13.04.2026 / Andacht

Muss ich jedes Stoppschild mitnehmen?

Oder: Wie du dir unnötig das Leben schwermachst, indem du alles auf dich beziehst. Eine Andacht.

Ich komme gut durch heute. Noch zweieinhalb Stunden auf Autobahn und Landstraßen, dann bin ich bei meinen Eltern. Zweimal im Jahr nehme ich mir diese Auszeit – ohne Mann und Kinder. Der Morgen lief erstaunlich rund: Die Hasen sind nicht verhungert, die Mädels angezogen (über modische Details sprechen wir ein anderes Mal), und ich sitze halbwegs pünktlich im Auto. Läuft.

Während ich so vor mich hinfahre, rolle ich in einen einspurigen Baustellenbereich – und sehe es schon von weitem: ein großes, rotes Stoppschild. Mitten auf der Autobahn.

Ich bin irritiert. Soll ich jetzt ernsthaft eine Vollbremsung hinlegen? Ich fahre vorsichtig weiter und beobachte die anderen Wagen vor mir. Keine Bremslichter. Keine Panik. Und dann dämmert es mir: Das Schild gehört zur Baustellenausfahrt rechts von uns. Es hat rein gar nichts mit mir zu tun.

Ich atme durch und denke mir: Wie oft in meinem Leben zucke ich innerlich zusammen, obwohl die Aufforderung gar nicht an mich gerichtet war?

Die Sache mit den inneren Vollbremsungen

Ein Satz, ein Blick, ein Kommentar – und schon rattern in meinem Kopf die Zahnräder: Was habe ich falsch gemacht? Warum meint er das jetzt gerade so? Was muss ich ändern? 

Und es gibt ja nicht nur Stoppschilder, sondern auch noch „Vorfahrt gewähren“, „Schleudergefahr“, „Überholverbot“ oder „Einbahnstraße“. Und, ganz wichtig: die Sackgasse.  

Es ist, als würde mein System ständig davon ausgehen: Wenn irgendwo ein Schild steht, dann gilt es wahrscheinlich mir. Sicherheitshalber.

Zum Beispiel im Gottesdienst: Ich höre eine Predigt und komme mit einer To-do-Liste wieder raus: Mehr beten. Mehr vertrauen. Mehr loslassen. Mehr von allem.

Oder im Büro:. Der Chef sagt im Meeting: „Ich hätte mir gewünscht, dass ihr euch besser in die Thematik einarbeitet.“ Ich sitze da mit meinen 75 Prozent an Wissen und fühle mich ertappt. Dann gehe ich nach Hause, wo mein Mann die Bemerkung macht: „Der Flur müsste mal wieder geputzt werden.“ In meinem Kopf wird daraus: „Warum hast DU das nicht längst gemacht?“

Gerade sensible Menschen haben eine besondere Antenne für Zwischentöne. Sie hören mehr als andere und fühlen sich schnell verantwortlich für Stimmungen, Erwartungen und Worte. Sie sind innerlich ständig auf Empfang. Das Problem ist: So fährt es sich anstrengend durchs Leben. Kein Wunder, dass das müde macht.

Nicht jeder Impuls ist eine persönliche Lebensaufgabe

Ein Satz aus der Bibel ist für mich in diesem Zusammenhang sehr entlastend. Der Apostel Paulus schreibt:

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest und lasst euch nicht wieder unter das Joch der Knechtschaft bringen.“ (Galater 5,1)

Eigentlich meint Paulus hier die Last des Alten Bundes – das waren all die Gesetze, an die sich die Juden halten mussten. Durch Jesus wurden diese Gesetze aufgehoben – oder wie er es nannte: erfüllt. Aber ich kann diesen Satz von Paulus auch auf vieles beziehen, was sich in meinem Leben wie eine Last anfühlt.

Zur Freiheit befreit heißt für mich: Ich muss nicht jeden Impuls sofort in eine persönliche Lebensaufgabe verwandeln. Ich bin auch nicht dafür zuständig, jede Erwartung zu erfüllen, die irgendwo im Raum steht. Ich darf auswählen, worauf ich reagiere. Und selbst, wenn etwas ein bisschen auf mich zutrifft, dann muss ich gedanklich nicht gleich 100% daraus machen.

Ich kann mir mein Leben zuverlässig verkomplizieren, indem ich alles persönlich nehme. Oder ich probiere es anders.

Die Freiheit, nicht überall anzuhalten

Der Chef meinte vor allem die, die komplett unvorbereitet waren.
Die Predigt hatte einen Gedanken für mich, aber nicht gleich einen Fünfjahresplan.
Und der Satz über den Flur war vielleicht einfach… ein Satz über den Flur. Und wenn nicht: Mein Mann weiß auch, wie der Staubsauger funktioniert!

Wenn dieses diffuse schlechte Gewissen auftaucht – dieses „Du müsstest eigentlich…“ –, dann hilft es zu fragen: Warum denn? Wenn darauf keine klare Antwort kommt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich gerade auf ein Schild reagiere, das mir gar nichts zu sagen hat.

Drei Ideen zum Üben:

Erinnerungsbild

Noch eine Stunde Fahrt zu meinen Eltern. Vor mir taucht ein Tempo-70-Schild auf. „Ist für mich gerade nicht relevant“, denke ich und lächle. Wie als Zeichen vom Himmel sehe ich einen Blitz. 

Wochen später habe ich Post bekommen. Das Blitzerfoto ist erstaunlich gut geworden. Ich klebe es mir zu Hause neben den Spiegel, als Erinnerung: Nicht alle Schilder gelten mir. Aber manche eben doch. 

Autor/-in: Theresa Folger

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