07.11.2018 / Erinnerung
Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen!
Ausstellung erinnert an Terror gegen Juden vor 80 Jahren.
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Synagogen in ganz Deutschland gehen in Flammen auf, jüdische Krankenhäuser und Altenheime brennen, Geschäfte werden mit Hakenkreuzen beschmiert und ausgeplündert: Die Nacht vom 9. Auf den 10. November 1938 gehört zu den finstersten Daten in der deutschen Geschichte. Jetzt, 80 Jahre später, erinnert eine Ausstellung in Berlin an die sogenannte „Reichskristallnacht“. Und das in einer Zeit, in der ein Bundestagsabgeordneter Hitler und die Nazis als einen „Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ bezeichnet.
Uwe Neumärker sagt dazu: „Ich erinnere mich immer öfter an das Zitat: ‚Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist noch nicht einmal vergangen.‘“ Neumärker verwaltet als Direktor das Holocaust-Mahnmal im Herzen Berlins. Er hat auch die aktuelle Ausstellung zu den November-Pogromen vor 80 Jahren mitgestaltet. Der Historiker geht mit seiner Aussage klar auf Distanz zum AfD-Chef Alexander Gauland und wirft im geistige Brandstiftung vor:
Wenn Sie sich diese Ausstellung genau anschauen: die Gaffer, die johlende Menge, aber vor allem die schweigende Masse: Das hat es damals schon gegeben. – Uwe Neumärker
Der Grund dafür sei bereits in den zwanziger Jahren gelegt wordendurch Wortpöbeleien. „Erst werden verbal die Grenzen verschoben. Und dann geht es, das haben wir auch in Chemnitz gesehen, sehr schnell in offene Gewalt über.“
Zwei Köche schauen einfach zu
Vor 80 Jahren trieben NSDAP-Angehörige Juden durch Städte und Dörfer. Rund 100 von ihnen wurden ermordet. Die Bilddokumente der Ausstellung zeigen eindrücklich: Die gaffende Menge schaut entweder tatenlos zu oder macht sogar mit. Eine Fotografie zeigt die brennende Synagoge von Siegen. „Da gucken zwei Köche zu. Das ist eine Gaudi!“
Die Ausstellung unter dem Titel „Kristallnacht“: Sie ist eine Mahnung für heute: Wer bei Gewalt nur zusieht – egal ob gegen Juden, Asylsuchende oder andere Minderheiten – der macht sich mitschuldig.
Christen haben geschwiegen
Auch Christen sind vor dieser Haltung nicht gefeit. Am Buß- und Bettag 1938, wenige Tage nach den Pogromen, sind es nur wenige Pfarrer wie Helmut Gollwitzer in Berlin-Dahlem, die die Gewalt gegen Juden in ihrer Predigt anprangern. Prof. Andreas Nachama von der Topographie des Terrors, dem Ort der Ausstellung anlässlich der Pogrome vor 80 Jahren, stellt fest:
Alle anderen haben geschwiegen. Die Zustimmung mag nicht besonders groß gewesen sein. Aber der Protest war es am Ende auch nicht. – Prof. Andreas Nachama
Schweigen oder sogar Mitläufertum: Die Ausstellung „Kristallnacht“ zeigt, wie sich diese Haltung in allen Teilen der Gesellschaft hineingefressen hatte. Die Alte Synagoge Heidereutergasse in Berlin beispielsweise überstand den 9. November 1938 nur unbeschadet, weil die Reichspost ihren Daumen darauf hatte. Sie wollte in den Räumen ihre neue Hauptstelle einrichten. Polizisten und Feuerwehr sahen im ganzen Deutschen Reich mehrheitlich Brandschatzung und Gewalt tatenlos zu:
Die Bewohner sind auf die Straße getrieben worden. Und die Feuerwehr hat sich meistens nur darum gekümmert, dass die gebäude ringsum nicht in Brand geraten. – Uwe Neumärker
„Wir müssen jetzt handeln“
Noch ist nach Ansicht Uwe Neumärkers die europäische Gesellschaft stark genug, um sich Rechtsradikalismus und Judenfeindlichkeit zu widersetzen. Die Ausstellung „Kristallnacht“ will ein Signal setzten, damit das so bleibt. „Es ist geschehen. Folglich kann es wieder geschehen. Das ist der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“ Neumärker ist überzeugt: „Wenn, dann müssen wir jetzt handeln als wache Demokraten.“
Die Ausstellung „Kristallnacht“ ist bis zum 3. März 2019 zu sehen im Haus der „Topographie des Terrors“ in der Niederkirchner Straße gegenüber des Berliner Abgeordnetenhauses.
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