selbst, sondern ich strahle das auch aus.
Hoffnung, die aus Gottes Wort ausstrahlt
Vers 74:
„Die dich fürchten, sehen mich und freuen sich; denn ich hoffe auf dein Wort.“
Es gibt Menschen, die betreten einen Raum und die Sonne geht auf. Und es gibt Sonnenfinsternisse auf zwei Beinen. Wenn sie sich nähern, dann wird es nicht nur dunkel, sondern kalt. Die Menschen aber, die sich Hoffnung aus Gottes Wort holen, geben diese weiter. Sie strahlen das aus, dem sie sich selbst ausgesetzt haben.
Die erfahrene freundliche Nähe Gottes wirkt ansteckend.
Gnade als Trost und Training
Jetzt kommt ein echt abgefahrener Vers. Vers 75:
„HERR, ich weiß, dass deine Urteile gerecht sind; in deiner Treue hast du mich gedemütigt.“
Dieser Vers ist kein Klagevers. Ich war kürzlich bei einer Hochzeit und habe zwei sehr bewegende Eheversprechen gehört. Das hier wäre doch mal was anderes: Du darfst mich immer beurteilen und demütigen. Mach, was Du willst. Als Eheversprechen echt gewagt, nicht aber im Vertrauen auf Gott. Im Wissen, dass ER gerecht entscheidet und mich nicht leiden lässt, um mir zu schaden. Gott ist barmherzig und gnädig, das lerne ich in den beiden folgenden Versen. Das kann ich in meinem Leben lernen, besser gesagt: trainieren. Ich lerne es nicht durchs Bibelstudium, sondern durch Glaubenspraxis. Mein HERR ist mein Trainer, der mir zeigt, wie es geht. ER macht es mir vor. Als der Fußballer Xabi Alonso noch Trainer bei Bayer Leverkusen war, hat mich eine Szene fasziniert. Nicht, wie er Anweisungen gibt, wie er einen Matchplan erklärt, wie er coacht. Sondern, wie er im Training eine millimetergenaue Flanke geschlagen hat. Er hat seinen Spielern nicht nur etwas erklärt, er hat es genial vorgeführt. So will mich auch mein HERR führen. Psalm 119, Vers 76 und 77:
„Deine Gnade soll mein Trost sein, wie du deinem Knecht zugesagt hast. Lass mir deine Barmherzigkeit widerfahren, dass ich lebe; denn ich habe Freude an deinem Gesetz.“
Ich bin sein Knecht. Ein Wort, das wieder nach Unterdrückung und Demütigung klingt. Das kommt aber – und zwar ausschließlich – auf den Herrn des Knechtes an. Wenn der ihn gut behandelt, ordentlich bezahlt und wertschätzt, dann bin ich gerne Knecht. Mir bleibt eindrücklich die Erinnerung an den Fahrer eines wichtigen Mannes. Der Fahrer hat Stolz und Würde ausgestrahlt. Ich bin der Fahrer vom Herrn Soundso. Etwas vom Glanz seines Dienstherrn hat auf ihn ausgestrahlt. Es ist ihm eine Ehre. Er ist stolz und hat Grund dazu. Nicht so die, von denen der Beter jetzt berichtet:
„Ach, dass die Stolzen zuschanden würden, die mich mit Lügen niederdrücken! Ich aber sinne nach über deine Befehle.“
Gottes Wort und eine tragende Gemeinschaft
Die unverdientermaßen Stolzen regieren mit ihren Lügen unsere Welt. Aber ich habe die Gewissheit, dass es jeder eines Tages bereuen wird. Wer immer Druck auf andere ausübt, bekommt irgendwann den Gegendruck zu spüren. Eines Tages können sie keinen Druck mehr ausüben und dann kommt alles zurück. Die Lügen werden ein Ende finden. Was für ein Segen, wenn ich mit dem Kontakt habe, der die Wahrheit ist.
Dessen Befehle kann ich gut befolgen. Sie haben nichts mit Befehlen zu tun, denen bedingungslos Folge geleistet werden muss. Egal, ob diese Befehle mir schaden oder nicht. Solche Befehle sind meist unfreundlich, kurz und bündig. Sie werden gerne geschrien, um der Sache Nachdruck zu verleihen. Beim Militär traut sich das so schnell keiner, aber außerhalb des Militärs sagt man ja: Wer schreit, hat Unrecht. Wer sich nicht anders zu helfen weiß, ist unsicher. Er verbirgt seine eigene Schwäche damit. Bei unserem Herrn gibt es keine Schwäche. Sein Wort schreit uns nicht an. Es kommt auf leisen Sohlen. Es ist das mächtigste Wort der Welt. Leise, aber an Relevanz nicht zu überbieten. Gottes Wort eben. Die Autorität, sehr weitsichtig und weise. Anbetungswürdig.
In den letzten beiden Versen wünscht sich der Beter so eine Anbetungsgemeinschaft: Vers 79 und 80:
„Ach, dass sich zu mir hielten, die dich fürchten und deine Mahnungen kennen! Mein Herz bleibe rechtschaffen in deinen Geboten, damit ich nicht zuschanden werde.“
Der Beter wünscht sich, bei seinem Herrn und seinen guten Ordnungen für sein Leben zu bleiben. Das wünsche ich mir und Ihnen auch. Wenn ich mich mal davon entfernt habe, empfängt er mich immer wieder – ohne Strafarbeit mit offenen Armen.
© Ruth Schneider / ERF
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